Gewalt gegen Frauen

Lesedauer 5 Minuten

Heute wird im Netz über Gewalt gegen Frauen diskutiert oder besser auf das Thema hingewiesen. Mich stört bei solchen Themen, dass sie aufgrund der vorhandenen Befindlichkeiten wie ein glühendes Eisen angefasst werden. Zumal diesbezüglich diverse Unterstellungen im Raum stehen. Zum Beispiel, dass Männer Frauen gern eine Mitschuld unterstellen.

Es ist beispielsweise nahezu unmöglich, den Sicherheitshinweis auszusprechen, dass Frauen ab einer späten Uhrzeit vorsichtig mit der Auswahl der Kleidung sein sollten. Eine wütende Meute ist einem sicher. Dabei geht es um einen Begriff, der allgemein als Eigensicherung bezeichnet wird. Der Mensch entspricht nicht dem gewünschten Idealbild, sondern er bleibt, was er ist: Ein Mensch mit allen Facetten, die diese Spezies mit sich bringt. Wäre dies nicht der Fall, bräuchte es keine Polizei, keine Richter, keine Staatsanwälte und keine Gefängnisse. All die genannten Institutionen werden nichts daran ändern.

Die rechten Populisten haben das Thema Gewalt gegen Frauen schon lange für sich entdeckt. Die Taktik ist perfide und verachtungswürdig. Der aufrechte deutsche Mann macht so etwas nicht, sondern nur der aus wahlweise Nordafrika, Kosovo, Libanon u.a. Gebieten kommende. Tatsächlich geht es um eine Verhaltensstörung, die bei Männern global auftritt. Ich gehe sogar so weit, dass ich behaupte, dass jeder Mann eine Portion davon in sich trägt, aber bereits in jungen Jahren eine Sozialisation hinsichtlich des Umgangs mit Gewalt mehr oder weniger umfassend erhält. Geht die schief, wächst einer heran, den man als Schläger bezeichnet. Interessant finde ich dabei den Standardsatz: „Frauen schlägt man nicht!“ Aha! Aber Männer schon? Oder, was soll ich dieser Botschaft entnehmen? Meine individuelle Formel lautet: „Ich schlage nur Leute, Frau oder Mann, die mich angreifen.“ Vom Pazifismus, bin ich dabei weit entfernt.

Ich habe in meinem Leben neben Schlägern, auch diverse Schlägerinnen kennengelernt. Das ist vollkommen logisch. Der Mensch an sich besitzt ein Aggressionspotenzial, welches er mehr oder weniger gut kontrollieren kann. Die Psychologie der Gewalt ist ein weites Feld. Mit Tabus kommt da keiner weiter. Und wie immer, gibt es nicht die häusliche Gewalt, sondern unzählige Erscheinungsformen. Jeder Polizist und auch Männer, die sich einmischen, kennen beispielsweise die Situation, in der die geschlagene Frau, plötzlich den Schläger verteidigt bzw. selbst handgreiflich wird. Für mich ein psychologisches Mysterium. Aber es kommt vor. Genau so, wie es diese flennenden Männer gibt, die sich angeblich an nichts mehr erinnern können. Wie auch immer, wer sich mit dem Thema auseinandersetzt, begibt sich in die Untiefen des menschlichen Verhaltens. Untiefen, mit denen sich Kriminalbeamte, Psychologen, Schutzpolizisten und Betreuer regelmäßig auseinandersetzen müssen.

Meinem Empfinden nach hat sich in den letzten Jahren viel getan. Ärzte scheuen sich weniger, Anzeigen zu erstatten. Selbst Lehrer und Lehrerinnen reagieren häufiger, wenn ihnen etwas zu Ohren kommt. Das ist gut und einer von vielen Schritten in die richtige Richtung. Die Gewalt in einer Beziehung kann so weit gehen, dass es zum Äußersten kommt: der Totschlag! Im Regelfall ist es nicht der geplante vorsätzliche Mord, sondern der Gewaltexzess, der tödlich endet.

Nunmehr wird von Intellektuellen die Forderung aufgestellt, nicht mehr von einem Beziehungsdrama zu sprechen. Es soll von einem Mord an einer Frau oder einem Femizid berichtet werden. Letzteres halte ich für eine absolute sprachliche Verirrung. Ich unterstelle einem großen Teil der Bevölkerung, dass sie mit diesem Wort nichts anfangen können und es im Zweifelsfall für den Namen einer Verhütungspille halten. Ernsthaft? Was soll das? Beziehungsdrama trifft es eigentlich ganz gut und die deutsche Sprache kann nichts für die Verarmung des Wortschatzes. Viele Dramen in der Literatur – und Theatergeschichte enden tödlich. Zwei oder mehr Angehörige der Spezies Mensch treffen aufeinander und am Ende ist eine, einer oder gleich mehrere tot.

Familiendrama, Ehedrama, Beziehungsdrama sind informative Bezeichnungen. Es gab eine Vorgeschichte und einen Status, in dem sich die Kontrahenten befanden. Die sogenannte deliktische Vorbeziehung. Beim Mord an einer Frau ist dies nicht geklärt. Keiner weiß bis zum Abschluss der Ermittlungen, was passiert ist. War es ein Anschlag? Ein willkürlich ausgewähltes Opfer? Ein Sexualverbrechen? Mal ganz abgesehen davon, dass es eigentlich für einen Außenstehenden vollkommen uninteressant sein kann. Irgendwo, außerhalb meines Bekanntenkreises, ist ein Mensch gewaltsam ums Leben gekommen. Ich kenne die Zahlen nicht, aber ich vermute, dies passiert jede Minute auf diesem Planeten. Aber gut, ich akzeptiere die Sensationsgier der Spezies Mensch. Auch dieses Verhaltensmuster gehört dazu.

Mich, den ehemaligen Kriminalbeamten fasziniert eben so die schnelle Auffassungsgabe der Menschen. Mit wenigen Informationen aus der Presse oder aus einer Erzählung heraus, wissen sie, was passiert ist. Die Schuldfrage, Vorsatz, Affekt, Absicht, Tathergang, ist in Millisekunden abgehandelt. Wenn die mal alle in anderen Dingen, gleich schnell wären. Wir würden in einem anderen Land leben. Faktisch wissen nur die Ermittler, Spurensicherer und später die Teilnehmer der Gerichtsverhandlung, was sich tatsächlich abspielte. Aber auch das Ereifern auf der Basis von nichts gehört zum Verhaltensspektrum.

Es ist wichtig in die Gesellschaft hineinzugehen und mit diversen Dingen aufzuräumen. Den Frauen muss die oftmals vorhandene Peinlichkeit oder das Schuldgefühl, am Schicksal selbst schuld zu sein, genommen werden. Jenes muss Präventiv geschehen! Bereits Mädchen sollten über die psychologischen Effekte von Gewalt aufgeklärt werden. Mädchen, die Opfer von Gewalt und Missbrauch wurden, niemals echte Zuneigung erfuhren, interpretieren schlechte bis brutale Behandlung, als eine Art Zuwendung. Über derartige Dinge muss bereits in den Schulen gesprochen werden. Unter Umständen wäre es eine gute Idee Kampfsportarten in Verbindung mit Anti – Gewalttraining in den Sportunterricht aufzunehmen.

Wir müssen über Gewalt, ihre Funktion, die Implementierung in der menschlichen Natur, offen reden. Dieses „keine Gewalt“ – Geschwafel ist kein Lösungsansatz. So wie der Mensch einen Sexualtrieb hat, ist ihm auch die Gewalt eigen. Ja, wir haben in unserer Gesellschaft ein mannigfaltiges Gewaltproblem. Rocker, Hooligans, rechte Schläger, brutale Demonstrationsteilnehmer (der sich bildende Schwarze Block ist dabei nur ein Problem, die Randalierer, welche sich aus anderen Gründen beteiligen, sind ein zusätzliches), Männer die Frauen und Kinder verprügeln, Frauen und Männer mit Impulsdurchbrüchen u.s.w.. Wir alle tragen diese Option in uns, bei manchen bricht sie durch, bei anderen nicht. Also gilt es herauszufinden, warum dies so ist. Und wenn die Antworten auf dem Tisch liegen, gilt es darauf zu reagieren.

Und ja … bis dahin gilt: Augen auf und Vermeidungsstrategien entwickeln. Mich selbst wurmt es immer wieder, wenn ich Halbstarken, betont auf aggressiv getrimmten Personen, ausweiche. Irgendwie eine Frage der Gerechtigkeit und Stolz. Und doch weiß ich, es ist besser, die Konfrontation zu vermeiden. Auch ich würde gern in einer Gesellschaft leben, in der meine Töchter herumlaufen können, wie sie wollen und ihnen nichts passiert. Letztlich hätte ich um sie nächtens weniger Sorge in Thailand, Kambodscha oder Vietnam, als in Berlin, London, Paris, Marseille, Amsterdam oder in einer anderen mitteleuropäischen Großstadt.

Ich erahne bei beiden, dass ein gewalttätiger Übergriff das sofortige Ende einer Beziehung bedeuten würde. Schlicht, weil sie eine gute Einstellung dazu haben. Ich glaube auch daran, dass die meisten Frauen recht zeitig merken, wen sie sich da angelacht haben, aber leider einer Wunsch – o. Idealvorstellung hinterher hängen. Diese Typen explodieren i.d.R. nicht aus dem Stand und plötzlich. Das Aggressionspotenzial zeigen sie bereits vorher. Und selbst, wenn ich an dieser Stelle wütende Reaktionen ernte … das latente Aggressive finden einige anziehend. Sie denken, dass er nur bei anderen so ist, aber doch nicht bei der Freundin – weil da ist ja Liebe im Spiel. Schwerer Fehler! Ein betont dominant aggressiv auftretender Typ, ist immer ein Risiko. Das ist jedenfalls meine persönliche Erfahrung. Es muss nicht dazu kommen, doch das Risiko besteht. Und vielleicht ist es schwer, dieses rhetorisch nachzuvollziehen. Wenn der Kerl dann seine schlechte Seite zeigt, ist das zuvor gesagte keine Schuldzuweisung. Wir kommen bei der Partnerwahl aus den Trieben, Instinkten, Vorlieben, schwer heraus. Es ist mehr der Appell auf die Instinkte zu hören. Eins ist immer gegeben. Wer sich einmal nicht unter Kontrolle hatte, hat seine Unfähigkeit bewiesen. Ohne Therapie, besteht eine extrem hohe Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung – es ist nur eine Frage von Zeit, Ort, Anlass, temporärer Zustand und eventuell Substanzmissbrauch.

Kommentar verfassen