Notizbuch Fortsetzung 2019 … 29/11

Lesedauer 6 Minuten

Liebes Notizbuch … heute gibt es zwei Dinge, die bemerkenswert sind. Ein Bild und der Black Friday.

Cottbusser Polizisten haben sich vor einem riesigen Graffiti, rechter Ballerköppe ablichten lassen. Keine wirklich intelligente Aktion. Ich weiß nicht, wann die bei der Polizei und der Bundeswehr endlich mal kapieren, dass die Sache mit dem Privaten endgültig vorbei ist. Scheint eine Generationsfrage zu sein. Ich kann mir gut vorstellen, wie das ablief. «Booaah, riesiges Graffiti, Chapeau. – Stoppt Ende Gelände! – Ey, das ist doch genau, was wir hier tun. Geil! Alle mal unter dem Stopp posieren, grimmig schauen … Klick.»
Natürlich gibt es bei der Polizei Anhänger der AfD. Würde zumindest ich niemals bestreiten. Also hat einer dieser Intelligenzbestien dieses, dem Zeitgeist folgend, in einen WhatsApp Chat gestellt. Mit dem Ergebnis, dass sich einige Rechte, wovon es in Cottbus genügend gibt, am Bild aufgegeilt haben. Ganz grosses Kino Jungs! Bravo! Ein gefundenes Fressen für die Presse und die Linksaußen. Das jener Graffiti von den Rechtsaußen stammt, dürfte jedem auf dem Foto klar gewesen sein. Doch wie ich meine Pappenheimer kenne, war ihnen dies vollkommen schnurtz. Die Botschaft kam halt geil herüber.

Die Presse schrieb: Verstoß gegen das Neutralitätsgebot!

Also ob solche Polizeieinsätze neutral sein können. Erwartungsgemäß werden bei diesen Demonstrationen Leute erscheinen, welche die Nase von der offiziellen Klimapolitik voll haben. Und die anrückende Polizei ist für sie der Stellvertreter des politischen Establishments, welches weltweit nicht aus dem Knick kommt. Da ist niemand neutral. Die Demonstranten sind sauer, weil die Polizei da ist. Die Polizei ist sauer, weil die wiederum sauer auf sie sind. Normal! Ich kenne kaum einen Polizisten, der vor Freude in die Hände klatscht, wenn er sich mit diversen Verstrahlten herumärgern muss.

Was die wenigsten Kommentatoren aus der Presse und dem kritischen politischen Umfeld verstehen, ist der Umstand, wie einfach ein Mensch auf einem Gruppenwagen oder anderen langen Einsatz werden kann. Die denken alle, wunder wie politisch die eingesetzten Beamten sind. Du weißt es besser. Die haben noch nie lange mit anderen Leuten gelangweilt zusammen gesessen. Ich beschreibe es immer mit einer Umkleidekabine beim Fussball, in der man sich 10 Stunden aufhalten muss. Da bleiben keine Fragen über den Menschen offen.

Und selbstverständlich hat das Foto die versammelte Mannschaft der sprachlich wenig begabten „Bullenstaat“, „Rechte Bullenschweine“ Schreihälse auf den Plan gerufen. «Alerta Alerta …» zu rufen, macht noch keinen ernst zunehmenden Mitstreiter gegen Rechts, sondern ist häufig eher das Mitglied einer sich selbst als links verstehenden Popkultur, mit eigener Sprache, Kleidung und Freizeitgestaltung.

Was wissen die schon über den Menschen? Lauft mal ein paar Jahre in den Einsatzstiefeln eines Polizisten, werdet bei 30 Grad eins mit Euren Klamotten, ertragt die Gerüche um Euch herum, pennt zusammen mit zig anderen Kollegen in einer Sporthalle, lasst Euch den ganzen Tag als Schwein, Wichser, Dreckssau beschimpfen … dann reden wir weiter. Seht Euch einfach den Film das Boot an.

Filmausschnitt „Das Boot“

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich diese Linkspöbler wegen ihrer Schadenswirkung für den Kampf gegen Rechts, nicht leiden kann. Da bin ich ganz auf der Seite von Saul D. Alinsky. Die treiben mit ihrer dummdreisten blöden Art das Bürgertum ins rechte Lager. Mit denen läßt sich nichts neu organisieren, kein Umdenken einleiten und vor allem keine Überzeugungsarbeit leisten, dass sie auf der linken Seite gelandet sind, ist nicht das Ergebnis einer rationalen Überlegung, sondern mehr dem Zufall der Geburt und Aufwachsen im entsprechenden Umfeld geschuldet. Wären die in Rostock – Lichtenhagen aufgewachsen, marschierten sie bei den Rechten mit. Leicht zu merken ist das, wenn man ihnen einige Fragen stellt. Im Regelfall kommen da nur Schlagworte, heiße Luft und unlogischer Mist als Antworten. Diese Hufeisentheorie bei Extremisten ist meiner Meinung nach nicht ganz richtig. Die Intellektuellen unterscheiden sich sehr wohl und treffen sich nicht. Aber die Mitläufer suchen lediglich ein wenig Aufregung und Identität.

Na mal weiter beobachten, wie sich die Rechten weiter ausbreiten. Der Weg wird ihnen auf jeden Fall nicht sonderlich schwer gemacht. Eigentlich können sie sich zurücklehnen. Derzeit spielen die Wirrköpfe ihnen zusammen mit den Neoliberalen voll in die Karten. Der Nachteil einer Anarchie gegenüber einer Hierarchie. Taktisch und strategisch sind die Rechten klar im Vorteil.

Wie erwähnt, ist heute Black Friday.

Eine Erfindung der Konsumgesellschaft und ihrer Strategen im Hintergrund. Kaufe mehr, dann kannst Du mehr sparen. Geschickt! Die Vernunft sagt etwas anderes. Ich kaufe nichts und spare damit 100 % meiner Ausgaben. Aber genau jene soll ausgeschaltet werden. Wenn ich einen Krieg gewinnen will, sollte ich mir gut darüber klar sein, gegen wen ich eigentlich kämpfe und wo die Schwächen meines Feindes sind. Das Hauptproblem unserer Zeit, aus dem nahezu alles andere resultiert ist unsere Gier. Sie fordert immer mehr Energieressourcen, weltweite Ausbeutung, militärische Auseinandersetzungen, gegenseitiges Abschlachten.
Black Friday, in den USA der Tag nach Thanks Giving, ist der Start ins Weihnachtsgeschäft. Kapitalismus in seiner puren ungeschminkten Erscheinung. Die Beziehung zu anderen Menschen gesichert mit einem gekauften Produkt, für das sich die Leute zuvor abrackerten. Man möge meinen, dass in Deutschland ein Aufschrei zu vernehmen wäre. «Wollt Ihr uns verarschen?» Jahrelang haben viele in der Gesellschaft gegen die Monetarisierung des Weihnachtsgeschehens angekämpft. Mit Erfolg … die Umsätze gingen ein wenig zurück. Nun gut, dachten sich die Strategen. Dagegen kann was getan werden. Wir nennen es einfach Black Friday, bis die das raffen, haben wir etwas Neues ersonnen. Mehr, mehr, noch mehr … wer weiß, wie lange der Fernseher noch hält, jetzt ist er gerade günstig. Die tollen Stöpsel für die Ohren sind total hip. Eine Smart Uhr … für das Geld … warum nicht? Leben in der Nähe des Abgrunds, aber schick, erhobenen Hauptes und mit Stil.

Ende Gelände! Hambacher Forst, Niederlausitz, Kohleausstieg, Atomkraft … wir haben uns verirrt.

Für die meisten ist eine Sache indiskutabel, beziehungsweise quasi das Schreckgespenst am Horizont: ein radikaler Wandel und die komplette Neudefinition des Menschen. Solange wir leben, wie wir leben, werden wir stetig steigenden Energiebedarf erleben. Egal, in welcher Form wir sie gewinnen, einer wird bezahlen. Die Kohle verpestet die Natur und der Abbau reißt Wunden. Außerdem wird zum Abbau ebenfalls Energie benötigt. Atomenergie verseucht mit der Strahlung und den Abfällen. Geht es richtig schief, kommt es zu Katastrophen. Gestaute Flüsse, zerstören, Stromspeicher fordern seltene Rohstoffe … Sackgassen, wie man sich dreht und wendet. Wir sind bockig und sind nicht bereit, unsere Irrtümer einzugestehen.

Wir glauben die Umwelt, die Natur und das Klima schützen zu können. Die kollektive Arroganz und Hybris des «homo sapiens». Ich kann etwas vor einem Angreifer beschützen. Wer greift die Erde an? Wir! Wer schützt uns vor uns selbst? Die Antwort kann nur lauten: Hört auf alles zu zerstören! Stellt die Aggressionen gegen alles Lebende, damit auf der Erde ein. Jetzt! Kapiert endlich, dass es keine Schöpfung gegeben hat. Der Mensch ist Teil eines komplizierten Systems, welches sich über Millionen an Jahren entwickelt hat. Jede kleine Veränderung, jeder Eingriff, ändert alles in einer nicht vorhersehbaren Art und Weise. Es ist pervers, im Zusammenhang mit einem anderen Lebewesen von einem Produkt zu sprechen. Viehzüchter produzieren keine Kühe, Hühner oder andere Wesen. Sie bedienen sich am Wunder des Lebens. Sich selbst reproduzierende Individuen. Etwas, was wir auf anderen Planeten bisher vergebens suchen.

In diesem natürlichen System sind lediglich die Bedürfnisse eines sozialen Kontakts der Mitglieder einer Spezies, die Ernährung, der Schutz vor Räubern und Naturgewalten vorgesehen. Alles andere verändert das System. Kleinere Veränderungen kann das bestehende natürliche System kompensieren und heilen, größere führen langfristig in den Untergang. Ab dem Zeitpunkt, an dem das Großhirn eine größere Kapazität erlangte, als für Befriedigung der genannten Bedürfnisse notwendig war, setzte Langeweile ein und der Selbstzerstörungsprozess wurde eingeleitet. Theoretisch hätte es auch anders laufen können. Wenn das Großhirn irgendwann mal alles durchgespielt hätte, wäre es vielleicht zum Ergebnis gekommen, dass die unkontrollierte Gier am Ende zum Suizid der Spezies führen muss. Genau genommen, gab es diese Gedankenansätze immer mal wieder. Aber sie konnten sich nicht durchsetzen. Das Verhaltensmuster Gier ist einfach zu stark.

Wir lebten in der größten Freiheit, die das Land Deutschland in seiner gesamten Geschichte erlebt hat. Noch nie herrschte so lange Frieden, Freiheit der Gedanken und offene Äußerung jener, war niemals vorher in diesem Umfang möglich. Was haben wir daraus gemacht? Haben wir nachgedacht? Haben wir der Vernunft eine Chance gegeben? Oder haben wir uns wieder der Gier hingegeben? Die digitale Revolution hat jedem ermöglicht, sich Wissen über den hintersten Winkel des Planeten, fremde Gesellschaften, das Altertum, die Ergebnisse kluger Philosophen, anzueignen. Haben wir es getan? Nein! Wir reden von Horrorszenarien, wenn es unserer Wirtschaft schlechter geht. Die Angst geht um, zu einem gescheiterten Staat, wie Bolivien zu werden. Seltsamerweise einer der Staaten mit den größten Reichtümern. Es erscheint dem Großhirn nicht möglich zu sein, sich als einen Teil eines auf einem Planeten installierten Systems zu begreifen. Evolutionär durchaus nachvollziehbar. Die Spezies Mensch wurde auf das Leben in einer überschaubaren Horde ausgerichtet.

Letztens diskutierte ich mit einem Bekannten über ein Paradoxon. Mein Gesprächspartner kritisierte den Egoismus in unserer Gesellschaft. Jeder denkt an sich und verschwendet keinen Gedankengang an die Belange und Auswirkungen eines anderen. Wir kennen dies von Rolltreppen. Die Leute kommen oben an und bleiben stehen, nicht daran denkend, dass hinter ihnen noch andere sind. Dabei wäre doch echter Egoismus, etwas vollkommen anderes. Ich müsste darüber nachdenken, was ich tun kann, damit es mir gut geht. Gestalte ich mein Verhalten in der Form, dass die anderen wenig Anlass haben, sich aufzuregen, aggressiv zu werden, setzt sich dies überall um. Ich stelle mir dies mit blauen Tintentropfen in einem Wasserbassin vor. Jeder weitere Tropfen färbt das gesamte Wasser ein wenig mehr. Egoismus an sich ist nicht falsch.

Wir kommen lediglich zu den falschen Ergebnissen, was für uns wirklich gut ist.

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