Nichts ist, wie …

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Es steckt in der Natur des Menschen, dass er bei Geschehnissen Mutmaßungen über Zusammenhänge, Abläufe, Hintergründe, anstellt. Dabei sei jedem zugestanden, dass er sich in diesem Rahmen „abarbeitet“. Ein/e Ermittler/in bei der Kriminalpolizei darf dieses nicht. Selbstverständlich unterliegt er den gleichen Gedankenfehlern, wie jeder andere Mensch auch. Doch wenn ich die möglichen Fehlerquellen des menschlichen Denkens kenne, kann ich dagegen arbeiten.

Kriminalbeamte werden nicht umsonst als Sachbearbeiter bezeichnet. Die Ermittlungen zu einem Geschehnis richten sich nicht gegen eine Person, sondern Hauptgegenstand ist in erster Linie der Sachverhalt. Zunächst einmal gilt es, objektiv alles zu dokumentieren, was nur irgendwie erlangt werden kann. Spuren, Sachbeweise, Gutachten, Zeugenaussagen, zeitliche Abläufe u.s.w.. Es folgt die Analyse, ob es sich überhaupt um einen polizeilich bzw. strafrechtlich relevanten Sachverhalt handelt.

Wenn dies der Fall ist, schaue ich nach, wer innerhalb des Geschehens eine Rolle spielte und wie die aussah. Immer gilt: Nichts ist, wie es scheint, solange ich keine schlüssige Beweislage oder Indizienkette habe. Was ich als Ermittler mit Personen aufgrund meiner individuellen Erfahrung verbinde, ist dabei sehr weit nach hinten zu stellen. Nur weil ich jemanden aufgrund seines Äußeren, Vorleben, vorangegangener Taten, Lebensalter, Geschlecht, etwas zutraue, liege ich lange nicht richtig.

Die Berufs – und Lebenserfahrung kann mich leiten. Und eben dazu gehört auch, dass ich grundsätzlich alles für möglich halte. Dies gilt besonders bei emotional aufgeladenen Geschehen. Wenn zum Beispiel eine Frau eine Vergewaltigung anzeigt, kann ihre Schilderung dem tatsächlichen Sachverhalt entsprechen, ebenso kann es sich um eine Vortäuschung handeln, mit der Scham vor den Eltern abgewehrt werden soll oder es handelt sich um einen Racheakt. Alles ist möglich!

Oder nehmen wir einen Klassiker. Eine häusliche Pflegekraft wird des Diebstahls bezichtigt. Möglicherweise ist die oder der Anzeigende verwirrt? Es besteht auch die Option, dass sich Angehörige bedient haben. Es gilt Beweise ausfindig zu machen.

In härteren Bereichen wird es noch komplizierter. Völlig am Boden zerstörte Eltern zeigen die Entführung ihres Kindes an. Ja, es kann sich um eine Entführung handeln. Unter Umständen wurde das Kind von einem Elternteil getötet. Oder es hat sich nach schweren Misshandlungen gerettet.

Jeder, der eine Mutmaßung anstellt, spricht über sich selbst und gibt der Außenwelt eine Menge Informationen, bezüglich des eigenen Denkens preis. Äußert einer, dass gegen Polizisten ohnehin nicht richtig ermittelt wird, und eine Krähe der anderen kein Auge aus hackt, ist dies eine Information. Erstens weiß dieser Mensch wenig über die internen Abläufe, Zuständigkeiten und Arbeitsweisen. Zweitens folgt dieser Mensch dem allgemeinen gerade angesagten Tenor. Mit anderen Worten er ist auf Kuschelkurs zu anderen Personen unterwegs. Er richtet sich wohlig warm unter Gleichgesinnten ein. Drittens denkt er Personenbezogen und nicht am Sachverhalt orientiert. Viertens sieht er, was er sehen will. Eine weitverbreitete Eigenschaft, die gern manipulativ eingesetzt wird. In diese Richtung gehen beispielsweise Videosequenzen, die das Geschehen davor und danach aussparen.

Und es zeigt sich etwas, was nicht nur „Polizeisachverhalte“ berührt, sondern sich wie ein roter Faden durch die gesellschaftliche Diskussion zieht. Kritik äußern, ermahnen, in fremde Rechte eingreifen, darf nur jemand, der selbst makellos ist. Ist dies nicht der Fall, wird entweder Schweigen oder ein besonders hohes Maß an Bestrafung eingefordert.

Logisch betrachtet ist dies ein ziemlicher Unsinn. Jeder darf sich in Deutschland nicht mit Alkohol hinter das Steuer setzen. Selbst ein Polizist, dem zweimal der Führerschein entzogen wurde, kann dieses Gebot selbstverständlich bei einem alkoholisierten Fahrer durchsetzen. Es geht nicht um seine Person, sondern um den Sachverhalt bzw. die Aufgabe, die er gerade hat.

Natürlich kann auch der größte Umweltsünder gegen die Politik wettern und ermahnen, dass diese Lebensweise ins Verderben führt.

Ich glaube, dieses Verhalten nennt man Pubertär. Man fühlt sich bei etwas ertappt, was nicht dem eigenen trügerischen Selbstbild entspricht, versucht diese Spannung abzubauen, und zeigt erst einmal auf den anderen. Es ist erstaunlich, wie ausgeprägt dies bei Älteren ist, wenn sie von jüngeren Kritiker angesprochen werden. Aber auch Grüne, Linke, Autonome, Intellektuelle, sind davon nicht frei.

Im digitalen Zeitalter wird es für Außenstehende immer schwieriger, sich zu orientieren. Niemals zuvor gab es so viele Bilder, Filme, Berichte, aus aller Welt. Bewegte Bilder, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, obwohl der praktische Nutzen für einen selbst gleich null ist.

Und in keiner Epoche, waren Informationen, Nachrichten, Bildmaterial so trügerisch, wie heute. Erst genaueste Untersuchungen bringen darüber Aufschluss, wie eine Information in ein EDV System gelangt oder verschwunden ist. Ein alter Kommissar sagte mal zu mir: „Bei einer guten Intrige ist weniger interessant, was verschwunden ist, sondern was zu viel da ist!“

In den Social Media zeigt sich mir immer mehr ein gesellschaftliches Antlitz, welches von Vorurteilen, Konnotationen, Gruppenzuweisungen, gezeichnet ist. Es wäre naiv, sich darüber zu wundern. Die breite Masse soll das gern tun. Enttäuscht bin ich ein wenig von Politikern und der Presse. Früher nahm ich immer an, dass es jenseits des Bedienens des Volkszorns einen gewissen Anspruch und Verantwortung gibt. OK … diese Annahme sollte ich unter abgehakt ablegen.

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