Betroffenheit oder Heuchelei?

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Trauer, Betroffenheit, Anteilnahme, Empathie. Sämtlich große Worte, mit viel Ethik, Moral, Anspruch. Objektiv betrachtet sterben sekündlich Menschen auf diesem Planeten. Auf der Internetseite https://www.worldometers.info/de/ kann jeder in Echtzeit nachvollziehen, wie viele sterben und geboren werden. In manchen Gesellschaften ist der Tod stets gegenwärtig. Krisengebiete, Kriegsschauplätze, Dürren, Hungersnöte, was auch immer, machen es dem Gevatter Tod einfach.

Der Tod gehört einfach zum Leben dazu. Theoretisch wissen wir das. Praktisch verdrängen wir dies, um so besser es uns geht. Viele orientieren sich an Statistiken. In der Regel erwarten deutsche Frauen und Männer den Tod erst einige Jahre nach dem Renteneintritt. Eltern gehen davon aus, dass die Kinder nach ihnen sterben. Irgendwo las ich letztens, dies wäre die natürliche Gegebenheit. In einer Wohlstandsgesellschaft mag das eventuell die Regel sein, für alle anderen Gesellschaften gilt das nicht.

Im Wohlstand gerät vieles aus dem Ruder.

Die Menschen glauben, mit Medizin, Ernährung, Sicherheitsmaßnahmen, Herrscher über das Schicksal werden zu können. Dabei geht es um Wahrscheinlichkeiten und Risiken. Mit Statistiken kann ich mir ausrechnen, welche Risiken Rauchen, Alkohol, Drogen, Schichtdienst, Teilnahme am Straßenverkehr, mit sich bringen. All das Genannte wird hinfällig, wenn ich auf eine Haushaltsleiter steige, um eine Lampe zu wechseln. Statistisch gesehen, befinde ich mich in einer lebensgefährlichen Lage.

Stirbt eine oder einer im hohen Alter, sehen wir dies recht gelassen. Damit war zu rechnen. Geht einer mit 50, ist er viel zu früh gegangen. Das passt einfach nicht in die Vorstellungswelt. Erst recht nicht, wenn der Tod einen gewaltsamen Hintergrund hat. Dann werden die Menschen ungemütlich. Wie beschrieben, ist dies weltweit ein Luxus. Gewaltsam zu sterben, ist in vielen anderen Regionen der Standard, und ein „natürliches“ Sterben eher ein Glücksfall.

Rein logisch und genau genommen auch ethisch betrachtet, ist es vollkommen egal, welcher Mensch, mit welchen Hintergrund, Erfolg, Alter oder was auch immer stirbt. Denen im unmittelbaren Umfeld wird er unter Umständen fehlen. In unserer Gesellschaft trauern wir um den Toten. Auch das ist nicht überall der Fall. Mitteleuropäer sind etwas irritiert, wenn sie lachende und freudige Menschen bei einer buddhistischen Zeremonie sehen. Es ist einfach eine spirituelle Frage.

Doch in unserer Gesellschaft wird das unmittelbare Umfeld erweitert. Sei es, dass die oder der Verstorbene weit über seinen Kreis bekannt war, oder eben gewaltsam ums Leben kam. Warum dies den einen oder anderen trifft, sei jedem selbst überlassen. Aber ich finde, es sagt eine Menge über denjenigen aus, wie es ihn trifft, wie die Äußerungen dazu klingen und welchen Rahmen dies einnimmt.

Politiker treten vor Mikrofone und verlautbaren die Floskel: „In Gedanken sind wir bei den Angehörigen!“

Sind sie nicht. Aber es wäre schädlich für ihr Ansehen, wenn sie es nicht täten. Das wird einfach erwartet und gehört zur Jobbeschreibung dazu. Andere, ebenfalls aus dem politischen Umfeld, erzählen etwas von einer eigenen Trauer, machen unsinniger Weise den politischen Konkurrenten verantwortlich und ziehen ihr Parteiprogramm aus der Schublade. Eins mit dem angeblich alle Risiken auf null reduziert werden. Zusätzlich werden ganze Gruppen zum Außenfeind erklärt, damit die Wähler ihr Kreuz an der gewünschten Stelle machen.

Im Mittelalter zogen Moritaten Sänger über die Dörfer. Sie berichteten dem zusammenlaufenden Volk mithilfe von Bildtafeln über Schauergeschichten, Raub, Mord, Totschlag, Ketzerei und was sonst noch unterhaltsam war. Heute haben wir dafür die Journalisten aus den passenden Ressorts. Wenn man sie denn, als Journalisten bezeichnen will. Es gibt diejenigen, welche die Geschehnisse um uns herum ein wenig durchschaubarer machen und den Mächtigen auf die Finger schauen. Andererseits gibt es jene, die mit der Sensationsgier, der erzürnten Volksseele und den uns eigenen niederen Instinkten ihr Geld verdienen. Der Pöbel will unterhalten werden. Das Motto, welches ich ganz oben auf meiner Seite zu stehen habe. Bekommt der nackte Affe nichts zu spielen, wird er bösartig.

Die Frage, welche mich bei diesen Leuten umtreibt, lautet: „Inwieweit haben sie eine Verantwortung für die Dinge, die sie lostreten?“

Trauer? Betroffenheit? Die spreche ich ihnen ab. Sie sind Profis in Sachen Schrecken, Gewalt, Mord, Totschlag. Würden Sie jeden Tag trauern, wären sie nach einer Woche nicht mehr arbeitsfähig. Andersherum sind die meisten reine Schreibstubenhengste, die selten in die Verlegenheit kommen, echte Lebensrisiken einzugehen. Das Problem bei einer Gewalttat oder Unfall, an dem ein anderer beteiligt war, ist die Mehrseitigkeit. Die Seite des Opfers, des Umfelds, der Gesellschaft und die des Täters bzw. Verursachers. Endet ein Leben, leben andere mit der Erinnerung an das Geschehen weiter.

Die Menschheit hat sich über tausende von Jahren darüber Gedanken gemacht. Nahezu in allen Religionen und philosophischen Ansätzen wird die Fehlbarkeit des Menschen anerkannt, die jeden betrifft. Es muss eine Option geben, mit einem Fehlverhalten weiterzuleben, weil es jeden putativ treffen kann. Den angesprochenen Journalisten ist das egal. Es ist die alte Geschichte aus dem Wilden Westen. Im Saloon sitzt einer am Tresen, der die anwesenden Gäste aufwiegelt, woraufhin die einen Cowboy Lynchen. Nachts geht er dann daher, schneidet den Galgenstrick in Stücke und verkauft sie als Glücksbringer. Er selbst hat nichts getan, außer Öl ins Feuer zu schütten.

Aufgrund meiner Biografie interessiere ich mich besonders für Geschichten, in denen Polizisten ein Fehlverhalten zur Last gelegt wird. Im buddhistischen Pali Kanon, gibt es dazu eine interessante Passage.

Buddha soll seinen Schülern empfohlen haben, sich auf der Suche nach Erleuchtung von allem fernzuhalten, was negative Einflüsse auf das Karma haben könnte. Sie sollten sich verhalten, wie ein reicher Reisender, der gefährliche dunkle Wege und Stellen für Hinterhalte meidet. Die Schüler fragten nach, wie sie sich in Situationen verhalten sollen, in denen eine negative Aufladung unumgänglich ist. Er soll geantwortet haben, dass sie dies denen überlassen sollen, die ohnehin einem Beruf nachgehen, der das Karma negativ belastet. Schlächter, Soldaten, Polizisten, Geldverleiher, pp..

Ich finde, dies trifft im übertragenen Sinne auf unsere Gesellschaft zu. Die Mehrheit möchte sich nicht das Gewissen belasten und überlässt den Job Polizisten und Soldaten. Genau an dieser Stelle überkommt mich der Zorn. In der alten indischen Gesellschaft herrschte eine gegenseitige Akzeptanz. Die Schüler wussten sehr genau, dass das Ausüben der „schlechten“ Berufe notwendig ist, und die anderen nahmen hin, dass sie im aktuellen Leben keine echte Chance haben, sich aber mit der Unterstützung der Schüler wenigstens ein paar Punkte für das nächste Leben holen konnten.

Die „braven“ Bürger und Journalisten wähnen sich in der Lage der Schüler, sind jedoch weit davon entfernt. Im buddhistischen Sinne ist ihr Karma mindestens genauso verdreckt, wie das jedes anderen. Aber sie maßen sich an, mit der Mistgabel Dreck auf die zu werfen, die von Berufswegen her, recht schnell in Schwierigkeiten kommen können, weil sie eben nicht die dunklen Wege vermeiden, sondern dazu berufen sind, auf ihnen gegen Bezahlung zu wandeln.

Gegen den Zorn hilft eine andere buddhistische Logik. Alles hat ein Gegenteil und spiegelt sich. Die sich aufzeigenden Reaktionen, geben mir die Möglichkeit anders heranzugehen. Dafür sollte ich dann wiederum dankbar sein. Ich bin jedenfalls nicht wegen jedem Todesfall in tiefer Trauer und Anteilnahme. Das ist eine Angelegenheit des nahen Umfelds und geht mich nichts an. Mir wäre es unangenehm, wenn das Schicksal meiner mir nahen Menschen durch die Presse gezogen werden würde. Gleiches gilt für mich selbst. Informationen über mein Ableben und wie es geschah, sollte im kleinen Kreis bleiben.

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