Faszination und Ablehnung

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Ich weiß nicht, ob ich ein Misanthrop bin. Vielleicht! Meistens mag ich Menschen nicht, aber sie faszinieren mich. Das Verstehen funktioniert nicht. Ich habe mich wirklich bemüht. Was ich dabei noch nicht verstehe, ist die Entwicklung. Mein Unverständnis wächst jährlich. Liegt es am Alter oder am gesellschaftlichen Wandel? Ich bin ich noch auf der Spurensuche.

Der WDR hat einen Kinderchor auftreten lassen und der hat ein Kinderlied vorgetragen. „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad.“ Ein albernes Lied. Kaum jemand kommt auf die Idee im Hühnerstall Motorrad zu fahren. Schon gar nicht in Zeiten der Massentierhaltung. Die meisten mir bekannten Frauen stehen auch nicht sonderlich auf geschredderte Küken. Nun, im Lied werden die Großmütter als Umweltsau bezeichnet. Von ca. Neunjährigen! Die Großeltern könnten demnach in meinem Alter sein.

Bei Twitter habe ich heute diverse Kommentare gelesen, in denen Leute von ihren Großmüttern schreiben. Frauen, die Lametta falten, Socken stopfen, Eintöpfe kochen, sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Mit anderen Worten sie sprechen von der Nachkriegsgeneration. Frauen, die nach 1945 das Wirtschaftswunder mit trugen. Es war nicht ihre Entscheidung; sie waren Teil dessen. Aus der Sicht der Kinder, sind dies die Ur -Großeltern.

De facto mokieren sich die Menschen über eine Kritik an eine Zeit, die ihrerseits als die „gute alte Zeit!“ ersehen wird. Vieles war weniger einer Überzeugung geschuldet, denn den Umständen. Es war die Zeit vor der Wegwerfgesellschaft. Ebenso die vor „Sollbruchstellen“ in elektronischen Geräten, der Digitalisierung, der Banalisierung des alltäglichen Lebens und der Dekadenz. Nein, die Zeit davor ist nicht gemeint. Vieles von dem, was wir heute wissen, wusste die breite Masse nicht. Asbest, Seweso, Contergan, Plastikmüll, die Gefährlichkeit von Insektiziden, was das Zeug im Ofen mit der Luft macht usw.. Ihnen kann daraus kein Vorwurf gemacht werden. Es gab Wissende, die sind nicht frei von Schuld. Die saßen bei BASF, SCHERING, den Erdölraffinerien, an den Universitäten.

Tja, die Menschen könnten umdenken. Aber sie tun es nicht. Warum nicht? Irgendwie ist das widersprüchlich. Einerseits verteidigen sie eine Zeit, die völlig anders war und andererseits leben sie gegenteilig. Alle zwei Jahre ein neues Smartphone, regelmäßig ein neuer Fernseher, die neueste Spielekonsole, Sound – Boxen, Power – Banks, Klamotten ohne Ende, Billig- Schuhe, Konsum von Substanzen, die entfernt an Lebensmittel erinnern, billig produzierte Musik und Fernsehen, von Konzernen und Politikern bezahlte Nachrichten für bare Münze nehmen, sich in das bestehende System einpassen lassen, uns was sie noch alles tun.

Haben sie ein schlechtes Gewissen? Ist es der Klassiker? Der Hund, dem auf den Schwanz getreten wird? Vermutlich! Es erscheint mir diese Diskrepanz zwischen dem Wollen und dem Sein darzustellen. Sie wollen eigentlich sein, wie die Oma, welche sie zum Symbol gemacht haben. Das lässt beinahe so etwas wie Hoffnung aufkommen. Ich glaube, die begreifen langsam, dass sie Mist bauen. Der Kinderchor hat ihnen mit einem eingesprungenen Rittberger klargemacht, wo sie stehen.

Die Oma mag in ihrer Vorstellung nach, noch halbwegs verträglich gelebt haben, doch sie selbst haben den Pfad verlassen. Aber sie wissen, dass sie falsch liegen. Und das einzugestehen wird hart. Wenn sie es überhaupt schaffen. Ich glaube eher nicht. Die Manipulationsmaschinerie wird schon angeworfen …

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