das deutsche Böckchen …

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Ich kann verstehen, dass sich Leute dagegen wehren, als «Rechts» einsortiert zu werden. Ein kleines Problem besteht dabei. Merkt man selbst, dass man sich auf diesem Weg befindet? Vielleicht erscheinen einem gehegte Gedanken vollkommen natürlich und selbstverständlich. 1945 endete in Deutschland die Nazi – Herrschaft, doch die gesellschaftlichen Spuren, zumal die NSDAP nicht vom Himmel gefallen war, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses war, lösten sich nicht plötzlich in Luft auf.

Feste gesellschaftliche Hierarchien, kommen einem als Deutscher wie etwas vollkommen natürliches und vor allem sinnvolles vor. In anderen Ländern sind sie in dieser Ausprägung dem Militär und der Polizei vorbehalten. Gleichsam verhält es sich mit der Regelkonformität. Letztens hörte ich die Geschichte von zwei Männern, die nachts in Bangkok an einer roten Ampel standen. Einer der beiden sah den anderen Wartenden an und sagte: «Du kommst bestimmt auch aus Deutschland!?» Dies ist mit Sicherheit nicht rechts, aber typisch Deutsch und richtungsweisend. Es ergibt keinerlei Sinn, an einer einsamen Straße die Grünphase abzuwarten. Aber da gibt es nun einmal diese Regel. Ein Argentinier sagte zu mir: «Ihr seid so etwas auf Planung versessen, dass ihr sogar Eure Freizeit plant und Zeiten festlegt.» Mir selbst kommt selten in den Sinn, dass man anders leben kann. Aber es funktioniert.

Unbenommen ist das typisch «Deutsche» ein positiver Faktor für eine erfolgreiche Wirtschaft und damit einhergehenden Wohlstand. Fraglich ist, inwieweit etwas weniger Wohlstand, dafür aber mehr Gelassenheit, eine bessere Lebensqualität erzeugen könnte. Problematisch ist, dass diese Stereotype auch hervorragend für die Installation einer autoritär ausgelegten Gesellschaft geeignet sind. Niemand kann mit Hippies eine Diktatur errichten, geschweige denn, eine brauchbare Armee aufstellen.

Fremden, besonders wenn sie aus einer anderen Kultur stammen, skeptisch gegenüber zu stehen, ist ein vollkommen normales menschliches Verhalten. Allerdings kommt in einigen mitteleuropäischen Staaten etwas hinzu. Das Eigene, die Kultur, das Verhalten, die Herangehensweise, wird als höherwertiger, erfolgreicher, erstrebsamer, erachtet. Im Gegenzuge wird das Fremde, statt einfach anders und gleichberechtigt, als minderwertig betrachtet.

Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien und Griechenland mussten in der Vergangenheit Erfahrungen mit dem Faschismus machen. Interessanterweise sind dies auch die Länder, welche ein besonderes Verhältnis zu ihrer Sprache haben. Die Fremden haben sich gefälligst die Landessprache anzueignen. Das Ausweichen auf eine Weltsprache wie Englisch wird abgelehnt. Einen Kontrast bilden zum Beispiel die Holländer und Dänen. Junge Leute aus diesen Ländern sprechen ein vorzügliches Englisch. Unter anderen liegt dies daran, dass bei ihnen die ausländischen Filme nicht synchronisiert werden, sondern mit Untertiteln gearbeitet wird. Sprache ist in Deutschland ein kultureller Faktor und weniger ein Kommunikationswerkzeug. Das ist ebenfalls richtungsweisend. Worum geht es? Will ich mit dem anderen kommunizieren oder beharre ich erst einmal auf eine Anpassung?

Manche führen an, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist. Diese Aussage wird hochgehalten, als wenn dies etwas besonders Positives wäre. Es mag so sein, aber ich stelle infrage, ob dieser Zustand erstrebenswert ist. In Hinblick auf die anstehenden Probleme des 21. Jahrhunderts eher ein Manko, denn ein Vorteil. Einwanderung ist immer langfristig zu betrachten. Wenn man es richtig anstellt, kann die dritte Generation der Einwanderer, die Intelligenz der Zukunft sein. Selbstverständlich geht dies mit einem kulturellen Wandel einher. Doch gäbe es diesen nicht, säßen die Deutschen immer noch in den Wäldern. Eben jenen notwendigen Wandel anzuerkennen ist problematisch.

Es gibt in Deutschland viele alte Fragmente aus der Zeit vor 1945, deren Wurzeln deutlich vor 1933 entstanden. Deutschland mag wenige Kolonien gehabt haben, aber in den wenigen hat man sich nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Hört man genauer hin, ist einiges an Einstellung zu den fernen Ländern in Afrika übrig geblieben. In unaufgeräumten Zimmern sieht es oftmals immer noch aus, wie bei den Hottentotten und der «Schwatte» ist irgendwie anders. Als Kanake bezeichnet zu werden, erfreut niemanden.

Deutsche haben nach der Völkischen Bewegung immer noch Schwierigkeiten dem Individuum Raum und Namen zu geben. Eingruppierungen und die Zuordnung von Stereotypen sind an der Tagesordnung. Populisten, konservative Politiker und PR Strategen sind dafür dankbar. Es macht ihren Job deutlich einfacher und sie werden einen Teufel tun, etwas dagegen zu unternehmen.

Es amüsiert mich stets auf eine bittere Art und Weise, dass viele sich selbst als Linke verstehende, dem deutschen Stereotyp mehr entsprechen, denn sie selbst annehmen. Gruppenbildung, sich dem Druck dieser zu unterwerfen, ist ihnen nicht fremd. Mit Stereotypen zu argumentieren, dogmatisch aufzutreten, und vor allem einem konstruierten Idealbild des Menschen nachzuhängen, gehört bei ihnen ebenfalls dazu. Viele Linke betreiben nicht weniger Vereinsmeierei, wie jeder Laubenpieperverband. «Brüder hört die Signale …!»; und die gute alte Internationale, sind eher Folklore, wenn nicht sogar ein verlogenes Gebilde. Nationalismus gehört bei den meisten Kommunisten zum guten Ton dazu. Selbst die Ausgestaltung der Grabenkämpfe zwischen Rechts und Links sind bemerkenswert. Beide sind nicht auf etwas Neues aus, sondern fordern stramm alte Lösungen.

In der jüngeren Vergangenheit kommt noch hinzu, dass die deutsche Interpretation des Stalinismus in der DDR mit der marxistischen Philosophie verwechselt wird und deshalb eine große Zahl erzürnter ehemaliger DDR Bürger in das andere Lager gewandert sind. Mir kommen die vor, wie Autofahrer, welche erst auf Automatik gelernt haben und später zum Schaltwagen gewechselt haben. Sie fahren immer noch Auto, aber ein wenig anders. Auch wenn das viele anders sehen, für mich wurde in der DDR vieles fortgesetzt, was während der NS Zeit entstanden ist.

Ich finde der eine oder andere, welcher sich darüber mokiert als rechts bezeichnet zu werden, sollte vielleicht einmal mit sich selbst ins Gericht gehen und sich die Frage stellen, wie viele Anteile in der Persönlichkeit stecken, die wenigstens wegbereitend sein könnten. Oder anders gefragt: Käme es zum Äußersten, wäre ich dann einer, dessen Leben schwerer werden würde? Oder wäre ich eher ein Nutznießer? Im letzteren Fall sollten kritische Fragen zulässig sein. Dieses ganze Rassismus Gerede und die Beschimpfung als Nazi ersehe ich als kontraproduktiv. Wenn auch einiges nicht von der Hand zu weisen ist. Bisher bin ich von Erlebnissen dieser Art verschont geblieben, aber die Geschichten, welche mir von dunkelhäutigen Freunden zu Ohren gekommen sind, reichen mir. Genauso wie mich Stories seitens meiner Töchter nachdenklich stimmten, weil sie wegen ihres dunklen Teints und tiefbraunen Augen angemacht wurden.

Ein Engländer fragte mich, warum wir uns als Deutsche immer noch als das Böse sehen würden. ’33 – ’45 wäre doch lange her. Ich antwortete ihm, das jedes Land in der Vergangenheit seine eigene Lektion bekam. Und wenn man eine Lektion bekommt, sollte man daraus etwas lernen, vielleicht sogar den Versuch unternehmen, andere davor zu bewahren, gleiche Fehler zu begehen. England hat das Empire mit den weltweiten Folgen in der Gegenwart. Spanien hatte Franco und damit den aktuellen Konflikt. Frankreich hat zusammen mit Holland die Lehren der Kolonialzeit zu verdauen. Griechenland hatte die Junta. Alle zusammen können wir voneinander lernen. Wir bekamen die Lektion, wohin Nationalismus, Rassismus, die Anfeindung einer Religion zur Überdeckung anderer Probleme und die Verweigerung der eigenen Verantwortungsübernahme für die Handlungen führt.

1945 waren viele Deutsche geneigt, die Katastrophe dem Führer zuzuschieben, anstatt sich selbst zu hinterfragen. Leider hat sich dies bis heute fortgesetzt. Männern wie einem Gauland kann man beinahe keinen Vorwurf machen. Er ist einfach ein Kind seiner Zeit und Umfeld. Doch für meine Generation gilt dies nicht mehr. Es geht nicht um das „Böse“, sondern um Lernfähigkeit.

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