Böller Mob

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Ich erinnere mich an eine Begebenheit aus meiner Kindheit. Wir wohnten damals in der Rudolf – Wissel – Siedlung im Bezirk Staaken, Berlin – West. Meine Eltern hatten es vorgezogen, die Silvesternacht auswärts zu verbringen. Die Siedlung war am Ende der 70er ein heisses Pflaster und wir Jugendliche nannten sie das Ghetto. Als wir zurückkehrten, war der Böller Spuk vorbei. Ich weiß nicht warum, aber mein Vater, immerhin selbst in den Berliner Kriegsruinen aufgewachsen, meinte: «Hier sieht es aus, wie in Belfast!» Sie hatten alles zerlegt. Keine Beleuchtung, Briefkasten, Fahrstuhl, Treppenhaus, war verschont geblieben.

In den Jahren danach böllerte ich selbst. Kanonenschläge, China Böller D, und nicht immer war der Umgang damit ganz «Sachgemäß». Die «Böllerei» hat etwas Primitives. Je übler damit umgegangen wird, desto einfacher sind die Gemüter bzw. der soziale Entwicklungsstand. Der Rest ist schlicht menschliche Unreife. Mit der Vertreibung der bösen Geister des vergangenen Jahres hat es nichts mehr zu tun. Eher sind es die bösen Geister selbst, die die Lunte anzünden.

In Connewitz sollen nun 2019/2020 vermeintlich «linksextremistische Personen» geböllert haben, bis der Arzt kommt. Und zwar in einer äußerst exzessiven üblen Art und Weise. In meiner alten Weltvorstellung eines 54 Jährigen befeuerten demnach Personen, die sich in der Tradition der RAF, AIZ, Bewegung 2. Juni sehen, die Polizei. Ah ja!? Demnach mit dem Anspruch, den revolutionären Kampf der unteren Schicht auf die Straße zu bringen. Habe ich das richtig verstanden? Das Ganze in einer Neujahrsnacht. Also ich hab damit meine Schwierigkeiten. Dabei ist es ziemlich egal,ob die nun Polizisten verletzt haben oder als geschlossene Formation vorgingen.

Vielleicht hat dort in Connewitz etwas vollkommen anderes das Gesicht gezeigt? Ein sozial abgehängter Mob, wie er sich damals durch die Siedlung wälzte. Einer, der sich nicht nennenswert von dem Mob unterscheidet, der in Berlin unterwegs war. Nur, dass die arabisch sprachen. Wenn es an dem ist, und ich bin davon überzeugt, geht es nicht um einen politischen Ansatz, sondern schlicht um ein soziales Problem. Ich weigere mich, die Leute aus der Rigaer, in Connewitz, als Linksextremisten anzuerkennen. Mit politischen Background haben die wenig am Hut.

In der Konsequenz ist vieles, was allgemein als die Gefahr des «Linksextremismus» angesehen wird, eher ein fortschreitender sozialer Kompostierungsprozess an den Rändern der dekadenten Wohlstandsgesellschaft. Linksextrem bleibt für mich weiterhin jemand, der die Veränderung der Gesellschaft in eine kommunistische mittels revolutionärer Gewalt umsetzen will. Anarchisten wenden sich gezielt gegen die hierarchischen Strukturen. Weder das eine, noch das andere, ist bei den betreffenden Gruppen zu erkennen. Hooligans sind auch nicht ernsthaft am Fußballgeschehen interessiert.

Ich glaube, an dieser Stelle wird einiges verkannt. Im linken Bereich gibt es kaum ernsthafte Intellektuelle bzw. potente Personen, die ernsthaft eine kommunistische Gesellschaft anstreben. Erst Recht gibt es kein finanzielles Potenzial. Rechtsseitig sieht dies völlig anders aus. Potente Forderer, die ein faschistoides autoritäres System errichten wollen, gibt es durchaus. Gleichsam existiert im Hintergrund ein finanzkräftiges interessiertes Publikum.

Am Ende biegt wieder Saul Alinsky um die Ecke. Die Umorganisation der Community ist gefragt. Hierfür werden versierte Personen benötigt, welche einen Plan und eine Idee für die Zeit danach haben. Wir benötigen regional zugeschnittene Konzepte, an denen die Bewohner der Gebiete beteiligt werden. Diese Gießkannen Polemik: Das sind alles Linksextreme, bringt nichts. Gleichfalls sieht es mit den Regionen aus, in denen der sozial desorientierte Mob traditionell von den Rechten gesteuert wird.

Die zerstörerischen Effekte des ungezügelten Kapitalismus lassen sich nicht mit „Großkonzepten“ abwehren, sondern nur durch regionale Aktivitäten in betroffenen Gebieten.

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