Gemeinsam in den Abgrund

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Mit einem gewissen bösartigen Amüsement verfolge ich bereits seit einiger Zeit den Zwist zwischen der Vereinigung «die Unabhängigen», ein Zusammenschluss von Personalräten bei der Berliner Polizei und Oliver von Dobrowolski, Vizebundesvorsitzender von PolizeiGrün e.V. , der mal privat und andere Male in seiner Funktion als Mitglied der Grünen in der Polizei auftritt. Und wenn die sich nicht beharken, mischen sich ein paar Kombattanten ein. Eben ein klassischer negativer Konfliktverlauf nach Glasl, den alle Parteien eigentlich kennen sollten.

Sehenden Auges streben sie das zwingende Ende eines negativen Konflikts an: Der gemeinsame Sturz in den Abgrund! Alles nur eine Frage der Zeit. Derzeit haben sie die Stufe erreicht, in der man sich gegenseitig mit juristischen Konsequenzen bedroht.

Grundsätzlich habe ich überhaupt nichts dagegen, wenn an der Polizei Kritik geübt wird. Ganz im Gegenteil, spätestens wenn es gegen die oberen Ränge geht, bin ich dabei. Nicht weil ich sonderlich gehässig wäre, sondern ich die Auffassung habe, dass die das brauchen, da sie sich sonst in einen Elfenbeinturm der Glückseligkeit zurückziehen. Wer in den oberen Etagen mit mannigfaltiger institutioneller Macht und Autorität ausgestattet ist, muss auch mal Gegenwind der «Indianer» und Bürgerschaft, aushalten.

Ich erwähnte es in meinem BLOG bereits: Es gibt eine klare Trennlinie in der Polizeibehörde. Eine die so auch in großen Firmen und anderen Behörden festzustellen ist. Jene zwischen der ausführenden Belegschaft und der richtungsvorgebenden Führungsetage. Bei der Polizei wird in diesem Zusammenhang von der «Cop – Culture» auf der Arbeitsebene gesprochen. Herr v. Dobrowski hat diese bewusst oder unbewusst verlassen. Sein Anliegen scheint darin zu bestehen, sich mehr der «corporate identity» zuzuwenden, die in der Regel der oberen Führungsetage vorbehalten ist. Von dieser Ebene her kritisiert er in unterschiedlicher Form die «Cop – Culture».

«Cop – Culture» ist zunächst weder positiv oder negativ. Sie ist ein zwingend eintretender Effekt, der so eine Bezeichnung gefunden hat. Früher wurde dies mehr intern und auf wissenschaftlicher Ebene diskutiert. Das digitale Zeitalter ändert alles und der unbedarfte Bürger, darf an der Diskussion öffentlich teilhaben. Ob das immer gut, weiß ich nicht, aber es ist halt so.

Das Berufsbild Polizei ist zwingend und unabänderlich von Frustrationen begleitet. Im Bereich der Kriminalitätsbekämpfung wird sich niemals der «perfekte» Erfolg einstellen. So lange der Mensch sich Gesetze und Regeln aufstellt, wird es Menschen geben,die sich nicht daran halten. Das ist mehr eine spirituelle Geschichte, denn ein soziologisches Problem. Die Mehrheit der Menschen werden auch niemals das Gesamte sehen, sondern ihren persönlichen Bildausschnitt wichtiger ersehen. Hinzu kommen diverse Verhaltensstrukturen, die seit tausenden Jahren vorhanden sind und dem Polizisten ständig Kopfzerbrechen bereiten. Beispielsweise ist jedem klar, dass er mit dem Halten in der zweiten Spur eine Gefahr für den restlichen Verkehr erzeugt, aber «Mutti» müsste sonst einige Meter laufen und dies geht erstmal vor.

Es ist auch nachvollziehbar, dass die Polizei für den einen oder anderen einen Symbolwert hat. Die Polizei ist das Antlitz des Systems. Alle Unzufriedenheit, sei es die Steuerabgabe, eine individuell als falsch befundene Verkehrsplanung, eine untersagte Demonstration, oder was auch immer, wird auf die Polizei projeziert.

Alles was dabei eine Rolle spielt, ist in erster Linie allzu menschlich. Ich halte es für legitim, wenn seitens der auf der Straße arbeitenden Polizisten, die Berücksichtigung dieses Faktors informell in Anspruch genommen wird. Offiziell ist das nicht vorgesehen. Jegliches «Fehlverhalten», sei es auch noch sehr der Situation geschuldet, unterliegt einer Sanktion. Die Gesellschaft entsendet Menschen in extrem belastende Situationen, mit denen die wenigsten selbst etwas zu tun haben wollen und wenn es schief geht, schwenken sie das Richtschwert.

Unter diesen Bedingungen ist es schwer, Unzulänglichkeiten einzuräumen. Keiner räumt gern etwas ein, wenn hierauf ein Gerichts – oder wenigstens Disziplinarverfahren folgt. Doch es kommt noch mehr hinzu. Die modernen westlichen Gesellschaften bekommen immer größere Probleme. Amerikanische Soziologen behaupten sogar, dass die industrialisierten Gesellschaften mit dem Ende der Siebziger des letzten Jahrhunderts den Zenit überschritten haben und sich seither in den Bereichen Bildung, Sozialgefüge, Werte, Struktur auf einer steilen Abwärtstendenz befinden. Vieles, was Polizisten, auch bei Demonstrationseinsätze erleben, wirkt verstörend. Seien es Frauen, die sich urinierend vor der Polizeikette hinhocken, Hexen die mit Zauberstäben um Gruppenwagen herumtanzen, kopulierende Paare, exzessive Gewalt und einiges mehr. Große Teile dessen, was der Polizist zu sehen bekommt, ist der fortschreitende soziale Verfall der dekadenten Wohlstandsgesellschaft. Den zu beobachten, ich tue dies seit geraumer Zeit, ist eine Geschichte, einzugreifen und Teil des Geschehens zu werden, ist eine andere. Ich bin sehr zufrieden, mich nur noch in der Beobachterrolle zu befinden.

Der eingesetzte Beamte reagiert irgendwann nicht mehr situativ im Augenblick, sondern Wochen und Monate, nämlich die bis zum Urlaub, werden die andauernde Situation, in der dann einer oder eine etwas abbekommt, der im Augenblick nichts gemacht hat. Auch das ist ein menschliches Verhalten. Da helfen all die Wunschvorstellungen einer «corporate identity» nicht weiter.

Zurück zu den Streithähnen. Sie sollten es besser wissen und könnten mit Gelassenheit an alles herangehen. So viel ich weiß, sind fast alle Beteiligten nicht im aktiven Dienst auf der Straße unterwegs. Das schafft theoretisch Abstand. Der kann sich negativ oder positiv auswirken. Wenn ich den «menschlichen» Kontakt verliere, wirkt es sich negativ aus. Er kann aber auch bewirken, dass ich meine Empathie und Menschlichkeit wiederfinde. Herr v. Dobrowolski schreibt meist abfällig, beinahe schon angewidert von der Polizeifamilie oder Polizeilobby. Mir scheint, er will überall Polizeigewalt, Übergriffe und Extremismus sehen. Warum dies so ist, erschließt sich mir nicht. Noch weniger verstehe ich, warum er dann nicht die Konsequenzen zieht.
Ich selbst könnte nicht meinen Dienst in einer Behörde versehen, die einerseits von extremistischen Netzwerken gesteuert wird und zum anderen einer Politik unter die Arme greift, die nichts mit der Idee des Grundgesetzes zu tun hat. Die innere Revolution ist eine Illusion, weil man von der Hierarchie selbst geprägt wird.

Ich weiß nicht, wer mit diesem Familien Unsinn angefangen hat. Familie bekommt man per Geburt zugeteilt, eine Gegenwehr ist bekanntlich nicht möglich. Freunde such ich mir aus. Es geht somit um Leute, die der Polizei – also dem auf der Straße handelnden Polizisten, freundlich zugewandt ist. Freundlich ist dialektisch das Gegenteil von feindlich. Ich finde dies bedenkenswert.

Vor allem in einer Gesellschaft, in der dieser Beruf fortwährend schwieriger wird. Auf der anderen Seite habe ich die Unabhängigen (U.), welche ihrer Funktion nach, dem quasi Arbeitgeber, der Behördenleitung, die Stirn bietet. Eine Behördenleitung, die in den letzten Jahren der willfährige verlängerte Arm des Innensenators, und damit des jeweils bestehenden Senats, war. Die beiden großen Gewerkschaften GdP und DPolG sind hiermit lange Jahre diplomatisch umgegangen. «Ihr seit uns zwei Schritte entgegengekommen, damit habt ihr was gut, und dies werden wir nächste Woche einfordern.» Die U. haben sich dieser Diplomatie entzogen und ziehen es vor, für die Belange der Belegschaft mit «Bare Bones» in den Ring zu steigen. Das ist mal was Neues in der Berliner Polizei. Ich denke, wenn dies alle zusammen als eine Kooperation sehen würden, könnte dies produktiv sein. Konjunktiv! Leider hat diese Unverbindlichkeit bei dem einen oder anderen seine Gründe und begründet sich weniger im taktischen Kalkül, denn im Irrationalen. Auf jeden Fall erzeugen sie eine Menge Gegenwind.

Herr v. Dobrowolski bezeichnet Leute, die nicht seine Meinung vertreten, gern als Fanboys der Polizei. Für einen Polizisten eine etwas merkwürdige Wortwahl. Vermutlich laufe ich bei ihm auch unter dieser Bezeichnung. Ich bin weder ein Fan, noch bin ich ein Gegner. Sie ist eine innerhalb des bestehenden Systems vorgesehene Institution. Innerhalb arbeiten Frauen und Männer nach bestem Gewissen und vorhandenen Möglichkeiten. Seitens der Älteren wird häufig eine Fehlentwicklung in Richtung Individualismus und Abkehr vom Sozialverhalten moniert. Gemeint ist dieses zur Schau getragene «ICH». Ich habe Recht! Ich muss da jetzt hin! Ich darf das! Ich kämpfe mit Steinen und Gewalt für die richtige Sache! Ich habe das Recht hier zu demonstrieren und kann nichts dafür, wenn um mich herum die Steine fliegen.

Ich sehe dies ein wenig anders. Es ist eine Frage dessen, was ich für mich als Individuum als förderlich erachte. Wenn ich verstehe, dass mein Verhalten postwendend eine wie auch immer geartete Gegenreaktion zur Folge hat, werde ich meine Aktionen danach ausrichten. Wenn ich auf diese Art versuche das Beste für mich herauszuholen, ist Individualismus positiv und das Gegenteil von Egozentrik. Ich denke, genau dies meinen die Alten: Egozentrik. Womit ich wieder bei den beiden Aufhängern wäre. Würden sie sich mehr als Handelnde in einem Gesamtkontext sehen, könnten sie viel gelassener an die Sache herangehen und müssten nicht verzweifelt auf eine vernichtende Machtintervention – und die wird kommen – seitens der obersten Dienstbehörde, warten.

Ein Mediator würde vermutlich die Suche nach Übereinstimmungen empfehlen. Und da gäbe es einige. In vielfacher Hinsicht sind die durchaus erkennbar. Besonders in der provokativ geführten Kommunikation, die darauf schließen lässt, dass u.U. beidseitig ähnliche Erfahrungen mit der Behörde bestehen. Ansonsten macht man das eher nicht. Wahrlich lächerlich sind die öffentlichen Androhungen von juristischen Konsequenzen. Erstens kommt dabei nichts heraus und außerdem ist es für einen Polizisten unwürdig, die ohnehin überlasteten Gerichte mit diesem Kram zuzumüllen. Die sollte man getrost egozentrisch veranlagten Gartenbesitzern überlassen, die sich wegen der Laubbeseitigung nicht einigen können. Sollten sie es dennoch tun, verlassen sie meiner Haltung nach die Ebene eines Polizisten und werden zu grotesken Figuren, die lediglich einen Unterhaltungswert haben. Vor allem sollten beide Parteien mal darüber nachdenken, welche Geister sie in den Konflikt involvieren. Auch meine Freunde und Feinde geben Auskunft über mich selbst.

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