Randgruppe – ein harmloses Wort?

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Kürzlich fragte mich ein Leser meines BLOG in einer Mail, ob ich mir mal Gedanken über den in letzter Zeit häufig zu lesenden Begriff «Randgruppe» gemacht hätte, und ob dies nicht etwas für meinen BLOG wäre. Ich muss zugeben, dass ich mir bisher keine Gedanken darüber gemacht hatte.

Warum eigentlich nicht?

Zunächst einmal setzt sich das Wort wie so häufig aus zwei Bestandteilen zusammen. Eine unbestimmte Zahl an Individuen wird unter Anwendung von einem oder mehreren Kriterien zu einer Gruppe zusammengefasst. Im Prinzip wird die Datenbank «Gesellschaft» mittels eines Suchkriteriums abgefragt und alle Treffer zu einer Gruppe zusammengefügt. Damit gibt das Kriterium einen Hinweis auf denjenigen, welcher die Abfrage startete. Und weil menschliches Handeln immer ein Motiv erfordert, gibt es auch eine Information, wohin die Reise gehen soll. Doch was stellt den Rand dieser Gruppe dar? Offensichtlich ist keine andere Gruppe gemeint, sondern Individuen, die noch gerade mal so den Suchkriterien genügen.

Die Kombination wirkt meistens ein wenig herabwürdigend. Menschen wollen grundsätzlich einer Gemeinschaft zugehörig sein. Gemeinschaft wird in der Regel etwas unscharf mit Gruppe gleichgesetzt. Wer will schon in einer Gruppe an den Rand gedrängt werden?

Sich dort zu befinden, bedeutet beinahe schon, nicht mehr dabei zu sein oder die Notwendigkeit, sich in die Mitte zurückzukämpfen. Eine angenommene Randgruppe der Gesellschaft ist gedanklich mit einer Irrelevanz konnotiert. Die Priorität des politischen Handelns liegt im Zentrum der Gruppe, dort wo alle Kriterien zu 100 % stimmig sind. In der Regel wird sich derjenige, welcher von einer Randgruppe spricht, im Zentrum wähnen.

Besonders störte S. (mein Mitleser), dass beispielsweise Obdachlose, sozial geächtete Drogenabhängige, in der Presse und in politischen Aussagen zur Randgruppe deklariert werden. Nehme ich das Abfragekriterium: «Zeige mir alle auf dem politischen Gebiet Deutschland lebenden Personen!», sind sie Mitglied der Gruppe. Im nächsten Schritt könnte ich analysieren, wer in dieser Gruppe sozial verträglich Drogen konsumiert (unauffällig lebende Alkoholiker, Tablettenabhängige, beruflich erfolgreiche Kokain Konsumenten, Psychopharmaka Missbrauch pp.). Außerdem müsste ich mir anschauen, wer sich in das System passend eingefügt hat und eine Bleibe hat. Hiernach kämen die Fragen nach den Personen, welche sich außer Stande sahen, sich in das bestehende System einzufügen und so ihr Obdach verloren. Die Gründe können vielfältig sein. Dann wären jene zu betrachten, die aufgrund der Drogensucht nicht mehr an einem Leben teilnehmen, welches im Zentrum als lebenswert betrachtet wird. Aber immerhin befinden sie sich immer noch in meiner künstlich erstellten Abfragegruppe.

Bewege ich mich in der gedanklichen Praxis einer Gruppenunterteilung, ist per Logik zwingend die Existenz anderer Gruppen anzunehmen. Gehe ich nicht vom Rand einer Gruppe aus, sondern eröffne neue Gruppen, die ich als Randgruppen definiere, ergibt sich ein anderes Bild.

Ich verfüge nun über eine Gesamtgruppe (Gesellschaft), eine Hauptgruppe (etablierte und erwünschte Lebensweise – Zielgruppe des Abfragenden) und diverse Randgruppen, welche lediglich Teilkriterien erfüllen (Obdachlose, Junkies, Autonome, Anarchisten).

Unbestreitbar leben wir in einer inhomogenen Gesellschaft, die aus zahlreichen Gruppen besteht, die je nach Analyse Überschneidungen aufweisen. Doch es wird halt nicht von gleichberechtigten Gruppen ausgegangen, sondern es erfolgt eine Bewertung, u.a. nach der Anzahl der Mitglieder. Je größer die Anzahl um so gesellschaftlich relevanter ist sie. Dies klingt beinahe nach einem demokratischen Prinzip. Die Mehrheit bestimmt, was geschehen soll.

Doch basiert die Bewertung tatsächlich auf der Anzahl der Individuen? Die FDP eröffnet beispielsweise eine Gruppe «Leistungsträger». Es scheinen Personen mit einem guten Bildungsstand gemeint zu sein, die in unterschiedlicher Art und Weise Geld umsetzen. Von einem Mehrwert für die Gesamtgruppe ist hierbei noch nicht die Rede. Objektiv betrachtet leistet eine Krankenschwester mehr für die diese übergeordnete Gruppe, als ein Investmentbanker. Und obwohl sich in dieser seitens der FDP eröffneten Gruppe wenige Personen befinden, wird eine besondere Bewertung bzw. Privilegierung eingefordert. Dies setzt die anderen Gruppen im Ranking herab.

Die Union erzeugt eine Gruppe, in der sich alle befinden, die sich an der althergebrachten deutschen Moral und den Werten des ausgehenden 19. Jahrhunderts orientieren. Weiterhin Personen, die das feste hierarchische Gefüge aus der Zeit der industriellen Revolution akzeptieren. Für sie soll in der Bundesrepublik Deutschland die Politik gestaltet werden. In ihr befinden sich auch Beschäftigungslose, Drogenabhängige, insofern sie die moralischen Vorgaben akzeptieren und sich selbst als gescheitert definieren (Schuld auf sich geladen haben). Alle anderen werden in untergeordnete Gruppen verschoben. (Sozialisten, Kommunisten, GRÜNE, linksversiffte, Intellektuelle pp.) Ein wesentlicher Bestandteil des Gruppendenkens besteht darin, dass das Individuum gegenüber der übergeordneten Gruppenmoral, die ein höherrangiges Gesamtinteresse inne hat, zurückzutreten hat. Alles was der Mehrheit dient, ist zulässig, während im Zweifel die Rechte des Einzelnen, also wenn dadurch ein Vorteil für die anderen entsteht, einzuschränken sind.

Es geht somit nicht um gleichberechtigte Gruppen. Sie befinden sich teilweise in Konkurrenz zueinander. Die größeren Gruppen ersehen sich egozentrisch als die maßgebliche Hauptgruppe und umso kleiner die Anzahl der Mitglieder und das vermeintliche Ranking anderer Gruppen ist, desto höher wird das Risiko, das Label «Randgruppe» zu erhalten. Hieraus ergibt sich auch der Umstand, dass diese Gruppen nicht an der politischen Gestaltung beteiligt werden. Die Finanzkraft einer kleinen Gruppe hebt alles auf. Personell eigentlich eine Randgruppe, wird sie durch die Kaufkraft zu einer politisch relevanten Gruppe.

Eine extreme Erscheinungsform des Gruppenprinzips ist das «Völkische Prinzip». Aus allen existierenden Gruppen wird mit physikalischer oder psychischer Gewalt eine große homogene Gruppe erstellt, in der «kameradschaftliche» Prinzipien herrschen. Über ihr existiert eine Führungsperson oder Clique, die die Ausrichtung vorgibt. Spätestens hier beginnen die Probleme, welches dieses Gruppenprinzip mit sich bringt.

Group – Thinking, Gruppenmoral, Gruppendruck, kommen zum Tragen. Hierzu gibt es diverse Untersuchungen. Werden die sich negativ auswirkenden Aspekte nicht berücksichtig, kommt es zur Katastrophe. Wenn das Individuum nicht mehr seinen Anteil am Gesamtgeschehen erkennen kann, endet die Verantwortungsübernahme und damit auch die Freiheit.

Wer von Randgruppen spricht, akzeptiert eine Gesellschaft, welche zum Zwecke einer besseren Administration in Gruppen aufgeteilt wird. Eine, in der ein Einzelner einen erheblichen Aufwand betreiben muss, um ein freies Leben zu führen. Wer seine Freiheit lebt, landet schnell in einer dieser geschmähten Randgruppen und damit im Abseits.

Nach 1945 wurde dies in Bezug auf die zurückliegenden Jahre des Nationalsozialismus und der Perioden, die dort hinführten, seitens der „Neuen Frankfurter Schule“ intensiv betrachtet. Hinzugefügt wurde das in Deutschland, wenigstens bis in die 2000er Jahre andauernde ausgeprägte patriarchalische Hierarchiesystem. Dabei ist es unwichtig, ob sich eine Frau an der Spitze befindet, wenn sie starre Über- /Unterordnungsverhältnisse, die mit Machtmitteln verteidigt werden, favorisiert. Individualität, stetig wechselnde Gruppen, dynamische Zugehörigkeiten und situative Hierarchien, vertragen sich nicht mit autoritären Systemen. Doch genau zum Gegenteil neigen die Deutschen (Nicht nur die, aber ich bin nun mal Deutscher und kehre vor der eigenen Tür).

Auch die aktuelle Ausgestaltung des Kapitalismus ist im Grunde genommen ausschließlich mit dieser Praxis des Bildens von festen Gruppen (Zielgruppen, Leistungsträger, bezeichnete Konsumentengruppen, Manipulationsansätze/PR/Werbung,pp.) denkbar. Z.B. werden ehemals gesellschaftlich identitätsstiftende Faktoren, wie Bildung, Lebensleistung, Vorreiterrollen, spirituelle Tiefe, durch ästhetische (im philosophischen Sinne) Bedürfniserfüllung, käufliche Statussymbole, welche seitens der Gruppe akzeptiert werden, ersetzt. Man nehme beispielsweise einen qualitativ hochwertigen Sportschuh ohne eine in der Gruppe „Prekariat“ akzeptierte Markenbezeichnung und versuche ihn dort zu verkaufen – keine Chance!

Zuvor wurde einiges an Aufwand betrieben, um die Herrschaft über das Gruppenbedürfnis zu bekommen, welches den Absatz eines minderwertigen Produkts ermöglicht. Was in der Wirtschaft funktioniert, klappt auch politisch. Seitens der Populisten wird gezielt auf das Gruppendenken eingewirkt, der wiederum in einem Druck auf das Individuum mündet. Die Überzeugung des einzelnen Wählers, die harte Argumente erfordert, ist nicht mehr notwendig. Am Ende verwischen sich die Grenzen zwischen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Interessen und die Demokratie wird zur Illusion.

Journalisten und Politiker, die in diesen Kategorien denken, geben ihre eigene Gruppenherkunft zu erkennen. Die sich dort in den Randgruppen befinden, haben nicht passenden Stallgeruch. Sie gehören nicht dazu und werden deshalb von außerhalb her betrachtet.

Und hier schlage ich den Bogen zu den Obdachlosen und sozial ausgestoßenen Drogenabhängigen. Ich betone es immer wieder. Jeder ist ein Teil des Ganzen und damit ist es auch anteilig in jedem Individuum vorhanden. Der Weg in eine dieser angenommenen Randgruppen, ist bisweilen ein sehr kurzer. Eine Scheidung, unglückliche Begleitumstände, eine Fehlinvestition, ein Schicksalsschlag und der Abstieg beginnt. Mit Sicherheit ist eine Gruppierung im administrativen Handeln an vielen Stellen notwendig. Das bedeutet noch lange nicht, dass ich dies ins alltägliche Leben eingliedern muss. Menschen haben eine individuelle Kennzeichnung, die sich in einem Namen, Geburtsdatum und vor allem individueller Existenz spiegelt.

Ich selbst gehe immer mehr dazu über, Gruppenbezeichnungen zu umgehen. Zugegeben, es gelingt mir nicht jedes Mal. Doch die Wirkung ist interessant. Rechts, links, konservativ, Hartz IV, obdachlos, die Arbeiter, die Leistungsträger, die Kriminellen, all dies sind Label. Dabei macht es einen Unterschied, ob sich jemand freiwillig und öffentlich selbst einer Gruppe zuordnet (Partei – o. Vereinsmitgliedschaft, Religionszugehörigkeit, Orientierung in eine bestimmte Richtung der Pressearbeit, investigativ, populär, Boulevard, bezahltes PR Abhängigkeitsverhältnis (WELT, BILD, FOKUS, NZ), oder von fremder Seite her, ein Label aufgedrückt bekommt. Flüchtlinge, Asylanten, Ausländer, Hartz IV, Drogenabhängige, können sich schwer dagegen wehren.

Manch einer, der ein völkisches Gesellschaftssystem und eine nach außen abgeschottete Ordnung favorisiert, versteckt sich geschickt hinter einem an sich unpassenden Label. Mir fallen in der Politik spontan einige Personen ein, die aufgrund ihrer narzisstischen oder gar psychopathischen Struktur, überhaupt nicht in die Schublade passen, in die sie sich gelegt haben.

Lieber S., aus meiner Sicht heraus, stößt Du Dich vollkommen zu Recht an dem Begriff Randgruppe. Aber auf der anderen Seite, finde ich es gut, wenn Leute das Wort verwenden. Jedes Wort, welches ich verwende, gibt eine Information über mich an die Außenwelt weiter. Hinzu kommt, dass es sehr verräterisch ist, wen ich in eine Randgruppe einsortiere. Gerade in einer Zeit, in der sich Politik und Journalismus im Lobbyismus, Geld, negativer Manipulation zugunsten eines außer Kontrolle geratenen Wirtschaftssystems, welches Demokratien kauft, verlieren, ist jede Information, über den Standort wichtig.

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