Eine Frage mit Auswirkungen

Lesedauer 7 Minuten

Es ist nunmehr um die vier Jahre her, dass mir die Frage gestellt wurde: Was benötigen Sie wirklich im Leben? An jenem Nachmittag hatte ich keine Vorstellung davon, wie lange mich diese Frage beschäftigen würde.

Es ist eine Frage, die auf Bedürfnisse ausgerichtet ist. Sie impliziert auch die Betrachtung, ab wann ein „Mehr“ eintritt und was man dafür an Lebenszeit bzw. Arbeit investieren will; wie viele Skrupel, Werte man über Bord gehen lässt.

Zunächst gilt es zu klären, was die unbestrittenen Grundbedürfnisse eines Menschen sind. Wasser, ausreichend Nahrung, schützende Kleidung, ein sicherer Schlafplatz, Unversehrtheit, Bewegungs – u. Gestaltungsfreiheit, so wie die Anerkennung durch andere Menschen, als ein existierendes Individuum. Liebe, Zuneigung und körperliche Zuwendung spare ich bewusst aus. Da bin ich mir bei einem Erwachsenen nicht so sicher. Immer wenn eins dieser Bedürfnisse unbefriedigt bleibt, tritt Leid ein.

Bisweilen schaffen wir es, uns selbst Leid anzutuen, weil wir nach einem Übermass streben. Zum Beispiel, wenn wir uns die von Geburt an zustehende Anerkennung mittels Leistung einholen wollen. Ich wurde noch in einem Lebensumfeld sozialisiert, in der die Anerkennung mit Leistung verbunden wurde. Heute sehe ich dies als falsch. Ein Lebewesen wird geboren und erwirbt damit automatisch das Recht zu Leben und eben als solches lebendiges Wesen gesehen zu werden. Auf jeden Fall gilt dies bei allen komplexeren Lebewesen u. besonders bei Menschen, die über ein eigenes Bewusstsein verfügen. An/Erkennung unterscheidet sich von honorieren. In dem Fall wertschätze ich das von einer Person ausgehende. 

Aber eben genau diese Anerkennung und die Unterscheidung, bereitet uns die meisten Probleme. Theoretisch können wir selbst bestimmen, wie wir sie bekommen; vor allem wie sie ausgestaltet sein soll. In der Praxis wird uns seitens der Gesellschaft und „Influencer“ vorgegeben, wie wir sie erlangen können. In manchen ist es ein religiöses Leben, andere honorieren intellektuelle Leistungen, dann sind da die, welchen Arbeitsleistungen, die Wertschöpfung für die Gesellschaft wichtig sind und dann sind noch die vorhanden, welche sich an den Statussymbolen orientieren.

Hierzu fallen mir drei kleine Geschichten ein. In der ersten, sammeln die Tiere eines Waldes Vorräte für den Sommer. Ein Schmetterling beteiligt sich nicht daran und tanzt den ganzen Tag im Sonnenlicht. Es bricht der Winter an und alle ziehen sich zurück. Dem Schmetterling wird kalt und er bittet ein Eichhörnchen um Einlass. Dies weist ihn zornig ab. „Ich musste arbeiten, während Du Deinen Spass hattest. Sieh zu wie Du klar kommst. Tanz Dich doch warm.

In einer Abwandlung klopft der Schmetterling an einer Wohn – Höhle an, in der sich die anderen Tiere zurück gezogen haben. Sie lassen ihn hinein. „Du hast im Sommer die schönen Geschichten u. die Sonnenstrahlen gesammelt. Bring uns ein wenig Sommer in die Höhl, bis der Winter vorbei ist.

In der dritten Geschichte bat ein japanischer Kaiser einen weisen Meister in den Palast, um von ihm zu lernen. Dreimal wurde der Meister wegen seiner Kleidung von den Palastwachen abgewiesen. Beim vierten Mal legte er einen prachtvollen Kimono an und landete prompt beim Kaiser. Zu dessen Verwunderung zog sich der Meister nackt aus und übergab den Kimono. „Ihr wolltet offenbar nicht mein Wissen, sondern meine Kleidung!“ Dann ging er wieder.

Die Geschichten sprechen für sich. In unserer Gesellschaft ist immer weniger Platz für Schmetterlinge und wir sammeln Kimonos. Bis zur industriellen Revolution war Berlin ein Zentrum der Philosophie. Als sich abzeichnete, welche Folgen sie für die Arbeiter hatte, sammelten sich die großen Kritiker in Paris. Heute, zig Jahre später, scheint sich etwas ähnliches abzuspielen.

Immer wieder ist in Kommentaren zu lesen, dass niemand genau sagen könne, wann aus einem „Mehr“, ein „Zuviel“ wird. Ein betuchter Bürger, empfände dies anders, wie einer aus dem Prekariat.

Ich gehe bei der Überlegung hierzu nochmals auf die Grundbedürfnisse zurück. Es bedarf eines Aufwands, sie zu befriedigen und eines höheren, um „mehr“ zu bekommen. Wenn ich dafür körperliche Arbeit erbringen muss, habe ich irgendwann die Nase voll. Eine Betrachtung meiner Habe und die Müdigkeit führt zur Aussage: „Es reicht jetzt!“ Einige, die daran gut verdienen, sagen: „Überwinde Dich! Da geht noch was! Dann kannst Du Dir auch noch dieses und jenes kaufen.“ Um die Überwindung leichter zu machen, bieten sie „Anerkennung“ an. „Wenn Du Dich überwindest, kannst Du Dir ein tolles Auto kaufen und alle Nachbarn sehen Dich als erfolgreichen Leistungsträger.“ Meine investierte Leistung wird für alle sichtbar. Doch geht es dann noch um die Anerkennung meiner Person oder um das von mir Produzierte bzw. erworbene Fähigkeit. Eigentlich nicht, denn das Produkt meiner Arbeit ist nicht sichtbar, es sei denn ich hab es selbst gebaut. Was sichtbar wird, ist die Fähigkeit Geld zu erlangen und meine Präsentation.

Die Lebensleistung, die Anstrengungen für die Gesellschaft, treten in den Hintergrund. Kaum jemand bekommt einen Orden oder eine Ehrung, die dann auch noch in der breiten Masse zu Anerkennung führt.

In der Gesellschaft existiert ein Regelwerk, wie man sich dieses „Mehr“ und das Surrogat für echte Anerkennung besorgen kann. Wobei jede Menge Grauzonen vorhanden sind. Es ist nicht verwunderlich, dass einige Menschen eine Abkürzung nehmen und sich die Statussymbole anders beschaffen. Ist etwas käuflich, kann ich es mir auch ergaunern.

Vollkommen anders sieht es mit den Aspekten aus, die ich nicht kaufen kann. Erfahrungen, Wissen, Erkenntnisse, Weisheit. Und eben genau deshalb, erfahren sie weniger Huldigung. Kein Händler kann sie veräussern und damit Geld verdienen. Sie müssen alles dran setzen, dass solche Werte gegen käufliche Objekte oder Möglichkeiten ausgetauscht werden.

Daraus folgt ein Niedergang alter Werte, die einst zur Anerkennung beitrugen. Es ist erstaunlich, welchen Aufwand sogar Arme betreiben, um sich die Statussymbole zu beschaffen. Auf einer thailändischen Insel habe ich etwas anderes erlebt. Die dort lebende Gesellschaft der ehem. Seenomaden orientiert sich an Lebensalter, Kenntnisse und Erfahrungen beim Fischfang, sowie dem Wissen bezüglich der aufziehenden Wetterlagen. Ich durfte einen Fischer kennenlernen, der seine Hand ins Wasser hielt und mit der Temperatur/Strömung erfolgreich auf den Standort der Fische schloss. Ein weiser erfahrener Mann, der auch in anderen Lebenslagen um Rat gebeten wird. Statussymbole spielen dort keine Rolle. Ebenso vermisst man auf der Insel ernst zu nehmende Werbung, welche die dort lebenden Leute anspricht. Die ist mehr für die seltsam gekleideten Touristen, die von nichts Ahnung haben, sich mit Quallen und Seeigeln anlegen, aus unerfindlichen Gründen in der Sonne liegen und unbegründete Angst vor großen Insekten haben.

Im Buddhismus ist alles was bei einem anderen Lebewesen Leid erzeugt, als „schlecht“ definiert. Das Vorenthalten der Befriedigung von Grundbedürfnissen erzeugt zweifelsohne Leid. Gleichfalls sieht es mit dem Austausch und dem Erwecken eines nicht stillbaren Wunsch nach „Mehr“ aus. Das entstehende Leid treibt die Manipulierten vor sich her. Wer immer mehr haben will, leidet jeden Tag. Das geht soweit, dass sie versuchen das Leid mit Diebstahl, Raub, Mord, Totschlag, Betrügereien zu beenden.

Es scheint auch legitim zu sein, die bestehenden Lebensressourcen über ein kritisches Maß hinaus auszubeuten. Lieber für einen Moment weniger Leid verspüren, als an die Zukunft anderer Lebewesen zu denken. Mit einem Achselzucken wird das Aussterben anderer Lebensformen hingenommen. Manch einer sagt sogar, dass immerhin noch genug andere da seien.

Aktuell tritt die Vorsitzende der CDU Kramp – Karrenbauer von ihren Posten zurück. Wenige Tage zuvor verkündete der ehemalige Vorsitzende des Investmentriesen BlackRock (Deutschland) Friedrich Merz an, wieder mehr in der Politik aktiv sein zu wollen. Es gab also einen Machtkampf, in dem Strömungen an Merz herantraten und ihn um eine Kanzlerkandidatur baten.

BlackRock ist nicht das personifizierte Böse, sondern eher der Nährboden des Schlechten. Es wird Geld eingesammelt und dort investiert, wo es sich gut vermehren lässt. Gezielt eingesetztes Geld kann sich positiv auswirken. Warum nicht eine gute Idee, die ökologische Probleme lösen kann, unterstützen? Das ist aber nicht das Konzept von BlackRock. Für den Investor ist alles „gut“, was ein „Mehr“ erzeugt. Kriege erzeugen für viele Firmen u. Konzerne Umsätze. Waffen, Kriegsmaschinen, Ausrüstung, Hilfsgüter, Flüchtlingscamps, Prothesen, Särge, Abwehr von Flüchtlingen, ein ganzes Netzwerk an Mehrungsoptionen, wenn der Krieg nicht im eigenen Land statt findet.

Noch einfacher lässt sich das Prinzip bei einem neuen Medikament nachvollziehen. Ist es sehr wirksam und beendet zuverlässig eine Krankheit, ist es rein menschlich gesehen etwas Gutes. Aus Sicht der Investoren eher schlecht, weil es das Siechtum verkürzt, welches für Umsatz sorgte. Also wird in das neue Medikament nicht investiert, sondern lieber auf die Krankenhäuser und Krankenpflegeprodukte gesetzt. Dies ist in der Realität so passiert.

Der Kunde gibt BlackRock Geld, und hat keinerlei Kontrolle über die Investitionen. Damit gibt der Kunde seine Verantwortung, u. damit einhergehend seine Freiheit. Mehr noch, die Investitionen sind politische Steuerungsmittel. Der Kunde wählt eine Partei namens BlackRock, die im reinsten neoliberalen Sinne an die Regulierung durch die Wirtschaft glaubt. Das zerstörerische Streben nach „Mehr“, übernimmt.

Genau hieran glaubt Friedrich Merz. Nicht umsonst forderte er ein Rentensystem, an dem BlackRock beteiligt ist. In einigen Ländern ist dies bereits der Fall. Staaten überlassen blind ihre Rentenkassen und das Geld wird weltweit investiert. Ein Mann, der hiervon überzeugt ist, wird von einer machtvollen Gruppe in der CDU favorisiert.

Ich persönlich habe weniger Sorge, dass rechtsradikale Nationalisten dauerhaft die Macht übernehmen, als dass die Zukunft von einer Diktatur der Konzerne geprägt ist. Nationalisten sind schlecht für’s Geschäft, damit bekommen sie mächtige Gegner. Wer eine Diktatur der Konzerne begreifen will, muss sich nur die USA ansehen. Dort ist echte Demokratie lediglich in Communitys möglich, in denen sich Bürgerrechtler wütend gegen die Machenschaften wehren. Michael Moore mag überziehen, aber im Kern hat er die Probleme gut skizziert.

Tja … was brauchen Sie wirklich im Leben? So lautete die Frage an mich. Ich habe herausbekommen, wohin mich die Ignoranz dieser existenziellen Überlegung brachte. Die Auseinandersetzung mit dem „Mehr“ hat mich vieles über die eigene Person hinaus in Frage stellen lassen. Dieses Streben, welches einst für das Überleben eines Höhlenmenschen notwendig war, sich dann verselbständigte, entwickelt sich zum Damoklesschwert. Am Ende bleibt wirklich nur das Setzen auf eine natürliche gesellschaftliche Evolution.

Auch hier haftet sich das „Mehr“ an. Aus Darwins Theorie wurde von den Jüngern dieses Glaubens schnell die Theorie des Sozialdarwinismus. Aus der Annahme, dass sich der Anpassungs – u. Wandlungsfähige durchsetzt, wurde die Theorie von der Durchsetzung des „Stärksten“. Und diese Stärke wurde sofort an der Fähigkeit „Mehr“ zu erhalten festgemacht.

Dabei besteht die eigentliche Stärke des Menschen in seiner Fähigkeit zu kooperieren und zu kommunizieren. Ohne Kooperation, wäre der Mensch bereits in seinen Anfängen von miteinander kooperierenden Raubtieren aufgefressen worden.

Wenn genug Zeit bleibt, wird sich die Kooperation, Augenmaß beim Konsum und Rückbesinnung auf die Ursprünge durchsetzen. Ein einziger technischer Fehler, kann alles aus dem Ruder bringen u. die Menschen müssen schauen, wer welche Kenntnisse zum Überleben mitbringt. Man kann nur hoffen, das die Zerstörung vorher nicht zu gross ist.

Ich für meinen Teil habe gelernt und beantwortet was ich benötige. Es ist weniger, als ich anfangs dachte. Deshalb gebe ich die Frage weiter:

Was brauchst Du wirklich und wie viel Aufwand betreibst Du für das „Mehr“ und was nimmst Du dafür alles in Kauf? Ist es das wirklich wert?

Kommentar verfassen