Links, Rechts, Mitte … ein ungeeignetes Bild

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Meiner Erfahrung nach, beginnen Diskussionen, Debatten, Rechtfertigungen meist damit, dass etwas im Argen ist. Gäbe es z.B. keinen Rassismus oder keine Homophobie, wären diese Themen schnell abgehandelt. Und nun debattieren sie über eine politische Mitte. Hierfür ist erst einmal ein Bild notwendig. Ein altes und ziemlich einfaches. Linksseitig die Mitglieder der französischen Nationalversammlung, die nach einer Revolution wenig einer abgewandelten Monarchie abgewinnen können und rechtsseitig diejenigen, welche irgendwie die alte Ordnung favorisieren. Links und rechts, das hat etwas sehr konträres an sich. Ying und Yang … alles hat ein en Gegenpart. Das Bild lädt dazu ein, von einer Linie mit zwei Endpunkten auszugehen, die dann eine geometrische Mitte hat. Gut, aber wie soll ich dies auf die Politik, der Findung eines Gesellschaftsmodells, die Ausgestaltung und Anpassung an die tatsächlichen Gegebenheiten umsetzen? Was soll das sein, dieses mittlere Denken?

Dies kann ich mir nur vorstellen, wenn ich Politik als ein agieren innerhalb eines Spannungsfelds zwischen zwei Eckpunkten verstehe. Kapitalismus ohne Einhegung an einem Ende und eine der vielen existierenden Formen des Kommunismus. Oder sollen die Eckpunkte von der Annahme einer Notwendigkeit der Führung einer Masse durch einer Elite und vom Gegenteil, der totalen Freiheit gekennzeichnet sein? Also ich bekomme das nicht hin. Vielleicht würde es funktionieren, wenn ich den einen Kommunismus annähme und am anderen Ende ausschliesslich den Nationalsozialismus in seiner alten Form sähe. Dazu müsste ich allerdings einige Drinks kippen und große Areale des Gehirns still legen.

Vielleicht hilft die Hinzuziehung des bestehenden Systems weiter. An beiden Enden befänden sich dann Denkmodelle, die mit einem Schlag das Auflösen des bestehenden Systems im Zuge eines „Umsturz“ anstreben, um ein Neues zu installieren, quasi den guten alten DOS Befehl c:// format c: eingeben wollen. Was wäre hier die Mitte? Reparaturarbeiten während des laufenden Systems? Deinstallation aller Schadsoftware, in der Hoffnung, dass es dann wieder läuft? Dumm nur, wenn die weiterentwickelte Software nicht zum alten System kompatibel ist. Da hilft dann nur der Verzicht auf die neue Office Version. Aber auch dieses Bild hat Grenzen.

Worum geht es denn? Zum einen darum, wie ich den Menschen als Individuum einschätze und sein Verhalten in der Gruppe bzw. Masse interpretiere. Dann darum, wie ich basierend auf diesen Grundlagen ein System organisiere, in dem sich nicht alle totschlagen, bekämpfen, bestehlen und andere üble Dinge veranstalten, idealerweise überregional. Das System sollte die ureigensten Eigenschaften des Menschen und seine Funktion im übergeordneten planetaren Lebenssystem berücksichtigen.

Manch einer kommt zur Auffassung, dass der Mensch hierzu nicht fähig ist und favorisiert nationale Lösungen. Andere sehen den Menschen nicht als eine Spezies, sondern glauben an eine Unterteilung. Dies ist etwas daneben, weil es nicht dem Stand der Wissenschaft entspricht. Diverse Leute geben nichts auf ein soziales Miteinander. Sie sehen das Leben als einen Kampf, in dem es nur Verlierer und Sieger geben kann. Nach den Erkenntnissen der Verhaltens- u. Gehirnforschung für den Einzelnen eine eventuell erfolgreiche Strategie, für die Gemeinschaft eher schädlich.

Der Mensch hat sich mit der Fähigkeit zur Kooperation und Kommunikation durchgesetzt. Als Einzelkämpfer ist er innerhalb des Lebenssystem hilflos. Spiegelneuronen, instinktives Gruppenverhalten, selbst die Gene geben Aufschluss darüber.

Noch bevor es die Begriffsfindung Kommunismus gab, machten sich Frauen und Männer Gedanken über die Aufgabenstellungen der anbrechenden Zeit. Zentrale Fragen waren die Distanzierung zwischen dem hergestellten Produkt, dem herstellenden Arbeiter und dem Gewinn. Eine andere Betrachtung wurde der Individualisierung von Gemeinschaftseigentum, wie zum Beispiel Grund und Boden gewidmet. An sich ist der Besitz daran nicht denkbar, da jedes Leben ohne dem, sowie Wasser und Luft nicht denkbar ist.

Man fand Begründungen, Konstrukte, Rechtfertigungen, Widersprüche, rhetorische Figuren und die Diskussionen dauern an. Immer mal wieder glaubten Philosophen, Theoretiker, Denker, in einem idealen Zustand angekommen zu sein, den es zu verteidigen galt. Alle wurden eines Besseren belehrt. Auch das Grundgesetz ist eine von Menschen ausgehende Idee und Versuch sie in einem Text auszudrücken. Jenseits der ethischen Grundsätze in der Präambel u. Artikel 1 gibt es da viel Entwicklungsspielraum.

Wo soll sich bei all den notwendigen komplexen Überlegungen eine Mitte, also ein räumlicher Standort ausfindig machen lassen? Ein mathematisches Mittelmaß? Alle Ideen, Betrachtungen, Konzepte, Strategien dividiert durch ihre Anzahl? Oder die Mittelmäßigkeit, im Sinne eines qualitativen Abstands zum Optimum? In der Mitte einer Kreuzung stehen bleiben, weil man sich nicht entscheiden kann?

Dieses Links/Rechts/Mitte ist für Überlegungen völlig ungeeignet. Ich persönlich bevorzuge eine Bewertung nach der Eignung für ein friedliches möglichst von negativen Konflikten befreites Zusammenleben der Menschen. Zu große Spannungsfelder zwischen Arm und Reich, Besitzenden und Besitzlosen, führen unweigerlich in Schwierigkeiten. Das Primaten ein angeborenes Gerechtigkeitsempfinden haben, wurde mehrfach experimentell nachgewiesen.

Männer wie ein Herr Merz gehören zu den privilegierten innerhalb des bestehenden Systems. Zum Teil kann er nichts dafür, aber in einigen Bereichen war es mit Sicherheit notwendig, es mit der Ethik und dem Sozialverhalten nicht allzu genau zu nehmen. Hierfür steht er. Geld, Erfolg, Kampf, Durchsetzung in einer Hierarchie, Wertschätzung gesellschaftlicher Hierarchien, Unterteilung der Gesellschaftsmitglieder in Leistungsträger, Fleissige, Faule, Strebsame, Gefügige und Widerständler. Er ist zur Auffassung gekommen, dass Menschen eine komplexe Wirtschaft weder rational erfassen, noch willentlich kontrollieren können. Deshalb soll sich der Bürger hierbei heraus halten und der Wirtschaft freien Lauf lassen. In der Geschichte ist dieser Ansatz recht jung. Mal steuerte ein Adel, dann autoritäre, später auch gewählte Regierungen. Beim Ansatz von Herrn Merz, soll sich der Mensch vertrauensvoll in ein System einfügen, welches seiner Kontrolle entzogen wurde. Alles was der Politiker zu tun hat, ist jegliche Kontrollversuche abzuwehren.

Normalerweise habe ich als Konsument die Möglichkeit ein Produkt einer Firma zu kaufen, deren Firmenpolitik mir zusagt. Hierfür bin ich unter Umständen bereit mehr Geld zu bezahlen. Im Denkmodell von Herrn Merz handle ich unwirtschaftlich und unökonomisch. Meiner Ansicht nach, handle ich verantwortungsvoll. Er möchte, dass ich mein Geld einem Dienstleister für Investitionen überlasse, der Computer gestützt, die optimale Ausgabe mit grösst möglichen Gewinn ermittelt. Damit gebe ich die Verantwortung und somit auch meine Freiheit ab.

Ist dies dem Auflösen von Spannungsfeldern und dem friedlichen Zusammenleben dienlich? Innerhalb eines Systems, in dem Kriege ein höchst profitables Geschäft sind? Mit rechts/links/mittig komme ich auch hier nicht weiter.

Keine Idee ist plötzlich da gewesen, sondern hat einen Vorlauf. Ebenso wenig waren Hitler, Stalin, Mao Tze Tung, Ulbricht, Mussolini, Franco, Idi Amin, Bokassa, Pol Pot, Aliens die plötzlich vom Himmel fielen, sondern Menschen ihrer Zeit, die eine Vorgeschichte hatte.

Bilder und Vorstellungen vom Menschen, dem Umgang mit neuen Erfindungen, Wechselwirkungen zu anderen Ideen usw. bestimmten das Geschehen. War ein Mao oder ein Stalin links? Idi Amin ein Rechter? Pol Pot ein Kommunist, der auf die Kritik der Philosophen am Beginn der Industrialisierung reagierte? Nach meinem Verständnis nicht. Waren die Kämpfer, welche sich im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco stellten, Linke? Oder was ist mit den deutschen Widerstandskämpfern? Mitte? Linke? Extremisten?

Ich möchte von den Politikern wissen, welches Menschenbild sie haben, welches Ziel sie anstreben, wo sie sich selbst sehen, u. welche Massnahmen sie einleiten wollen. Ob sie nun links, rechts, mittig katalogisiert werden, ist mir dabei vollkommen egal.

Anders als bei links/rechts/mittig kann man mit dem Begriff Extremist eher gearbeitet werden. Was ein Extremist ist, lässt sich immer nur von der eigenen Position aus ermitteln. Je weiter eine/r vom einem selbst entfernt denkt und handelt, um so mehr steigt die Bereitschaft von extrem zu sprechen.

Darum ist das Bezeichnen eines anderen als Extremisten, gleichzeitig eine Beschreibung des eigenen Standorts. Viele Mitglieder der CDU, FDP und Journalisten haben in den letzten Tag deutlich gezeigt, wo sie stehen, als sie die LINKE als extrem bezeichneten. Alles was seitens der LINKE an Forderungen, Zielen und Maßnahmen gefordert wird, weicht demnach extrem von ihren Positionen ab.

Also was fordert die LINKE? Auf der Website kann folgendes gelesen werden:

“ Wir laden Alle ein, gemeinsam Druck zu machen für das, was in einem reichen Land selbstverständlich sein sollte

  1. Befristung und Leiharbeit stoppen. Viele, vor allem junge Menschen hangeln sich von einem befristeten Job zum nächsten oder finden nur in Leiharbeit eine Beschäftigung. Wir wollen gute Arbeitsverhältnisse, mit denen alle ihre Zukunft planen können.
  2.  Existenzsichernde Mindestsicherung ohne Sanktionen statt Hartz IV. Es muss Schluss sein damit, dass Erwerbslose durch Sanktionen gegängelt und in schlechte Jobs gedrängt werden. Wir wollen eine soziale Mindestsicherung für Erwerbslose und ihre Familien.
  3. Arbeit umverteilen statt Dauerstress und Existenzangst. Viele Menschen arbeiten in unfreiwilliger Teilzeit oder Minijobs, während andere unter Überstunden und Dauerstress leiden. Wir wollen diese Arbeit umverteilen und mehr Zeit für Familie und Freizeit.
  4. Wohnung und Energie bezahlbar machen. Wir wollen die Verdrängung durch steigende Mieten, Sanierungskosten und Energiepreise stoppen. Eine bezahlbare Wohnung muss auch in den Großstädten drin sein.
  5. Mehr Personal für Bildung, Pflege und Gesundheit. Eine gute öffentliche Daseinsvorsorge für Kinder, Kranke und Pflegebedürftige hilft nicht nur den Betroffenen und ihren Familien, sondern auch den Beschäftigten im Kampf gegen Arbeitsüberlastung.“

Hierfür stehen CDU und FDP also nicht. Im Gegenteil sie sind davon gemäß eigenem Bekunden weit entfernt. Gut zu wissen. Immerhin war dies der CDU ein Unvereinbarkeitsbeschluss wert.

Ich denke, diejenigen welche für eine Beschreibung ihrer politischen Ziele ein Bild mit einer linken und rechten Seite bemühen, ergo eine dualistische Sicht auf das Weltgeschehen eröffnen, sind eher ungeeignet, anstehende Aufgaben zu lösen. Das gilt für alle. Es ist dabei egal, ob die Bezeichnung links oder rechts gewählt wird. Mit solchen Leuten muss man sich eigentlich nicht mehr auseinandersetzen. Wenn einer eine örtliche Position eingenommen hat, steht er still, baut sich eine Festung und kämpft von dort aus. Mit solchen Leuten lassen sich keine kreativen Lösungen finden oder etwas neu organisieren.

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