Mensch mögen oder nicht?

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Ist der Mensch eine Bestie, die mittels Moral in ihre Schranken gewiesen werden muss oder vielmehr ein Wesen, welches auf Kooperation bzw. ein soziales Miteinander ausgerichtet ist? Noch vor 10 Jahren wäre mir die Antwort nicht schwer gefallen u. ich hätte die Bestie, welche nicht einmal mit Moral zu beeindrucken ist, gewählt.

Aber ich machte bei meinen Überlegungen einige gedankliche Schrittfehler. Wenn es notwendig ist, kann der Mensch zur Bestie werden, aber dies ist nicht der natürlich angestrebte bzw. Auslieferungszustand. Schaue ich mich in der Natur um, sind überall Kooperationen innerhalb einer Spezies zu beobachten. Allerdings musste der Mensch innerhalb der Evolution eine gehörige Portion Aggression entwickeln, um gegen all die Wesen bestehen zu können, die ihn auf der Speisekarte hatten.

In unseren Gefilden bringen wir den Kindern frühzeitig bei, dass sich Sozialverhalten nur bedingt für einen Aufstieg, u. der ist uns wichtig, eignet. Der stärkere, der mental widerstandsfähigste, der mit den besseren Noten, jener, der auch mal andere nach hinten reichen kann, kommt weiter und ist erfolgreich.

Erfolgreich erscheint mir bereits eine schwierige Angelegenheit. Was ist denn ein Erfolg? Der tritt immer ein, wenn ich mir gesetzte Ziele erreiche. Geld? Status? Haus? Eigentum? Wertschöpfung? Glück? Zufriedenheit? Gelassenheit? Was ist erstrebenswert? Ist jemand, der in unserer Gesellschaft erfolgreich ist, gleichzeitig ein erfolgreicher Mensch? Ab wann ist eine Biografie als gescheitert zu betrachten? 

Wenn der Mensch als Wesen so ist, müsste er überall nach den Prinzipien unserer Gesellschaft funktionieren. Dem ist nicht so. Weder örtlich, noch historisch ist das stimmig. Es gab von Blut gekennzeichnete Epochen und es gab friedliche. Ich halte es für falsch, die Zeit nach 1945 in beiden Teilen Deutschlands als völlig friedlich zu sehen. Beide Teile waren in ein internationales Geflecht eingebunden und beteiligten sich im Zweifel wirtschaftlich an diversen Stellvertreterkriegen und lebten von den Profiten.

Das Verhältnis von gemeinsamen Eigentum und Privateigentum, ist ein uraltes Problem. In der Moderne hat es sich immer mehr zu Gunsten des Privateigentum verschoben. So massiv, dass jede Kritik daran einem religiösen Zweifel gleich kommt. Dabei ist der aktuelle Zustand weder weltweit gleich, noch historisch gesehen der längst anhaltende. Selbst im Grundgesetz wurde verankert, dass Eigentum verpflichtet. Die zerstört in großen Teilen das soziale Miteinander.

Dabei geht es nicht nur um materielle Güter. Wenn ich das deutsche Bildungssystem durchlaufe, am Ende gar eine Universität besuchen kann, ist das zu großen Teilen von der Gesellschaft ermöglicht worden. Gebäude, Lehrer, Professoren, universitäre Einrichtungen kosten Geld. Private o. von Firmen finanzierte Einrichtungen können aufgrund ihrer Eigeninteressen, dies nicht im gleichen Maße leisten. Die kollektive intellektuelle Entwicklung würde zum Erliegen kommen. Der Absolvent einer Universität hat insofern eine soziale Bringschuld.

Noch problematischer sehe ich das bei Politikern, die aus dem Staatsdienst kommen. Eine oder einer macht sein Abitur, studiert Jura, tritt in den Staatsdienst, sammelt dort im Rahmen seines Dienstes, Wissen, Erfahrungen, Erkenntnisse u. geht danach in die Politik. Hier geht das Sammeln weiter. Und dann kommt der üppig bezahlte Beratervertrag, für Wissen welches anteilig die Öffentlichkeit bezahlt hat. Zumindest halte ich dies nicht für selbstverständlich.

Das moderne Gesellschaftsmitglied wird von Kindheit an auf Prinzipien eingeschworen. Die Manipulation durch Werbung, verdummenden u. sedierenden TV, Radio u. Musikproduktionen, an Emotionen appellierende Reden von Politikern, die den identischen Werdegang hinter sich haben, ist grenzenlos. Konsum, Status, die Sucht nach Attraktivität, sozialer Kampf, stetig „En Vogue“ zu sein, Optimierung des Lebensstils, sind quasi religiöse und nicht anfechtbare Vorgaben. Wer sich dagegen stellt, wird zum Sonderling.

Doch entfernt man jemanden eine Weile aus diesem System und stellt ihn vor andere Herausforderungen, kommt der eigentliche Mensch zum Vorschein. Spätestens wenn sich eine Gruppe gegen die Unbilden der Natur durchsetzen muss, ändert sich alles. Plötzlich geht es wieder um Kooperation, echtes und vor allem sinnvolles Wissen zählt, privates wird auf die Gemeinschaft verteilt. Ich hab das in unterschiedlicher Art ein paar Mal erleben dürfen. Der Mensch an sich, ist ganz OK! Entscheidend ist, in welche Umwelt ich ihn setze.

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