Wissenschaftliche Erforschung des Weltbilds der Polizei?

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Herr Justizsenator Behrendt fordert eine wissenschaftliche Untersuchung ob Mitglieder der Polizei und andere Sicherheitsbehörden eine Affinität zu autokratischen Systemen haben und hiermit zugleich dazu Neigen eher auf den Leim von Rechtspopulisten gehen, als andere Zeitgenossen.

An dieser Forderung ist nichts stimmig bzw. ansatzweise erfüllbar.

Was ist überhaupt dieses ominöse rechts u. was ist rechtsradikal?

In der öffentlichen Diskussion geht es dabei wild durcheinander. Anhängen an einem hierarchischen Prinzip? Starke Gebundenheit an ein Regelwerk? Unterteilung in starke u. schwache Menschen? Wertzuweisungen im Sinne von nützlichen Leistungsträgern und weniger wichtigen Menschen? Zuordnung zu Stereotypen, aufgrund Herkunft, Aussehen, Sprache, Symboliken? Das Innehaben eines geschlossenen Weltbilds, welches auf Emotionen und weniger auf rationalen vernünftigen Schlüssen beruht? Je nach Standort bringt jeder sein eigenes Bild ins Spiel. Das macht eine Diskussion unmöglich. Bei einer wissenschaftlichen Untersuchung müsste erst einmal festgelegt werden, was eruiert werden soll. Die Denfinitionsbegriffe von Herrn Behrendt? Die von Herrn Geisel? Anglo – amerikanische Definitionen? Eine der vielen aus den Politikwissenschaften?

Ein Teil der Gesellschaft definiert die AfD, als den parlamentarischen Arm der Neuen Rechten. Doch einig sind sich dabei nicht alle. Einige Konservative, vor allem in den ländlichen Gebieten sehen dies durchaus anders. Derzeit beginnen einige in der CDU den verlorenen Kinder mittels Kurskorrekturen die väterliche Hand zu reichen. Mehr Überwachung, erweiterte Möglichkeiten des Eingriffs in die Freiheit des Bürgers, aber Demontage der Einhegung der Märkte, Abschottung vor Flüchtlingen, Law & Order. Im Kern bleibt der AfD nur noch die hässliche Wortwahl für etwas, was die Konservativen durch die Hintertür mit Gleitmittel einführen. Das mag einem alles nicht gefallen. Doch wo sind die Abgrenzungen? Für mich sind sie beim aktuellen Stand der Dinge in der Wortwahl, bei den Machtfantasien eines Höcke, einer Weidel und noch einigen anderen (die Liste ist lang), und der ungeschickten Strategie die Forderungen zu verkaufen. Was macht es für einen Unterschied, wenn die AfD „Leistungsbeziehern“ das politische Mitspracherecht entziehen wollen, oder Neoliberale von besonders wichtigen Leistungsträgern sprechen. Die Konnotation ist identisch: Der Leistungsbezieher ist faul und für die Gesellschaft nutzlos. Hingegen ist der Leistungsträger wichtig und fleissig im Sinne der AfD u. der Neoliberalen, also hat er auch mehr Rechte zu bekommen. Bei der Flüchtlingspolitik sieht es nicht anders aus. Die Guten dürfen rein und die Schlechten, gemäß der Definition, das die im Sinne des Systems nicht leistenden schlecht sind, ins Sammellager. Konservativen Forderungen nach, kann man sich dort um sie konzentrierter kümmern, da sie sonst im ganzen Land verstreut sind. Sind Polizisten die auf diesen Zug aufspringen rechts oder konservativ?

Unfraglich sind Polizisten, die rassistische Gewaltaten decken, honorieren oder gar selbst begehen untragbar. Doch ist dies immer so einfach feststellbar? Nehme ich den Widerstand eines aus Nigeria stammenden Dealers, wird es schwierig. Die einen sagen, er ist das Opfer von Racial Profiling, weil der Polizist von seinem Aussehen und Aufenthaltsort ausging u. ihn deshalb kontrollierte, statt den daneben stehenden Backpacker aus Kanada. Polizisten leben von ihren Erfahrungen. Bewegungen, Orte, Kleidung, Alter, Geschlecht, scheinbare Herkunft, werden mit Straftaten u. ihrer Modi Operandi in Verbindung gebracht. Der Nigerianer würde bei der Suche nach einem Exhibitionisten eher durchs Raster fallen. Bei einem Diebstahl in der Nähe, gehörte der Backpacker mit Sicherheit zum Kreis der möglichen Täter.

Gangmitglieder uniformieren sich gewissermassen. Frisur, Kleidung, Gehabe, bevorzugte Fahrzeuge usw. Gleichsam ist es Teil einer Subkultur, sich zu geben, wie die schweren Jungs. Damit landet dann unter Umständen ein Unbescholtener in einer Kontrolle. Alles nicht so einfach.

Oder gibt es in der Polizei Leute, die gezielt Leute mit dunkler Hautfarbe „jagen“ und andere vernachlässigen? Gibt es Beamte, die Personen aus bestimmten Herkunftsländern eine „niedrige“ Entwicklungsstufe unterstellen? Ja, ich habe sie kennengelernt. Ich wüsste nur nicht, wie man sie wissenschaftlich sondieren sollte. Zumal deren gesamtes Menschenbild sehr bemerkenswert ist und vor Kollegen allgemein, im speziellen vor nach geordneten Mitarbeitern nicht halt macht. Ich habe auch erlebt, wie dies erst auf Schwerpunktsdienststellen für organisierte Kriminalität sichtbar wurde o. vielleicht dort erst entstand.

Wie soll vorgegangen werden?

Man könnte in den unterschiedlichen Bereichen der Polizei mit ausgewählten Probanden psychologische Testverfahren u. praktische Experimente durchführen. Hierbei wäre festzustellen, dass zwei wesentliche Bereiche aus dem Leben eines Vollzugsbeamten bereits jahrzehntelang ausgewertet wurden. Die Ergebnisse der Experimente Milgram u. Stanford können wie ein Abfragemuster auf diesen Bereich gelegt werden.

Zumindest in Berlin, wurde deshalb im Abschiebegewahrsam eine Psychologin beigeordnet. In diversen Arbeitsbereichen der Polizei geht es nicht um die Affinität eines in der Polizei sozialisierten Beamten/in, sondern psychologische Effekte, die jeden Menschen treffen. Christian Ströbele unterstellte mir einst, dass ich beim täglichen Kontakt mit Straftätern aus Serbien, nicht mehr objektiv für seinen Mandanten auch entlastend ermitteln konnte. Prinzipiell mochte er damit richtig liegen, wenn es sich dabei nicht um einen Berufseinbrecher gehandelt hätte. Der Mensch kommt schwer über seine eigenen Erfahrungen hinaus. Besonders schwierig wird es, wenn Menschen mit völlig unterschiedlichen Lebensarten aufeinander treffen. Ich schreibe diesen Text in Malaysia und sehe täglich deutsche Touristen, die hier über vieles den Kopf schütteln.

Es könnten Umfragen u. massenhaft Persönlichkeitsstrukturtest durchgeführt werden. Man darf erwarten, dass die Mehrheit sich gut in eine Hierarchie einpassen kann, das Geben und Ausführen von Befehlen beherrscht, über eine Grundaggressivität verfügt und den Einsatz von Gewalt situativ als angemessen ansieht. Jeder, der anders strukturiert ist, dürfte in der Polizei deplatziert sein.

Man könnte auch Polizisten heimlich beobachten, um ihre Aussagen in Verbindung mit ihrem tatsächlichen Handeln zu setzen. Das dürfte ein paar Gesetze sprengen, aber theoretisch wäre es möglich. In Bezug auf die Untersuchung wäre es bestimmt interessant zu erforschen, ob es zu überzogenen Gewaltanwendungen kommt, weil einer wegen der dienstlichen Gegebenheiten mies gelaunt ist, oder er grundsätzlich gern Langhaarige oder Leute mit dunkler Hautfarbe verprügelt. Haushaltstechnisch wäre es eine katastrophale Erkenntnis, dass die desolate Unterbringung Aggressionen fördert u. die Rechtspopulisten wenig damit zu tun haben.

Psychologie, Persönlichkeit o. Weltbild?

Besonders bemerkt wurde die Existenz eines Vereins mit der Bezeichnung UNITER, dessen Mitglieder sich vornehmlich aus den Spezialeinheiten der Polizei und der Bundeswehr rekrutieren. Letztens liessen sich einige von Ihnen filmen und interviewen. Wobei sie eher zu Wort wollten, denn Fragen beantworten wollten. Alles andere hätte mich persönlich gewundert.

Der Zuschauer sah stabile Typen mit strammen Kurzhaar Haarschnitten und Hände mit Biker Ringen. Alle hatten sich vermutlich nach Absprache schwarze Anzüge und passende geputzte Schuhe angezogen. Rein optisch entsprach dies Bild Teambesprechung einer Türstehermannschaft. Das musste jedem sofort ins Auge springen. Die Worte und Intonation passten zur Sozialisation. Die Sätze sollten möglichst diszipliniert, nach Vorstellung eines Polizisten eloquent und selbstsicher herüber kommen. Dem Betrachter schlägt die jahrzehntelang herausgebildete Hybris eines Beamten einer Spezialeinheit entgegen. Von Kameraden, Überleben in einer feindlichen Umwelt, Überwinden der eigenen Grenzen, die Verweichlichung der Dekadenz ablegen, damit der Feind final bekämpft werden kann.

Wer die Ausbildungslehrgänge und das Training des SEK, der GSG9, der KSK oder der Kampftaucher kennt, ist nicht überrascht. Nachdem gezielt ausgewählt wurde, wird das Gewünschte gefördert und das Unerwünschte weggedrückt.

Wer dabei ist, darf sich mit besonderen Zeichen schmücken. Der Coin (Münze mit Emblem der Einheit), den Schwingen (Internationales Zeichen der Spezialeinheiten), die schwarze Einsatzmontur usw.. All das hat Ziele. Im Prinzip handelt es sich um eine Art Subkultur.

Spezialeinheiten existieren, weil beim Militär und der Polizei besondere Einsatzlagen bzw. Aufgaben im Kampf zu bewältigen sind, die nur mittels gezielten Training zu bestehen sind. Extreme Täter lassen sich mit den Mitteln des Alltagdienstes nicht stoppen. Eben so ist es höchst kompliziert Straftäter heimlich zu beobachten, da die selbstverständlich alles dagegen unternehmen.

Doch dieses „Spezial“ wirkt auf die Persönlichkeit ein. Es entsteht ein „Wir“. Wir gegen die Bösen, in einer Welt der Naiven, die das Böse nicht sehen. Philosophische Betrachtungen darf man da nicht erwarten. Schon gar nicht, wenn es Politiker gibt, die keinerlei Gedanken daran verschwenden, ob die tägliche Forderung nach mehr Sicherheit, am Ende die Freiheit so sehr einschränkt, dass der Bürger zum Objekt der Sicherheitsorgane wird. Es ist auch kein Zeichen philosophischer Betrachtungen, wenn der Zustand der BRDeutschland jetzt, als finales Geschehen angenommen wird, und keinerlei Überlegungen anstellen, welch mächtige Herrschaftsmittel ich einer „möglichen“ totalitären Nachfolgeschaft in die Hände gebe.

Bei UNITER hat sich offensichtlich einiges verselbstständigt. Worstcase Szenarien zu entwickeln u. den Umgang damit zu trainieren, gehört zum Wesen einer Spezialeinheit. Oftmals stellt sich heraus, dass Geschehnisse eintreten können, die nicht befriedigend kontrolliert werden können. Philosophisch kann man zur Erkenntnis kommen: Kontrolle innerhalb eines chaotischen komplexen Systems ist eine Illusion. Frauen u. Männern, die eben genau für die Kontrolle extremer Lagen ausgebildet wurden, behagt dieser Gedanke gar nicht. Erst recht nicht, wenn sie eines Tages von aussen zusehen müssen.

Bei UNITER zeigt sich die konsequente Umsetzung der bürgerlichen Forderung nach Absicherung vor allen erdenklichen Gefahren und der damit notwendig werdenden Kontrolle. Der Bürger wünscht, UNITER bietet die konsequente Umsetzung.

Nicht hierarchische Systeme fordern den Mitgliedern eines hohes Mass an sozialen Verhalten, Mitdenken, Eigeninitiative, Empathie, Eigenreflektion, ab. Einem in einer Hierarchie gedrillten Person zu vermitteln, das dies durchaus funktionieren kann, wenn die Mitglieder hierzu sozialisiert wurden, ist nahezu unmöglich. Die standardisierte Antwort lautet: Einer muss am Ende das Sagen haben, die/der trägt dann auch die Verantwortung. Alles andere funktioniert nicht.

Mit diesem Denken in eine Gesellschaft entlassen zu werden, in der einige den lebhaften Diskurs zwischen den Kulturen, Weltanschauungen und vor allem eine Verschmelzung zur Entstehung von etwas Neuen, besser funktionierenden fordern, kann böse schief gehen.

Ich betone von „einigen“ wird dies gefordert. Sie sich selbst als Mitte definierenden Konservativen sehen dies durchaus anders.

Nehme ich die Vorstellungen eines Ströbele als Raster für die Untersuchung bei der Polizei, rennen da jede Menge „Rechte“ herum. Nähme ich das Raster des amtierenden Bundesinnenministers ist die Welt bis auf wenige Ausnahmen rechtsseitig in Ordnung, aber mit den Linken in der Polizei gibt es ein Problem.

Meiner Auffassung nach bringt dies alles gar nichts. Wie beim religiösen Terror, müssen Ereignisse hingenommen werden. Alles ist nicht kontrollierbar. Die Aufdeckung der Aktivitäten bei UNITER, diversen anderen Gruppen, zeigt, dass vieles bei den Ermittlern bestens funktioniert, sonst wüssten wir davon nichts. Die Bewertung, ob nun die oder die gefährlicher sind, hängt meiner Meinung nach davon ab, wer sich in Deutschland eines fruchtbaren Bodens sicher sein kann. Links, Intellektuell und Religion, haben in Deutschland keine nennenswerten Chancen bzw. Rückhalt. Damit ist diese Frage für mich beantwortet.

Polizei u. Bundeswehr sind in Deutschland Dienstleister der Politik u. damit des gesellschaftlichen Mainstreams. Problematisch wird es, wenn diese von der Polizei zu einem totalitären Instrument gemacht werden. Ob der „räumende“ Polizist in einer Strassenschlacht links o. rechts ist, macht keinen Unterschied. Amerikanische Verhältnisse haben wir bei der deutschen Polizei nicht. Da spricht schon der ganze Aufbau dagegen. Bei uns macht nicht der Sheriff die Politik auf der Strasse. Ob sich Polizisten nun dieses oder jenes wünschen, oder der berühmte Sack Reis umfällt, ist ziemlich egal. Da finde ich die Untersuchungen von Staatsrechtlern, Soziologen und Politikwissenschaftlern zur Qualität unserer Demokratie, Tendenzen, deutlich spannender.

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