Der Verlust der Ethik

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2015 ist nun 5 Jahre her. In diesem Jahr stand eine Entscheidung an. Bleibt die Grenze nach Deutschland frei passierbar oder schliesst man sie aufgrund sich ihr nähernde Flüchtlinge. Die Konsequenz wäre eine humanitäre Katastrophe gewesen. Kanzlerin Merkel und ihr Stab entschlossen sich ihrem Gewissen folgend, gegen eine Schließung.

Dies führte bei einigen mit weniger Skrupeln, Menschen zum Mittel politischer Ziele abzuwerten, zu Unmut. Die kamen, waren zum Teil kein einfaches Klientel. Von Krieg, Entbehrungen, Trennung der Familie, Hunger und Trauma geformt, brachte einige ihre Probleme mit. Das ist nunmal so. Die haben sich bei der Geburt nicht in der falschen Schlange angestellt, sondern der Zufall hat über das Geburtsland entschieden.

Nun gibt es Leute, die in den vergangenen 5 Jahren eine Rhetorik gegen Flüchtlinge aufgebaut haben. Flüchtlinge, derzeit vornehmlich aus Nordafrika und auch anderen Afrikanischen Staaten, stellen angeblich für Deutsche eine tödliche Gefahr da. Menschen töten Menschen, eine traurige Tatsache. Die Motivation und Voraussetzungen können sehr unterschiedlich sein. Das einer den anderen nach seinem Pass fragt und ihn wegen der Staatsangehörigkeit tötet, ist in Deutschland eher selten der Fall. Streit, Alkohol, Störungen, Emotionen, Fanatismus sind eher der Grund. Und da Deutsche auch zur Spezies Mensch gehören, kommt das Verhalten „Töten“ bei ihnen ebenfalls vor. Die Staatsangehörigkeit prädisponiert niemanden zum Straftäter, das Umfeld formt hierzu. Krieg ist mit Sicherheit ein geeignetes Mittel, um die Persönlichkeit zu verändern. Aber ob es an dem ist oder nicht, kann ich niemanden von der Stirn ablesen. Worin sollte ein Unterschied bestehen, ob ein Deutscher einen Deutschen mordet oder ein Ausländer einen Deutschen, anders herum ein Ausländer einen Ausländer? Den Unterschied könnte ich nur herstellen, wenn ich der Staatsbürgerschaft einen Wert zuordne. Das Leben eines Deutschen ist höherwertiger, als das eines Ausländers. Vielleicht gar ein Ranking erzeuge. Finnen, Dänen, Norwegèr, kommen gleich nach dem Deutschen, gefolgt von Amerikanern, Briten, Franzosen. Bei Polen, Rumänen, Bulgaren, wird der Abstand schon grösser. Unten sind dann Nord – Zentralafrikaner, Vietnamesen und Türken. Am besten dies noch nach den persönlichen Erfahrungen sortiert. Seit dem Ende des Kolonialismus sind sich alle halbwegs logisch denkenden Leute darüber einig, dass das weder zulässig ist, noch dem „Menschlichen Selbstverständnis“ entspricht. Wer so argumentiert, spricht sich quasi selbst das Menschliche ab. Die Maxime lautet: Alle Menschen sind gleichberechtigt! Die Beifügung eines Werts ist unzulässig. Ausserdem ist der Mensch Zweck in sich selbst und darf nicht zum Mittel gemacht werden, dass einen Zweck erfüllt. So die Vorstellung. Tatsächlich sieht es überall anders aus. Aber das Falsche kann nicht als Rechtfertigung herhalten.

Doch kommt es darauf überhaupt an? In erster Linie befinden sich andere Menschen in einer Notlage. Warum, wieso, wer, ist dabei Nebensache. Wenn ein Haus brennt, macht keiner von der Feuerwehr eine Hausabfrage und überlässt eine „schwierige“ Person ihrem Schicksal. Dies würde dem modernen Verständnis ethischen Handelns widersprechen.

Nun gibt es diejenigen, welche davon sprechen, dass die Personen in andere arabische Länder flüchten könnten. Woher weiss ich, welche Gründe bestanden, die gewählte Route zu nehmen. Keine Ahnung! Das ist aber ebenfalls irrelevant. Sie sind nun einmal dort, wo sie sind. Und dort besteht die Notlage. Rufe ich einem Ertrinkenden zu: „Selbst schuld Du Idiot, hättest ja nicht hineinspringen müssen.“? Eher nicht! Selbst wenn der Flüchtende darauf setzt, dass es ihm nach der Flucht in einem Land wie Deutschland besser geht, als in Saudi – Arabien, wo die Menschenrechte, auf die sich die Menscheit in der UN – Charta geeinigt haben, nicht umgesetzt werden, ist dies legitim. Nicht legitim ist es, das Fehlverhalten eines Anderen als Entschuldigung für sich selbst zu nehmen. Es sei denn, das Fehlverhalten des Anderen führt zu einer existenziellen Notlage. Insofern sollten sich die Damen u. Herren von der CDU/CSU, FDP, davor hüten, in ihre Leitkulturdiskussion philosophisch ethische Aspekte einzufügen. Sie könnten schnell ins Schleudern kommen.

2020 benutzt der türkische Autokrat Erdogan Menschen als Mittel für seine Expansionspläne. Möglich wurde ihm dies, weil sich die Europäische Union mittels Geld ihrer völkerrechtlichen Verantwortung entzogen hat. Flüchtlinge sollen kein freies Aufenthaltsbestimmungsrecht auf diesem Planeten haben. Das passt gut in die Linie von Christian Lindner oder des österreichischen Kanzlers und Dandy, Kurz. Beide vertreten die Meinung, das Menschen nicht selbst bestimmen dürfen, an welcher Stelle des Planeten Erde sie sich aufhalten. Das mag pragmatisch gut klingen, dürfte philosophisch aber nicht standhalten. Der Zufall bestimmt, wo ein Lebewesen geboren wird. Nationalstaaten, die es in der Menschheitsgeschichte erst kurze Zeit gibt, wurden künstlich aufgrund von temporären Machtverhältnissen, von wenigen Menschen erdacht. Der am höchsten entwickelte Säuger, hat demnach weniger Rechte, als alle anderen Lebewesen. Da kann etwas nicht stimmen. Nun gut, ich lass das mal so stehen.

Die EU hat sich quasi einen charakterlich äussert zwielichtigen Türsteher besorgt, damit die dekadente und elitäre Party ungestört weiter gehen kann. Der verprügelt wild Leute, die sich dann in die Disco fĺüchten wollen. Damit er sie nicht durchlässt, fordert er mehr Geld oder Unterstützung für die Prügelei vor der Tür, was logischerweise noch mehr Probleme erzeugt.

Erdogan hat wenig Probleme mit Ethik und Menschlichkeit. Aufkommende heilt er schnell mit dem Recht auf ein Osmanisches Reich. So einen hatten wir auch mal. Hätten die Allierten dem Flüchtlinge überlassen? Aber da war doch noch diese andere Nummer. 1939 liess Hitler zu, dass sich 937 Deutsche jüdischen Glaubens mit der St.Louis nach Kuba einschifften. Doch Kuba, die USA, Kanada und Grossbritannien verweigerten die Aufnahme. Deshalb landeten sie in Antwerpen, und wurden später in Lager gebracht. Irgendwie alles nicht Neu.

Friedrich Merz bzw. sein von ihm authorisiertes Team schrieb heute auf Twitter, dass sich 2015 nicht wiederholen dürfe. Also die Verhinderung einer immensen Gefahrenlage für Frauen, Kleinkinder, Männer. Man müsse die Grenze mit Unterstützung der griechischen Einheiten geschlossen halten. Der für mich rechtsradikal anmutende Ehrenvorstand der AfD Gauland sprach in einem Interview von schwer auszuhaltenden Bildern, die man hinnehmen müsse. Also war ihm bewusst, was eine Grenzschliessung für Folgen hat. Doch das entstehende Leid bis hin zum Tod von unschuldigen Menschen sieht er durch höherrangiges Recht der Deutschen Nation gerechtfertigt. So kann man nebenbei jeden Krieg rechtfertigen. Seine Parteifreundin Beatrix v. Storch formulierte die notwendigen Massnahmen aus, in dem sie vom legitimen Schusswaffeneinsatz sprach. Die anderen Parteien reagierten mit künstlicher Empörung, wohl wissend, das es genau dazu kommen wird. Nur sehr seltsame Zeitgenossen nehmen an, dass sich unterkühlte, durchnässte, hungrige, durstende Menschen, die Kleinkinder dabei haben, auf Dauer friedlich auf den nahenden Tod vorbereiten. Selbstverständlich attackieren die mit allen Mitteln die sichernden Posten. Die wiederum erst mit Tränengas und später mit Schüssen reagieren. Merz und Konsorten muss dies auch bewusst sein. Wo genau liegt denn jetzt bei diesem Punkt der Unterschied zwischen ihm und Gauland? Bisher fiel nichts in Richtung durchlassen, aber mit Identitätsfeststellung. Dies wäre akzeptabel.

Wir stehen erst am Anfang. Überall verhärten sich die Fronten. Israel gegen die Palästinenser. Schiiten gegen Sunniten und Alewiten. Türkei gegen Syrien. Russland mischt mit. Die USA liegt immer noch mit dem Iran im Clinch. In Afrika wird es zu mehr Dürren kommen. Aus dem ehemaligen Ostblock kommen Armutsflüchtlinge. Was wir brauchen, sind Lösungen, wie wir in Deutschland, Europa, mit massenhaften Bevölkerungsverschiebungen klar kommen und neue Gesellschaftsmodelle organisieren. Im Prinzip die logische Konsequenz der Politik aus den Jahrzehnten zuvor. Der Kolonialismus, die zahlreichen Interventionen und Stellvertreterkriege zeigen ihre Folgen. Die Alternativen wären konsequentes Einmarschieren in die destabilisierten Länder oder ein Verteidigungskrieg an den Aussengrenzen der EU. Die EU als ein orwellsches Eurasien, welches sich Ozeanien und Ostasien in einem Kalten Krieg befindet und einige Gebiete, in denen sich die Abgehängten für die Großen prostituieren oder verrecken. Will man das? Ich hoffe nicht. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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