Angst

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Angst! Angst vor Krankheit, Viren, Bakterien, Fremden, Existenzverlust, Strafen, Geldbussen, Unfällen, Verluste im Allgemeinen, sind der alltägliche Begleiter in vielen europäischen Staaten.

Es ist nicht die Furcht im Angesicht von etwas Konkreten. Der Organismus befindet sich in einem dauerhaften Alarmierungszustand und dem inneren Zustand müssen Anlässe zugeordnet werden.

Es ist eine Art Suppe, in der viele Köche ihre Zutaten hineingegeben haben. Längst geht das weit über die im Existenzialismus formulierte Angst vor der Freiheit hinaus. Freie Entscheidungen zu treffen, die alleinig auf einen selbst zurückfallen und so das Abschieben einer Verantwortung auf einen anderen, eine höhere Instanz unmöglich machen. Die Schuld für das eigene Leben, weil einem die getroffene Entscheidung anderer Optionen beraubt. Wer sich für eine Ehe entschliesst, gewinnt und verliert gleichzeitig. Wer sich für ein Studium entschliesst stellt Weichen, die Gewinne, aber eben auch Verluste versprechen, weil ein anderer Lebensweg einen abweichenden Verlauf nähme.

Da ist es verlockend, sich gegen die Freiheit zu entscheiden und die Steuerung abzugeben. Doch ist eben auch dies ein Akt der Freiheit. Wie Sartre es formulierte: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Es obliegt mir selbst, meinen eigenen Kompass auf die Landkarte des Lebens zu legen oder mich gegenteilig an den Vorgaben seitens anderer zu orientieren.

Diese Freiheit ist ein Dilemma. Sie ist nämlich keine Freikarte für Hemmungslosen Egoismus, sondern unterliegt einer Logik. Erst wenn ich allen Individuen Freiheit zugestehe, kann ich selbst frei sein. Deshalb mündet der Existenzialismus eines Sartre, Camus, Simone de Beauvoir, Jaspers, immer im Politischen.

Meiner Auffassung nach, kann ein Mensch, der die Angst nicht überwindet, unmöglich frei leben. Die Angst vor dem Altern, die Krankheit und dem Tod gilt es zu überwinden. In buddhistischen Texten stiess ich auf eine interessante Frage. Warum vor etwas Angst haben, was mit absoluter Sicherheit eintreten wird? Ich kann anstellen was ich will, Krankheit, Alter, Tod, wird mich ereilen. Darauf muss ich mich vorbereiten, eine Praxis des Denkens finden, die mir den Umgang damit ermöglicht.

Wir sind in ein natürliches System eingebettet, welches so hoch komplex ist, dass wir es nicht in Gänze verstehen können. Auch der Körper, welcher den „Geist“, das „Bewusstsein“, beherbergt, ist Teil dessen. Ob es nun einige wahr haben wollen oder nicht, es ist so. Jeder, der dachte, es entschlüsseln zu können, ist gescheitert. Und Versuche gab es genug. Jeder Eingriff, ist am Ende das Ergebnis von Entscheidungen, die Folgen haben. Vorteil – und nachteilige! Die Ausrottung diverser Geisseln der Menschheit hatten Vorteile, vor allem für das Individuum, für das Gesamtsystem kann es nicht ermessen werden. Wir wissen schlicht nicht, ob es eine gute Idee war, die Dezimierung der Population zu verhindern. Es heisst immer: Der Unbetroffene hat leicht reden, wie würde sie/er reden, wenn es ihn selbst beträfe? Anders! Das liegt in der Natur der Sache. Egal bei welchem Thema. Frage ich einen Bauern nach dem Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden, Hormonen, Antibiotika, bekomme ich eine andere Antwort, als wenn ich einen Biologen auf der Metaebene befrage. Befrage ich bei einer Geiselnahme ein Opfer, fällt die Antwort nachvollziehbar anders aus, wie die des Einsatzleiters der Polizei. Die Israelis haben hierauf knallhart reagiert. Geiseln werden nicht freigekauft bzw. wird auf die Forderungen nicht eingegangen. Jeder Israeli weiss das und muss sich damit abfinden. Auf der Ebene eines Betroffenen zu denken, ergibt vielfach keinen Sinn.

Das bedeutet für mich, dass ich mir bereits vor Eintritt einer konkreten Situation, einige Gedanken machen sollte und eine Haltung finden muss. Der Tod wird mich eines Tages betreffen. Der Alterungsprozess hat bereits eingesetzt. Und Krankheiten werden kommen und gehen. buddhistische Mönche ziehen einen längeren Leidensprozess einem plötzlichen tödlichen Unfall vor. Das ist ein Resultat der Überzeugung, dass einem die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Leben einiges nach dem Tod erspart, wenn es um die Neuorientierung bei der nächsten Inkarnation geht. Das ist stark vereinfacht formuliert, aber ich denke, dass dies dem Gedanken im „Buch der Toten“ (Tibetanischer Buddhismus) recht nahe kommt.

Auch in der Antike wurde die Akzeptanz des Umstands, dass niemand etwas über die Länge seines Lebens wissen kann, gefordert (u.a. Nachzulesen bei Sencea „Über die Kürze des Lebens“). Damit verbunden ist die Forderung nach der Auseinandersetzung mit den Dingen, die das Leben tatsächlich ausmachen. Ist es die Arbeit? Das Verdienen von Geld? Die Liebe? Die Bindung zu einem Partner? Der gepflegte Garten, welcher die Missgunst der Nachbarn abwendet? Das Aussehen? Die Verantwortung gegenüber Nahestehenden? Statussymbole? Normengerechtes Verhalten? Die politische Gestaltung des Umfelds? Das gesellschaftliche Engagement?

Dies alles sind Fragen, die zu beantworten sind und das Ergebnis wird sich im Verlaufe eines Lebensprozesses verändern. Wobei ich nicht ausschliesse, dass es Zeitgenossen gibt, die bis zum Lebensende in einer Antwort hängen bleiben.

Hinsichtlich der aktuellen Situation, die durch Corona entstand, stehen unterschiedliche Entscheidungen an. Viren sind ein unverzichtbarer Bestandteil des Gesamten. Sie haben wie alles andere ihre Funktion. Manche gefallen uns nicht, aber das steht für das System nicht zur Debatte. Manche machen uns krank, andere schützen, u. wie sähe das evolutionäre Ergebnis Mensch ohne den Einfluss von Viren aus? Viren sind ein maßgeblicher Faktor in der Evolution. Wir wissen es nicht! Jeder Virus, der nicht zwingend den Tod herbei führt, lässt den Fortbestand der Spezies Mensch zu. Nebenbei eine recht ausgeklügelte Systemfunktion. Es wäre für das Virus eine schlechte Strategie, alles zu vernichten. Wobei Viren nicht denken, sondern leblos sind. Wir können sie nicht wie Bakterien abtöten, sondern nur zerstören. Ein Angreifer, der auf seinen Wirt angewiesen ist. Bei den mit funktionierenden Immunsystem erfolgt eine erfolgreiche Abwehr, andere sterben. Dieses Spiel dauert schon einige Millionen Jahre an. Hinzu kommt der Konkurrenzkampf der Viren untereinander. Wird durch den Kampf der Medizin gegen ein Virus Platz geschaffen, reiben sich andere Viren die Hände und alles geht von vorn los.

Ich fand lange die Vorstellung gruselig, dass große Teile des für mich sichtbaren Körpers gar nicht mein eigentlicher sind, sondern unvorstellbare Mengen Bakterien und Viren, die ständig ein Gleichgewicht erkämpfen. Jeder, der unter Waschzwang leidet, weiss um die Folgen, wenn man dieses Gleichgewicht ständig zerstört. Oder wie mir letztens ein kanadischer Paramedic erläuterte, dass meine Old – School Desinfektion mit Wodtka nur der Notfall sein sollte, weil ich auch alle mir freundlich gesinnten Bakterien platt mache.

Vordergründig hat unsere Gesellschaft in Teilen ein Gewissen für Schwache, Kranke und Alte entdeckt. Vergessen ist das Abschieben von einsamen Alten in Altersheime. Der kapitalistische Grundgedanke, dass Pflegeheime, Krankenhäuser und Hospize Gewinne abwerfen müssen, wird im Bewusstsein weit nach hinten gedrängt. Die geringe Bezahlung der Pflegekräfte, jahrelang billigend, wenn nicht sogar gefühlskalt akzeptiert und durch Wahlen bestätigt, ist plötzlich niemals toleriert worden.

Zur Erinnerung 1998 formulierte der damalige Ärutekammerpatient Vilmar im Angesicht der seitens der SPD geplanten Sparmassnahmen im Gesundheitssystem: „Dann müssen die Patienten mit weniger Leistung zufrieden sein, und wir müssen insgesamt überlegen, ob diese Zählebigkeit anhalten kann, oder ob wir das sozialverträgliche Frühableben fördern müssen.“

Die Leistungen der am Wiederaufbau beteiligten deutschen Rentner wurde oftmals laut und gern vollmundig erwähnt, in der Rente, Pflege, sozialen Engagement, spiegelte sich dies nicht. Doch es rührend, wie plötzlich alle ihre Omas und Opas lieben. Mit meinen Beobachtungen, den einsam und elend verstorbenen Frauen und Männern, die ich nach wochenlanger Liegezeit in verwahrlosten Wohnungen sah, hat das keine Deckung.

Die aktuelle auf Emotionen basierende Teilkampagne, dass die Massnahmen dem Schutz von Alten u. Schwachen dient, ist insofern widerlegt. Es klingt nett, ist aber leider Heuchelei.

Die überall kursierenden Zahlenspiele sind ebenfalls sehr merkwürdig. Bei Verstorbenen, die an Krebs, Immunschwächen, altersbedingten Schwächen, litten dürfte es bei einer Autopsie äusserst schwierig werden, die eigentliche Todesursache zu benennen. Eins ist immer festzustellen, der Organismus war nicht mehr in der Lage mit den Gegebenheiten klar zu kommen.

Bezüglich des Gesundheitssystems lohnt sich meiner Meinung nach, ein Blick in andere Länder. In der überwiegenden Zahl dürfte die Feststellung eines oder mehrerer Corona Infizierter bzw. Todesfälle kaum möglich sein. Zum Beispiel kann Laos Fälle aus Luang Prabang bzw. Vientiane melden. Im Norden sterben die Menschen einfach. Corona dürfte bei den zahlreichen Minen, dem Sterben an Infektionen der Zähne, Sepsis, pp., das geringste Problem sein. Wenn Opa in der Hütte stirbt, ist er ein glücklicher Mann, ob er nun Corona, eine Opium Pfeife zu viel oder ein offenes Bein hatte, ist irrelevant.

Ich hab auf Langkawi einige „Locals“ befragt, ob sie im Falle von Corona Symptomen zum Arzt gehen würden. Kopfschütteln! Panadol, zu Hause bleiben, auskurieren oder sterben. Ende! Alles andere wäre finanziell nicht zu verkraften. Kua Lumpur melder brav Fälle. Kein Wunder! Die haben ein Gesundheitssystem für viele anwesende Reiche.

Selbsterklärend ist Europa das aktuelle Corona Epizentrum. Leute gehen zum Arzt, Tote werden auf Corona untersucht und die Zahlen werden erfasst. Bei der hohen Ansteckungsrate sind alle Zahlen aus Asien höchst zweifelhaft. Traditionell essen die Menschen gemeinsam mit den Fingern, teilweise in dem sich alle aus einem Topf mit Reis bedienen. Alle vorhandenen Zahlen stammen vornehmlich aus städtischen Gebieten. Die Lage auf dem Land ist völlig unbekannt.

Notgedrungen, sterben oder überleben die Menschen ohne Gesundheitssystem. In besonderen Härtefällen oder beim Vorhandensein der notwendigen finanziellen Mittel sieht es anders aus. Zum Beispiel könnte ich hier jederzeit auf aller höchsten Niveau versorgt werden und wäre dann ein Fall in der Statistik.

Selbstverständlich hätte dies alles auf unsere Gesellschaft, Lebensrealität, Gewohnheiten, massive Auswirkungen. Ich denke, nahezu alles würde sich verändern. Deshalb empfinde ich Corona als eine Taschenlampe, mit der sich die dunkelsten Ecken unseres Systems ausleuchten lassen.

Die Angst, ist ein wesentlicher Faktor in unserer Gesellschaft. Ein politisches und wirtschaftliches Mittel. Erste Verschwörungstheoretiker mutmaßen ein gezieltes Verwenden des Virus. Das ist dann doch arg weit her geholt. Nein, dass hat sich schlicht verselbstständigt. Das jahrelange Verwenden der Angst hat eine Kultur erschaffen, die ohne sie nicht mehr auskommt. Im Konfliktmanagemen lernt man den verbindenden Charakter von Konflikten u. Streit kennen. Werden die Konflikte eines sich stets streitenden Ehepaars gelöst, fehlt den Streitenden plötzlich der Klebstoff, die Basis der Ehe. Instinktiv eröffnen sie weitere Felder, um die Ehe zu retten. Hätten die Leute in Deutschland nicht mehr ihre Angst, bräche das bestehende System zusammen. Deshalb gehen sie wütend auf jeden los, der beschwichtigen will oder gar die Angst negiert.

Die Angst ist zum Ratgeber bei der Lebensgestaltung geworden. Oftmals ernte ich wenig Verständnis, wenn ich als meinen besten Ratgeber den Tod benenne. Das hab ich mir bei Vera Birkenbihl abgeschaut, deren Worte bei mir auf fruchtbaren Boden fielen. Würde ich das Aktuelle tun, wenn mir der Zeitpunkt meines Todes bekannt wäre? Ein unabwendbares Ende, welches für mich jegliches Schrecken verloren hat, zu mal ich auf mein Leben zurück blickend überrascht bin, noch da zu sein. Jeder Tag ist ein Geschenk, mit dem ich bei den von mir eingegangenen Risiken nicht rechnen konnte. Seit ich ruhiger geworden bin und Abstand gewonnen habe, erkenne ich, wie oft ich als Kamikaze unterwegs war.

Angst? Ein schlechter Ratgeber! Furcht, im Angesicht von etwas Konkreten, lässt mich vorsichtig handeln, meine Schritte abwägen, bedächtig die Lage analysieren. Angst macht mich zum Spielball, der willkürlich herum gekickt wird.

Als Teil der Gesellschaft muss ich mich dem Diktat der Mehrheit bedingt fügen. Wenn diese die Endlichkeit, das Alter, die Risiken schwerer Krankheiten, nicht mehr hinnehmen hat dies mannigfaltige Auswirkungen auf mein Leben. Ich muss Bekundungen unterschreiben, dass ich nicht zum Versuchskaninchen der Hightechmedizin werde. Wenn ich einer Krebsbehandlung entgehen will, muss ich mir für einen Suizid etwas Kreatives einfallen lassen. Shutdowns, Grenzschliessungen, Hamsterkäufe, Kontrollen, Preisgabe meiner Kontakte habe ich hinzunehmen, wie auch vermutliche Folgemassnahmen. Im Magazin FOCUS wurden die Massnahmen in Taiwan, wo die Verfolgung der Personenbewegungen mit einer App ermöglicht wurde, bejubelt. In Zeiten von Smartwatches eine einfache Sache. Es ist eine Frage der Zeit, in der diese zu einem verpflichtenden Accessoire werden. Ich habe in der Polizei gelernt, dass Dinge, die seitens einer Behörde laut ausgesprochen werden, eines Tages auch kommen. Hierzu gehört auch die verstärkte Auswertung von Smartphone Daten. Mit Sicherheit beobachten Militärstrategen das Verhalten der Staaten und ermitteln, inwiefern dies taktisch auf den Einsatz biologischer Waffen anwendbar ist. Hoch interessant wird der Zeitpunkt, an dem die Pandemie nachweislich auf die Flüchtlingsströme einwirkt. Da kommt noch einiges auf uns zu.

Freiheit war und ist einigen Theoretikern schon immer ein Dorn im Auge. Angefangen bei den großen Religionen, weiter in diversen gesellschaftlich philosophischen Ansätzen, in Wirtschaftstheorien u. auf Kontrolle ausgelegten Gesellschaftssystemen. Das Problem besteht in der geschaffenen Faktenlage. Viele Gesellschaften haben die Selbstregulierung verlernt bzw. freiwillig an die Administration abgegeben. Das Resultat ist eine in Teilen beinah unfreiwillige diktatorische Verwaltung.

Ich persönlich glaube, dass ein Paradoxon entsteht. Je reicher, organisierter ein Staat ist, desto mehr ein Gesundheitssystem ein Heilsversprechen gibt, die Diskrepanz zwischen einem normalen Lebensablauf mit seinen Risiken und den politischen Illusionen ist, um so weniger Freiheit gibt es.

Bei den Versuchen gegen den Willen der Mehrheit kommunistische Theorien umzusetzen, starb die Freiheit offen und mit Ansage. Im Kapitalismus wird sie als Illusion verkauft, ein Ersatz, der nichts mit Freiheit im eigentlichen Sinne zu tun hat. Manch eine Gesellschaft ist arm, die Lebensrisiken sind höher, aber dafür frei. Ein Tribut! Die Suche nach optimalen Lösungen dauert an. Auf jeden Fall ist es nicht einfacher geworden echte Freiheit zu erleben.

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