Nachruf

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Ich hab in den letzten Tagen überlegt, wann wir beide uns kennenlernten. Ich hab’s vergessen. Woran ich mich erinnere, ist der Umstand, dass wir uns in Etappen näher kamen. Damals war ich noch aktiv im Dienst und Du warst einer der wenigen, die meinen Job pervers fanden. Wir saßen nachts beim Bier zusammen und ich wurde alarmiert. „Das ist doch kein Leben!“, meintest Du. Wir haben so einige Nächte miteinander verbracht. Wir sprachen über unsere Vergangenheit. Du erzähltest, wie Du in den 80gern für die etwas grösseren Dealer Koks transportiert hast. Dann stellten wir fest, dass ich einen Deiner Kumpel festgenommen hatte. Beide konnten wir darüber lachen.

Ein anderer Freund von mir betreute einst einen Jungen, der wegen eines Autounfalls in der Schwangerschaft in seinen Fähigkeiten stark eingeschränkt war. Du lerntest später die Mutter kennen und hast Dich um den Jungen gekümmert. Überhaupt hattest Du eine seltene selbstverständliche Art an Dir, Schwächeren zu helfen. Dein Alter hatte Dich nach Strich und Faden vermöbelt, bis Du alt genug warst Dich zu wehren. Dafür bestraften sie Dich. An eine Gerechtigkeit von oben her, glaubten wir beide nicht. Aber an eine im direkten Umgang. Ich muss immer an die Rentnerinnen denken, die Du in der Gegend herum kutschiert hast. „Omas helfen!“, nanntest Du das.

Du warst Florist, Lagerarbeiter, Lehramtsstudent, Taxifahrer, Krankenpfleger, das Leben hatte Dich weit herum gebracht. Frauen adoptierten Dich quasi. Irgendwie hast Du bei Ihnen Muttergefühle ausgelöst. Während sich meine Ex – Freundinnen lieber gegenseitig gemeuchelt hätten, fuhrst Du mit allen zusammen in den Urlaub. Griechenland war Dein Ding. Du konntest sogar etwas Griechisch.

Du hattest einen kleinen Schönheitsfehler. Man durfte Dir keinen Schnaps geben. Dann wurdest Du ein wenig zu ehrlich. Und Du hattest diese Fahrradsammelmacke. Keins war vor Dir sicher. Wollten wir nicht mal zusammen eine lange Tour machen?

Bei mir zu Hause tranken wir Wein und lästerten über die anderen. Und wir beide kannten eine Menge seltsamer Vögel. Oder Du holtest mit dem Taxi meine leeren Falschen ab, so dass die Nachbarn dachten, ich wäre ein Snob.

Manchmal hast Du meine Tochter nach Hause gebracht, wenn Du sie an der Haltestelle stehen sahst. „Ich pass auf sie auf, wenn Du im Dienst bist!“, sagtest Du zu mir.

Oder wir warfen im hohen Bogen Typen aus der Kneipe, die sich nicht benehmen konnten. Zack! Ohne Absprache, zwei Griffe … Bye, Bye!

Wie viele Jahre waren es? 10, 15 Jahre? Höhen und Tiefen! Meistens mit wenig Geld, aber viel Spass. Du wusstest oft mehr, als andere, obwohl man es Dir in der Jugend nicht leicht gemacht hatte.

Tja … und dann kam plötzlich das alte Arschloch Krebs zu Dir. Von einer Stunde auf die andere, Krankenhaus, Chemo … Tod! Ich werde nie vergessen, wie Du mir eindringlich sagtest, ich solle mir von niemanden mehr etwas sagen lassen. Mein Leben leben, solange es irgendwie geht. Ich glaube trotz aller Versprechungen, war Dir bewusst, das es zu Ende ist.

Ich sollte mich heraus halten. Du wolltest kein Mitleid oder Trauer meinerseits. Ich hab mich daran gehalten. Deshalb sahen wir uns nicht mehr. Wir hatten viel stillschweigendes gemeinsam. Trotz unserer unterschiedlichen Lebensverläufe gab es Orientierzngspunkte, an den wir auf ähnliche Weise durchs Leben navigierten.

Mach’s gut. Du hast viel bewirkt und diese Welt ein wenig besser gemacht. Viele werden sich gut an Dich erinnern und durch Deinen Einfluss geprägt sein. Danke, dass ich eine Zeit mit Dir teilen durfte. Ich werde Dir vermutlich nicht bei der Beisetzung die letzte Ehre erweisen können. Deshalb mein Freund, diese Worte, als Erinnerung an Dich. Angeblich vergisst das Internet nichts.

3 Kommentare zu „Nachruf

  1. Ein ehrlicher, sehr menschlicher Nachruf. Er ehrt den Verstorbenen ohne Süßholz zu raspeln oder schönzureden. Wahrscheinlich hätte ihm dieser Nachruf gefallen.

  2. Seit gut einer Woche sitze ich, seit gut zwanzig Jahren als Taxifahrer sein Kollege und Kumpel, zu Hause und verstecke mich vor diesem Sch… Virus. Dabei haben wir die letzen Monate mit ihm gebangt und uns bei jeder noch so kleinen positiven Nachricht gefreut; auch wenn diese in den letzten Wochen immer weniger wurden.
    Wie gesagt, ich bin seit gut einer Woche zu Hause und habe erst heute durch Troelles Nachruf von seinem Tod erfahren.
    Troelle beschreibt ihn, wie er war. Vieles was er schreibt habe ich ähnlich erlebt.
    Und ich musste lächeln.
    Und ich wurde dankbar. Dankbar, dass ich ihn gekannt habe.

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