Gedanken im Exil auf der Südhalbkugel …

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Unfraglich ist die Isolation ein gutes Mittel gegen eine Viruserkrankung. Theoretisch wäre die absolute Sicherheit bei der maximalen Isolation jedes Individuums gegeben. Denkbar wären auch eine kleine Gruppen, die weit voneinander getrennt leben. Theorie! In der Praxis nicht realisierbar. Das moderne Leben erfordert Abweichungen u. die Viren bekommen eine Chance.

Die befallenen Wirtskörper sind dem Angriff nicht schutzlos ausgeliefert. Das Immunsystem wird aktiviert. Ist der Betroffene gesund, ausreichend versorgt, weist keine Mangelerscheinungen oder leidet nicht an gravierenden Krankheiten steigen die Chancen, dass die Abwehrkräfte funktionieren. So weit klar.

Noch in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts sprach die Natur Todesurteile, die heute keine mehr sind. In den Wohlstandsstaaten können die übelsten Krankheiten behandelt werden und kommt es nicht zur Genesung wird wenigstens Zeit herausgeschunden. Knallhart: Der Mensch hat der Natur Lebenszeit abgerungen, die im natürlichen System eigentlich nicht vorgesehen ist.

In der Regel wird dies als selbstverständlich angesehen. Nur wenige, meistens Angehörige von Religionen, lehnen dies ab und lassen das Leben lieber enden. Andere bekommen nicht die Chance einer Wahl. Z.B. sterben in Nord – Laos die Menschen an simplen Infektionen.

Der Tod geht immer mit einer Lebenshaltung einher. Religion bedeutet im eigentlichen Sinne die Annahme, dass der Tod das Ende der körperlichen Hülle ist, jedoch nicht dessen, was sich in dieser Hülle befand. Ein weites Betrachtungsfeld, welches unzählige offene Fragen hinterlässt. Selbst die volkstümliche Antwort: Muss man halt glauben oder nicht, ist noch keiner zurückgekommen, der berichten könnte, ist zumindest aus Sicht der Religionen nicht korrekt. Laut Christentum kam Christus wieder und Buddha entschied sich angeblich, für eine begrenzte Zeit aus dem Nirvana zurück zu kommen.

Tod ist der Antagonist zum Leben. Lao Tze hat dies als eine Aufforderung verstanden. Verharren, spröde, hart, ohne geistige Auseinandersetzung zu sein, sich von anderen bewegen zu lassen, statt sich selbst zu bewegen, sind Attribute toter Gegenstände, der lebende Mensch verhält sich gegenteilig.

Es herrscht die allgemeine Überzeugung, dass der Mensch nicht anders kann, als immer noch einen Schritt weiterzugehen. Eine klare falsche Annahme. Die Amish beweisen mit ihrer Lebensart, dass auch dies eine freie Entscheidung des menschlichen Geistes ist und er nicht Sklave eines Naturgesetzes ist. Doch wenn es eine ist, stellt sich die Frage nach dem „Warum“. Warum entscheiden sich Wissenschaftler jeden Tag neu, alles Machbare umzusetzen und unter Umständen die Büchse der Pandorra zu öffnen? Warum sagt keiner: Da gehen wir lieber nicht heran!

Bisweilen geht dies in skurile Richtungen. Menschen entsenden auf der Suche nach anderem Leben im Universum Signale ins Weltall. Stephen Hawking hatte seine Zweifel daran, ob dies eine gute Idee ist. Immerhin wäre eine Spezies, die das Signal deuten kann und auch noch einen interstellaren Flug hinbekommt, um ein Vielfaches weiter. Vielleicht wäre es sinnvoller, sich zu verstecken. Doch dies am Rande.

Mit den Massnahmen gegen Corona versucht die Menschheit dem natürlichen System erneut zu trotzen und es zu umgehen. Das ist nur möglich, in dem andere Dinge, die das Leben ausmachen, wenigstens temporär geopfert werden. An allen Stellen wird die Freiheit beschränkt. Unter anderen geht es um das Stoppen des exponentiellen Wachstum bzw. Ausbreitung. Wie geht eigentlich das natürliche System damit um? Besonders aggressive Viren können sich in der Natur nicht wirklich durchsetzen. Das übermässige Sterben der Wirte, bedeutet den Verlust der Lebensgrundlage, der/das Virus stoppt sich quasi an der Logik. Nur wenn genug Wirte übrig bleiben, erfolgt eine weite Verbreitung. Wobei die Zahlen brutal sein können. Die Pest Epidemien haben gezeigt, wie hoch die Verluste werden. Mit der Quarantäne/Isolation stellen sich aus der Sicht des Virus Gesellschaften quasi tot. Ein Luxus, den sich viele nicht leisten können. In Indien explodiert gerade der Hunger, weil die Leute nicht mehr dem normalen Leben nachgehen können. Aus Indien erreichten mich in letzter Zeit Nachrichten und Bilder, die für einen Europäer nicht erfassbar sind. Ein bösartiges Dilemma. Hungertod/Entkräftung vs. Corona Erkrankung mit ungewissen Ausgang u. möglicher Verbreitung. #Stayhome ist ein Luxus und wer locker vom Hocker diesen Hashtag benutzt, hat von der Welt wenig gesehen. Es fragt auch kaum einer nach, unter welchen Umständen die Milliarden Gesichtsmasken produziert werden. In Bangladesh, Pakistan, Vietnam, ist unter diesem Gesichtspunkt #Stayhome eine Farce.

In den letzten Tagen wurde meiner Auffassung nach völlig zu Recht eine vergleichende Diskussion zum Thema Klima und Corona geführt. Gemäß einiger renommierter Wissenschaftler besteht ein Zusammenhang. Zum einen wird die Nähe zwischen Mensch und anderen Spezies näher, andererseits verbreiten sich Spezies in Regionen, wo sie zuvor nicht heimisch werden konnten. (z.B. die asiatische Tigermücke) Hierdurch haben Viren vermehrt die Chance, die Schranken zwischen den Spezies zu überwinden. Die Veränderungen beim Klima wirken auf Pandemien katalytisch.

In einem Diskussionsbeitrag bezeichnete ein Bekannter den Klimawandel als abstrakt, Corona hingegen konkret. Ein typisch europäisches Argument. Für Asiaten ist der Klimawandel konkret existent, erlebbar und vor allem unfraglich. Diverse Insulaner leben ebenfalls sehr konkret damit. Schlicht zehn Jahre früher, weil dann die Veränderungen dort auch Auswirkungen in Europa haben und der Kontinent mit seinen gemässigten Voraussetzungen einiges an Steigerungen ab kann. Der Tipping Point ist schlicht verschoben. Exponentiell sind die Auswirkungen der Klimaveränderungen ebenfalls. Eine minimale Änderung hat x Folgen, die wiederum x weitere nach sich ziehen. Aber dennoch sind die Menschen nicht bereit zu handeln. Analog zu Corona wäre beispielsweise eine Rückentwicklung eine radikale Option. Undenkbar für Leute, die nicht gerade den Amish angehören. Lebten alle wie sie, würde sich das Klima schnell stabilisieren und die Zerstörung der Lebensräume hätte ein Ende.

Ein Freund bezichtigte den Philosophen Precht der Bigotterie, weil er einerseits die mangelnden Massnahmen in Sachen Klima bemängelte, im Gegenzuge aber an einer öffentlichen Veranstaltung teilnahm, die zur Ausbreitung des Virus beitragen kann. Ich finde, dieser Vorwurf ist nicht sauber durchdacht.

Der Virus ist ein Teil des natürlichen Systems, welches die Spezies Mensch in seine Schranken weist und selektiert. Die Veränderungen des Klimas sind, auch wenn einige dies aus Gründen heraus nicht einsehen wollen, menschlichen Ursprungs und wirken sich auf alles Lebende auf diesem Planeten aus. Wenn andere Spezies könnten, würden sie vermutlich dem Virus Beifall klatschen, weil der Widerling Mensch endlich mal wieder eine Klatsche bekommt.

Maßnahmen zum Stoppen des bereits eingesetzten Veränderungsprozesses durch Zerstörung und massive Eingriffe ins ökologische System, gehen weit über das Temporäre und die Spezies hinaus. Aus Handlungen folgen Verantwortungen. Fraglich ist, inwieweit der Mensch bereit ist, eine Verantwortung zu übernehmen und vor allem, wer sollte ihn in diese bringen? Sie bedeutet, dass ich mich irgendjemand oder irgendetwas gegenüber rechtfertigen muss. Wer sollte mich in 40 Jahren zur Rede stellen? Das klappt nur bei religiösen Menschen, die in der Sorge leben, auch nach dem Tod zur Rechenschaft gezogen zu werden.

„Blame you!“, sagte Greta und zog damit den Zeitpunkt der Verantwortung in die Gegenwart. Die Folgen sind bekannt. Empörung, Aggressionen, Widerstand, Hass! Die klassischen Abwehrreaktionen der Ertappten! Derjenigen, die sich objektiv darauf verlassen, niemals zur Verantwortung gezogen werden zu können. Es gibt Berichte von jungen Soldaten im II. Weltkrieg, die vergewaltigten, weil sie ein Bedürfnis hatten und auf dem Weg zur Front ohnehin mit allem abgeschlossen hatten.

Dann gibt es noch die Überlegung, wie diese Verantwortung für die Nachwelt aussieht. Manch einer kommt zum Schluss, dass ihr Genüge getan ist, wenn traditionell der direkten Nachfolgeschaft ausreichend Werte hinterlassen werden, damit diese selbst in schweren Zeiten gegenüber anderen bestehen können. Oder wenigstens die Voraussetzungen geschaffen werden, dass irgendein genialer Wissenschaftler den Stein der Weisen in Sachen Energie findet. Ein interessanter Glaubensansatz. Er beruht auf der Annahme, dass der Mensch bisher immer eine Lösung gefunden hat, ergo erneut eine finden wird! Ein Beweis, dass dem so sein wird, kann nicht erbracht werden. Es ist die Hoffnung, dass meine Fehler ein anderer ausbügeln kann, weil es sonst richtig Ärger gibt. Noch anders, ist dies das Vertrauen eines Kindes in die Eltern, dass die es irgendwie richten können und sich das Geschehene als weniger dramatisch erweist, als es im Moment erscheint. Nun ja … Erwachsene lernen oft, dass ein Schaden oder Handeln sehr wohl dramatisch sein kann. Aber es ist auch das Denken der Atomwissenschaftler der 70ger, die die Hoffnung hatten, dass ein Genie in den kommenden Jahrzehnten eine Idee hat, wie man mit dem Höllenzeug Atomarer Abfall umgeht.

Der neue Glaube basiert auf die unbegrenzten Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz. Er hat seine Schwächen. Komplexe Programme haben ihre Bugs und ihre Beseitigung verbessert die Funktionalität. Viele der Bugs zeigen sich erst bei der umfassenden Anwendung eines Programms. In einigen Anwendungsgebieten, ein Kamikaze Unternehmen. Zum Beispiel bei militärischen Abwehrsystemen, die auf KI gestützt sind. Irgendwann hat das System in der Entwicklung scheinbar verstanden, dass eine Eruption, technischer Unfall mit Explosion oder ein Erdbeben kein atomarer Raketenangriff ist. Nimmt man das System in Betrieb, müsste man seinen Gegner um ein paar Angriffe bitten, damit sich die versteckten Bugs zeigen. Der menschliche Faktor wird den Glauben an die KI hoffentlich noch lange sabotieren.

Precht! Wäre die konsequente Überwindung der viralen Bedrohungen aufs Gesamte gesehen, überhaupt erstrebenswert? Ich finde: Nein! Die Folgen sind unabsehbar. Der Eingriff ins natürliche System, mit den Folgen Klimaänderung und Umweltzerstörung geht in die gleiche Richtung. Stopp! Die Folgen fürs Gesamte sind unkalkulierbar. Theoretisch steht es in der Macht des Menschen, den Planeten unbewohnbar zu machen. Aber es wäre doch irgendwie Schade! Oder?

Precht macht noch etwas anderes. Er dreht das Verhältnis um. In seiner Aussage sollten sich die Schwachen vor den Starken schützen, und nicht diese zum Schutz auffordern. Beim Klima funktioniert das neuerdings. Das natürliche System schlägt mit auf Logik basierenden Abläufen zurück. Dezimierung und Ausbremsen des Menschen verschafft ein wenig Luft. Doch vermutlich ist es vermessen die Natur als schwach zu bezeichnen.

Wer die Möglichkeit hat, sollte sich als Schwacher im Krankheitsfall zurück ziehen. Das ergibt mehr Sinn, denn sich auf die Gesunden zu verlassen. Arme, die diese Option nicht haben, sind in unserem System ohnehin im Besitz der Arschkarte. Gleiches gilt für arme Länder. Intensivmedizin, die das Überleben lebensbedrohlicher Krankheiten möglich machen, ist dort ein Fremdwort. Die Leute versuchen dort klassisch mit grösseren Familien zu reagieren, damit wenigstens ein paar wenige zur aktiven Versorgung zur Verfügung stehen.

Ich finde Precht hat Recht und Bigotterie kann ich nicht erkennen. Zwischen dem auf der Hybris des Menschen basierenden Zerstörungsprozesses und der Abwehrreaktion des natürlichen Systems bestehen Unterschiede. Pandemien gehören zum natürlichen System, die Zerstörung dessen nicht. Die es trifft, sind emotional eingebunden. Das ist immer der Fall. Doch aus dieser Perspektive ist keine Betrachtung des Gesamten möglich.

Die Politik spielt derzeit viel mit der emotionalen Ebene. Es wird sich nach dem vorübergehenden Ereignis Corona zeigen, ob alles wieder auf den Zustand davor zurück gesetzt wird. Ich glaube nicht daran. Es hat einen Dammbruch gegeben. Ab jetzt steht der digitalen Überwachung, der massiven Regelung des gesellschaftlichen Lebens mit Ordnungswidrigkeitenregelungen nichts mehr im Wege.

So, dann werde ich die Zeit mal wieder anders nutzen. Bis denne …

2 Kommentare zu „Gedanken im Exil auf der Südhalbkugel …

  1. Ich frage mich, bin ich am Klimawandel schuld?
    Ich habe wieder einmal zu Weihnachten für Brot für die Welt gespendet und damit meinen Beitrag zur menschlichen Überbevölkerung (und dem damit einhergehenden Bedarf an Lebensmitteln, Energie und anderen Ressourcen) geleistet.
    SInd wir „Moralapostel“ wenn wir an den Ostermärschen teilnehmen? Ok, dieses Jahr wohl erstmals seit Jahrzehnten nicht.

    In diese Richtung möchte ich einfach nicht weiterdenken.
    Ich habe schon vor rund vier Wochen mit Kollegen diskutiert und war der Meinung, die wirtschaftlcihern Folgen werden mehr Opfer fordern als der Virus selber. Dabei dachte ich aber eher an unsere westliche Welt. An Gegenden wie Indien dachte ich da weniger.

    Aber wer möchte schon abwägen zwischen den tatsächlich oder möglichen Opfern der Krankheit und den tatsächlichen oder möglichen Opfern der wirtschaftlichen Folgen?

    1. Ich denke, es ist eine Frage, wie man dieses WIR betrachtet. Du u. Ich sind Teil der deutschen Gesellschaft. Grundsätzlich hatten wir die theoretische Möglichkeit auf die Entwicklung der Gesellschaft einzuwirken. Beide sind wir dabei nicht wirklich erfolgreich gewesen, da wir uns in der Minderheit befinden. Beide sind wir damit nicht reich geworden und unser Konsum hält sich in Grenzen. Der Gesellschaft auf die Zehen zu treten, in dem wir ihnen sagten, dass sie andere Reich machen, aber irgendwann selbst die Rechnung zahlen müssen, verhallte. Du hast bornierte Gewinnler chauffiert u. ich hab ihnen gedient. Dadurch erfuhren wir mehr, als uns lieb ist. Aber wir müssen hinnehmen, das andere entscheiden. Manchmal denke ich, Demokratie ist auch manchmal, einfach gegen den Mammon zu verlieren u. traurig aus dem Spiel zu verabschieden.

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