Herr Gautama Siddhartha

Lesedauer 6 Minuten

Beitragsbild: Falco Schleier, Fotografie, Hannover.

Je länger ich mich mit dem Buddhismus auseinandersetze, u. wegen Corona hab ich reichlich Zeit dazu, werden mir einige zentrale Probleme bewusst. Nicht, das ich nicht schon vorher darüber nachgedacht hätte, aber jetzt wird es immer deutlicher.

Ich meine den zeitlichen Hintergrund, vor dem man Gautama Siddhartha und seine Lehrzeit sehen muss, die Übersetzungsprobleme, die eine uralte Sprache mit sich bringt und der zeitliche Abstand zwischen den Originalworten zu den heute bekannten Interpretationen. Immerhin liegen zwischen seiner Lebzeit und den ersten Niederschriften seiner Lehren 500 Jahre. Die da aufschrieben, war ein besonderer Kreis Männer. Heute würden wir sagen: Ein testosterongesteuerter Zirkel, der in seiner eigenen Blase lebte. Ein Problem, welches Siddhartha selbst sah und thematisierte. Ehrlicherweise haben die Mönche überliefert, dass er selbst auf die letztmalige Chance seine Worte zu hören hinwies, während eines Tages andere sie niederschreiben werden und eigene Interpretationen einbringen. Letztlich aber völlig unschädlich, wenn man sich an seinen Grundideen orientiert.

In einem Punkt zeigt sich diese Klippe allerdings sehr drastisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einem klugen Kopf wie Siddhartha nicht der Widerspruch bei der Haltung gegenüber Frauen aufgefallen ist. Bei Mönchen, die 500 Jahre später die Regeln aufschreiben, ist die Überhebung von Männern quasi zwingend zu erwarten. Nonnen sind OK, aber sie haben den Männern zu gehorchen. Wie praktisch, das Siddhartha die Klausel einbaute: Glaubt ohne zu hinterfragen nichts, was Euch eine oder ein anderer sagt. Selbst nichts von mir. Er tat es aus der Sicherheit heraus. Wenn seine Worte einer alles berücksichtigenden Logik entsprachen, mussten sie den Fragen stand halten und jeder, der selbst lange nachdenkt, kommt unweigerlich zum gleichen Ergebnis.

Das macht ihn am Ende aus. Er stellte in seiner Zeit einige grundlegende Überlegungen an, die sich jenseits dessen bewegten, was damals gedacht wurde. Nicht nur damals, sondern auch heute noch, betreffen sie die Basis des menschlichen Handelns. Dafür muss keiner von einer ominösen übergeordneten Macht legitimiert werden. Der Typ war einfach ein brillanter Analytiker.

Das ganze Thema Erleuchtung, Nirvana, Wiedergeburt stell ich mal ganz hinten an. Was hat er getan, dieser Siddhartha? Er kam aus einem besser gestellten Haus. Dies verschaffte ihm genug Freiraum zum Nachdenken. Es ist unwahrscheinlich, dass er vom Rest der Welt nichts mitbekam. Aber hingegen ist anzunehmen, dass es ähnliche Effekte wie in unserer Zeit gab. Politiker entstammen 2020 häufig „Kasten“, die von Armut, Not, Sorgen, Elend herzlich wenig wissen. Auch wenn sie über Kriege entscheiden, Waffenlieferungen genehmigen oder Massnahmen beschliessen, beschränkt sich ihre Erfahrung auf abstrakte Theorie. Was Krieg ist, wie er riecht, sich anhört und mit den Menschen macht, wissen die nicht. Leider wissen wir, die Erfahrung verhindert nichts. Adolf Hitler ist da ein berühmtes Beispiel. Siddhartha wird durchaus gewusst haben, was sich da vor den Türen des Palastes abspielt. Es wird ihm auch nicht der Tod seiner leiblichen Mutter entgangen sein.

In den Schriften sinniert er über Dukkha. Ein Wort, welches sehr unterschiedlich übersetzt wird. Das häufig im Deutschen verwendete „Leid“ trifft es nicht. Es ist mehr ein Containerbegriff für Unzufriedenheit, Frustration, Neid, mit dem Schicksal hadern. Nebenbei weiss ich mittlerweile soviel über asiatische Sprachen, dass gern ein Wort für vieles benutzt wird und der Kontext über die Begrifflichkeit entscheidet.

Diese uns stets begleitende Unzufriedenheit in allen erdenklichen Lebensbereichen macht er als ein grundlegendes Problem aus. Es lässt die Leute unglücklich werden, macht sie aggressiv, lässt sie lügen, stehlen, morden, vergewaltigen und jede Menge andere Sachen anstellen. In Palästina, später in Europa wurde das Problem mittels Buchreligionen gelöst. Gott bestimmt! Und wenn schon Kriege, dann innerhalb des Regelwerks. Am Ende kommt eine Abrechnung. Christen und Moslems führten eine praktikable Hölle ein. Als die objektiv zu voll wurde, dachten die Katholiken kurzerhand über eine Art Wartesaal nach.

Siddhartha näherte sich dem anders. Wie kann man diesen inneren Trieb unter Kontrolle bringen und wen dies möglich ist, kann man das irgendwie den Leuten näher bringen?

Er wusste nichts von den Ursprüngen. Wir wissen, dass es für Höhlenmenschen überlebenswichtig war, alles zu horten um z.B. kommende Winter zu überleben. Ebenso hat sich herausgestellt, dass sich solche Sachen tief in die menschlichen Triebe eingraben.

Er setzte auf das Grosshirn, die Vernunft, Verstand und Logik. Dazu sah er sich erstmal an, wie Logik, Triebe, Wahrnehmung, Instinkte, zusammenwirken. Seine Ergebnisse sind bestechend einfach.

Alles was nicht dauerhaft von Bestand ist und sich verändert, muss bei falscher Herangehensweise zwingend zu Unzufriedenheit führen. Gerade darauf setzen die Strategen des Kapitalismus. Statt gegen das Denken vorzugehen, welches sie bedingt, wird sie mit anderen nur vorübergehend bestehenden Dingen temporär gegen Geld befriedigt. Die „Gier“, die „Unzufriedenheit“ wird kanalisiert und mit käuflichen Gütern, Attributen in gewünschte Bahnen gelenkt. Ein unschöner Nebeneffekt ist z.B. die Kriminalität, weil manch einer seine persönliche Gier via Abkürzung, also am vorgesehenen kapitalistischen Weg vorbei, befriedigen will.

Wie kann man sich mit etwas abfinden? Gelassenheit gegenüber der Tatsache des alles sich Verändernden entwickeln? Es ist faszinierend, wie viele Worte und Maxime wir haben, die die Unzufriedenheit befeuern. Ehrgeiz, Strebsamkeit, Lifestile, Konsum, Wachstum, Eifersucht … sind nur eine kleine Auswahl. Gelassenheit wird hingegen mit Teilnahmslosigkeit, Faulheit, Beziehungsunfähigkeit, Konsumverweigerung, Systemausstieg, Versagen, Weltentrücktheit usw. belegt.

Siddhartha begriff schnell, dass Askese genausowenig eine gute Idee ist, wie der übermässige Genuss und Konsum. Irgendwo in der Mitte, muss sich alles bewegen. Diese ganze Mönchnummer erscheint einem heute nicht gerade als Mittelweg. Doch vor 3000 Jahren, sah das bestimmt anders aus.

Viele denken, dass das Entsagen von allem Vergnügen der wahre Buddhismus wäre. Das hat der Pragmatiker Siddhartha vermutlich nie gesagt. Was da ist, ist da! Und was nicht da ist, ist eben nicht da. Darum geht es. Anspruchslosigkeit! Essen ist in erster Linie zur Versorgung des Körpers da. Aber warum sollte man leckere Shrimps mit Knoblauchbaguette verachten, wenn sie auf dem Tisch stehen? Aber stehen sie nicht dort, sondern eine Schüssel Reis, ist es auch in Ordnung.

Auch das Anhaften am Bestehenden stand bei Siddhartha auf der Schwarzen Liste. Kritiker stellen schnell fest, dass dazu auch Beziehungen zu Partnern gehören. Allerdings ist dies so. Menschen begegnen sich, und wenn es passt, dann soll es so sein. Beide sind nicht geboren worden um sich mittels Anpassen dem anderen gefällig werden zu lassen. Kleben beide aufeinander, obwohl sie sich gegenseitig nichts geben, ist es an der Zeit ohne Groll voneinander zu lassen. Begriffen dies einige Zeitgenossen, hätten viele Frauen ein besseres Leben und manch Mord wär nicht passiert.

Anhaften am Besitz, am Status, dem Zusammengerafften, wird spätestens beim Verlust zum Problem. Siddhartha sprach seinerseits von der Notwendigkeit des Heimatlosen Lebens, um sich der Erkenntnis zu nähern. Ich habe keine Ahnung, inwiefern dies seiner Zeit geschuldet war. Doch eins hab ich selbst erfahren. Mal eine Weile aus dem Rucksack zu leben, verändert die Perspektive. Es ist auch auffällig, dass nahezu jeder, der der Menschheit bedenkenswerte Überlegungen hinterliess, eine Zeitlang „on the road“ ging.

Siddhartha’s Geschichte hätte einen guten Roadmovie abgegeben. Verrückt man einige seiner Lebensabschnitte in die Moderne, erscheint selbst Leuten, die fern jeder Spiritualität sind, vieles einleuchtend. Er soll auch gesagt haben, dass er die volle Breite seiner persönlichen Erkenntnisse nicht in Worten ausdrücken kann. Deshalb beschrieb er vieles in Bildern und Gleichnissen. Zeitlose, die auch 3000 Jahre später zu verstehen sind. Zum Beispiel beschrieb er einen Heiler, der zu einem Krieger gerufen wird, welcher von einem Pfeil getroffen wurde. Was soll der Heiler tun? Nach dem Namen des Schützen fragen? Sich nach dem für den Bogen verwendeten Holz erkundigen? Oder den Pfeil entfernen und die Blutung stoppen?

Auch das ist ein Teil seiner Philosophie. Es ist interessant, wie das Leben entstand. Mit Sicherheit kann man sich bei vielem treffliche Gedanken machen, was denn nun eigentlich in der Vergangenheit alles passierte und in der aktuellen Situation mündete. Aber es bringt einen im wahrsten Sinn des Wortes nicht weiter.

Ich hab mir die unterschiedlichen Richtungen des Buddhismus in der Mongolei, Thailand, Kambodscha, Laos, Myanmar, angesehen. Meinem Eindruck nach wissen die wenigsten in diesen Ländern wirklich etwas über die Philosophie des Vordenkers Siddhartha. Dies ist einigen Intellektuellen und Mönchen vorbehalten, wobei auch unter den Letzteren nicht immer die hellsten Kerzen der Torte versammelt sind. In Thailand fragte ich einen der Gebildeten, wie er dazu steht, dass es Mönche gibt, die mit Drogenhandel, Mord und Rassismus grob gegen die Lehre verstossen. Seine Antwort entsprach zu 100 % der Lehre. „Es ist ein Weg und manch einer ist ganz am Anfang, aber immerhin hat er schon mal den Weg gefunden.“

Siddhartha wuchs innerhalb des Brahmanismus auf. Eine uralte Religionspraxis, die auf noch ältere Praktiken zurück geht. Er ging mit den Göttern recht respektlos um. Sie unterlagen bei ihm schlicht der gleichen Logik, wie Menschen. Wiedergeburt, Karma, sind nicht auf seinem Mist gewachsen, sondern zwangsläufige Übernahmen. Unter dem Strich hat er den Leuten gesagt: „Hey, ihr könnt das System durchbrechen!“ Für mich klingt das nach einer Revolution. „Ihr seid nicht Spielball der Götter, ihr habt es selbst in der Hand! Aber ihr könnt an sie glauben oder nicht … jedem ist das freigestellt.“ Damit erschuf er eine Art Meta Ebene, die mit allen bereits vorhandenen Naturgeistern, mythischen Wesen und Jenseitsvorstellungen kompatibel ist. Es hilft nicht zwingend den Geistern des Mekong Opfer zu bringen, aber es schadet auch nichts. Ob man nun Buddhist ist oder nicht.

Letztens hörte ich mir über den Buddhismus einen Podcast bei der Deutschen Welle an. Dort kam eine Religionswissenschaftlerin aus Heidelberg zu Wort. Aus irgendwelchen für mich nicht nachvollziehbaren Gründen verneinte sie die zentrale Rolle der Meditation im Buddhismus. Eine seltsame Antwort. Die Meditation ist quasi ein Programmiervorgang. Nachweislich verändert sie die Gehirnstruktur. Alte Querverbindungen werden geknackt und Neues, von alten fremden Vorgaben befreit, bekommt Platz. Ähnlich wie bei einem, der durch den Stress dumm wie Stroh geworden ist und erst nachdem er sich entspannt hat, wieder klar denken kann.

Existenzangst, Frust, Unzufriedenheit, Gelüste, Arme, Reiche gab es schon vor 3000 Jahren. Genau genommen seit der Bronzezeit ab 3000 v. Chr.. Erstmalig kam es zu einem Wertschöpfungsprozess. Die Metallugierkette führte Zinn-, Kupferhändler und Hersteller zusammen. Handel, Wertschöpfung, gegenseitiger Betrug, Anhäufung von Besitz, Neid, Diebstahl, wurden zu unerwünschten Nebeneffekten. Mich wundert nicht, dass es in der nachfolgenden Eisenzeit einen gab, der über dies alles nachdachte.

Im Prinzip passierte mit der Erfindung der Dampfmaschine etwas sehr ähnliches. Mit der Industrialisierung und dem Kapitalismus wurden meiner Meinung nach, die bereits 3000 Jahre zurückliegenden Überlegungen des Philosophen Siddhartha wieder richtig aktuell. Jedenfalls, wenn man den Staub der Geschichte, die Mythen, die unzähligen eingearbeiteten Religionen hinweg bläst.

Anmerkung: Aktuell wird es immer mal wieder zu Textfehlern kommen. Lesebrille weg/ Laptop defekt. Aber was ist, ist halt so und mehr ist während „on the road“ zu Zeiten von Covid19 nicht drin. So what …

Kommentar verfassen