Statistik u. Angst fressen Seele …

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Ich sitze als Deutscher in Asien und verfolge auf allen Ebenen die Nachrichten, die Kommentare in den Social Media, sehe mir Talkshows an und bekomme Nachrichten meiner Freunde und von der Familie. Parallel dazu bekomme ich die Sorgen und Nöte dieser Zeit von Indern, Pakistanis, Malaien mit.

Noch nie habe ich die Kluft zwischen den Lebensvoraussetzungen so deutlich gespürt. Ich schreibe bewusst nicht von Arm o. Reich. Niemand weiss so genau, was das ist. Ich bewundere die Wanderarbeiter aus Bangladesch, die zu fünft in 20 qm Räumen ausharren. Ich würde wahnsinnig werden. Ausgebremst, zur Untätigkeit verdammt, darauf wartend, dass irgendein wichtiger Mensch sagt: Es geht wieder weiter. Vegetieren, hölen, ausharren? Was ist die richtige Bezeichnung?
An anderen Stellen hocken die Einheimischen zusammen. Jeden Tag komme ich an einer Familie vorbei, die auf einem Gelände mit mehreren verfallen Gebäuden lebt. Eins ist abgebrannt und die Wracks zweier dem Feuer zum Opfer gefallener Scooter deutet darauf hin, dass das mal ihr Wohnhaus war. Ein Junge hat das Dawn Syndrom, ein anderer scheint zurückgeblieben zu sein. Die Grossmutter teilt sich mit einer etwas  jüngeren Frau einen Rollstuhl. Ein Mann mittleren Alters knüpft täglich Fischernetze. Ich denke, er versorgt irgendwie die Familie.

Oft hol ich mein Essen in einem Restaurant, welches sich ein Inder und ein Einheimischer teilen. Mit meiner Essensauswahl versuch ich beiden gerecht zu werden. Umgerechnet 4 EUR für indisch und 2 EUR für lokale Gerichte. Wir haben uns über die wenigen noch anwesenden Touristen unterhalten. Eine Spanierin, Typ Backpackerin ohne Perspektive in Europa, brachte letztens ihr Essen zurück, weil an den Hähnchenstücken noch Knochen waren. Ja … das gehört sich beim bestellten Gericht auch so. Da sie sehr pampig wurde, sah der Inder keine Veranlassung ihr die 4 EUR zurück zu geben. Sie behielt dafür seinen Teller, den er ihr netterweise mitgegeben hatte. Sein Kommentar lautete zu meiner Überraschung: „Scheiss Weiber!“ Wobei er das „S“ weich aussprach und in die Länge zog. Ich hab nicht näher nachgefragt, wo er das gelernt hat.

Bei diesen Menschen hat Covid19 nicht die Bedeutung eines Krankheitserregers. Sich den Finger mit einem Messer zu amputieren, sich üble Verbrennungen an der abenteuerlich anmutenden Fritteuse zuzuziehen, sich einen tropischen Pilz oder Parasiten einzufangen ist naheliegender. Gleichfalls kein Geld zu haben, um sich ein Medikament zu kaufen. PANADOL u. chinesische Salben heilen hier nahezu alles, was damit nicht getötet wird, geht per Selbstheilungskraft und was dennoch bleibt, bleibt eben. Aber es scheint in der Nähe einen Heilkundigen zu geben, der sich mit Kräutern, Qui Gong und Akupunktur auskennt. Ich will nicht wissen, wie viele seiner Zunft aktuell den Kampf gegen Covid19 aufgenommen haben. Unter Umständen erfolgreich? Ich traue denen eine Menge zu. In einem Podcast von Mark Benecke hörte ich letztens, dass die Virologen u
a. eine Wildblume im Visier haben, die früher von den Medizinmännern der Dakota gegen Husten angewendet wurde. Oder waren es die Hopi? Egal … Es ist bekannt, dass da draussen im Dschungel noch einiges bei uns Unbekanntes wächst.

Covid19 ist durch die ergriffenen Massnahmen eine konkrete Bedrohung, die deutlich wahrscheinlicher ist, als die Krankheit nicht zu überleben. Und wenn man sie nicht bekommt, muss man weiter leben … was durch die Folgen der Massnahmen ungemein schwieriger wird.

Überall wird mit Zahlen jongliert. Besonders die Anzahl der Verstorbenen wird herausgestellt. Irgendwo stand, dass Covid19 mehr tote US Bürger gefordert hat, denn der Vietnam Krieg. Eine interessante, aber auch typische Sicht. Krieg? OK, wie viele der eigenen Landsleute gehen drauf? Insgesamt forderte der Vietnam Krieg geschätzte 5 Millionen Tote. Dabei sind noch nicht die Einbezogen, welche an den Folgen starben, im Verlauf der Jahrzehnte an Blindgängern starben und vom Schicksal der Amputierten will gar keiner sprechen. Da hat Covid19 noch reichlich Luft.

Die jährliche Zuwachsrate der Population Mensch liegt bei etwas mehr als 80 Millionen. Wer nicht gerade Nationalist ist und lediglich die Wachstumsrate in Deutschland vor Augen hat, wird dabei nachdenklich. Nationales Denken bei einer weltweiten Pandemie ist genauso sinnbefreit, wie die nationale Betrachtung der Klimaveränderung und das einhergehende Artensterben, Überwinden der Wirtsschranken durch Viren, Katastrophen. Jemand ist beschränkt, im Sinne von nicht sonderlich intelligent bekommt damit eine erfassbare Bedeutung. Beschränkung auf nationale Überlegungen ist schlicht dämlich.

Jedenfalls hab ich hier ausser einigen Chinesen noch keinen getroffen, der sich ernsthaft Sorgen um eine Erkrankung gemacht hat. Doch wie jedes Land hat Malaysia mehrere Seiten. Jenseits der Landbevölkerung, in den Städten wie Kuala Lumpur sieht es anders aus. Einfache Formel: Je weniger ich Angst davor haben muss, dass mich die Basics des Lebens dahin raffen, um so mehr steigt die Angst vor Viren und Bakterien.

Claudia, meine Wirtin, trotz ihres jungen Alters schon ein wenig in der Welt herumgekommen, fand letztens eine tolle Formulierung. Wir sprachen über ihre Zeit in Australien. Irgendwo in der Nähe von Alice Springs landete sie in der Pampa. Dazu meinte sie: „Da war das Leben plötzlich unmittelbar und direkt.“ Ich konnte dies nachvollziehen. Wenn man z.B. irgendwo in den Bergen zum Überleben auf seinen Körper, den Inhalt des Rucksacks und seine Instinkte angewiesen ist, wird das Leben anders greifbar, als wenn man seinen Hunger im Supermarkt um die Ecke stillen kann. Dies ist ein völlig anderes Leben. Man merkt, wie degeneriert alles um einen herum ist. Leute gehen ins Fitness Studio, um sich entweder zu bewegen oder ein Aussehen zu bekommen, was ihnen eingetrichtert wurde bzw. sie zur Kompensation ihrer Ego – Schwächen benötigen. Sie setzen sich sogar auf Fahrräder, die nicht von der Stelle kommen, statt draussen zu fahren. Oder „Steppen“, anstatt das Treppenhaus zu benutzen. Sie joggen, weil sie sonst ständig im Auto sitzen oder sich Fett angefressen haben. Sie prahlen mit ihrem biologischen Alter, welches angeblich nicht den gelebten Jahren entspricht. Länger, noch länger und noch ein wenig länger, wollen sie leben. Leben oder einfach nur Puls haben, atmen und sich bewegen, anders formuliert: Da sein! Existieren! Aber ist das auch Leben über die biologische Bedeutung hinaus?

Ich kenne eine Menge Leute, die sich lieber mit ihren kleinen alltäglichen Krankheiten und Gefahren für ihre schiere Existenz beschäftigen, als für die Gefahren, die ihr Leben im ethischen Sinne bedrohen. Denen zieht Covid19 die Beine weg. Ich hatte ein paar Lebensgefährtinnen die bereits vor Covid19 alle Türen mit den Ellenbogen öffneten, böse Krankheiten wie ansteckende Meningitis, Typhus oder TBC fürchteten und deshalb den ÖPNV mieden und sich nicht unkontrolliert ins Gesicht fassten. Mich amüsiert immer noch diese Hysterie bezüglich des Toilettengangs eines Mannes in einer Kneipe. Hat er sich die Hände gewaschen oder nicht? Die meisten Typen, die ich kenne haben ein deutlich sauberes Geschlechtsteil, als die Waschbecken, Armaturen und Türklinken in diversen Kneipen. Und spätestens auf einem Festival gilt sowieso nichts mehr von alledem.

Leben? Ist das ein Leben, wenn ich mich überall von Krankheit bedroht sehe, statt mich fatalistisch in die Rolle eines biologischen Wesens einzufinden, dessen Körper hauptsächlich aus Bakterien und Viren besteht? Ich rede nicht von Hygienestandards. Die Cholera, Krätze, Typhus … zumindest bei uns … überwunden zu haben, will niemand missen. Aber wie immer: Der Mittelweg macht es. 

Diese ganzen Virologen sehe ich mit gemischten Gefühlen. Ich denke bei ihnen immer an einen Kinderarzt, den ich als Vater kennenlernte. Er hielt mir einen flammenden Vortrag über Meningitis. Wäre ich weniger sorglos, hätte ich mich mit meiner Tochter nicht mehr heraus getraut. Später erfuhr ich, dass sein eigenes Kind daran gestorben war.

Es gibt hier in Asien eine Einstellung, die ich mir angeeignet habe. Ich hab sie im BLOG schon einmal untergebracht. Ein Reporter fragt einen Schlangenbeschwörer, ob es nicht riskant wäre, die Kinder mit den Kobras spielen zu lassen. Der Gefragte antwortet: „Heute ist nicht der Tag der Kobra!“ Der Reporter will nun wissen, woran man den Tag erkennt. Die Antwort: „Ich werde es an diesem Tag wissen!“

Vor zwei Tagen sorgte ein Hamburger Gerichtsmediziner für Aufregung: Bisher hatte er nur Fälle auf dem Tisch, die mit, aber nicht an Covid19 starben. Verschwörungstheorethiker, Spinner, hallte durch die Gegend. Mal langsam! Ich hab ein paar von denen kennengelernt und einigen Obduktionen beigewohnt. Die sind nüchtern, trocken, analytisch und haben eine hochinteressante Perspektive auf das Leben. Wenn so einer spricht ist Zuhören angesagt! Die spekulieren nicht, sondern schauen auf ein Endergebnis. Covid19 kann dem Körper den letzten Rest geben. OK! Was war vorher im Körper los? So ein Gerichtsmediziner macht eine emotionslose Bestandsaufnahme. Aber manchmal kann man selbst die Verblüffen.

Bei einer Obduktion im Gerichtsmedizinischen Institut bemerkte Prof. Dr. Schneider einen schwarzen Lungenflügel in der Hand haltend, dass so eine Raucherlunge aussehen würde. Die Intention war klar. Ungerührt deutete ein Kollege auf den göffneten Leichnam auf dem Nachbartisch, in dem aus dem aufgebrochenen Brustkorb eine etwas hellere Lunge zu sehen war. „Und woran ist dann der gestorben?“ Der Professor mußte zugegeben, dass der Mann im Suff gestürzt war und in einer Pfütze ertrank, weil er mit dem Gesicht in ihr lag.

Vieles was ich aktuell lese … kann ich nicht nachvollziehen. Man mag mir Zynismus, Gleichgültigkeit oder Empathielosigkeit oder Verachtung unterstellen, das geht mittlerweile an mir vorbei. Jenseits der Wohlstandsgesellschaft, im Umfeld von Polizisten, Soldaten, Feuerwehrleuten, kenne ich viele mit ähnlichen Ansichten. Sich von Statistiken mit Toten beeindrucken oder gar lenken zu lassen ist niemals eine gute Idee. Weder bei Vorträgen in Sachen Terror oder Krankheitswellen.  Spannend ist doch, dass diese Zahlen immer zielorientiert genannt werden. Da wo sie vielleicht ernsthafte Rollen spielen könnten, werden sie komischerweise nicht genannt. Tote durch Umweltverschmutzung, Tote nach der letzten Kriegshandlung, Tote durch in Deutschland produzierte Granaten, Bomben, Minen, automatische Waffen. Und wenn will sie niemand hören. Wie viele Tote gibt es im Strassenverkehr, die von jungen Männern im Alter zwischen 18 – 30 verursacht werden? Interessiert keine Sau … sonst bekämen die alle ihren Führerschein mit 30. Mich interessieren diese Statistiken nicht mehr. Ebenso, wie mich dieses Staatsversagengejammer kalt lässt. Papa … Du musst für mich entscheiden, weil ich nicht verantwortlich sein will. Wer Angst hat, soll mit seinem Hintern zu Hause bleiben. Fertig! Aber die Alten … Leute, die haben Euch seit dem Wirtschaftswunder nicht mehr gekratzt. Ihr habt in einer Demokratie die Ballerköppe selbst gewählt, die alles auf Effizienz und Kohle ausgerichtet haben. Ihr stützt jeden Tag weltweite Systeme, die einen Dreck auf Leben, Tote oder Schwache geben. Wenn es Euch interessieren würde, müssten sich einige Politiker Wartemarken bei der Tafel holen und würden beim G20 keine Krebsschwänze, Hummer, Tartar und edlen Wein schlürfen. Plötzlich wollt ihr alle schützen? Lachhaft …

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