Das freie Individuum als Feind

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Das Lebewesen Mensch unterliegt wie jedes andere den Gesetzen, welche das Leben vorgibt. Wir sind besiedelt von Milliarden anderer Lebensformen. Der Mensch riecht, stinkt, scheidet aus, verdaut, zerfällt, infiziert sich, andere, tötet, rettet, zerstört, baut auf. Das Gehirn mit all seinen Möglichkeiten stösst dabei immer wieder an seine Grenzen.

In der zivilisierten Welt, darf es Gestank nicht geben, sondern nur Wohlgeruch. Der Zerfall darf nicht zu sehen sein. Ausscheidungen haben dezent kontrolliert zu sein. Krankheiten sind etwas, was irgendwie unter Kontrolle zu sein hat. Der Tod ist für die meisten etwas Abstraktes. Das Aufbahren des Toten ist nur noch selten ein Teil der Kultur und die wenigsten haben im Leben einen toten Körper gesehen.

Für die meisten Männer ist die Anwesenheit bei der Geburt eine Grenzerfahrung. Schlicht zu viel Input mit Dingen, die sie niemals wissen wollten. So wird vieles, was einst eine gängige Erfahrung war, zum beinah traumatisierenden Lebensereignis.

Jenseits des Anfassbaren existieren virtuelle erschaffene Welten. Da wäre die der Werbung, ausgehend von Händlern, die ihre Produkte, egal wie skuril sie auch sein mögen, zu Geld machen wollen. Gibt es keinen Bedarf, wird er geschickt erzeugt. Idealbilder werden geschaffen, Statussymbole generiert, Konnotationen erzeugt. Oft gehen diese Händler Hand in Hand mit anderen Illusionären.

Wohlig räkelt sich der Zuschauer vor dem Fernseher und geniesst das Geschehen auf der Mattscheibe. Mord, Folter, Krieg, Perversionen, Action, Sex, Verbrechen, spielen sich in einem kleinen Kasten ab. Will der Zuschauer doch ein wenig aktiver sein, killt er virtuell Gegner mit unterschiedlichen Waffengattungen in einem PC Spiel. Desto realistischer die Performance, um so besser. Eine Art des Tötens, die mit dem Drohnenkrieg in die reale Welt Einzug gefunden hat. Zerfetzt werden nur die, welche sich keine Kampfdrohnen leisten können. Die letzte menschliche Perversion des Tötens. Die Bilder der Exekution werden dann wieder in den kleinen Kasten eingespielt, damit sich sedierte Zuschauer daran erfreuen kann, dass ein paar Böse angeblich chirurgisch präzise eliminiert wurden. Seit dem Assange dazu etwas „geleakt“ hat, weiss man, dass das auch eine Lüge ist. Sein Verrat bestand darin, die Virtualität zur Realität werden zu lassen.

Heute erlebt die Menschheit eine Pandemie. Nicht die erste und mit Sicherheit nicht die letzte. Einer infiziert den Anderen. Ein ziemlich simpler natürlicher Vorgang, der alle Lebewesen seit ihrer Existenz auf diesem Planeten begleitet. Einiges hat sich im Verhältnis zu den vielen tausend Jahren Menscheit verändert. A reist in wenigen Stunden nach B u. ein Virus kann sich in einer Massengesellschaft perfekt ausbreiten. Würde ich jetzt hier von meinem Standort aus mit alten Mitteln reisen, bräuchte ich etwa 1 1/2 Jahre. Wäre ich bereits infiziert o. würde mich unterwegs infizieren, käme ich nicht weit. Das Risiko der Ausbreitung liesse sich ziemlich einfach reduzieren.

Aber so ist es nicht mehr. Wir leben in diesem globalen Dorf. Die dauerhafte Lösung für das Problem wäre mit Sicherheit ein Reisen, welches immer mit einer Quarantäne oder medizinischen Untersuchung einher geht. Hätte es so etwas vor einigen hundert Jahren gegeben, lebten diverse indigene Völker noch u. hätten nicht an Masern, Pocken, TBC zu Grunde gehen müssen. Eine weitere Lösung wäre die Auflösung der Massengesellschaften und die Überleitung in kleine kommunale Gebiete. Beides wird nicht passieren. Ergo werden sich Pandemien nicht heute o. in Zukunft verhindern lassen.

Aber sind sie denn so gravierend, wie sie dargestellt werden? Für welche Rechtfertigung welcher Massnahmen reicht die ausgehende Gefahr aus? Um die 78 Millionen wächst die menschliche Population jährlich. Etwa 8 Milliarden umfasst sie jetzt in diesem Augenblick. 305 631 Menschen sind dieses Jahr bis heute in Deutschland gestorben. (Quelle: https://countrymeters.info/de/Germany) Zahlen! Überall wird derzeit mit Zahlen, die niemand wirklich erfassen kann, um sich geworfen. Eins steht jedenfalls fest, für eine signifikante Reduzierung der menschlichen Population ist die aktuelle Pandemie nicht ansatzweise geeignet. Nicht einmal, wenn man ihr ungehinderten freien Lauf liesse.

Es hat sich mit der Entstehung von Gesellschaften eine zentrale Frage ergeben. Wie ist das Verhältnis zwischen Individuum und der Gesellschaft, in der es lebt, zu regeln? Welche Rechte und Bedürfnisse müssen vor der Gesellschaft zurücktreten und welche sind so schützenswert, dass sie unantastbar sind? Diese Frage kann nicht mal eben im Vorbeigehen beantwortet werden. Es ist nicht einmal sicher, dass irgendjemand die Legitimation inne hat, sie zu beantworten. Sie wurde in den existierenden und untergegangenen verschiedenen Staaten der Welt, sehr unterschiedlich beantwortet, meistens zu Lasten des Induviduums, dies bedeutet aber längst nicht, dass die Antworten korrekt waren. Das Individuum ist in einer Pandemie, vor allem wenn sie Massengesellschaften betrifft, ein putativ infektiöser  Feind der Gesamtheit, den es zu bekämpfen gilt.

Ideal ist ein über einen begrenzten Zeitraum isoliertes Individuum, welches nach der Isolation permanent seinen Zustand überwachen lässt, o. am Besten nach Möglichkeit die Isolation nicht mehr verlässt. Dann lässt sich Makel des Menschen, dass er Träger eines Virus bzw. Bakterium sein kann, am ehesten heilen. Makel! Der u.U. krank werdende Mensch ist kein Ideal. Weder wirtschaftlich innerhalb des Arbeitsprozesses, noch für die Gemeinschaft. Ideal wäre ein Individuum, welches weder erkrankt, noch Wirt einer Krankheit wird u. im Alter vor Eintritt einer erhöhten Anfälligkeit das Zeitliche segnet. Im gewissen Sinne das Szenario von Soylent Green, ein Film aus den 70gern, der eine düstere Zukunft für das Jahr 2022 zeichnet. Alte verschwinden und werden zu Nahrung verarbeitet.

Der Ärtekammerpräsident Vimar prägte 1998 im Angesicht der damals eingeleiteten Sparmaßnahmen der rot – grünen Regierung in einem Interview den Begriff des „sozialverträglichen Frühablebens“. Man scholt ihn damals sehr. Im Zusammenhang sagte er: Dann müssen die Patienten mit weniger Leistung zufrieden sein, und wir müssen insgesamt überlegen, ob diese Zählebigkeit anhalten kann, oder ob wir das sozialverträgliche Frühableben fördern müssen.“ 

Die Lage war etwas unübersichtlich. Die SPD wollte der Pharmamafia auf die Füsse springen u. die konterte. Aber der Terminus stand plötzlich im Raum. Wären 2020 einige Herrschaften ehrlich, würden sie zugeben, dass ihnen die Pandemie voll in die Karten spielen spielt, wenn es nicht diese lästigen Weicheier gäbe, die auf die Alten und Schwachen verweisen. Schwer auf dem Arbeitsmarkt vermittelbare über 50ig sterben. 1 : 0 für den neoliberalen Wirtschaftsansatz. Besser geht es nicht. Die paar Jüngeren, nicht alle, aber oftmals mit lästiger Vorerkrankung, fallen nicht ins Gewicht. Die so denken, haben nicht einmal einen ernsthaften monetären Vorteil davon. Es passt schlicht in ihr gedankliches Konzept, wie eine Gesellschaft funktionieren sollte.

Sie haben sich mit Massengesellschaften auseinander gesetzt. Zunächst einmal sehen sie sich aufgrund ihrer Position nicht als Teil dieser. Das ist wichtig. Sie haben alles dran gesetzt, um nicht darin unterzugehen. Sie haben einen Namen und den kennt man. Die namenlose Masse, unterteilt in Verwaltungsbegriffe, gilt es zu lenken. Würde sich jeder in dieser Masse, jenseits der wenigen Personen, die sich über sie erhoben haben, einer Individualität hingeben, käme es zum unübersichtlichen nicht mehr steuerbaren Chaos. Ein Gedanke, der schon viele fasziniert hat. Was würde aus diesem Chaos nach einer Kampfphase hervorgehen? Zumindest für die Abgehobenen definitiv nichts Gutes, und für alle in der Kampfphase Lebendenden wahrscheinlich ebenfalls nicht.

Dennoch bleibt offen, wie weit darf das Individuelle gedrückt werden. Und wenn schon nicht das pure Individuelle, bleiben noch die Kleingruppen übrig. Die meisten politischen Führer vertreten klar die Meinung, das alles Individuelle, aufgrund der Unkontrollierbarkeit, somit auch der Verlust der Steuerfähigkeit, inakzeptabel ist. Dieser Auffassung kommt Corona/Covid19 quasi als Geschenk entgegen. Was Terrorismus u. Kriminalität an Überzeugungskraft nicht mitbrachten, hat die Pandemie im Gepäck. Im Prinzip ist Corona aus deren Sicht ein von der Natur o. einem Staat ausgeführter biologischer Terroranschlag. Und jeder tatsächlich o. möglicherweise Infizierte, wird zum Mittäter.

Da wäre das Thema Impfung. Impfungen sind eine sinnvolle Massnahme. Aber sie haben den Nachteil eines Restrisiko. Lasse ich mir beispielsweise eine bisher optionale Hepatitisimpfung geben, habe ich beschlossen, dass nach Abwägung aller Risiken, das Risiko eine u.U. tödliche Hepatitis zu bekommen, höher ist. Gleichfalls sieht es mit Tetanus aus. Bei Corona sieht es anders aus. Viele werden zur Abwehr von Gefahren für andere Personen geimpft. Wenigstens subjektiv geh ich ein Risiko für andere, auf jeden Fall unter dem Gesichtspunkt Gesamtimmunisierung, ein. Bei den Pocken hat man gar nicht gefragt, sondern einfach gemacht. Zu dieser Zeit durfte aber auch niemand jenseits akademischer Kreise das Gesamtwohl in Frage stellen. Festzustellen ist: Die Überzeugungsarbeit hat nicht überall funktioniert. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass die Überzeugung gar nicht der springende Punkt ist.

Freiheit, frei und selbstbestimmt zu leben, ist schwieriger, als es auf dem ersten Blick zu sein scheint. Mir hat niemand etwas zu sagen, vorzuschreiben, ich kann tun und lassen was ich will, ist keine Freiheit. Das entspricht einem kindlichen Wunsch und wird damit zur Infantilität. Freiheit bedeutet mehr, Herr über sich selbst zu sein und keine anderen Instanzen über sich selbst zu akzeptieren. Mangelt es an der eigenen inneren Instanz, die in der Lage ist, verständige, vernünftige, ethisch sinnhafte, Entscheidungen zu treffen, kann für das Handeln keine Verantwortung übernommen werden. Dies mündet in ein: „Ups, das wollte ich nicht. Sorry!“

Verstand u. Vernunft sind per Definition dem Menschen innewohnende Befähigungen. Doch die reine Fähigkeit, ist längst keine Anwendung. Wer sich dessen bedient, wird akzeptieren, dass es eine Logik der Wechselwirkung gibt. Keine Handlung bleibt ohne Folgen und mit diesen muss ich mich auseinandersetzen – jedenfalls, wenn ich frei sein will.

In den meisten organisierten Staaten wurde vieles der staatlichen Administration übertragen. Teils deshalb, weil die Bürger niemals echte Freiheit erlernt haben. Erst waren es die Religionen die eine Instanz einnahmen, dann die sie ablösenden Regierungen und der neu entstandene „Geld – Feudalismus“.

Wird zu viel Übertragen, entwickelt die Administration diktatorische Züge. Alles wird bis ins Detail von Beamten, Juristen, Lobbyisten durchdacht, in schriftlich manifestierte Regeln gepackt und in einem permanenten Prozess dem tatsächlichen bzw. unvorhergesehenen Geschehen angepasst. Ergebnis: „Wir brauchen neue und schärfere Gesetze!“.

Das erweckt das Kind im Staatsbürger. Da ist eine Autorität, die sagt mir, was ich zu tun und zu lassen habe … das ist wie Mama & Papa … da halte ich gegen. Ob es nun der Vernunft o. Verstand entspricht ist dabei vollkommen egal. Dem könnte man nur sehr vorausschauend entgegenwirken, in dem in allen Lebensbereichen, besonders in der Schule, freies Leben trainiert, vermittelt und konsequent angewendet wird. Das ist kein Plädoyer für Antiautoritäre Erziehung. Ganz im Gegenteil, denn dort mangelt es an den Folgen der Handlung. Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag.

Ich stelle eine Behauptung auf. Innerhalb vieler Gesellschaften erreichen ein grosser Anteil der Mitglieder niemals ein mentales Erwachsenenstadium, welches sie zu einem Leben in Freiheit befähigen würde, so dass sie ohne Kontrolle und Lenkung ins Verderben liefen. Um dies zu verändern bedarf es tiefer Eingriffe, die erst in Jahrzehnten nach turbulenten Zeiten eine Wirkung zeigten. Ich bezweifle, dass es hierfür eine ernsthafte Mehrheit gibt. Nicht einmal die selbsternannten Autonomen befinden sich ansatzweise auf einem Weg dahin. Sie leben lediglich in besonders heftiger Weise das bockige Kind aus. Überliesse man sie einer echten autonom lebenden Landkommune, würden sie scheitern oder müssten nochmals von vorn mit dem Denken beginnen.

Es bedarf keiner „Neuen Weltordnung“, die sich dunkle Mächtige ausdenken. Die Eigendynamik des Prozesses genügt völlig. Die zahlreichen bockenden, vollkommen irrational agierenden Kinder, liefern der beauftragten  Autorität jede Menge Legitimation für ein „härteres Durchgreifen“, damit die vor sich selbst geschützt werden.

Deutschland und andere Staatssysteme müssen sich meiner Auffassung nach eingestehen, dass versäumt wurde den Kräften Einhalt zu gebieten, denen eine „Unterentwicklung“ der Ratio, Verantwortungsübernahme, Vernunft u. Verstand entgegen kommt, Einhalt zu gebieten. Und hier schliesst sich der Kreis. Werbung, Konsum, virtuelle Konstruktionen, die der Manipulation dienen, installiert um die unersättliche Gier zu bedienen, stehen an oberster Stelle.

Vernunft u. Verstand zu eliminieren ist das taktische Grundmittel für die Steigerung von Konsum, welches im Kleinen jeder Händler auf einem Bazar beherrscht. Im Großen führt die Dauereinwirkung zur sich breit auswirkenden Persönlichkeitsveränderung. Nicht zu unterschätzen ist die angepriesene Produktpalette. Reisen, auch mit den Kindern, der SUV vor der Tür, das Geld für eher zweifelhafte aber geschickt angepriesene Nahrungsergänzungsmittel und Super Food, die Markenkleidung nebst den völlig überteuerten Sneakers, charakterisieren die erfolgreiche Leistungsträger Familie. Ich persönlich kenne kaum un/freiere Leute, als die mit der PS – starken Limousine. Sie merken nicht einmal wie gefangen und abhängig sie sind. Die wirklich Freien sind die, welche solch ein Fahrzeug durchaus beherrschen könnten, aber mit gemütlichen 130 km/h und einer Understatement Karosse unterwegs sind. Für die verlorene Freiheit und Identität werden Suggorate verkauft.

Es ist doch letztlich vollkommen logisch. Jahrzehntelang wurden Konsum, Parties, Verbrauch, gegenseitiges Präsentieren von Errungenschaften, schnelle Autos, Genuss in jeder Form, als die ultimative Freiheit präsentiert. Gleichzeitig wurden hierüber die Belohnungszentren des Gehirns stimuliert. Und von einem Tag auf den anderen sollen alle in den kalten Entzug gehen?

Auch die Strassenkämpfer, Autonomen, sind davon weniger befreit, als sie denken. Zum einen hat sie der Konsum von Marken, die sich auf sie spezialisiert haben fest im Griff. Andererseits kompensieren sie den Identitätsverlust mit einem „Dagegen“. Die aus dem sogenannten besseren Hause sind deshalb oftmals die am heftigsten agierenden. Das Dumme ist, dass ein zwanghaftes, obsessiv Dagegensein, keine Freiheit ist. Schon gar nicht, wenn es von einem die Gruppe bildenden Kauderwelsch begleitet wird, welches ein eigenes befreites Denken verhindert.

Es ist in unser digital begleiteten Zeit extrem schwierig echte Freiheit zu erlangen. Ich hab es mir zur Angewohnheit gemacht, argwöhnisch meine digitalen Aktivitäten zu beobachten. Dabei wurde mir irgendwann das ganze Ausmaß und sich immer mehr steigernde Perfektion, mit der im Hintergrund von Programmierern gearbeitet wird, bewusst. Selbst das Ignorieren wird zur verwertbaren Information und wird in irgendeiner App, Internetseite, Einspielung, hinterhältig benutzt. Je mehr ich auf dieser Schiene fahre, werde ich zum Feind bzw. Abtrünnigen, den es mit zarten Druck wieder einzufangen gilt. Mittlerweile beginne ich zu verstehen, dass Kritik und Widerstand letztlich keine Option, sondern eine Falle ist. Aber das ist das Positive an Prozessen, man befindet sich auf dem Weg und erst am Ende, hat man einen Zustand erreicht.

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