Gestrandet in Malaysia

Lesedauer 8 Minuten

Ein Plan ist der Vorschlag eines Dehbuchs, der einer durchgeknallten Regisseurin namens Schicksal zur Bewilligung vorgelegt wird. Meiner für 2020 beinhaltete eine erneute Reise nach Langkawi, erneut ein paar interessante Traveller kennenlernen, den langweiligsten Wintermonaten zu entgehen und die Reste der sich bei mir zuverlässig einstellenden Aversion gegenüber dem Weihnachtsfest in brennender Sonne zu vernichten. Nach drei Monaten zurück nach Deutschland und eventuell eine neue Aufgabe übernehmen. Im Zweifel Plan B: Brunnen mit einem Bekannten bohren. So weit meine Ideen. Die Regisseurin hatte andere Vorstellungen. Covid19 wurde mir erstmals zum chinesischen Neujahrsfest richtig bewusst. Da kursierte mal wieder irgendeine Grippe. Gut! Das passiert ständig und interessiert den Laien bei 38 Grad Aussentemperatur nicht ernsthaft. Auch das eine gestorbene Kleinkind war nicht weiter dramatisch. Säuglinge sind anfällig, dass hat man als Vater von zwei Töchtern gelernt. Das chinesische Elternpaar, welches mit einem anderen infizierten Kind der Quarantäne entgehen wollte, war ebenso eher eine Tresen Story, denn beunruhigend. Diese beiden Fälle im Januar, blieben nebenbei bisher die einzig registrierten Fälle auf Langkawi. Zu dieser Zeit schauten noch alle besorgt auf die Brände in Australien. Viele der Backpacker, auf Langkawi in Wartestellung für einen langen Australientrip, verfolgten mit Sorge die Entwicklung. Ausserdem waren die Gespräche immer wieder von den Feststellungen zum Klimawandel geprägt. Kein Reisender hat daran geringste Zweifel, dafür sind die Zeichen einfach zu deutlich. Wer den vom Menschen verursachten Klimawandeln leugnet ist schlicht ein Ignorant, dem es darum geht, einfach weiter zu machen oder wie ein kleines Kind die Augen zuhält. Du siehst mich nicht, ich Dich auch nicht, u. wenn ich die Hand wieder wegnehme, ist alles wieder gut. Überhaupt beschleicht mich der Gedanke, dass bei alledem viel kindliches eine Rolle spielt. „Ich will jetzt und hier ein Eis! Ich will die aber die Puppe haben! Und das Auto auch …!“ Woher soll das Kind wissen, dass es Einrichtungen mit der Bezeichnung Kasse gibt, an der man alles bezahlen muss? Verständige Eltern bringen Kindern bei, dass man nicht alles haben kann. Überforderte Eltern o. jene, die das Bocken des Kindes nicht aushalten, lassen sie gewähren. Beim Ergebnis spricht man dann von der verzogenen Göre. In der Gesellschaft nennen wir sie besorgte oder wütende Bürger, AfD Mitglieder o. Wähler, international „narrow minded“, Rightwings, Republikaner, Trump Fans, oder Neoliberale. Mit kleinen Kindern diskutieren? Ich habe damit keine guten Erfahrungen. Eines Tages werden sie mit ein wenig Glück und gemeinsamer Anstrengung von Eltern, Schule, Freundeskreis verständig. Das klappt bekanntlich nicht immer.

Im März sollte der Trip enden. Ich änderte das Drehbuch und buchte einen Flug nach Athen. Warum nicht mal die Akropolis, den Parthenon u.a. historische Stätten besichtigen?

Zwischenzeitlich verdichteten sich die Informationen. Corona oder Covid19 schien sich zu einem gravierenden Ereignis zu entwickeln. In Gesprächen mit Holländern, Schweden, Briten, Kanadiern, Südamerikanern, Franzosen, wurden die Massnahmen und die daraus entstehenden Folgen immer heftiger diskutiert. Wohin? Bleiben? Noch schnell in ein anderes Land reisen? Nach Hause? Für viele der Weltenbummler keine Option und so schlimm wird es schon nicht werden. Eine Grippewelle! Manch einer hatte bereits Dengue oder Malaria, Quallenattacken, Insektenstiche der gefährlichen Art, Diarrhö und anderes überstanden. Wer sich als Europäer oder Kanadier in die Tropen verirrt, ist Kummer gewohnt und die Australier sind es ohnehin gewohnt, von ca. 70% der Natur bedroht zu sein.

Mein Flieger sollte von Penang aus abgehen. Vorher gönnte ich mir drei Tage im Weltkulturerbe. Corona nahm während dessen Fahrt auf. Die ersten Staaten reagierten mit heftigen Massnahmen. Zu dieser erreichten mich Nachrichten anderer Reisender, die wie ich Flüge über Singapore gebucht hatten. Sie waren dort gelandet und gezwungen worden, auf eigene Kosten 14 Tage in Quarantäne zu gehen. Singapore, Hotelzimmer, 14 Tage? Das wollte ich weder mir selbst,  noch meinem Budget zumuten. Also stornierte ich den Flug. Was nun? Eine andere Route wählen? Jordanien, Quatar, Oman? Innerhalb kürzester Zeit hoben entweder die Flugzeuge nicht mehr ab oder der Transfer auf den Flughäfen war nicht mehr möglich.

Ich wog alle Optionen ab. Offenbar hatte eine weltweite Krise eingesetzt. Krisenmanagement hab ich jahrzehntelang praktiziert, also musste ich berufliches Wissen auf meine Situation anwenden. Wenn man in einer Krise eine sichere Position hat, während um einen herum das Chaos ausbricht, ist schon mal eine Menge erreicht. Dann gilt es zwischen sicher anzunehmenden, wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Abläufen zu unterscheiden. Ich gebe zu, dass für mich nahezu alle danach folgenden Maßnahmen in die Kategorie unwahrscheinlich fielen. Für wahrscheinlich hielt ich, dass Risikogruppen bei Nachfrage einen besonderen Schutz bekommen würden.

Ich stellte Corona einer Ebola Epidemie, ebenfalls eine Zoonose, aber ungleich tödlicher, gegenüber. Maximal nach einem Monat sollte nach meiner damaligen Auffassung der grösste Spuk vorüber sein. Ausserdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass bei den aktuellen politischen Verhältnissen wegen 2 – 4 Millionen zu erwartenden  Toten die Weltwirtschaft herunter fährt. Da setzt man einmal auf die Neoliberalen! Der erheblich gefährlichere Klimawandel, das Herumspielen mit ungesunden Waffengattungen, der Bau von AKW’s in Erdbebengebieten … da zucken die Brüder nicht mal mit der Wimper, aber bei einem Virus? Ich hatte die Massenpsychologie und die Angst vor Machtverlust bzw. Umstürzen unterschätzt. Stürme, Tornados, Blizzards, Taifune, Flut – und Brandkatastrophen sind anders gelagert. Praktischerweise kann jeder Politiker mit den Schultern zucken und sagen: „Ich war es nicht!“ Eine glatte Lüge, aber eine die funktioniert. Bei einer Pandemie besteht die Illusion, etwas dagegen tun zu können. Je autoritärer eine Gesellschaft aufgebaut ist, um so höher die Chance einer Eindämmung. 

In Europa herrschen bekanntlich spezielle Verhältnisse. Die Leute haben alle Verantwortung an die staatlichen Stellen abgegeben und schauen die an, wie Kinder ihre Eltern, die auf alles eine Antwort wissen. Gefällt ihnen diese nicht, wird rebelliert. Und in Europa herrscht das antiautoritäre Erziehungsprinzip: Widerspruch und Demonstration ist Bürgerrecht. Ideal wäre die allgemein anerkannte Grundlage einer Demokratie, nämlich der „mündige“ Bürger. Ein wahlberechtigter eigenverantwortlich handelnder Mensch, der mittels Verstand (Ansehen des real Fassbaren) u. Vernunft (logische gedankliche Ableitungen) sein Lebensumfeld erfasst und seine Handlungen darauf abstellt, dass sie/er selbst und andere ihr Auskommen haben. Dreissig Jahre Kriminalpolizei und Arbeit auf der Strasse haben mich etwas anderes erfahren lassen. Gemacht wird, was nicht verboten ist. Oder wenn die Ordnungsmacht gerade nicht da ist, auch dieses.

Damit sind alle Maßnahmen, die auf die Vernunft und Verstand setzen, unsinnig. Jeder, der mal einer Bombenentschärfung eingesetzt wurde oder einer Absperrung bei einem Chemieunfall beigewohnt hat, kennt das. Vollkommen blöd und stumpfsinnig wollen alle nur mal kurz vorbei oder schnell etwas aus dem Gefahrenbereich bergen. Auch Fahrzeuge werden eben nur mal kurz abgestellt. Das dem hinein krachenden Motorradfahrer der unbestimmte Begriff kurz nicht weiter hilft, ist dabei egal.

OK, ich entschied mich für einen eigentlich nicht möglichen VISA Run nach Thailand und zurück nach Malaysia und setzte dabei auf das Verständnis der Grenzbeamten. Auf dem Landweg passierte ich die Grenze und übernachtete in einem Billighotel, welches im grenznahen Rotlicht Milieu befindet. Pilziger Muff, schmutzige Toilette und ein knochenhartes Bett. Doch für eine Nacht nahm ich das in Kauf. Am Folgetag enterte ich ein Tuk Tuk und liess mich zu einem sich in der Nähe befindenen weiteren Grenzübergang bringen. Derselbe erschien mir dann doch zu frech. Den Beamten machte ich meine Lage klar. Langkawi: 0 Fälle u. sicher! Weiterreisen eher unsicher! Ich bekam meine drei Monate Aufenthaltserlaubnis und schlug mich mit Taxi, Zug, Mini Van, Fähre nach Langkawi durch. Ich wusste zu dieser Zeit nicht, dass Thailand 24 Stunden später die Grenzen schloss.

Trotz der 0 Fälle erliess die malaische Regierung auch für die Insel ein „Mobil Control“. Essen nur noch „To Go“, Ausgang zwischen 6:00 Uhr bis 21:00 Uhr, keine „Activities“, dementsprechend Strandbesuche o. Schwimmen im Meer verboten. Mittlerweile hat die Landesregierung alles ein wenig gelockert, aber die Regionalkontrolle interessiert dies wenig. Die Polizei weiss nicht, was die Armee sagt und alle zusammen reden anders, wie die Streifen der Gesundheitsbehörde. Malaisia ist anders als Deutschland. Malaien sind grundsätzlich aus Gründen gegenüber staatlichen Stellen äusserst devot eingestellt. Die Polizei ist ein vollkommen distanziertes Organ, welches mit maximaler Arroganz agiert. Getoppt wird sie nur von der Gesundheitsbehörde. Ganz besonders gilt dies gegenüber Frauen. Der Kontakt mit selbstbewussten renitenten Europäerinnen überfordert die meist männlichen Polizisten. Letztens beobachtete ich amüsiert den Versuch, eine wütende Polin zu kommandieren. 1 : 0 für Polen, aber am Ende musste auch sie den Strand verlassen … aber mit Würde. Sie und andere machen nichts Unvernünftiges. Gute 5 km leerer Strand und der Indische Ozean bieten genügend Möglichkeit des Abstands. Aber: Es ist ein Regelverstoss.

Das bekam ich letztens um Mitternacht zu spüren. Weil mal wieder ein Flug annulliert wurde (ich probier es immer mal wieder) setzte ich mich im Dunklen ans Wasser. Dort entdeckte mich zufällig ein Wachmann eines 5 – Sterne – Ressort, der die Polizei alarmierte. Ohne Details kann ich sagen, dass sie nicht sonderlich gut ausgebildet sind. Sie abzuschütteln, war nicht schwer. Der Lehrgang: Tarnen im Gelände hat sich ausgezahlt. Aber wie gesagt: Wen hätte ich anstecken sollen? Den schlecht bezahlten Wachmann? Die Krabben?

Ich beschrieb es hier bereits. Ein Freundeskreis von 6 Malaien wanderte direkt ins Gefängnis. Malaischen Offiziellen sind Langhaarige ein Dorn im Auge. Das ist eine Entwicklung, die Anfang der Achtziger mit der verstärkten Einflussnahme der arabischen Staaten begann. Zuvor war Malaysia sehr progressiv und westlich eingestellt. Man sieht das auf den alten Familienbildern und alten Werbeanzeigen. Den Jungs wurde kurzerhand der Kopf kahl geschoren und sie wurden in Ketten in eine Sammelzelle  gesteckt. Um die sieben Männer in einer Zelle ohne Mobiliar. Zwei können schlafen, der Rest muss stehen. Die Notdurft wird in eine Rinne versehen und zu Essen gibt es halbrohen Fisch. Nebenbei sieht es bei den Frauen mit der Hygiene noch übler aus. Menschenrechte sind in Malaysia ein erwerbares Gut. Kein Geld – kein Recht! Auf der Insel herrscht Korruption und bei Razzien werden in der Regel ohne Beweise die üblichen Verdächtigen mitgenommen – die mit den langen Haaren. Mich persönlich hätte eine Festnahme überschaubare 100 EUR gekostet. Für einen Malaien auf die Lebenserhaltungskosten bezogen, etwa der 10 Fache entsprechende Gegenwert.

Einerseits ist die Insel ein sonniges Paradies, andererseits ist die mangelnde Trennung zwischen Religion, Moral und Staat nicht übersehbar. Es steht mir nicht zu dies zu kritisieren. Ihr Land, ihr Ding und ihre Regeln, doch für mich wäre das nichts. Die Zugeständnisse, die hier europäische Einwanderer machen müssen, wären mir definitiv zu heftig. Wer hier mittels Heirat eine Aufenthaltserlaubnis bekommt, muss zum Islam konvertieren. Ohne ein Permanent Stay zu bekommen, ist möglich, aber schwierig. Meist läuft es über großes Business oder ehemalige koloniale Verpflichtungen.

Aber ich hab ohnehin nicht vor Auszuwandern, ich möchte lediglich die Welt sehen. Mittlerweile beginne ich sogar zu akzeptieren, dass dieses betreute deutsche Leben, kombiniert mit dem Motzen gegen alles, für eine Vielzahl an Zeitgenossen, das beste Lebensmodell ist. Ohne dieses würden sie ins Verderben rennen. Wenn man nicht gerade der bezahlte verlängerte Arm von Mama/Papa des Staatsapparats ist, also Ordnungsamt o. Polizei arbeitet, kann es einem egal sein. Ein wenig Katz und Maus spielen, ab und zu geschickt unter dem Radar fliegen … fertig.

In den asiatischen Staaten, die ich kennengelernt habe, machen sich die wenigsten Gedanken über Dinge, die über die eigenen oder familiären Belange hinaus gehen. Politik, Umwelt, Gesellschaft wird schlicht ausgespart. Ich weiss nicht, ob das schon immer der Fall war oder es jüngere Gründe dafür gibt. Die Dinge sind für die Leute halt so, wie sie sind. Im Zweifelsfall auch der Müll, Korruption u. Machtmissbrauch. Malaien haben allerdings meiner Erfahrung nach eine ziemlich gefährliche Eigenart. Eine ganze Weile passiert nichts und dann kommt plötzlich explosiv ein heißblütiges Temperament zum Vorschein. Damit werde ich dann nach Stand der Dinge noch eine Weile auskommen müssen.

Bis heute scheint im internationalen Flugverkehr weiter das totale Chaos zu regieren. Vor Mitte Juni wird sich dies auch nicht mehr ändern. Für die nächsten zwei Wochen nehme ich mir vor die Zeit zu geniessen. Kein Corona, eine in der Regenzeit aufblühende Insel und ab und zu ein Strandgang. Das ist mehr, als bisher in Deutschland möglich war. Ich hoffe nur, nicht in eine zweite Welle hineinzugeraten. Was die bockigen Kinder im Stadtgebiet anstellen, interessiert mich nicht. Das Gute ist, dass nichts abrupt geschieht. Auch nicht, wenn die paar Krakeeler es beschreien. Meiner Auffassung nach ist es ein Prozess, der nicht seit gestern stattfindet. Corona in den 60/70/80gern hätte andere Folgen und Massnahmen nach sich gezogen. Allein das mediale Spektakel, wäre undenkbar gewesen. Hier auf Langkawi gibt es wenige Paranoide, Phobiker und Neurotiker. Das sieht in der getunten deutschen Gesellschaft anders aus. Auf der Insel laufen auch weniger Selbstdarsteller, aufgepumpte Männer, Püppchen und bedrohlich auftretende Hools durch die Gegend. Wenn, dann sind es fast immer Touristen. Dieses hysterische Gebrülle und Geschrei liegt den Leuten hier nicht.

Einzig unangenehm ist das selbstherrliche Auftreten der Offiziellen. Doch nach der Beschreibung des Vorgehens vom Gesundheitsamt bei Kontrollen der hier lebenden Arbeiter aus Bangladesh, Pakistan und Indien fühlte ich mich stark an manch einen wichtig auftretenden Beamten aus Deutschland erinnert. Insofern scheint dieses: Ich habe eine staatliche Aufgabe – ich bin wichtig und damit mehr wert – Syndrom, international verbreitet zu sein.

Ich werd dann mal weiter beobachten und 2020 als eins der spannenden Lebensjahre betrachten.

Kommentar verfassen