Der Gender – Systemhack!

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Wer heute in Deutschland aufgeschlossener Vater zweier gebildeter intelligenter Töchter ist, kommt an Diskussionen über das Thema Feminismus und gendergerechte Sprache nicht vorbei. Es bleibt auch nicht aus, dass es dabei hoch hergeht. Jedenfalls wenn man selbst eine vom Zeitgeist abweichende Auffassung vertritt. Aber immerhin habe ich bereits wesentliche Faktoren genannt: Aufgeschlossen, Bildung und intelligent. Für die helle Hautfarbe, das Geschlecht , in den ausgehenden Sechzigern des letzten Jahrhunderts geboren zu sein, für all das kann ich nichts. Ebensowenig trugen meine Töchter hierzu bei. Selbst für die Geburt in einem der reichsten Länder können sie nichts.

Gleichfalls wird jeder in ein soziales System hineingeboren und innerhalb dessen geformt, welches man sich nicht ausgesucht hat. Die ersten Lebensjahre müssen wir dies schlicht hinnehmen. Später kann man sich daran reiben und versuchen es zu verändern. Stichwort: Soziales System! Es ist nicht gottgegeben, sondern historisch entstanden. Auf das Thema Feminismus bezogen, blicke ich auf die Momentaufnahme eines Prozesses, der irgendwann seinen Anfang nahm und zu dem führte, was heute die gesellschaftliche Realität ist.

Wie kam es zu der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft? Welche Systematik steckt dahinter? Und wenn mir der festgestellte Status Quo nicht gefällt: Wie kann ich ihn verändern?

Fest steht, unser Gesellschaftsmodell ist kein auf Naturgesetzen basierendes und damit unveränderlich. Wenn dies der Fall wäre, hätte es weder historisch andere Modelle gegeben, noch wären sie in anderen Teilen der Welt zu beobachten. Zum Beispiel gibt es bei Nomadenvölkern matriachalische Ansätze. Die Frauen leben mehr oder weniger sesshaft in einer Altershierarchie zusammen und die Männer kommen nach Aufforderung der Frauen zu Besuch. Bis zu einem gewissen Alter obliegt die Erziehung der Kinder den Frauen. Mädchen bleiben und wenn die Jungen alt genug sind, folgen sie den Männern in die Steppe. In Europa erlebten wir Königinnen und Kaiserinnen, die über Jahrzehnte hinweg, die die Geschicke ihre Landes bestimmten. Allerdings gab es keine Eroberinnen, große Entdeckerinnen, die sich auf abenteuerliche Seereisen einließen. Im Ur – Christentum gab es Kirchen die nahezu ausschließlich von Frauen gemanagt wurden. Die Bandbreite ist groß.

Für mich erscheint es notwendig, die zeitlichen Gegebenheiten mit einzubeziehen. Die Epoche, in der wir leben, ist im Verhältnis zur gesamten Evolutionsgeschichte des Menschen beinahe zu vernachlässigen. Wird über Geschlechter gesprochen, kann dieses nicht außen vor gelassen werden. Zu jeder Zeit war der Mensch ein Ergebnis der Sozialisierung und seiner biologischen Voraussetzungen. Eine Steuerung unseres Verhaltens durch Hormone, Instinkte, tief verwurzelte urtümliche Strukturen zu leugnen, wäre albern. Womit auch das Verhältnis zwischen Frau und Mann hiervon maßgeblich geprägt ist. Doch Verhältnis sagt nichts über ein Über – und Unterordnungsverhältnis oder gar bezüglich einer Wertung der Funktion aus. Hier ergibt sich für mich eine erste Klippe.

Das Gebären von Kindern, die Fürsorge, die Begleitung der ersten Jahre, hatte in grauer Vorzeit mit Sicherheit einen hohen Stellenwert. Dies gilt bestimmt auch für die Geburt eines Mädchens, denn damit war der Fortbestand der Horde gesichert. Diese Dinge haben sich erst mit der Entstehung von Gesellschaften und erdachten Gesellschaftsstrukturen, die nichts mehr mit dem Überleben in Einklang mit der Natur zu tun haben, verändert.

Wie sieht der IST – Zustand aus?

Stand der Dinge heute ist, dass Männer in allen industrialisierten Staaten in den Führungsetagen überrepräsentiert sind. Gleiches gilt für die inneren Strukturen der großen Buchreligionen. Selbst der Buddhismus ist in weiten Teilen männlich dominiert. Dort ist es genau genommen in einigen Ausrichtungen besonders perfide. Wenn eine Frau der Erleuchtung nahe wäre, wäre sie als Mann zur Welt gekommen und dann Mönch geworden. Hierzu gibt es unter Buddhisten heftige Diskussionen, da diese Auffassung überhaupt nicht in der Lehre des Buddha unterzubringen ist. Fest steht auch, dass diese Verhältnisse das Ergebnis von gedanklichen Prozessen sind. Weiterhin verfügen die Gesellschaften über Bewertungen der Funktion. Wir nennen dies Wertschätzung. Jene wird in unserer Gesellschaft überproportional mit der Bemessung durch einen monetären Wert ausgedrückt. Da Hausarbeit und die Aufzucht der Nachkommenschaft einen geringeren Geldwert zugewiesen bekommt, als zum Beispiel die Leitung eines Konzerns, wird sie als gering geschätzt betrachtet. Eine pure Konstruktion, die sich aus der Historie ergeben hat.

Fakt ist auch, dass die deutsche Sprache zwischen männlichen und weiblichen Formen unterscheidet, des Weiteren in vielen Bereichen einen männlichen Überhang hat. Ich finde dies bei diversen Berufen historisch gesehen absolut nachvollziehbar. Immerhin haben sich auch die Berufsbilder gewandelt. Manche ehemals körperlich extrem harte Jobs, wären früher von Frauen kaum zu bewältigen gewesen und auch die Männer bezahlten mit einem frühen Tod. In der Neuzeit ist das anders. Wenigstens bei uns hat sich durch die Technisierung einiges geändert. Doch hier kann man mir entgegen halten, dass Frauen z.B. in manchen Teilen Afrikas die körperlich härtere Arbeit verrichten. Auch bei Natives scheint die Jagd mehr eine Männerdomäne zu sein, während die Sorge und Pflege der Unterkunft, körperlich nicht minder anstrengend, den Frauen obliegt. Aber gab es bei der Entstehung der Sprache bereits eine Bewertung des Geschlechts? Dazu müsste ich mal einen Sprachforscher befragen. Auf jeden Fall hat sich die gesellschaftliche Relevanz der Tätigkeiten immer mal wieder verschoben. Ganz besonders ist dies beim Umgang mit Geld zu beobachten. Immerhin war eine Zinserhebung im Christentum lange verboten und gilt bei orthodoxer Auslegung der Bibel immer noch. Heutige Bankiers, Investmenthändler, Kreditgeber hätten damals einen schweren Stand gehabt.

Aber gut, zurück ins industrialisierte Deutschland. Jenseits von unserem Land, in anderen Gesellschaften und anderen Sprachen, wäre die Diskussion völlig anders zu führen. Das es an vielen Plätzen der Welt aus unserer Sicht mit dem Verhältnis zwischen Frauen und Männern ziemlich düster aussieht, ist unfraglich, doch nicht unser Problem und unterliegt deren gesellschaftlicher Entwicklung und Diskussion. Ich halte nicht viel von Einmischungen. Zum Beispiel sollte man in islamischen Staaten nicht übersehen, dass die teilweise so etwas wie Sittenwächterinnen haben.
Wie gesagt: deren Problem. Rational lässt sich beim Stand der Technik, dem hohen Grad an Dienstleistungen, keinerlei Grund für die Bevorzugung eines Mannes bei der Besetzung einer Stelle oder Arbeitsplatz erkennen. Oder vielleicht doch?

Wie funktioniert das System: Hierarchische Ordnung

Die Gesellschaft ist geprägt von Hierarchien die nach Mustern funktionieren. Behörden, Vereine, Parteien, Management, ähneln sich stark oder sind identisch. Wer in einer Behörde nach oben kommt, schafft es mit den gleichen Techniken, Verhaltensweisen, vor allem Bindungsverhalten und Persönlichkeitsstruktur, ebenfalls in einer Partei, Konzern, Betrieb oder Verein. Zunächst einmal ist da der Wille zum Führen. Den hat nicht jeder. Ich muss davon überzeugt sein, dass meine Ideen, meine Strategien, Vorgehensweisen, richtig, zielführend und erfolgreich sind. Dann ist da das Bedürfnis Macht. Mit Sicherheit bin ich nicht der Einzige, welcher von sich überzeugt ist. Also muss ich die anderen irgendwie ausstechen, damit man mich und nicht meine Konkurrenten machen lässt. All dieses wird von Bindungen begleitet. Bindungen zu Leuten, die mich für jemanden halten, der die richtigen Ideen, Denkstrukturen und Lösungen hat, zu denen, welche bereit sind, sich selbst zurückzustellen und mich zu beraten, des Weiteren zu jenen, welche bereits oben sind und mich nachziehen. Bilde ich Bindungen jenseits dieser Kriterien, kann ich das tun, aber sie sind für mich nicht nützlich. Nahezu katastrophal sind Bindungen, an denen ich emotional festhalte, sie aber im Kollisionskurs zu den nützlichen sind.

Was bedeutet eigentlich dieses „Oben“? Auf jeden Fall mehr Geld und damit gesellschaftliches Ansehen. Objektiv gesehen arbeitet jede Reinigungskraft, jeder subalterne Beamte oder nachgeordnete Mitarbeiter mehr, wie die meisten Führungskräfte in den „oberen“ Etagen. Nicht umsonst gibt es den Spruch: „Wer führen will, muss frei von Arbeit sein!“ Im Idealfall hat die Person in der oberen Etage brillante Einfälle, die unten nicht entstanden wären. Dies ist uns dann Geld wert, weil mit der Idee noch mehr Geld verdient oder eine Aufgabe effizient gelöst werden kann. Dieses Wertschätzungsprinzip hat Schwächen. Wie verhält es sich mit einer/m genialen Wissenschaftler/in in einer Entwicklungsabteilung oder an einer Universität? In der Regel wird es einen Vertrag geben, dass das Forschungsergebnis im Besitz der Firma ist, die damit tolle Sachen anstellt, was wiederum dem Manager ein noch höheres Gehalt und den Aktionären eine höhere Ausschüttung beschert. Den Wissenschaftlern bleibt die Anerkennung der Fachwelt.

Wo soll es hingehen?

Wird über Feminismus diskutiert geht es um drei große Richtungen. Die eine dreht sich um den realen freien Zugang zu allen Berufen, die andere beschäftigt sich mit dem gleichberechtigten Aufstieg in die mit Wertschätzung bedachten Führungspositionen und die dritte mit der identischen Bezahlung der gleichen Tätigkeit. Gesetzlich ist der freie Zugang gegeben. Kommt es zu einer unsachlichen Blockade, steht der Weg der Gerichtsbarkeit offen.

Bei den Führungspositionen kommt die alte Frage nach dem Unterschied zwischen Mann und Frau auf. Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass es Verhaltensweisen gibt, die wir vollkommen unabhängig vom Geschlecht der zur Betrachtung stehenden Person als männlich oder weiblich definieren. In der Psychologie wird zum Beispiel die Rolle des Vaters und die der Mutter unabhängig betrachtet. Wichtig ist für die Entwicklung des Kindes nicht das handelnde Geschlecht, sondern die eingenommene Position. Mutter und Vater können durchaus vertauscht sein.

Meiner Beobachtung nach, sind bei uns Hierarchien von männlichen Attributen, im Sinne einer Definition was das ist, geprägt. Wenn sich Frauen in dieser Hierarchie nach oben kämpfen, sind das i.d.R. Frauen, welche sich Taktiken und einem zwischenmenschlichen Bindungsverhalten bedienen, die allgemein als männlich definiert werden, schlicht weil das System strukturiert ist, wie es nun einmal ist. Damit habe ich noch nichts darüber gesagt, ob das wünschenswert, ideal oder gar erstrebenswert ist. Doch eins steht für mich fest. Wer in einem System lebt, welches sich für einen selbst positiv auswirkt, hat wenig Motivation dies zu verändern.

Gleicher Verdienst für identische Tätigkeiten sollte selbstverständlich sein, ist er aber nicht. Dabei muss der Unterschied nicht einmal das Geschlecht sein. In einer Behörde arbeiten in einer Abteilung Sachbearbeiter/innen an der gleichen Aufgabe. Aber das Geld richtet sich nach den erreichten Besoldungsstufen. Wenn irgendwo mit harten Bandagen gekämpft wird und seltsame Kriterien zur Beförderung führen, dann dort. Dies spiegelt sich in Untersuchungen zu Mobbing wieder. Das Risiko gemobbt zu werden, ist in einem Non – Profit – Unternehmen (Behörde) ca. um ein zehnfaches höher, als in einem Handwerksbetrieb. Bereits seit Jahrzehnten wird mit Strategien experimentiert, die Abhilfe schaffen sollen. Weder Quoten, noch unzählige Veränderungen am Beurteilungssystem, haben bisher brauchbare Erfolge eingebracht. Meiner Meinung nach wird dies erst ein Ende haben, wenn der Verdienst konsequent an der Tätigkeit, Sachgebiet, Lebensalter und Zugehörigkeit gekoppelt wird. Unterschiedliche Besoldungsgruppen, die an nicht ernsthaft messbare Leistungen gebunden sind, werden nicht nur zwischen Frau und Mann immer zu Konflikten führen.

Systeme werden im 21. Jahrhundert „gehackt“

Im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter der Digitalisierung, assoziiert man mit System schnell Programme, mit denen Computer arbeiten. Computerprogramme haben sogenannte Sicherheitslücken, in die Hacker eindringen, um von dort aus das System nach ihren Vorstellungen zu verändern. Feministinnen sind so gesehen Hackerinnen, die das System nach ihren Vorstellungen verändern wollen. Eins der zur Verfügung stehenden Mittel ist die gendergerechte Sprache. Eine absolute Grundvoraussetzung des Hackens ist das Verständnis des Systems.

Wie wichtig das ist, haben die alten ’68er kennengelernt. Rudi Dutschke forderte den Gang durch die Instanzen, um dann von geeigneter Position aus, Veränderungen herbeizuführen. Das lief gründlich schief. Dutschke übersah, dass dieser Gang durch die Instanzen nicht ohne Spuren bleibt. Das bestehende System ist darauf ausgelegt, dass es die Menschen auf dem Weg nach oben zu dem macht, was es stützt. Macht, Führungsaufgaben, Establishment und besonders das liebe Geld, formen den Menschen. Nur sehr besondere Persönlichkeiten können dem widerstehen. Auf diese Art und Weise funktionieren Hierarchien nun einmal. Die obere Position ist die Rübe vor der Nase des Esels. Und wer oben ist, wird zum Nutznießer. Wie sagte ein Landespolizeidirektor einmal zu mir? „Sehen Sie zu, dass Sie schnell genug nach oben kommen. Arbeit fällt immer von oben nach unten herunter.“ Neben allen Diskussionen, wie es mit der Verteilung von hohen Führungspositionen an Frauen aussieht, habe ich persönlich hierzu auch eine geschlechtsneutrale Position. Jeder hat das Recht, seinen Charakter zu verschandeln. Den oberen Posten gibt es weder für Frau noch Mann umsonst und ob man den Preis bezahlen will, muss als Mensch entschieden werden.

Ist Gendern der geeignete Hack?

Ist eine gendergerechte Sprache geeignet, die erwünschten Erfolge zu erzielen? Wenn es so ist, wie bringe ich sie ins System ein? Vorweg: Ich halte sie für ungeeignet, weil der zweite Schritt vor dem ersten gemacht wird.

Die Antwort hat für mich etwas mit dem Zusammenspiel von Sprache, Bewusstsein und Denken zu tun. Nicht ohne Grund ist dies ein zentrales Thema in verschiedenen Dystopischen Szenarien. Wer an der Sprache herum bastelt, kommt an einer Kritik die auf George Orwells Roman 1984 basiert nicht vorbei. Verbote, Streichungen, Tabuisierungen, schränken die Möglichkeiten etwas auszudrücken ein, aber sie verändern nicht das Bewusstsein, die Haltung und Emotionen. Ein anderer Umstand ist die Tatsache, dass ich dem Sprecher die Möglichkeit nehme sich zu zeigen und mir selbst das Erkennen schwieriger mache. Nur weil ich einem Rassisten das Wort „Nigger“ verbiete, er sich damit nicht mehr zu erkennen gibt, heißt dies noch lange nicht, dass er keiner mehr ist. Das ist wie mit den Leugnern des Holocaust. Der Leugner ist das geringste Problem. Ein viel größeres ist, dass er nicht von allen geteert und gefedert wird, sondern seine Worte auf den Komposthaufen des verrotteten Dritten Reiches fallen. Dem natürlichen Sprachbildungsprozess mit künstlichen Maßnahmen zu begegnen, birgt immer Gefahren. Allein der Reiz des Tabubruches ist nicht zu verachten. Was für mich nicht bedeutet, dass man nicht gegen sprachliche Veränderungen, die man selbst als Fehlentwicklung betrachtet, entgegen wirken sollte. Doch dies muss ich mit Überzeugungsarbeit bewerkstelligen. Erfahrungsgemäß bringt es nichts, wenn ich zu einem Kind sage: „Das sagt man nicht!“ Dies ist eher eine Aufforderung zum Tanz. Ich muss schon erläutern, warum nicht und darauf hoffen, dass ich es überzeugend getan habe.

Wie werden eigentlich männliche und weibliche Attribute in der Gesellschaft herausgebildet? Einen erheblichen Anteil hat die Werbung, welche bis zur Perfektion mit allen psychologischen Tricks arbeitet. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mit einer meiner Töchter in einem Supermarkt für Spielzeug stand und dieses Kind nicht mehr aus einer penetrant lila leuchtenden Spielzeugpassage herauszubekommen war. Ich war entsetzt. Weder meine Frau noch ich hatten ihr dieses „lila – Mädchen – Ding“ eingetrichtert. Ganz im Gegenteil, wir verabscheuten es. Also woher kam das? Kindergarten? Andere Kinder? Auf jeden Fall hatten die Werbestrategen einen Trend aufgegriffen, ihn kräftig verbreitet und verdienten prächtig daran. Hinzu kam in mir der Verdacht auf, dass das alles sehr US – Amerikanisch mit einer Priese Asien anmutete. Werbung ist immer auf den Konsumenten abgestimmt. Gibt es keinen Nährboden, funktioniert sie nicht. Wenn die halbnackte Frauen neben ein Auto stellen, machen sie es, weil es funktioniert und sie aus den frei Haus gelieferten Daten analysiert haben, wer potenziell welches Auto kauft und wie ich dessen Aufmerksamkeit erziele. In einem anderen Land würde das nicht klappen. Da wo sich Männer religiös von einer Halbnackten beleidigt fühlen, kann ich damit nicht kommen und muss mir etwas anderes einfallen lassen. Durch die Verbannung der Werbung erreiche ich gar nichts. Die Struktur der Männer bleibt. Mir persönlich geht Werbung gegen den Strich und sie erreichen bei mir genau das Gegenteil. Je mehr ein Produkt beworben wird, um so mehr gehe ich auf Abstand und kaufe etwas anderes. Aber trotzdem scheinen sich die Millionen zu lohnen.

Die PR- Strategen fahren zweigleisig. Einerseits setzen sie Trends und anderseits greifen sie Trends auf und übernehmen sie. Im Gegenzug wird jeder, der sich dagegen stellt zum Outsider, verschrobenen Spinner oder lächerlichen Figur. Ist man Elternteil, wird man zur Hassfigur, die nicht in der Zeit lebt und aus verschrobenen Gründen den Kauf der neuen (potthässlichen) Sneaker untersagt, welche dann Dank der verständnisvollen Großeltern, zum Geburtstag doch noch kommen. Ja, auch die vielen Lila – Sachen haben unter dem Weihnachtstisch gelegen. Doch ein bleibender Schaden blieb aus.

1945 – eine verpasste Chance

Wenn das Ziel erreicht werden soll muss Führung durch Frauen etwas sein, was in der Gesellschaft als begehrenswert erachtet wird. „Habt ihr schon gehört, die Frau von Herrn Meier ist Vorstandmitglied, alle Achtung! Wäre toll, wenn meine Frau auch so erfolgreich ist.“
Hierzu bedarf es tiefgreifender Veränderungen im gesellschaftlichen Bewusstsein. Prinzipiell haben die deutschen Frauen eine hoffentlich einmalige Chance verpasst. Nämlich die, welche sich nach 1945 bot. Ruanda gilt heute als eins der emanzipiertesten Länder für Frauen. Im Bürgerkrieg hatten sich die Männer erfolgreich selbst dezimiert. In Folge dessen enterten die Frauen große Teile der Regierung und der Administration. Bisher geht es dort stetig aufwärts. In Deutschland wurde diese Chance verpasst. Warum? Ich bin kein Soziologe oder Wissenschaftler, insofern kann ich nur mutmaßen.

Höre ich in meiner Laiensphäre Deutschen zu, beschleicht mich der Eindruck, dass aus den Strömungen, die in den Nationalsozialismus führten und später in dieser Zeit richtig aufblühten, mehr übrig geblieben ist, denn zugegeben wird. Das Frauenbild, die Rolle der Familie und ihre innere Struktur, die Funktionszuteilung, die Nähe zur Esoterik, welche Art von zwischenmenschlicher Bindung favorisiert wird, welche Emotionen ins Private gehören und welche öffentlich gezeigt werden, all dies hat überlebt.
Im städtischen Leben gab es in der Weimarer Republik innerhalb einiger Zirkel eine Unterbrechung, so auch teilweise im Proletariat. Aber das Bürgertum, die Völkische Bewegung, der Industrieadel, das politische Establishment blieben weitestgehend unberührt. In der Nachkriegszeit gab es nochmals eine Auflehnung ausgehend von der 68er – Bewegung. Nicht umsonst läuft das aktuelle konservative Bürgertum zu Hochtouren auf, wenn es um diese Zeit geht. Zumeist wird eine zeitliche Einordnung und der damals bestehende gesellschaftliche Hintergrund ausgespart. Die Progressiven und vor allem die Elite der Universitäten, war entweder dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen oder die Flucht ergriffen. Wer war geblieben und stand zur Verfügung? Wenige Rückkehrer oder Überlebende, ansonsten Mitläufer, Wendehälse, Opportunisten, ehemalige, aber angeblich geläuterte Nationalsozialisten, die zutiefst die Sache mit den Juden bedauerten, aber an alten Überzeugungen bezüglich der Gesellschaft, Familienbild, Menschenbild, Werten, Anschauungen festhielten. Hierzu gehörte auch die Rolle der Frau. Gammler, junge Männer mit langen Haaren, hätte man gern wieder ins Lager gesteckt. Frauen mussten sich heute selbstverständliche Rechte hart erkämpfen. Ab 1958 durften Frauen ein eigenes Konto eröffnen. Bis 1977 durfte eine Frau in Westdeutschland nur dann berufstätig sein, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war. Aufgaben im Haushalt und in der Kindererziehung waren somit der Frau zugeordnet. Vor 1958 durften Frauen nur einen Führerschein machen, wenn entweder der Ehemann oder der Vater zustimmte. Die Zeiten in den Sechzigern waren eine andere und dann knallte es halt eines Tages.

Aufguss der 70er

Viel geblieben ist 2021 von dieser Bewegung nicht. Richtig extrem fiel mir dies beim Parteitag der AfD auf. Da waren Töne zu hören, in denen von einer neo – marxistischen Theorie der 68ziger, die eine verantwortungslose Vermeidung einer familiären Bindung, inklusive Zeugung und Aufzucht der Kinder durch die Mütter, gesprochen wurde. Aber man muss hierfür nicht der AfD, bekanntlich ein Sammelbecken verprellter konservativer CDU Mitglieder, zuhören. Es genügt vollauf, wenn man in den Social Media die Tweets von CDU Politikern liest oder das Bürgertum in Talkshows erlebt.

Der Weg über die Sprache, Quoten, Bezeichnungen und Sozialisierungsansätze, ist kein neuer, sondern eher ein beinahe harmloser Aufguss der 70er. Teilweise war man damals gesellschaftlich schon weiter. Ich stelle mir zum Beispiel deutsche Rapper am Beginn der 70er vor. Die wären von Feministinnen aller Couleur öffentlich gesteinigt worden. Damals wie heute ist Emanzipation, Feminismus, Gleichstellung, nicht auf den beruflichen oder offen sichtbaren Erfolg zu reduzieren. Wer hat im Privaten das tatsächliche Sagen? Dies dürfte von den gesellschaftlichen Schichten abhängig sein. Auch hier wieder: Ich bin kein Soziologe und kann ausschließlich auf meine Lebenserfahrung zurückgreifen. In meiner Erlebniswelt sind in den eher unteren Bereichen der Gesellschaft lebensältere Frauen tonangebend, viele der jüngeren Frauen arbeiten sich über Erfahrungen und Enttäuschungen nach oben. In den oberen Sphären steigt die Wahrscheinlichkeit auf ein Patriarchen zu treffen. Ein wenig korrespondiert dies mit den Vermutungen der historischen Zusammenhänge.

Nicht die Sprache steht an erster Stelle, sondern das gesellschaftliche Gefüge. Dann kommt die Sprache und das Bedürfnis sich entsprechend zur inneren Haltung auszudrücken ganz von allein. Um das Gefüge, das System zu hacken, muss ich die Schwachstellen finden und die Abwehrmechanismen umgehen oder ausschalten.
Es ist nicht so, dass sich da nichts tut. Bemerkenswerterweise stehen die Transformationsforschung, Fridays for Futur, Extinction Rebellion, unter starken weiblichen Einfluss. In meinen Augen ist es auch kein Zufall, das Greta Thunberg ist, was sie ist und der hauptsächliche Gegenstrom von männlich, bürgerlich und 40 Plus sowie einem Teil Frauen jenseits der Wechseljahre besteht. Letztere haben sich durch das System gekämpft und wurden geformt. Plötzlich kommt so eine Göre daher und stellt alles in Frage. Unerhört! Unverschämtheit!

Verräterisch für das System sind hier die PR Strategien. Darauf setzend, dass die wenigsten wissen, was ein Asperger – Syndrom eigentlich ist, wurde eine „Behinderung“ in die Köpfe gesetzt. Das ist interessant. Eine Behinderung kann theoretisch im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch von Contergan, bis zum Rollstuhl, Trisomie 21 oder geistig retardiert alles sein. Die PR Strategen setzten mit Erfolg auf das Niedere im deutschen Bewusstsein. Statt einer beachtlichen Leistung einer 17 jährigen, stand im Bürgertum das Gefasel einer geistig zurückgebliebenen Jugendlichen im Raum. Was in den 30ger Jahren funktionierte, klappt heute auch noch.
Und liest man sich in den Social Media die Kommentare zu ihr oder Luisa Neubauer durch, begreift man schnell, dass in einigen Gesellschaftskreisen, angepasste junge Frauen gern Trällern, ihren Körper bei der TV – Zuhälterin Heidi Klum verkaufen oder Dekoration spielen dürfen, aber keinesfalls kritisch die Daumenschrauben anlegen sollten. Lustig sind immer die Kommentare, in denen darauf hingewiesen wird, dass sie doch erst einmal arbeiten gehen sollen. Mal abgesehen davon, dass das ein uralter Spruch ist, geht bei der Forderung aus Sicht eines Arbeiters ein Drittel des Bundestags kleinlaut nach Hause. Aber das Gute an der modernen Zeit ist das digitale Gedächtnis. Sagte doch ein Christian Lindner zu FFF, man solle diese Themen den Profis überlassen. Das klang bei ihm mal ganz anders.

Christian Lindner, 18 Jahre, ohne Abitur, ohne Fachkenntnisse

Sicherheitslücken des Systems

Hier zeigt sich ein echter Schwachpunkt. Die Selbstgefälligkeit, der Hochmut, die Sucht nach Selbstdarstellung, eröffnen Sicherheitslücken, die groß wie Scheunentore sind. Auch Luisa Neubauer macht das immer wieder vor. Talkshows mit selbstgefälligen, schlecht gebrieften Ministern, sind ihre Spielwiese. Da benötigt sie keine gendergerechte Sprache. Oder auf einem noch höheren Niveau ist eine Fr. Prof. Dr. Maja Göpel unterwegs. Blasierte Rhetorik, die einzig auf Spins und PR Phrasen basiert, nimmt sie zum Frühstück auseinander. Glücklicherweise ist das immer häufiger zu sehen. Die hunderte Male gespielten Rhetorikspielchen mit Eristischer Dialektik ohne substantiellen Inhalt, wie beim Ping Pong von Männern hin – und her geschlagene Phrasen, durchbrochen mit simplen Regeländerungen, aufgestellt von einer Frau.

So hackt man das System! Gendern, feministische Sprache, ist es etwas für Soziologiestudentinnen, deren Wissen sich dort beschränkt. Ein weiterer Hack ergibt sich aus einer Eigenschaft, die in unseren Hierarchien absolut förderlich ist. Der Narzissmus und der Superlativ „männlicher Narzissmus“. Wir leben in einer vom Kampf um Aufmerksamkeit geprägten Gesellschaft. Ein Kampf, den der Narzisst meisterlich beherrscht. Doch es macht ihn auch angreifbar. Im Berufsleben und in der Öffentlichkeit. Dem kann Frau beikommen: Taktisches Klein machen, Bauchpinseln, in Sicherheit wiegen, und dann mit Fakten aus dem Ring werfen. Und dies ist nicht abschließend.

Doch alles hat für mich einen schalen Beigeschmack. Ich habe einige Frauen beim Aufstieg erlebt. Damit verbunden war die Hoffnung, dass sie etwas verändern. Es endete ein wenig wie mit der treffenden Frage zur Theorie von Karl Marx. Wer weiß eigentlich, ob die Proletarier die besseren Diktatoren sind? Zumindest waren die Frauen, welche ich an der Spitze meiner Behörde erlebte, kein Deut besser, aber auch nicht schlechter. Doch darum geht es ja auch nicht. Es geht um die Gleichberechtigung innerhalb des bestehenden Systems. Mit temporären, an der Aufgabenstellung orientierten flexiblen Hierarchien, können sich weibliche Führungskräfte auch nicht anfreunden. Wer Macht hat, will sie behalten, da unterscheiden sich Frauen nicht von Männern. Gleiches gilt für ein Überdenken, nach welchen Kriterien wir etwas wertschätzen. Diese Dinge dürften keine Frage des Geschlechts, sondern allgemein der nächsten Generation sein. Die Forderung nach einem Gendern der Sprache erzeugt bei mir aus den genannten Gründen Widerstand und ich sehe auch keinerlei Mehrwert. Hingegen bin ich dafür, einige alte verbitterte abgekämpfte Männer gegen junge Frauen zu tauschen. Und wenn es nach mir geht, können sie gleich die narzisstischen Poser mitnehmen. Aber bitte nicht gegen in Arroganz schwimmende überkandidelte Persönlichkeiten wie Alice Weidel, in Selbstmitleid badende verbiesterte alte Frauen wie die Steinbach oder an Überheblichkeit nicht zu übertreffende Renate Künast. Von diesen Persönlichkeiten haben wir bereits genügend männliche Gegenparts.

Wir brauchen keinen Genderkrieg, alte Diskussionen über Emanzipation, Sexismus. Was wir benötigen sind junge Leute mit neuen Ansätzen, Ideen, Konzeptionen und dem Willen, radikal alles auf den Tisch zu packen und zu hinterfragen. Egal, in welcher Geschlechterrolle sie sich sehen. Was sich bei der Jungen Union, den Jusos, den JuLis oder bei der AfD herumtreibt ist jetzt schon alt, sie haben es nur noch nicht gemerkt. Macht, Darstellen, Auto, Einfamilienhaus, die Reform der Reform anstreben, Ende. OK, ich mache ein bis zwei Ausnahmen … aber anderes Thema.

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