Umdenken ist das Gebot der Zeit

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Ich möchte mit ein paar Betrachtungen zum Thema Konflikte beginnen. Konflikte und der Umgang mit ihnen ist eins der wichtigsten Themen im Leben eines Menschen. Ein Konflikt ist an sich nichts Negatives, sondern im Gegenteil, etwas durchaus Positives. Ohne Konflikte käme es zum Stillstand. Deshalb machen sich Vertreter aller Fakultäten hierüber Gedanken. Der Konflikt ist der Ausgang, das worum es geht. Der Streit, der Krieg, die Versöhnung, die Diskussion, die Debatte, die gewalttätige Auseinandersetzung, Meetings, Gespräche, sind die Wege, mit denen der Konflikt gelöst wird. In welcher Verkleidung sie auftreten ist sehr mannigfaltig. Man kann mit ihnen konstruktiv, destruktiv, gut oder schlecht umgehen. Am Ende kann es Gewinner, Verlierer oder auch beidseitig Zufriedene geben.
Meiner Erfahrung nach besteht der erste Schritt für einen guten Umgang mit einem Konflikt darin, dass man ihn als etwas völlig normales und wichtiges anerkennt, mindestens einen Schritt neben sich tritt und versucht mit viel Abstraktionsvermögen die Angelegenheit zu betrachten. Was natürlich nicht immer funktioniert, schon gar nicht wenn Emotionen ins Spiel kommen, die die Rationalität, Vernunft und Verstand verdrängen.

Umgang bedeutet nicht immer die Lösung eines Konflikts. Manche sind einfach nicht auflösbar, da hilft es nur, sich dem Konflikt zu entziehen oder bildlich ausgedrückt, aus dem Box Ring zu verschwinden. Doch auch dies ist ein Umgang, wenn auch keine Lösung. Eine Lösung kann die Diskussion sein. Die funktioniert bei gleichen oder ähnlichen Zielen, es aber unterschiedliche Auffassungen gibt, wie sie erreicht werden können. Auch die Demokratie ist grundsätzlich nichts anderes als eine Rahmenvorgabe, innerhalb derer Konflikte gelöst werden können. Wenn nicht die Diskussion möglich ist, dann eben die Debatte, bei der ich mittels Rhetorik und Argumenten Mehrheiten auf meine Seite ziehe. Die Lösung ist dann die Tatsache, dass gemacht wird, wofür sich die Mehrheit entschieden hat. Ein nicht zu verachtendes Problem ist dabei, dass es am Ende einen Gewinner und einen Verlierer gibt. Möglich wäre auch ein Kompromiss. Von dem behaupten einige, dass das die Situation ist, in der beide Seiten nicht zum Zug kommen.

Nahezu alle schwierigen Konflikte werden von irrationalen Faktoren begleitet. Die reine Vernunft, welche sich aus logischen Überlegungen heraus ergibt und der Verstand, der etwas genau und analytisch beobachtet, haben nur Anteile, stellen aber nicht alles dar. Deshalb wird bei einer professionellen Herangehensweise sauber voneinander getrennt. Was genau ist der Gegenstand oder das Thema? Welche Emotionen hängen hinten dran? Wer ist alles beteiligt und warum? Ist das Offensichtliche wirklich der Ursprung des Konflikts oder schaue ich auf eine Schutthalde, die im Verlaufe der Kämpfe und etwas völlig anderes entstanden ist?

In einer Gesellschaft, die sich aus verschiedenen Gruppen mit unterschiedlichsten Interessen, Gruppengefüge und Denken, Weltanschauungen, Ansprüchen, Bedürfnissen, Perspektiven, Lebensgefühlen usw. zusammensetzt, bleiben harte Konflikte nicht aus und es bedarf einer Verständigung darüber, wie sie geregelt werden sollen. Wer sich dabei auf Recht, Gesetz und demokratische Prinzipien zurückzieht, wird mit Sicherheit scheitern. Allein schon aus dem Grunde, weil die innerhalb eines demokratischen Systems notwendige Mehrheitsbildung in einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts jede Menge Anlass für Kritik gibt. Eine Minderheit kann und darf jederzeit kritisch Hinterfragen, mit welchen unter Umständen äußerst fragwürdigen Mitteln diese Mehrheit erzeugt wurde. Im Gegenzuge darf sich eine/r nicht wundern, wenn seine unlautere Vorgehensweise zur Mehrheitsbildung, seitens der Minderheit nicht akzeptiert wird und eine Rebellion herausfordert. Ein Klassiker des Gewinner – Verlierer – Ergebnisses. Wichtig ist auch, wie nach der Lösung durch eine Mehrheitsbildung mit der unterlegenen Minderheit umgegangen wird.

Neben diesen kleinen oder manchmal auch etwas größeren Konflikten, hat sich der Mensch in Konflikte begeben, die meiner Auffassung nach nicht auflösbar sind. Als die jungen Aktivisten von Fridays von Future proklamierten, dass sie nicht verhandeln würden oder können, weil sie für eine Natur eintreten, die Verhandlungen nicht kennt, reagierten Politiker in lächerlicher Art und Weise. Keine Verhandlungen zuzulassen wäre ein Verstoß gegen alle demokratischen Grundsätze. Damit wiesen sie auf etwas hin. Der Mensch, als ein aus dem gesamten System heraus gelöstes Wesen, welches mit dem Rest verhandeln will oder präziser gesagt, nur Forderungen aufstellt. Wir brauchen mehr Energie, mehr Platz, mehr Nahrung, mehr Rohstoffe, damit wir weiter machen können, wie wir uns das vorstellen. Die Politiker sehen sich in einem Konflikt mit den Aktivisten, dabei sind die gar nicht ihr Gegenüber. Und da die Prämisse, dass der Mensch nicht Teil des Ganzen ist, falsch ist, gibt es auch kein abstraktes Gegenüber mit der Bezeichnung Mutter Erde oder Mutter Natur. Was es gibt, sind Ressourcenkonflikte, die die Menschen untereinander und mit allem anderen Lebendigen auf der Erde austragen. Einst fand der Mensch Gewinner – Gewinner – Strategien. Heute befindet er sich auf dem Kurs Gewinner – Verlierer und wird am Ende, wenn keine Änderungen eintreten beim Ergebnis Verlierer – Verlierer landen. Ich finde dabei faszinierend, dass das Großhirn über unseren eigenen Untergang nachdenken kann, theoretisch sogar abwenden könnte, doch am Ende vermutlich als Sackgasse der Evolution endet. Der französische Neurobiologe und Autor Sébastien Bohler schreibt hierzu:

Die Antwort darauf findet sich tief verborgen im Inneren unseres Schädels. Das Gehirn des Menschen ist darauf programmiert, einige grundlegende Ziele zu verfolgen, die seinem Überleben dienen: essen, sich fortpflanzen, Macht gewinnen, dabei möglichst wenig Energie aufwenden und so viele Informationen wie möglich über die Umwelt sammeln. Diese fünf Ziele bildeten das Leitmotiv jener Gehirne, die dem unseren bei der Evolution der Arten vorangegangen sind. Und das gilt für die ersten Tiere in den Ozeanen vor einer halben Milliarde Jahren ebenso wie heute für Unternehmer, die Tausende von Mitarbeitern führen und ihre Aktien auf dem Smartphone verwalten. Die Mechanismen, die ihre Handlungen steuern, sind simpel, robust, haben die Vergangenheit überdauert und dabei wesentliche Eigenschaften beibehalten.
Das System hat sich als so effektiv erwiesen, dass es sich auf alle Wirbeltierarten übertragen hat. Im so genannten Striatum, einer Struktur im Großhirn unterhalb der Rinde, liegen Neurone, die bei jedem überlebensförderlichen Verhalten Dopamin ausschütten und somit Lust erzeugen. Sie sind die treibende Kraft für Fische, Reptilien, Vögel und Säugetiere wie den Menschen.
Allerdings ist die menschliche Großhirnrinde in den vergangenen Millionen Jahren erheblich gewachsen und viel mächtiger als die eines Fisches oder Reptils. Dank hoch entwickelter Technologien, sei es für die Ernährung, den Informationsaustausch oder die Herstellung von Gütern, ist dieser Kortex heute in der Lage, dem Striatum fast alles zu bieten, was es will, manchmal ohne Aufwand. Und das Striatum zögert nicht lange; es kann sich selbst keine Grenzen setzen. Das ist in seinem Bauplan nicht angelegt.

https://www.spektrum.de/news/entschleunigung-bewusster-leben/1662326

Aber BOHLER sieht eine Lösung des Dilemma. Der Mensch müsste selbst in seinen Programmcode eingreifen und sich quasi selbst „hacken“ und umprogrammieren, in dem er sein Sozialverhalten umstellt. Immer wenn ich mein Smartphone zur Hand nehme und TWITTER öffne, erscheint mir dies nahezu unmöglich. Politiker, wie oben beschrieben, lassen meine Hoffnung nicht größer werden. Aber immerhin stellt BOHLER und mit ihm diverse andere Wissenschaftler fest, dass wir theoretisch dazu in der Lage sind, mittels sozialer Normen und angepassten Verhalten zu entkommen und nicht nur ein Spielball sind. Wichtig wäre ein bewusstes Leben und ein bedachter Konsum. Dies könnte über sozialen Druck funktionieren. An dieser Stelle muss ich fairerweise noch eine andere Erkenntnis der Neurobiologen erwähnen:

Anfang 2017 unternahmen zwei Forscher der Universität Zürich ein Experiment, dessen Ergebnisse viele Beobachter überraschten. Sie luden Freiwillige in ihr Labor ein und gaben ihnen Geld, das sie entweder für sich behalten oder mit einer unbekannten Person im Nachbarraum teilen konnten. Während die Versuchspersonen eine Entscheidung trafen, erfasste ein Magnetresonanztomograf ihre Hirnaktivität. Die erste bedeutsame Erkenntnis war, dass Frauen häufiger als Männer das Geld mit Fremden teilten. Aber am meisten überraschte die Forscher, was sich in diesem Moment im Gehirn der weiblichen Versuchspersonen abspielte: Das Striatum regte sich. Der großzügige Akt aktivierte bei ihnen also jene Netzwerke, die Belohnung und Freude vermitteln – was üblicherweise den wichtigsten primären Verstärkern vorbehalten ist. So war es bei den Männern: Ihr Striatum wurde aktiv, wenn sie das Geld für sich behielten.

Die Forscher gehen hierbei nicht von einem angeborenen, sondern von einem erlernten Verhalten aus, welches sich dann auf die Gehirnaktivität auswirkt. Womit sich ein anderer Konflikt eröffnet. Die, welche sich den fünf Zielen einfach hingeben gegen diejenigen, welche eine Alternative suchen und die Sozialnormen verändern wollen. Mit dem aktuellen politischen Kurs, Kapitalismus, Neoliberalismus, Wachstum durch Konsum, lässt sich dies nicht erreichen.

Klima Aktivisten als Teilnehmer am Konflikt

Demnach handelt es sich um einen Weg – Konflikt. Welche Wege wollen wir in der Zukunft beschreiten, welchem Programm folgen?

Mit meinem letzten Beitrag begab ich mich in den Konflikt um den Hambacher Forst hinein. Korrekterweise muss ich feststellen, dass ich von Anfang an beteiligt war, aber dazu später. Was ist für mich aktuell offen sichtbar? Ich sehe Aktivisten, die sich mit allen ihn als angemessen erscheinenden Mitteln gegen eine Räumung ihres Protestcamps und die Entfernung von den Bäumen wehren. Dann sehe ich Sympathisanten, welche am Boden je nach Anlass demonstrieren. Ich sehe Polizeieinheiten, die dort aufgrund eines konkreten Auftrags seitens der Landesregierung und allgemein wegen des Gesetzgebers aktiv werden. Damit sind sie dort zunächst einmal dienstlich ohne jeglichen privaten Berührungspunkt. Ich denke nicht, dass eine/r der Eingesetzten, einen privaten Vorteil von der Räumung des Geländes hat. Ein wichtiger Punkt! Die Aktivisten haben eine vollkommen andere Motivation, als die eingesetzten Kräfte. Für die/den einzelnen Polizistin/en kann die Sache aus zwei Gründen persönlich werden. Einmal wegen eines körperlichen Angriffs oder wegen einer politischen Einstellung. Letztere wäre: Eine Mehrheit hat eine Landesregierung gewählt, die hat etwas beschlossen, dies ist ein demokratischer Prozess, u. die im Wald haben dies als Minderheit nicht mit irgendeiner Form von Gewalt anzugehen.

Was ist nicht zu sehen?

Oftmals ergeben sich wichtige Erkenntnisse aus dem, was nicht da ist oder nicht sichtbar ist. Und manchmal kann ich auf die Existenz von etwas schließen, weil ich seine Wirkung sehe. Sehe ich einen Schatten, kann ich auf einen u.U. nicht sichtbaren Gegenstand schließen. Das funktioniert sogar bei Planeten außerhalb unseres Sonnensystems. Wir sehen ihn nicht, aber wir wissen er ist da.

Was ich konkret nicht sehe, sind Vertreter von RWE und der Landesregierung, die sich wegen meiner in einem geschützten Raum mit den Aktivisten öffentlich und argumentativ auseinandersetzen. Ich sehe auch keine prominenten Unterstützer von sympathisierenden Parteien, wie z.B. GRÜN oder die LINKE. Weder habe ich etwas von einem Özdemir, einer Roth oder Künast gehört, die dort im Wald persönlich erschienen wäre, auf einem Baum ein Gespräch gesucht oder mal eine Nacht am Feuer verbracht hätte. Vielleicht ist mir da etwas entgangen. Was ich auch nicht sehe bzw. vernehme, ist eine differenzierte Auseinandersetzung seitens offizieller Polizeivertretungen mit den Aktivisten. Von dort vernehme ich lediglich sogenannte Totschlagargumente. Ebenfalls habe ich eine gute mediale Aufbereitung ausgehend von den Aktivisten vermisst. Junge Leute, die mit den Social Media umzugehen wissen, mit Sicherheit auch ein paar Spezialisten für PR Strategien unter ihnen, aber eben genau jene Dinge sträflich unterlassen. Mit „Mörder“, „Bullenschweine“, „repressiver Staatsapparat“ u.ä. abgedroschenen Parolen, gewinne ich heute keinen Blumentopf mehr. Warum sehe ich das alles nicht?

Was genau ist denn der konkrete Konflikt? Der Forst? Die Rettung der letzten verbliebenen Bäume? Die paar Arten, welche aufgrund der Zersiedlung des Gebiets und die vorhergehenden Eingriffe ohnehin keine Überlebenschance haben? Eins war von Anfang klar: der Wald ist nicht zu retten! Aber: Die Rodung kann wirksam benutzt werden, um der Bevölkerung zu zeigen, wie in welcher Form die politische Ebene agiert und funktioniert. Die ganze Geschichte ist also eingebunden in einen viel größeren Konflikt. Nämlich unter anderen jener, der mit den fünf Zielen charakterisiert ist.

Ideologie und Gestaltungswille vs. Wirtschaftsunternehmen, auch Parteien genannt.

Ich greife mal die Argumentation eines von mir sehr geschätzten Autors auf. Mathew D. Rose, ein in Deutschland lebender US – amerikanischer Historiker und scharfer Beobachter der deutschen politischen Landschaft. Bereits im ersten Absatz des 1. Kapitels fasst er sein Buch „Korruption – Wie unsere Politiker u. Parteien sich bereichern – und uns verkaufen“ treffend zusammen.

Kein Zweifel, die politischen Parteien der Bundesrepublik haben sich in den letzten Jahren gewandelt. Sie haben immer weniger mit Gesellschaftsgestaltung oder Ideologien zu tun, sondern sind ein Wirtschaftszweig geworden, eine gewinnorientierte Dienstleistung, die einen Service anbietet: die Umsetzung von Partikularinteressen in Gesetze. Im Angebot sind Förderungen, Subventionen, Steuerbegünstigungen und wirtschaftlich vorteilhafte Bestimmungen.“

Mathew D. Rose, „Korruption – Wie unsere Politiker u. Parteien sich bereichern – und uns verkaufen“, HEYNE Verlag, 2011, S. 17, 1. Kapitel, 1. Absatz.

Bei der Landesregierung geht es demnach nicht um einen Ideologischen Ansatz, sondern letztlich wird RWE eine Dienstleistung angeboten. Zur Vertragseinhaltung gehört selbstverständlich auch, dass das Gelände auch tatsächlich genutzt werden kann und hierfür muss es geräumt werden. Nur kann die Landesregierung, um im Bild zu bleiben, schlecht selbst herausfahren oder einen privaten Dienst beauftragen, sie muss sich des eigenen Außendienstes Polizei bedienen. Jene trifft auf Leute, die durchaus einen ideologischen Ansatz verfolgen. Die allgemeinen Lebensgrundlagen der Menschen, dürfen nicht dem Profit zum Opfer fallen. Damit ist aber auch deutlich, dass die Polizei zum Mittel der Auflösung eines Konflikts, unmittelbar zum Gunsten der Landesregierung und indirekt für RWE, wird. Dies stellt sich aktuell völlig anders da. Betrachtet wird öffentlich ein Konflikt zwischen Polizei (dem Mittel) und den Aktivisten. Tatsächlich ist es einer zwischen Aktivisten, Landesregierung, RWE und der Bevölkerung. Denn letzterer wird, wie die Aktivisten vollkommen richtig ausdrücken und wissenschaftlich nachweisbar ist, ein Schaden zugefügt. Ein Schaden, der seitens der Landesregierung im Rahmen einer Kompromisslösung, die sich aus Zahlungen an RWE, Arbeitsplätzen, wirtschaftlichen Wachstum, Landesfinanzen, ergibt, hingenommen wird.

Auch das ist wichtig. Der Schaden kann vernünftig und verständig nicht geleugnet werden, er wird gegen behauptete Vorteile abgewogen.

Der Schaden, welcher dort im Kleinen entsteht, ist ein Teil eines größeren Schadens. Kein vernünftiger und verständiger Mensch kann mittlerweile die weltweit sichtbaren Auswirkungen des menschlichen Handelns ignorieren. Aber es besteht die Gegenrede, dass ein unvermitteltes Stoppen des Prozesses, zwar den einen Schaden abwenden würde, aber gleichzeitig massive volkswirtschaftliche Schäden produziert, Einbußen bei Wohlstand, Profit und Wachstum erzeugt, und damit die aktuelle Gesellschaft destabilisiert werden würde. Der zweite Schaden verschreckt den Bürger im Einfamilienhaus mit hart erarbeiteten Auto vor der Tür natürlich mehr, denn den Baumbesetzer in seiner gegenwärtigen Lebenslage.

De facto geht es um Ängste, Sorgen, Perspektiven. Die Angst vor Wohlstandverlust, wirtschaftlichen Einbußen, ist bei der Mehrheit konkreter und ausgeprägter, denn die scheinbar abstrakte Gefahr eines Kollaps, bedingt durch Zerstörung mittels Klimaänderungen und Verpestung/ Vermüllung der Erde. Einher gehen damit weitere Verlustängste. Denn in unserer Gesellschaft sind käufliche Produkte an Freiheit, Anerkennung, Status, Identität, gebunden. Auch hier sind wieder die fünf Ziele erkennbar. Im Umkehrschluss sind augenscheinlich eine intakte Natur, Bewahrung der Lebensräume für alle Erdbewohner, ein echtes unkäufliches Lebensgefühl der Freiheit, des Glücks und menschlicher Anerkennung nachrangig.

Die käuflichen Ersatzgüter drohen mit schwindenden Wohlstand abhanden zu kommen. Die Annahme ist mit Sicherheit nicht falsch. Die Frage ist, was man statt dessen bekommt. Die genannte konkrete Angst wird politisch zur Mehrheitsbildung benutzt, dem Mittel, welches in einer Demokratie offiziell zur Konfliktlösung bereit steht. Fraglich ist, inwiefern der Weg zur Mehrheitsbildung akzeptabel ist. Nun könnte man auf den Gedanken verfallen, dass es der anderen Seite ebenfalls möglich ist, mit Gefühlsappellen zu arbeiten. Dies scheint aussichtslos zu sein. Keins der zurückliegenden wahrlich bedrohlichen Klima bedingten Ereignisse hat dies geschafft. Strategisch wurde der Maus eine Lücke zum entkommen geboten: Mittels innovativer Technik – die zwar mehr Energie kosten wird – werden wir uns der Veränderungen erwehren können und praktischerweise auch noch daran verdienen. Hierfür müssen wir nur außerhalb von Deutschland ein paar Leute über die Klinge springen lassen. Dies könnte sogar funktionieren.

Zwei ethische Vorstellungen prallen aufeinander. Eine besagt, die der Idealisten, dass es nicht zulässig ist, einerseits eine Ursache für etwas Bedrohliches zu setzen, um dann alleinig mittels der technischen Möglichkeiten, hauptsächlich basierend auf historischen ethisch zweifelhaften Handlungen, überleben zu können, während anderen keine Chance gelassen wird.
Die andere, jene der Materialisten, geht von einer Art stetigen Sozialdarwinismus aus, in der der Mensch zum stetigen Fortschritt und Ego verdammt ist, und am Ende die mit der besseren Technologie überleben. Einher geht dies mit der Vorstellung, dass der Mensch nicht Teil des Systems, sondern lenkender Beherrscher ist. Diese Ansicht ist die mehrheitlich dominierende, auf die das politische Handeln ausgerichtet wird.

Da stehen dann mehrere Fragezeichen auf der Stirn, wie dieser Konflikt zu lösen ist, zumal keiner mit Sicherheit sagen kann, wie viel Zeit noch besteht, bis wir vor vollendeten Tatsachen stehen oder es unter Umständen bereits der Fall ist. In den Social Media kursiert die Aussage: Gewalt ist keine Lösung! Eine in mehrfacher Hinsicht leere Phrase. Jede militärische Intervention in einen nationalen oder internationalen Konflikt ist eine gewalttätige Lösung. Genauso wie jede Staatsgewalt, die mit unmittelbaren Zwang interveniert zur gewaltsamen Lösung greift. Es geht darum, wem die Gewalt in welchem Ausmaß für eine Konfliktlösung zugebilligt wird. Einher geht dies mit den logischen Auswirkungen, dass Gewalt immer gegen etwas oder jemanden ist und eine Gewaltanwendung grundsätzlich legitimiert. (Womit die Phrase endgültig ihre Bedeutung verliert.)

Auch eine der Fragen, die in den 60ern intensiv diskutiert wurde. Ist Gewalt gegen gewalttätige staatliche Institutionen zu rechtfertigen? Wenn, womit und in welchem Ausmaß? Außerdem stand damals schon zur Diskussion, wie der Aufruf zur Gewalt bzw. der Auftrag zur Gewaltanwendung, zu beurteilen ist und inwiefern die Doppelrolle des Polizisten, als Mensch und ausführendes Mittel zu sehen ist. Bei Soldaten ist das ähnlich. Treffen die Soldaten zweier Konfliktparteien aufeinander, könnten sie sich als Menschen unter Umständen näher kommen, wenn da nicht diese Sache mit dem Krieg wäre, in dem sie hinein geschickt wurden. Von Berufsanfängern bei der Polizei hörte ich früher häufig, dass sie in den ersten Tagen nicht mit dem ihnen entgegen gebrachten Hass, der allgegenwärtigen Gewalt und der aufgeheizten Stimmung klar kamen. Frischfleisch in einem Konflikt, der längst außer Kontrolle geraten ist und für die/den einzelnen Beamtin/en nicht mal ein persönlicher ist.

Während die entscheidenden Politiker, die Verwaltungsakte erlassenden Beamten in den zuständigen Ämtern, noch ein Gesicht haben, wird es bei den zuarbeitenden Staatssekretären schon etwas unübersichtlicher. Vollkommen anonym wird es bei einem Konzern wie RWE. 71 % der Aktien befinden sich im Besitz sonstiger institutioneller Anleger Deutschland, Kanada, Irland, 4 % von den 71 % gehen an sonstige Länder und 14 % sind in Mitteleuropa angesiedelt. 3 % hat die Stadt Essen, 5 % die KEB Holding AG, 7 % BlackRock, 1 % Belegschaft und 13 % Privatanleger. Jeder, der mehr als 3 % inne hat, ist stimmberechtigt. Also auf jeden Fall BlackRock, die KEB Holding und die Stadt Essen. Schaut man auf die Webseite des Konzerns, denkt man auf der Seite einer Hilfsorganisation gelandet zu sein. Schöne Landschaften, Bilder von vor Freude strahlenden Familien und nahezu überall taucht das Wort erneuerbare Energien auf. Da ist niemand, den man persönlich stellen kann: „Hey, was für eine Sauerei hast Du da angezettelt!?“ Selbst bei der Politik wird es nicht einfach. Irgendwann wurde mal etwas ausgehandelt, eine/r hat unterschrieben, die nachfolgenden haben abgeschrieben und nun ist es halt so. Wie sang Sarah Lesch so schön: „Jeder findet es Scheiße, aber alle machen mit!“ Die einzigen, welche wirklich ein Interesse haben können, sind die Aktionäre. Wobei hier ins Gewicht fällt, dass es sich vermutlich katastrophal auswirken würde, wenn z.B. BlackRock mal eben 7 % Kapital abziehen würde.

Besteht der Konflikt eventuell darin, dass es innerhalb des in den vergangenen 100 Jahren entstandenen Systems gar niemanden mehr gibt, den der Einzelne verantwortlich machen kann?

Auf jeden Fall ist es ein größer werdendes Problem. Da wären die 7 % von BlackRock. Eine Investition, die zu großen Teilen das Ergebnis einer Analyse von künstlicher Intelligenz ist. Wie will man mit der verhandeln oder eine menschlich befriedigende Konfliktlösung herbeiführen, die unter Umständen nicht profitabel ist? Doch mal völlig abgesehen davon, lag eines Tages bei mehreren Leuten die Information auf dem Tisch, dass sich da draußen etwas tut. Und mit absoluter Sicherheit werden sich dazu einige ihre Gedanken gemacht haben. Mindestens die PR Abteilung von RWE muss sich dieser Aufgabe gegenüber gesehen haben.

Düsseldorf (ots) – Der Chef des Energieversorgers RWE, Rolf Martin Schmitz, zeigt sich in Sachen Hambacher Forst gesprächsbereit. „Die Auseinandersetzung um den Hambacher Forst ist nicht rational. Er ist aber zu einem Symbol für den Kohleausstieg geworden“, sagte Schmitz der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Montag). Die Kohlekommission hatte einen Rodungsstopp für das Waldstück als „wünschenswert“ bezeichnet. „Wir werden prüfen, was sinnvoll machbar ist unter Berücksichtigung der Erfordernisse der weiteren Nutzung des Tagebaus und der Rekultivierung“, sagte der Manager. „Ich gehe davon aus, dass man das Gespräch dazu mit uns suchen wird.“ Schmitz äußerte sich auch zu der weiterhin geplanten Umsiedlung von Bewohnern am Rande des Tagebaus. „Was die Umsiedlungen betrifft, bin ich für die Klarheit im Kommissionsbericht dankbar. Denn es wird ganz eindeutig ersichtlich, dass die bereits in Umsetzung befindlichen Umsiedlungen weiter fortgeführt werden sollen.“ Ganz unabhängig von der Notwendigkeit der Umsiedlung wäre den Menschen vor Ort auch nichts anderes zuzumuten, sagte der RWE-Chef.

http://www.presseportal.de/nr/30621 28.1.2019

Was ist in der Zwischenzeit passiert? Die Symbolhaftigkeit wurde erkannt, die politische Ebene hat sich über die Kommission ausgedrückt und nun?

Das eine Räumung wegen des Brandschutzes und Selbstgefährdung der Aktivisten nur vorgeschoben war, wurde dem Ministerpräsidenten per Akteneintrag nachgewiesen. Wurde am Ende Stärke gezeigt und mittels Polizei die Autorität der Landesregierung gewaltsam durchgesetzt? Oder wurde alles berechnet? Und wenn der Wald, die Rodung, etwas von einem Symbol hat, was bedeutet diese Vorgehensweise hierfür und welche Botschaft wird an andere junge Leute entsandt? Wie teuer ist diese Botschaft? Auch hier drängt sich mir das Bild des Soldaten auf. Es ist einfach Truppen ins Feld zu schicken, wenn man selbst in einem trockenen warmen Büro sitzt.

Die Scheinlösung für den Konflikt war die Räumung und die Transformation des Ur – Konflikts auf einen Konflikt zwischen Aktivisten und Polizei. Aus idealistisch handelnden Baumbesetzern wurden Chaoten, Spinner, mit Fäkalien werfende degenerierte Menschen, Berufsdemonstranten. Wie heißt es doch: Eine gewonnene Schlacht, ist kein gewonnener Krieg. Und viele verlustreiche Schlachten, lassen einen den Krieg verlieren. Für den großen Konflikt wurde wieder einmal die Polizei missbraucht.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit

Teil des angesprochenen großen Konflikts ist eine Busfahrt in Richtung eines Abgrunds. Innerhalb des Busses wird diskutiert, debattiert, gegenseitig aufeinander eingeprügelt. Manche bestreiten die Existenz des Abgrundes. Andere sind sich dessen durchaus bewusst, sehen aber noch genug Abstand für ein geruhsames Ausrollen. Die nächsten tippen sich an den Kopf und fragen, ob alle den Verstand verloren haben, weil man ja die Warnschilder schon sehen kann. Eine andere Fraktion zuckt mit Schultern und macht sich eifrig dran eine Vorrichtung zu bauen, mit der man den Aufschlag am Boden abschwächen kann. Oben auf dem Dach sitzen Frauen und Männer, die ständig die verbleibenden Meter nach unten rufen. Einige Manager sind vehement gegen ein Anhalten, weil es die Gewinnauszahlung erst in der Luft gibt. Zwischen allen rennen ein paar Uniformierte herum, die alle dazu anmahnen doch bitte die Form zu wahren und alles demokratisch zu regeln. Wenige sitzen entspannt da, rauchen einen Joint oder trinken einen Whisky und haben sowieso mit allem abgeschlossen.

Kann jemand oder irgendetwas diesen Bus voll Bekloppter noch anhalten? Bei Twitter haben ich einen Follower, der symptomatisch ist. Bei mir ist alles schön, der Rest ist mir egal. Quasi als wenn er in einem Anhänger des Busses sitzen würde. Mir doch egal, wenn der Bus abstürzt, ich sitze ja mit meiner Familie im Anhänger. Zu Ende gedacht ist das nicht – aber wer macht das heutzutage schon.

Wir sind alle Teil dieses großen Konflikts und werden monatlich tiefer hineingezogen. Deshalb schrieb ich, dass ich von Anfang an dabei war, wie jeder andere Zeitgenosse auch. Ich glaube die Zeit ist nicht mehr allzu fern, in der die Rollen innerhalb des Konflikts neu bewertet werden. Das wird ähnlich wie bei Corona ablaufen. Eben noch winkten alle ab, um dann ein paar Monate später zu sagen: „Wir haben die Folgen und das gesamte Ausmaß völlig unterschätzt!“ Keiner wird sagen: „Sorry, Leute, ich war ein Arsch, aber das hilft jetzt auch niemanden mehr.“ Ich würde mich nicht auf einen Baum setzen, aber ich bin weit davon entfernt, den Aktivisten einen Vorwurf zu machen. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich so meine persönlichen Zweifel an der Ausgestaltung unserer Demokratie. Das Prinzip Demokratie hat viel mit Ethik, Engagement, Überzeugung und sicherlich auch Ideologie zu tun. Die an sich gute Idee wurde der kalten Wirtschaft und dem Profit geopfert – mal wieder.

Fazit: Soziale Umgestaltung und anders Denken

Bei allen Betrachtungen bleibt eins über: Wie schaffen es die Gesellschaften ein System zu finden, in dem Empathie, bewusster reduzierter Konsum und Respekt vor dem Leben oberste Priorität haben? Wie gelingt uns der Systemhack? Auf jeden Fall sollten wir schleunigst damit aufhören, den Kräften, welche genau diese Ziele verfolgen, eine negative destruktive Radikalität zu unterstellen und statt auf sie zuzugehen, ihnen Truppen zur Verteidigung des Bestehenden destruktiven auf den Hals zu schicken. Eine Aktivistin erwähnte letztens bei Twitter, dass ihr Zorn, Gewalt und ihre Wut auf die Polizei, das Ergebnis eines langen Weges ist. Ein Stück weit kann ich das nachvollziehen. Aber Gewalt, Hass und Zorn kann man nicht mit Gewalt, Zorn und Hass beenden. Das funktioniert nicht.

Wir müssen auch schleunigst mit diesem Unsinn aufhören, jeglichen Umgestaltungsgedanken als links, linksradikal oder linksextrem zu betrachten. Diese Vorgehensweise stammt noch aus den Anfängen des Turbo – Kapitalismus zum Beginn des 20. Jahrhunderts, in der sich Männer wie Rockefeller, Ford, von Gewerkschaften, Kommunisten, Sozialdemokraten, bedroht sahen. Also Männer, die sinnbildlich für essen, sich fortpflanzen, Macht gewinnen, dabei möglichst wenig Energie aufwenden und so viele Informationen wie möglich über die Umwelt sammeln, stehen.

Wir müssen uns die Forderungen anschauen und ergebnisoffen analysieren, was davon gute Ansätze sind. Dazu gehört auch ein gehöriges Entrümpeln der durch 100 Jahre gegenseitiger Propaganda entstandener Fehlinterpretationen. Zum Beispiel haben wir noch nie etwas erlebt, was dem philosophischen Ansatz eines Kommunismus entspricht. Was wir erlebten, waren Staatssysteme, die sich als solches bezeichnet haben. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass das aktuelle Russland irgendetwas mit den kommunistischen Theorien und deren Vorläufern vom Beginn des 20. Jahrhunderts zu tun hat. So etwas wie eine Räterepublik erlebte Deutschland 1919 gerade mal vier Wochen. Gescheitert sind die vornehmlich aktiven Dichter und Denker nicht an ihrer Unfähigkeit, sondern an der Gewalttätigkeit der Nationalisten und den hinter ihn stehenden Industriellen. Ebenso hat Deutschland niemals einen Sozialismus erlebt, der der Theorie gerecht wurde. Installiert wurde eine kommunistische Hierarchie in Ausgestaltung eines Stalinismus, dies ist etwas anderes.

Es ist alles weniger eine Frage des Staatssystems, sondern eher eine Frage der Sozialisierung und welche Persönlichkeitsstrukturen favorisiert werden. Im kleinen Staat Bhutan gilt die Maxime: „Wenn die Regierung kein Glück für ihr Volk schaffen kann, dann gibt es keinen Grund für die Existenz der Regierung.“ Diese Aussage basiert auf der Annahme, dass sich eine Gesellschaft nur nachhaltig entwickeln kann, wenn das materielle, kulturelle und spirituelle gleichwertig ineinander greifen. Alles wirtschaftliche Handeln ist in Bhutan vom Bewahren der vorgefundenen natürlichen Verhältnisse geprägt, was letztlich zu einer negativen! CO2 – Bilanz führte. Sie bezahlen hierfür einen Preis. Aus der Sicht westlich industrialisierter Länder ist das Land arm. In Sachen Demokratie stehen sie nach unseren Kriterien auf dem Niveau von Chile. Dennoch gelten sie als glücklich, ein Zustand, den sie in die Verfassung übernommen haben.

Geld zu haben, dem ständigen Wirtschaftswachstum nachrennen, welches noch mehr Geld und Besitz generiert, mit dem Geld zu konsumieren und sich in Verlust geratene Anerkennung, Status, Zufriedenheit und Freiheit zu kaufen, lange zu leben, jede Krankheit zu besiegen, damit man noch mehr Lebenszeit vergeuden kann, Statussymbole zu besitzen, ist im philosophischen und spirituellen Sinne kein Reichtum und vor allem ist es auf Dauer zerstörerisch.

Es gilt jeden Tag die zu unterstützen, welche Alternativen anbieten und die zu bekämpfen, welche weiterhin ausschließlich ihrem alten Zerstörungsprogramm folgen. Dann haben die Folgegenerationen eine echte Chance. Die sich im deutschen Wohlstand in Sicherheit wiegen, sei gesagt, dass sie den eines gar nicht weit entfernten Tages verteidigen müssen und zwar mit exzessiver Gewalt. Ein Krieg, in den sie ihre Kinder mit sehenden Auge hinein schicken. Wollen wir das?

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