Sehen, Beurteilen, Handeln

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Dieser Titel eines Buches „Lese- und Arbeitsbuch zur politischen Bildung und Sozialkunde“ von Wolfgang Hilligen, erstmalig erschienen 1957, brannte sich mir in meiner Kindheit ins Gedächtnis ein. Es stand im Bücherregal meiner Eltern. Ordentlich eingeschlagen in die damals noch übliche Bücherschutzklebefolie. Ein Buch voller Fragestellungen und wie man auf diese Fragen kommt. Allein der Titel wurde zum Lebensbegleiter.

Meine BLOG Beiträge korrelieren meistens stark mit dem, was ich gerade lese. Aktuell sind es drei Bücher. Einmal Philosophie, Rüdiger Precht, einmal USA Nachrichtendienste, Edward Snowden und einmal deutsche Politik, Mathew D. Rose. Snowden zieht mich in den Bann, weil mir einiges an seinen Gedankengängen verdächtig bekannt vorkommt. Precht, weil er ausdrückt, was ich über die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung denke und Rose bestätigt, was ich mir vorher schon zusammenreimte. Jenseits dessen, geht das Leben weiter. Die Pandemie, die Politik, die Scherereien mit der AfD und den Neuen Rechten, die soziale und ethische Talfahrt Deutschlands, die seltsamen Geschehnisse um meinen alten Arbeitgeber herum und der Protest aus allen Richtungen gegen dies und das.

Bei alledem wird mir immer wieder bewusst, zu welch unterschiedlichen Ergebnissen die Leute kommen, allein nur deshalb, weil sie aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Geschehen blicken. Nicht nur das! Wir sehen nicht gleich. Dabei geht es gar nicht um richtig oder falsch. Wenn zwei Leute auf unterschiedlichen Seiten eines Hauses stehen, welches zur Straßenfront hin blau gestrichen ist und rückwärtig zum Garten hin eine Backsteinwand hat, werden sie unterschiedliche Beschreibungen abgegeben. Dennoch blicken sie immer noch auf ein – und dasselbe Haus. Wenn sich beide dessen gegenwärtig sind, gibt es kein Problem. Sie kommen irgendwie zusammen, beschreiben das Beobachtete und nähern sich damit dem tatsächlichen Aussehen des Hauses. Kommen jetzt noch welche aus dem Haus hinzu, Leute die die Seiten gesehen haben, entsteht ein brauchbares Gesamtbild.

Exakt dies passiert nicht. Bei keinem Thema! Manche stehen außerhalb des Hauses und schließen von der für sie sichtbaren Häuserfront auf das Innere. Dies geschieht auf der Grundlage ihrer eigenen Lebenserfahrung, Vorurteilen, irgendwelchen Geschichten, Emotionen und einiges mehr. Wenn außerhalb Backsteine sichtbar sind, haben die innerhalb bestimmt eine Naturholzeinrichtung und die Bewohner sind bodenständige Leute. Wer streicht sein Haus blau an? Vielleicht einer, der Wert auf Design legt? Faktisch gibt es keinerlei Informationen, wenn ich nicht entweder selbst mal innerhalb des Hauses war oder den Erzählungen der Bewohner vertraue. Selbst dann, wird es immer noch nicht objektiv. Oftmals gibt es wirklich Eindeutiges und dann wieder Sachen, bei denen ich tiefer gehen muss. Nur weil im Flur eine Buddhastatue steht, sind die Bewohner noch lange keine Buddhisten. Und wenn im Keller irgendwo eine Sammlung mit Orden aus der Kaiserzeit, dem I. und II. Weltkrieg verrottet, darf ich noch lange nicht von einem Militaristen ausgehen. Besonders verwirrend kann es bei Büchern werden. Welche Rückschlüsse ziehe ich aus der Existenz von Büchern, die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen, während einige Buchrücken weiter, Marx steht und nochmal ein paar Zentimeter weiter Böll, Remarque, Follet?

Dieser behutsame Umgang mit den Informationen, These und Antithese, die Berücksichtigung der möglichen Fehlerquellen, entspricht nicht dem Zeitgeist. Wenige Brocken werden aufgegriffen, in die eigene höchstpersönliche Geschichte eingebaut, fertig ist die Meinung, das Statement und die Anschauung. Und dies alles in einer Zeit, in welcher Menschen mit digitalen Informationen, Bildern und Ausschnitten, Videos und herausgezogene Sequenzen überflutet werden. Menschen sind nicht gern allein und schon gar nicht mit ihrer Meinung. Sie schließen sich zu Gleichgesinnten zusammen. In diesen Gruppen herrscht Einigkeit darüber, wie diese oder jene Information zu interpretieren ist, wie ein Bildausschnitt zu bewerten ist und was darauf erkannt werden kann, oder welches Geschehen eine Videosequenz wieder gibt. Neben der Tatsache, dass es hierdurch zu Reibereien zwischen den Gruppen kommt, macht es dieses Geschehen den Leuten auf der Meta – Ebene der Gesellschaften einfacher ihren Job zu machen. Hierzu gehören PR Agenturen, die im Auftrag eines Interessenten eine Kampagne starten sollen, Nachrichtendienste, die entweder innerhalb des Landes Machtpolitische Interessen oder Richtungsvorgaben umsetzen, Dienste die andere Gesellschaften destabilisieren sollen und Interessenvertreter, die ein für sie günstiges politisches Klima erzeugen wollen.

Ich habe mir angewöhnt darauf zu achten, welche Welle gerade durch die Social Media, Presse und öffentliche Diskussion geht. Das sind die Dinge, die ich sehen, diskutieren und wahrnehmen soll. Dann stelle ich mir die Frage, wer oder was daran ein Interesse haben könnte. Weitere Fragen sind: Wer springt auf den Zug auf? Warum? Ist ein Urheber ersichtlich? Der Hintergrund ist recht einfach. Es liegen unzählige Themen auf dem Tisch. Warum wird ausgerechnet dieses eine prominent herausgezogen und welche Konnotationen werden erzeugt? Manch eine oder einer lässt sich vor den Karren spannen, ohne es zu wissen und andere machen es wieder so offensichtlich, dass es beinahe schmerzt.

Über eine Bekannte wurde mir letztens in meine Timeline bei Facebook ein Artikel von der Plattform des Magazins CICERO zum aktuell von mir gelesenen Buchs „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ hinein gespült. Darin schreibt Professor Dr. Kuno Kirschfeld eine Kritik zum Buch. Alles falsch, schlecht recherchiert und vor allem von der falschen Behauptung getragen, dass das Vorantreiben der KI (Künstliche Intelligenz) – Entwicklung vornehmlich dem Profit einiger Wirtschaftszweige dienen würde. Um dieses zu Untermauern, greift der Professor ausschließlich sein Ressort heraus und schildert, wie wichtig die KI künftig für die Entwicklung der Menschheit ist und welche Perspektiven sich beim Kampf gegen Krankheiten ergeben. Darin hat der Mann durchaus Übung. Denn normalerweise setzt er sich mit der Notwendigkeit von Tierversuchen, aber mit „humanen“ und respektvollen Umgang, auseinander. Alles im Dienste der Menschheit. Beinahe schon ein wenig empört weist er darauf hin, wie wichtig die gesellschaftliche Unterstützung der Forschung an KI ist und wie unverantwortlich es doch sei, wenn ein prominenter Philosoph dies sabotiert. Nun, gerade die Auseinandersetzung mit dem Thema, wie weit der Mensch bei verschiedenen Gesichtspunkten gehen sollte, wann er sich vom klassischen Menschenbild entfernt und der homo sapiens sapiens neu zu definieren ist, wo seine Position im Gesamten ist, sind durchaus kritisch zu betrachtende moderne Fragen der Philosophie. Der Herr Professor hat für sich eine Antwort gefunden, dass ist schön für ihn, aber er kann sie nicht eben mal so bei allen anderen einfordern. Mit dem Professor wäre auch auseinanderzusetzen, ob er sich wirklich ganz sicher ist, dass seine Forschungen nicht durchaus profitable Aspekte bergen. Wer kann und wird Nutznießer seiner Forschung sein? Wer verdient daran? Warum wurde seine Forschung gefördert?

Etwas erstaunt war ich über die Kommentare zur Person des Autors und Philosophen Precht. Er sei ein Selbstdarsteller ohne jeglichen philosophischen Tiefgang. Ich denke, dies kann man aus verschiedenen Perspektiven (wie immer!) sehen. Ich kenne sehr wenige Leute, die sich jenseits eines Philosophiestudiums durch Werke von Sartre, Camus, Adorno, Habermas, Frankfurter Schule, um nur einige prominente Personen zu nennen, gekämpft haben und meiner Beobachtung nach, werden es immer weniger. Da ist es hilfreich, wenn mal einer daher kommt und wenigstens ein Minimum an tieferer Betrachtung unter die Leute trägt und in die öffentliche Diskussion einbringt. Nebenbei waren die Kommentare auch nicht sonderlich gehaltvoll. Sie entsprachen eher der aktuellen Qualität im Umgang mit prominenten Persönlichkeiten, die von Projektionen, Kompensationen, Externalisierung und Reduktion kognitiver Dissonanzen geprägt sind. Ich muss zugeben, dass ich mich immer häufiger dabei selbst erwische. Aber dies am Rande.

Das Thema KI rollt immer mal wieder durch die Medien. Für die einen ist sie der heilige Gral, der alle unsere Probleme lösen wird (u.a. Impfstoffentwicklung Corona) und für andere ist sie eine unkontrollierbare Bedrohung. Nicht, weil sie eines Tages den Menschen ersetzen, vernichten oder versklaven könnte, sondern weil das Mittel KI den Menschen, die Psyche und die Gesellschaft in einer Art und Weise verändert, die manch einer/einem genau so wenig behagt, wie die unkontrolliert verlaufende Digitalisierung des Alltags. Spannend ist dabei, dass das Unbehagen oft von denen geäußert wird, die als Programmierer daran arbeiten, beinahe wie ein Hilferuf „Stoppt mich!“, denn von denen, die sie anwenden, ohne zu wissen, was unter der „Motorhaube“ passiert.

KI und Digitalisierung sind in den Händen von Institutionen, welche Massen steuern und beeinflussen, mächtige Instrumente. In einer Größenordnung, die alte Internet Gurus wie z.B. Jaron Lanier dazu veranlasst, die Abschaffung der Social Media zu fordern und vor einigen Auswüchsen des Internets zu warnen. Das Zusammenspiel zwischen dem Eingangs erwähnten Umgangs mit den Informationen, den vorhersehbaren Ergebnissen, die sich aus der Polarisation und den daraus entstehenden Konflikten zwischen den Gesellschaftsgruppen ergeben, den immer besser werdenden Feintunings, welche durch die KI möglich werden, macht die Angelegenheit immer brisanter. An der Stelle kommt häufig die Kritik, dass dies einer schreibt, der gnadenlos Twitter, Facebook, Instagram, Google und ein Smartphone nutzt. Snowden schreibt hierzu etwas sehr zutreffendes. In manchen Bereichen ist den Leuten die Überwachung und die Transparenz der eigenen Person derart gegenwärtig und selbstverständlich, dass sie es irgendwann nur noch Achselzuckend hinnehmen. Es ist nahezu unmöglich ihr zu entkommen. Wer es erfolgreich machen will, muss sich aus der Gesellschaft verabschieden und das Leben eines Einsiedlers führen. Dabei geht es nicht einmal nur um die Überwachung durch Institutionen von Staaten, sondern auch um die seitens privater Wirtschaftsunternehmen. Im Grunde willigt jeder mit der Nutzung eines Smartphones und eines Browsers jenseits von TOR in die Überwachung ein. Den staatlichen und privaten Überwachern geht es nicht einmal um die Informationen, welche sich auf die oder den Einzelnen mit seinen Aktivitäten bezieht. Die Tendenzen, die Strömungen, das gängige Verhalten und die Mehrheitsreaktionen sind unter Umständen viel interessanter. Sie erstellen Datenbanken, die nach Bedarf mit der passenden Fragestellung abgefragt werden. Mit dem Wissen um die passenden Trigger, lässt sich die nächste Kampagne effizient abstimmen. Ich selbst schaue auf die Entwicklung der Überwachungsmöglichkeiten und Manipulation in einem Zeitraum von ca. 30 Jahren zurück. Ich weiß, mit welchen Möglichkeiten alles mal anfing und wie rasant sich alles entwickelt hat. Bei der Digitalisierung wird nichts langsamer, sondern die Intervalle zwischen den Innovationsschüben werden immer kürzer. Ob es nun die physikalische Überwachung einer Person betrifft, die Ausspähung der Aktivitäten oder es um die mannigfaltigen Optionen, mittels Veränderung von Bildern, Videos oder Tondokumenten etwas zu Manipulieren, begann ich in der Steinzeit und staune über das Aktuelle, von dem aus ich in die Zukunft hochrechne. Bereits in längstens 10 Jahren würde ich keiner Videoaufzeichnung, Tonaufzeichnung oder Bild mehr über den Weg trauen. Selbst dann nicht, wenn ein Experte sagt, dass da nichts dran gemacht wurde. Da hilft nur noch die gute alte Arbeitsweise eines Ermittlers, der einem Sachverhalt erst ab mindestens drei bis vier geprüften Quellen über den Weg traut.

Damit zurück zum Ausgangspunkt. Wer nicht alles berücksichtigt, was beim beschriebenen Bild des Hauses eine Rolle spielt, ist verraten und verkauft, bzw. lässt sich zum ferngesteuerten Ping Pong Ball machen. Doch eben genau dieses ist Teil der Brisanz. Wem oder was kann ich noch vertrauen? Was macht das mit einem Menschen, wenn er keinerlei vertrauenswürdige Fix Punkte zur Navigation hat? Eine Folge kann die Orientierungslosigkeit sein. Ein Zustand der allgemein als unangenehm empfunden wird. Beim Haus kann ich, insofern ich dem auf der anderen Seite über den Weg traue, Nachfrage halten. Schlimmstenfalls muss ich selbst auf die andere Seite gehen. Manch einer traut nicht einmal mehr uralten Erkenntnissen und baut deshalb eine eigene Rakete, um sich von der Kugelgestalt der Erde selbst zu überzeugen. Wobei Harald Lesch hierzu etwas hämisch meinte, die Anwendung eines Lasers auf einem großen See wäre deutlich einfacher. In der Realität ist mir die Prüfung häufig nicht möglich.

Warum vertraue ich den Schilderungen eines Snowden? Vieles kann ich nicht prüfen. Doch einiges kommt mir bekannt vor, ist schlüssig und die Vehemenz der amerikanischen Reaktion spricht für ihn. Wäre er ein kompletter Spinner, hätten sie kein Interesse an ihm gehabt. Und alles was sie im Zuge der Diffamierungskampagne zu bieten hatten, war eher dürftig. Außerdem macht ihn noch etwas anderes glaubwürdig. Er weist auf böse Kracher hin, aber hüllt sich in Schweigen, weil dies ein Chaos anrichten würde. Hierzu gehört 9/11, wo er sich sehr vage ausdrückt. Dabei geht es nicht darum, dass es sich um eine Inszenierung handelte, sondern eher um den Umfang der Wissenden und Hintermännern in der arabischen Welt.

Für mich läuft es immer häufiger auf die Annahme eines möglichen Sachverhalts hinaus, der aufgrund einer gewissen Schlüssigkeit, welche sich aus der Einschätzung der handelnden Personen, der Machbarkeit, ein wenig Psychologie, der Motivation und den allgemeinen Zusammenhängen, der Wahrscheinlichkeit am nahestehenden ist. Ganz unwichtig ist auch nicht die Bewertung der Quelle und wie von dort aus die Sache dargestellt wird. Dies spielt bei mir häufig im Zusammenhang mit Polizeithemen eine Rolle. Je lauter, hysterischer, empörter die Quelle ist, um so vorsichtiger sollte man werden.

Auch hierzu eine aktuelle Geschichte. Polizeigruen e.V., besonders wenn das Mitglied Oliver von Dobrowolski ins Spiel kommt, ist dies eine sehr laute Quelle. Wo er kann, sucht er den Weg ins Öffentliche und er zeigt sich für jede Kamera, Mikrofon, dankbar. Für einen Polizisten eher ein ungewöhnliches Verhalten. Vor wenigen Tagen twitterte er:

Aus dem Brief geht hervor, dass eine Drittpartei (welche lässt sich nicht erkennen) sich der Aussage eines Studenten BPOLAK (Bundespolizeiakademie) annimmt, somit eines Aufsteigers aus dem mittleren Dienst oder einem, der noch Polizist werden will. Jener Student störte sich an Tweets seines Dozenten, der den Hashtag #Antifa verwendete und einen kritischen Tweet zur politischen Linie des Bundesinnenministers in Sachen humanitäre Katastrophe im Mittelmeer (ich weiß, dass das wertend formuliert ist) teilte. Die dritte Partei, nicht der Student selbst, nahm dies zum Anlass eben jenen Brief zu verfassen.

Gut! Wo genau ist jetzt die Verbindung zu Rassismus und Rechtsextremismus in der Polizei? Ist jemand, der allergisch auf den Hashtag #Antifa reagiert und mit dem Innenminister sympathisiert „rechtsextrem“? Den Bogen halte ich für sehr gewagt überspannt. Damit kein Zweifel aufkommt: Ich selbst finde in diesem Zusammenhang die deutsche Politik für absolut verfehlt, widerlich und verlogen. Aber ich kann nicht erkennen, dass diejenigen, welche sich dieser unmenschlichen Verhaltensweise und Politik anschließen, zwingend „rechtsextrem“ sind.

Und wie „schwärze“ ich jemanden mit dem Hinweis auf ein öffentliches für jeden sichtbares Verhalten an? Der Berliner Innensenator wurde mal auf einen Artikel von mir hingewiesen und meldete sich prompt auf meiner letzten Verwendungsdienststelle. Warum sollte ich das als „Anschwärzen“ interpretieren? Ich habe alles ins Internet gestellt und damit bewusst eine breite Öffentlichkeit hergestellt.

Ich ziehe auch die Augenbrauen zusammen und frage mich, wo der Stein des Anstoßes liegt. Ich habe auch eine grobe Vorstellung davon, wer die unbekannte Drittpartei sein könnte. Aber es bleibt bei der Vermutung. Man nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es sich bei der/dem Verfasser/in wirklich um jemanden mit Polizeibezug handelt. Macht man sich die Mühe diese Lappalie weiter zu verfolgen, kann man die unterstützenden Kommentare freundlich gesonnener Studenten auf der Seite des Dozenten nachlesen. Nur finden sie im Tweet leider keine Erwähnung , der markig Rassismus und Rechtsextremismus enthält. Die Kommentare unter dem Tweet gehen dann auch vielfach in die „gewollte?“ Richtung. Die Polizei – eine Ansammlung von Nazis, mal wieder! Ich will aber nicht verschweigen, dass einige unbedarfte Accountinhaber, bei denen es sich nach eigener Behauptung um aktive Polizisten handelt, zweibeinig ins Fettnäpfchen springen, weil sie den Hashtag und die Seenotvereinigung als radikal einsortieren.

Irgendwie mutet die ganze Angelegenheit wie zwei voneinander getrennt existierende Kämpfe an. Herr Oliver von Dobrowolski im glamourösen Kampf gegen aus seiner Sicht böse Kräfte in der Polizeibehörde und ein Unbekannter, der auch gegen das Böse, halt aus seiner Perspektive, kämpft. Ein ohne Digitalisierung und Social Media undenkbarer Sachverhalt. Studenten, die etwas gegen Dozenten einzuwenden hatten, gab es schon immer und aus allen politischen Richtungen. Nicht selten waren es Solidaritätsgeschichten, die sich aus Konflikten zwischen Innensenatoren, Polizeiführung und dem Personal an der Schule ergaben. Aber entweder die Sache verlief völlig unterschwellig oder sie war maximal einen kleinen Artikel in einer lokalen Zeitung wert. Vielleicht handelt es sich auch um eine Geschichte innerhalb einer Geschichte? Wer weiß, was da zwischen dem Studenten und dem Dozenten passiert ist oder welchen Strauß die anonymen Schreiberlinge auszufechten haben. Augenscheinlich scheinen sie nicht die Jüngsten zu sein, ein anonymer Brief wirkt dann doch etwas altbacken und wie ist der Schrieb überhaupt bei Oliver von Dobrowolski gelandet?

Ich kenne seine Perspektive nicht und weiß nicht, warum er auf der einen Seite des Hauses steht. Was ich erkennen kann, ist die Behauptung: Ich sehe Backsteine, also stehe ich vor einem Backsteinhaus und in solchen Häusern wohnen meiner Erfahrung nach folgende Charaktere. Die Schreiberlinge tun es im übrigen auch. Womit beide Seiten auf einem Surfbrett ihre Welle reiten.

Die eine Welle besteht aus der Behauptung eines institutionellen Rassismus innerhalb der Polizei und die Annahme eines Rechtsrucks. Wobei der Fehler schon bei der Annahme „die Polizei“ liegt, da diese weder homogen, noch ausschließlich mit den immer wieder öffentlich diskutierten Einsätzen betraut, ist. Der alltägliche Dienst und vielfache andere Sachgebiete kommen deutlich zu kurz. Wenn schon, sollte man da sehr differenziert schauen. Besonders wenn man den Anspruch hat etwas zu verändern. Die andere Welle ist die Dauerkampagne der Konservativen, in der alles was sich nicht nach ihren Vorstellungen anhört, radikal, links, linksextrem ist und auf dem direkten Weg in die Arme des Dämon Kommunismus führt.

Damit befinden sich beide Wellenreiter in bester Gesellschaft. Ich finde, dass etwas anderes wünschenswert wäre. Viel mehr Leute, die mit Gelassenheit und Analyse an die Dinge herangehen und einiges ins hellere Licht rücken. Wahrheiten, Wahrnehmungen, Anschauungen, persönliche Realitäten sind immer schwierig. Nebenbei, eine durchaus bemerkenswerte Eigenart von Edward Snowden. Trotz seiner Jugend und Lebenslage ist der Typ äußerst reflektiert und ziemlich unaufgeregt. Ich vermute, dass dies an seiner Ausbildung liegt.

Bereits in den ausgehenden 60ern stellten Psychologen, Soziologen und Philosophen fest, dass es für das Individuum immer schwerer wird, wirklich frei zu Leben, eigenständig zu denken und sich einen Überblick zu verschaffen. Als Grund sahen sie hierfür die Tendenz zu einer verwalteten Gesellschaft, in der Menschen zum Zweck der besseren Steuerung immer mehr in Gruppen eingeteilt werden, in denen sie dann einem sozialen Druck und psychologischen Effekten unterliegen, was einen erheblichen individuellen Aufwand zum Entkommen abfordert. Von einer Digitalisierung, die dies alles immens vereinfacht und verstärkt, konnten die nichts wissen. Freiheit, selbstständiges Denken, das Bilden einer tragfähigen Auffassung ist möglich, aber erfordert immer mehr Aufwand. Gruppen bei Facebook, zugeschnittene Meldungen, Algorithmen, sind für die Vorturner, Meinungsmacher, PR Strategen und Auftraggeber tolle Werkzeuge, aber für die menschliche Freiheit der Untergang. Wenn man sich nicht ständig bewusst macht, dass man unter Umständen nur eine Seite des Hauses sieht und der Rest Spekulationen, Wunschdenken und Interpretationen sind, hat man verloren. Ich habe auch ganz gute Erfahrungen mit den Fragen: Warum stehe ich jetzt eigentlich auf dieser Seite und nicht auf der anderen? Warum soll ich das sehen, was ich sehe und ganz wichtig, was sollte da sein und warum fehlt es?

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