Polizisten a.D. halten die Fackel in die Benzinlache …

Lesedauer 7 Minuten

Aktuell befindet sich ein Verein in der Gründung, deren Mitglieder sich den Namen Polizisten für Aufklärung gegeben haben. Als ich den ersten Tweet hierzu sah, dachte ich noch, dass sich die AfD einen neuen Propagandaschachzug ausgedacht hat und versucht sich der Polizei zu bemächtigen. Das ist nicht neu. Genau genommen, ist es sehr alt. Sich einer Gruppe, also den Arbeitern, den Soldaten und den Polizisten zuzuwenden ist mindestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder praktiziert worden. Wer steckt dahinter? Erkennbar zunächst einmal ein 49 jähriger außer Dienst gestellter Polizeihauptkommissar und ein etwas prominenterer pensionierter Polizeihauptkommissar aus München namens Karl Hilz. In der Vergangenheit engagierte er sich in einer frei Wählergemeinschaft und wird bereits seit einiger Zeit durch die Medien gezogen. Mit der Protestbewegung gegen Corona – die längst dieses Terrain verlassen hat – scheint er für sich die passende Bühne gefunden zu haben.

Vorab möchte ich klar sagen, dass ich diesen Mann für brandgefährlich halte. Er kommt bürgerlich daher. Eben als untadelig pensionierter Hauptkommissar, dem Verunsicherte zu hören. Ich hatte gerade letztens selbst ein Erlebnis in dieser Richtung. Eine Nachbarin kam vorbei und fragte mich nach meiner Meinung zu Corona und dem Drumherum. Ich sei doch nicht auf den Kopf gefallen, wäre immerhin bei der Polizei Hauptkommissar gewesen und ich solle doch mal ein Statement ablassen. Es fiel nicht ganz aus, wie sie es sich vorgestellt hatte. Impfen? Ja, natürlich! Maßnahmen? Ja! Viren und Pandemien sind Begleiter der Menschheit. Auf der einen Seite haben wir die Ausgangslage der Wohlstandsgesellschaften. Wenn wir uns schon für diesen Wohlstand entscheiden, sollten wir ihn auch nutzen. Die ärmeren Staaten befinden sich in einer vollkommen anderen Position. Bei uns existiert die Möglichkeit ein Verhältnis zwischen Intensivmedizin, Erkrankten, Problemfällen, Gesunden, Bettenkontingenten und Aufrechterhaltung der Behandlung anderer Krankheiten, herzustellen. Jedenfalls, wenn alle mitmachen. Alle die dagegen reden, sehen alles ausschließlich aus der Perspektive eines Menschen, der das Glück hatte, in einem warmen kuschelweichen Wohlstandstaat geboren zu sein.

Zurück zum Verein. Auf der Seite wird auf eine Rede verwiesen, die Herr Hilz auf einer dieser zahlreichen Demonstrationen hielt. Schnell wird klar, dass es ihm nicht um Corona geht. Nachdem er seinen Einstiegstrumpf „Ich bin Hauptkommissar a.D. und habe immer für die FDGO gekämpft!“ ausgespielt hat, versucht er noch ein wenig Sympathie bei den eingesetzten Beamten/innen zu erzeugen. Dann landet er beim politischen Establishment und der Organisierten Kriminalität (OK). Die paar Rocker oder kleinere Gruppen wären gar nicht die richtige OK, sondern die Richtigen versuchen sich in die Politik und Wirtschaft einzugliedern. Die säßen ganz wo anders. In der Bundesrepublik Deutschland wären Gesetze erlassen worden, die diesen Leuten entgegen kommen und die Politik ist auf allen Ebenen beteiligt.

OKay! Rhetorik! Er hat seinen „Opener“ gebracht. Auf diesen Zug können diverse Kriminalbeamte aufspringen. Die Aussage ist korrekt, lässt sich belegen und ist Gegenstand einer lang andauernden Debatte. Das ist ausbaufähig und landet nach einigen Bier unter Umständen in einer Kapitalismuskritik. In die gleiche Richtung geht sein zweiter „Opener“, welcher an die vermutlich ebenfalls anwesenden ehemaligen Bürger der AfD gerichtet ist. Zur Wende wurden die Bürger aus der DDR über das Ohr gehauen, wurden die Opfer der OK und der Politik. Auch da kann ich nicht widersprechen. Ich weiß nicht, ob der Mann sich darüber klar ist, dass er hier der Rhetorik von Gregor Gysi 1:1 folgt.

Es folgt ein Aufruf zur demokratischen Beteiligung, da die mangelnde Beteiligung zu den von ihm vorher geschilderten Auswüchsen führte. Ab hier wird es schwierig. Klar und deutlich leugnet er die Existenz des Virus, bzw. das bestehen der pandemischen Lage. Alles in dieser Richtung wurde aus seiner Sicht mehr oder weniger erfunden, ist vorgeschoben und dient der Bevölkerungskontrolle. Alle „Religionen“ sollen Weihnachten feiern, wie sie es gewohnt seien. Das dies ausschließlich Christen tangiert entgeht ihm in merkwürdiger Art und Weise. Außerdem holt er gegen die Impfung aus und bietet Polizisten Schutz davor an, weil es sich um eine Körperverletzung handle.

Ab ins Irrationale

Spätestens hier hat er den Weg des Rationalen verlassen. Bewusst oder unbewusst? Also benutzt er die Impfgegner – Bewegung oder ist er Teil? Er zieht die Karte „Gen – Manipulation“. Er könne nicht verstehen, wie man einerseits Gen – Manipuliertes Essen ablehne, sich aber einen Impfstoff aus dieser Richtung spritzen lassen könne. Ein Polizeihauptkommissar ist ein Polizeihauptkommissar, mit Sicherheit kein Wissenschaftler, kein Virologe und kein Arzt. Letztere Fraktion hat er sich bisher als Sponsoren für den Verein gezogen. Wie sagte mal ein Freund: „Eins ist doch festzustellen, Ärzte sind grundsätzlich ehemalige Studenten – und wie wir diese einzuschätzen haben, wissen wir.“ Das Studium liefert die Basics, dann folgt der lange Weg über viele Stationen, an deren Ende eines Tages eine gute/r Ärztin/Arzt steht. Medizin ist auch die Geschichte der ständigen Weiterentwicklung, der es schwer ist, über lange Jahre hinweg zu folgen. Polizisten fällt es schwer genug, immer auf der Höhe der Zeit zu bleiben und alle Gesetzesänderungen mitzubekommen, wie mag es da erst einem hochspezialisierten Internisten gehen?

Und werter Herr Ex – Kollege und ebenfalls pensionierter Polizist: Ob eine Polizistin oder ein Polizist eine Gute oder ein Guter wird, entscheidet sich nicht auf der Fachhochschule oder kurz danach, sondern nach sehr vielen Jahren. Und entgegengesetzt zur alten deutschen Annahme „der Deutsche Offizier kann alles!“, schreiben wir das Jahr 2020, nach dem Kaiserreich, nach dem Dritten Reich und auch nach den Fünfzigern der alten Republik. Diese Aussage stimmte damals schon nicht und ist definitiv nicht inhaltsreicher geworden. Das verändern der Gene ist bei Impfstoffen schon sehr lange der Fall. Mein Herr, sie befinden sich etwa auf dem Stand der ausgehenden Siebziger oder anders, auf dem Stand der letztlich mit sich selbst sprechenden Szene, welche aus Homöopathen/innen, Esoterikern im geläufigen Sinne, Anthroposophen, New Age – Bewegung, Shamanisten u.s.w., besteht. Im übertragenen Sinne eine Art Sekten – Bewegung, die sich gegen alles richtet, was als Medizin erachtet wird, und von ihnen mit dem Kampfbegriff „Schulmedizin“ belegt wurde. Deren Argumentationskette ist wunderbar kompatibel. Mit Medizin und Pharmakologie ist Geld zu verdienen. Also gibt es eine „Mafia“ die sich an den Kranken und den bereit stehenden Geldern kriminell bedienen.

Sie verschweigen dabei geflissentlich, dass auch die Hersteller der sog. „Alternativmedizin“ (auch ein propagandistischer Kampfbegriff) fleißig Profit machen und eine homöopathische „Erstanamese“ bei einer/einem ambitionierten Laien der Körperkunde gibt es erst ab 100 EUR aufwärts. (Nein, ich war nie Patient – ich habe für jemanden anders die Rechnungen geschrieben).

Es gibt immer eine Geschichte hinter der Geschichte

Als ich mir die Rede ansah und die Seite des Vereins aufrief, fragte ich mich sofort nach der Geschichte hinter der Geschichte. Frust, Unzufriedenheit, Status und Identitätsverlust nach der Pensionierung. Eben noch von der Gesellschaft enttäuschter weisungsbefugter Dienstvorgesetzter und plötzlich nur noch enttäuscht. Da fühlt sich so eine Bühne verdammt gut an. Der Verein ist eine Aufgabe und zugleich Identitätsstiftend. Eins hat er verdrängt oder setzt darauf. Die, welche da vor ihm stehen und ihm zuhören. Wo will er hin? Wo wollen die hin? Er findet Worte für eine demokratische Beteiligung, will aber gleichzeitig alle Politiker vor einen internationalen Gerichtshof zitieren. Umsturz? „Demokratische“ Revolution? Schwer zu sagen. Das ist bei Leuten, die gegen etwas oder mit dem Bestehenden unzufrieden sind, aber keine brauchbare Alternative anbieten, immer schwer herauszubekommen. In der Regel heulen sie nachträglich, wenn sie sehen, was sie angerichtet haben.

Was ist an ihm und dem Verein gefährlich?

Gefährlich? Die Zuhörer sind dankbar für Autoritäten, jenseits der installierten Autoritäten. Sie folgen der Logik eines Kindes. Die Erwachsenen haben hier und dort gelogen, also lügen sie auch bei allen anderen Dingen. Doch sie haben auch nicht gelernt, wie man ohne die Autoritäten, auf sich allein gestellt, durch das Leben kommt. Ein Problem, welches die alte Republik seit 1945 und die neue seit 1989 begleitet. Wie von Politikern eines Formats wie Herbert Wehner, Willy Brandt und auch noch Helmut Schmidt befürchtet, haben die Autoritäten der politischen Führung ihre Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit eingebüßt. Begleitet ist dies von einem Ideologieverlust der Parteien, ersetzt durch 100 % wirtschaftliches Denken. Typen, wie dieser Hilz bedienen Ideologie und Autoritätssuche der Verunsicherten. Wenn es bei ungebremster Weiterentwicklung zum Brand kommt, steht er da, zuckt mit den Schultern und verschwindet oder zieht sich darauf zurück, dass er zwar die Fackel in die Benzinlache gehalten hat, aber immerhin nicht für die Lache verantwortlich war.

Was wird folgen?

Was die da betreiben findet in einem begünstigenden Zeitgeschehen statt. Die Digitalisierung und die mediale Landschaft bietet denen mit wenig Aufwand eine Verbreitung, wie sie z.B. 1989 den Republikanern nicht einmal ansatzweise zur Verfügung stand. Kaum jemand der üblichen über die Polizei Empörten wird darauf hinweisen, dass es sich bisher um einen frustrierten Pensionär und einen z.Z. vom Dienst suspendierten Polizisten handelt. Der verallgemeinernde Hashtag lautet #Polizeiproblem. Vermutlich werden sie auch wieder die passenden provokativen Formulierungen finden. Ich habe nichts gegen radikale Einstellungen. Radikal ist auch eine Form von konsequenten Leben. Aber Radikalität hat ihre eigenen Dynamiken. Wer mit einer/m Radikalen diskutiert oder debattiert, hat einen entscheidenden Nachteil. Tritt man nicht selbst mit einer geschlossenen Front auf, wird die andere Seite jede Lücke nutzen, hinein stoßen und von hinten herum mit der Demontage beginnen. „Ja, ich räume ein, es gibt den einen oder anderen fehlgeleiteten Geist bei der Polizei. Dies hat oftmals folgenden Hintergrund!“ „Ach! Dann gibst Du also zu, dass es Nazis bei der Polizei gibt? Wie kannst Du wissen, wie viele es sind? Und vor allem, wie kannst Du in dienstlicher Belastung eine außergesetzliche Rechtfertigung für Fehlverhalten akzeptieren, wenn Du als Polizist dies doch anderen nicht zugestehen darfst? Bist Du Polizei und Richter in Personalunion …?“ „Äh …!“ Ich habe diese Debatten unzählige Male geführt.

Polizisten sind kaum oder nur sehr schwer dazu in der Lage, das Bild von der Polizei, welches Außenstehende haben, einzuschätzen. Dies folgt dem Gesetz, dass es dem Menschen nicht gegeben ist, das Eigenbild einem anderen zu vermitteln, zu wirken, wie man gern möchte, und auf die Filter des Gegenüberstehenden einzuwirken. Ich habe bereits selbst mehrfach in der Situation gehangen, dass ich mich mit Leuten prügeln musste, Bekannte ungerechtfertigt auf der Demo auf die Nase bekamen und wir dann in der Nacht am Tresen unseres Stammlokals wütend gegenüber saßen. Schlimmeres verhinderte die jeweilige Reputation. Aber die gibt es da draußen nicht. Da gibt es nur Misstrauen und Klischees. Deshalb prognostiziere ich eine weitere Eskalation der Nummer. Die Rechten werden die ausgestreckte Hand gerne ergreifen, wie sie auch perfekt den Rest der diffusen „Protestbewegung“ eingeatmet haben. Gleichzeitig erleben wir eine intellektuell und rational vollkommen aus der Kontrolle geratene „Autonome Szene“ begleitet von einigen völlig Desorientierten, die sich selbst als „links“ und „antifaschistisch“ bezeichnen. Ich glaube hierdurch ist einst diese Hufeisentheorie entstanden. Betrachtet wurden die, welche gegen irgendetwas sind, im Zweifel die bestehenden Autoritätsverhältnisse ablehnen, aber nicht wirklich wissen, wo sie hin wollen. Umher irrende Menschen, die mehr oder weniger zufällig in eine Szene gerieten. Irgendjemanden kennengelernt, mal mitgelaufen, die Sicherheit der Gruppe genossen, da geblieben. Ob das nun die rechte Szenekneipe in Marzahn war oder das links ausgerichtete Kulturzentrum ist dabei völlig irrelevant. Ich kenne einige erprobte Kämpfer aus den Achtzigern, die das mit Argwohn beobachten. Wer innerhalb der Pandemie, die von den Rechten instrumentalisiert wird, zu Silvester zum Klassenkampf mit Böllern aufruft, ist schlicht eine lächerliche Figur, die keiner für voll nehmen kann, der noch alle beisammen hat. Da haben Sechsjährige im Kindergarten bessere Ideen.

Doch es sind eben jene irrsinnigen Aktionen, welche Leuten wie diesen Vereinsmitgliedern in die Karten spielen. Machen die Spinner in Berlin und Leipzig ernst und liefern der Polizei innerhalb der Pandemie eine Straßenschlacht, können die sich eine Flasche Schampuss aufmachen. Taktisch alles richtig gemacht. Sie können darauf verweisen, dass für die vermeintlich Linken – ich betone immer wieder, dass sie für mich dies nicht sind – die Pandemie, die von Böllern ausgehende Gefahr, vor allem bei einer Straßenschlacht, auch kein Thema ist. Die Medien werden sich auch darauf stürzen. Sie werden ebenfalls nicht von Spinnern sprechen, sondern von der linken Szene. Da gibt es einige Theoretiker und Vordenker für autoritäre Systeme (nicht immer sofort erkennbar), welche grinsend im Sessel sitzen.

Ich hatte heute überlegt, ob ich auf diesen Verein überhaupt einsteige. Eigentlich ist jeder, der sich mit denen öffentlich auseinandersetzt und damit im digitalen Zeitalter eine Verbreitung erzeugt, eine oder einer zu viel. Auf der anderen Seite: Was kümmert es mich? Die Nummer läuft so oder so! Da kochen diverse Leute ihr Süppchen. Also bleibe ich bei meiner BLOG Linie. Beobachten, analysieren, kommentieren … aus dem aktiven Geschehen heraus halten. Im Zweifelsfall rechtzeitig abhauen.

Kommentar verfassen