Der Tag der Kobra

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Es mag um die 25 Jahre her sein, da sah ich im Fernsehen eine Dokumentation der BBC über indische Schlangenbeschwörer. Der Reporter besuchte eine Familie, in der seit hunderten Jahren Kobras beschwört werden. Vor seinem Haus saß ein hagerer Inder mit Turban und im Mund hatte er vielleicht noch zwei oder drei Zähne. Hinter ihm standen große Körbe, in denen sich die Schlangen befanden. Zwischen ihnen spielten Kinder, von denen das älteste gerade mal etwas über sechs Jahre war.

Der Reporter fragte den Mann, ob den Schlangen die Giftzähne herausgebrochen worden seien oder ihnen das Maul zugenäht wurde. Wortlos griff der Mann aus einem der Körbe zwei Kaninchen und warf sie in einen mit einer Kobra. Sie biss zu und begann das Beutetier zu fressen. Danach griffen die Kinder in die Körbe und holten geschickt Schlangen heraus, die sie dem Kamerateam präsentierten. Ein wenig irritiert fragte der Reporter, ob der Mann keine Angst um seine Kinder hätte. Der schaute in deren Richtung und meinte: „Heute ist nicht der Tag der Kobra.“

Die Antwort befriedigte den Reporter nicht, deshalb fragte er: „Woran er denn den Tag der Kobra erkenne?“ Seelenruhig antwortete der Schlangenbeschwörer: „Ich werde es wissen.“

Die Lebenseinstellung des Inders begleitet mich seit diesem Tag. Besonders während der Pandemie erinnere mich häufig. Der Mensch ist vermutlich die einzige Spezies auf der Erde, die zu einer Sorge fähig ist. Wir nehmen an, dass theoretisch in der Zukunft etwas passieren kann. Es ist nicht sicher, aber immerhin kann es dazu kommen. Dumm, wenn wir uns bis zum Lebensende um etwas Sorgen, was niemals eintrat. Wie viel unbeschwerter wäre das Leben gewesen? Mit der Schuld verhält es sich gleichermaßen. Kein anderes Tier kennt so etwas wie eine Schuld. Nur das Großhirn des Menschen konnte sie entwickeln. Das Gegenteil von sich nicht schuldig fühlen ist nicht die Verantwortungslosigkeit. Verantwortung bedeutet, dass ich im Rahmen meiner Möglichkeiten mein Handeln auf die möglichen Folgen prüfe. Kommt es dennoch zu einem Schadensereignis, wie auch immer es aussehen mag, fällt es unter die Kategorie Lebensereignisse, die schlicht geschehen, wenn man lebt und nicht ausschließlich funktioniert.

Schuld ist im Christentum entstanden. Es gibt ein unerreichbares Idealbild des Menschen und wer dem nicht entspricht, ist schuldig. Also alle Menschen! Jeden Tag entschuldigen sich in unserem Umfeld Menschen, fühlen sich schuldig, und sorgen sich je nach Ausrichtung um alles Erdenkliche. Eine ziemlich traurige Kultur. Unter der Voraussetzung des eigenverantwortlichen Handelns muss sich niemand schuldig fühlen, wenn sie oder er Träger des Virus wurde und eine/n anderen ansteckt. Das passiert und lässt sich nicht verhindern. Pandemien waren immer Begleiter der Evolution, daran werden wir nichts ändern. Man kann die Frage aufwerfen, ob Zoonosen eine Folge der Lebensart der Spezies Mensch sind. Glaubt man Wissenschaftlern, ist es an dem und wir werden weiterhin diesen Preis zahlen müssen, so wie andere Rechnung innerhalb der kommenden 30 Jahre präsentiert werden. Wenn jemand in diesem ganzen Spiel schuldhaft gehandelt hat, dann ist es die gesamte Menschheit der vergangenen 100 Jahre.

Ich sorge mich nicht. Wenn ich ihn mir einfange, werden wir miteinander ringen. Und sollte das kleine miese Biest gewinnen, gut, dann soll es so sein. Bisher habe ich nicht das Gefühl, dass es der Tag des Virus ist. Und wenn er es ist, werde ich es merken.

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