Bauteil oder Mensch?

white and brown boat on sea under blue and white cloudy sky
Lesedauer 10 Minuten

Und denn stehste vor Gott dem Vater und der fragt dir ins Jesichte:
Willem Voigt, wat haste jemacht mit deim Leben?
Und da muss ick sagen- Fußmatte, muss ick sagen. Die hab ick jeflochten im Jefängnis und denn sind se alle druff rumjetrampelt.
Muss ick sagen.
Und zum Schluss haste jeröchelt und jewürcht um det bisschen Luft, und denn wars aus.
Det sagste vor Gott.
Mensch.
Aber der sagt zu dir: Jeh wech! sagt er. Ausweisung, sagt er!
Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er.
Det biste mir schuldig! Wo is et? Wat haste mit jemacht?

Der Schuster Voigt im „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer

Wenn ich in Deutschland die Nase voll habe, steht es mir frei ein Ticket zu kaufen und mir ein anderes Land zu suchen. Mit ein wenig Kreativität und Geld ist vieles machbar. In Thailand leben jede Menge deutsche Rentner. Nicht weniger sind es auf Mallorca, Ibiza, Gomera und wie die Ausweichplätze alle heißen. Die Optionen und Regelungen sind vielfältig. Nun, dies ist die Perspektive eines alten Mannes. Doch es soll auch noch jene geben, die Jung sind und ihr Leben noch vor sich haben. Die Betonung liegt dabei auf „ihr“ Leben. Eine junge Frau oder junger Mann sitzt irgendwo auf der Welt in der Gegend herum, wo sie oder ihn das Schicksal hin verfrachtet hat und überlegt: „Was mache ich mit meinem Leben?“ Wenn es das Schicksal gut meinte, passiert dies in einem westlichen Industrieland. Dort, wo Milch und Honig von den Wänden fließen. Dort hängt vieles vom eigenen Willen und der Motivation ab. Es bestehen kaum Grenzen, für die man selbst nichts kann. In ca. 80 % aller anderen Länder verhält es sich deutlich anders.

In Deutschland gibt es zu diesem Thema bemerkenswerte Ansichten. Die jungen Leute sollen gefälligst im Geburtsland bleiben und ihr Land aufbauen. 2021! Die Digitalisierung und Globalisierung sind im vollen Gange. Sogenannte Online – Nomaden ziehen durch die Welt, setzen sich in eine Ecke und gehen mit einem Laptop ihrer Arbeit nach. Konzerne sind multinationale Globalplayer und in den Aufsichtsräten sind bis zu vier Kontinente vertreten.

Ihr Land aufbauen! Das klingt nach Wiederaufbau 1945. Die geschlagene Nation, die aus den Trümmern auferstanden ist. Eine heroische Leistung der Nachkriegsgeneration. Ich lasse, das alles gelten, doch eine Feststellung sei erlaubt: Wenn die Deutschen mit ihrem Handeln nicht selbst die Ursache für die Trümmer gesetzt hätten, wäre die heroische Leistung nicht notwendig gewesen. Das nach dem Krieg geborene Individuum kann nichts dafür. Auch nicht diejenigen, welche sich dagegen stellten und dennoch alles verloren. Doch es geht denen, die die oben formulierte Haltung einnehmen nicht um das Individuum, sondern für sie geht das Individuum, in der Nation als ein Ganzes, auf. Für die bin ich nicht in erster Linie ein Mensch mit dem Namen „Trölle“, sondern ein Deutscher, so wie ein Raed, Mustafa, oder eine Miriam, Yildiz, Türken, Palästinenser oder Afghanen sind. Teilweise kann ich das verstehen. Wenn ich nicht mehr im Leben habe, als meine nackte Staatsangehörigkeit, halte ich mich daran fest.

Einige berufen sich auf ihre Leistungen. Doch bevor sie überhaupt jemals etwas selbst getan haben, ist eine ganze Menge passiert. Sie wurden ohne ihr Zutun auf dem deutschen Staatsgebiet geboren. Das Überleben der ersten Jahre verdanken sie einem Gesundheitssystem, an dem sie in dieser Lebensphase keinen Anteil haben. Dann besuchten sie eine Schule, die günstigerweise ohne weite Fußmärsche, Bootsfahrten oder lebensgefährliche Busfahrten erreichbar waren. In der Regel mussten sie in der Kindheit nicht arbeiten, wurden gefördert, bekamen Bücher, Stifte und Papier. Bis sie nach Jahren erstmals zeigen konnten, was sie in der Zeit davor lernten. Über sie, den Menschen, sagt das nichts aus. Bis dahin war alles bequem, vorhersehbar und entsprach dem Standard. Kaum jemand sagt: „Ich habe, trotz des widrigen Umstands in Deutschland geboren zu sein, Lesen, Schreiben, Rechnen, gelernt.“ Nein, es ist dem glücklichen Umstand geschuldet, in einem westlichen Industrieland geboren zu sein. All dies haben andere nicht. Kaltschnäuzig kann man nun mit den Schultern zucken: „Pech gehabt!“ Gut, kann ich mit leben.

Maschinenteil: Mensch

Der Mensch ist ein Lebewesen. Damit kann gespielt werden. Ein Geschöpf das lebt oder auch ein Bestandteil des Ganzen, dessen Wesen es ist, zu leben. Anderes existiert oder es funktioniert bzw. trägt zur Funktion bei. Zahnräder haben eine Bestimmung, die über die Funktion innerhalb einer Mechanik entscheidet. Für diverse Zeitgenossen ist der Mensch ein funktionierendes Teil, damit zum Bestandteil einer Maschine, geworden. Eine, die etwas produziert, womit der Mensch wiederum in einen Produktionsprozess eingebunden ist. Mit Leben hat das nichts zu tun, sonst würde man keinen Unterschied machen müssen und verschiedene Wörter finden. Wir werden geboren und nicht hergestellt. Gleichfalls werden Erfahrungen und Lernen nicht als Abnutzungsprozess, Verschleiß oder Defekt durch übermäßige Nutzung verstanden. Ganz richtig ist die Behauptung nicht.

Bei manchen Lebewesen besitzen wir die Arroganz, sie als Nutztiere zu bezeichnen. Sind sie nicht mehr nützlich, sondern kosten nur noch Futter, werden sie geschlachtet. Demnach würde die Untergliederung von Menschen nach ihrem Nutzen, ähnliche Überlegungen nach sich ziehen. Was mache ich mit einer/einem, die keinen Nutzen mehr haben? Vorab müsste ich mir Gedanken machen, was der Nutzen ist. Mehrung, Wachstum, Steigerung des Wohlstands? Eingliederung in die besagte Produktionsmaschine? Im Ursprung arbeitete der Mensch um Leben zu können. Das Bestellen eines Feldes, die Jagd, das Sammeln, alles diente mehr oder weniger unmittelbar dem Überleben. Dieser Satz wird häufig kritisch umgedreht: Der moderne Mensch lebt in einer Industrie – u. Dienstleistungsgesellschaft um zu Arbeiten. Ich behaupte, in dieser Umkehrung überhaupt das Wort „Leben“ zu verwenden ist grundfalsch. So wie es in diesem Zusammenhang falsch ist von Sozialisation und Lernen zu sprechen. Vielmehr handelt es sich um ein Formen, wie eben auch Maschinenteile konstruiert und geformt werden, damit aus dem Kind eines Tages ein für das Geburtsland nützlicher Mensch wird. Immer noch offen ist dabei die Antwort, was mit denen passieren soll, die keinen, zumindest im Sinne der obigen Betrachtung, Nutzen haben. Nach mehreren Reparaturen auf den Schrotthaufen werfen? Recyceln, wie im Film Soylent Green, dessen Handlung nebenbei im Jahr 2022, spielt? Von vorn hinein einen Nutzen in Zweifel ziehen und Euthanasie anwenden? Oder den Nutzen absprechen und in Lagern vernichten? Maschinen haben in der Regel eine Bezeichnung. Was wäre, wenn ich die Maschine „Deutschland“ oder „Nation“ nenne? Also Deutschland nicht als einen Lebensraum betrachte, sondern als eine produzierende Nation? Als Betreiber einer Maschine, die mir ein Produkt liefern soll, wäre ich dämlich, wenn ich defekte Teile nicht austausche, Dinge einbaue, bei denen ich nicht weiß, ob sie funktionieren werden oder bei denen ich weiß, dass sie schnell verschleißen.

Genau dies ist die Logik, mit der Leute in Deutschland argumentieren. Hochwertige, funktionierende Maschinenteile, mit gewünschten Design, sollen importiert werden, von allem anderen wollen sie Abstand nehmen. Im gleichen Atemzuge wissen sie um die durchschnittliche Betriebsfähigkeit bereits installierter Teile. Schrottplätze kosten Geld, insofern ist es lukrativer die Teile nach dem Defekt gleich zu entsorgen. Es ist eine rein bürokratische Annahme, dass Frauen und Männer mit 67 Jahren in körperlich belastenden Berufen halbwegs unbeschadet arbeiten können, die meisten sind lange zuvor körperlich am Ende und müssen aufgeben. Das Kalkül ist klar: Durch die Abstriche wird erheblich gespart. Dies ist die Denk – und Vorgehensweise eines Maschinenbesitzers, der seine Betriebskosten kalkuliert. Das Argument, dass die Lebenserwartung steigt, sagt nichts zur Qualität des Lebens, oder wie sich der Zustand ein defektes Teil zu sein, anfühlt. Die Betriebsfähigkeit des Maschinenteils Mensch ist seit ein paar tausend Jahren immer gleich geblieben. Nur weil ein Mensch länger lebt, halten die Bandscheiben oder das vegetative System nicht ebenfalls länger.

Wie sähe eine andere Sichtweise aus?

Nehmen wir an, es wäre möglich die Zeit anzuhalten und es gäbe einen gigantischen Computer mit einer unvorstellbaren Rechenleistung, mit dem alle Vorgänge seit dem Big Bang analysiert werden könnten. Ein Ergebnis ergibt sich aus der Logik. Damit das eingefrorene Ergebnis zustande kommt, kann nichts, der Big Bang, die erste molekulare Verbindung, die erste Zellteilung, Vulkanausbruch, jede Handlung eines jemals auf diesem Planeten existierenden Wesen, herausgenommen werden. Der Computer könnte maximal nachvollziehen, welche Kausalitäten konkrete weitere Schritte zum Endergebnis bedingten. Egal, was auch immer passierte und passieren wird, es hat Folgen. Da kein Mensch über diese Rechenleistung verfügt, sollte sich jeder hüten, über einen Nutzen zu urteilen. Das Großhirn überschätzt sich jeden Tag und maßt sich an, als etwas vermeintlich Allwissendes, zu urteilen, einzugreifen und vieles mehr. Es hat sich schlicht verselbstständigt und meint sich den Gesetzmäßigkeiten des übergeordneten Ganzen, von dem es ein Teil ist, entziehen zu können. Das Leben, Lebensräume, die natürlichen Lebensbedingungen, die Naturgesetze sind Vorgaben, während alles andere Konstrukte des Großhirns sind. Wie könnte ich mir anmaßen, ein anderes Lebewesen in eine Kategorie einzuteilen? Egal, ob es ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze ist. Wie kann ich mir anmaßen, in die Vorgaben, die das Leben erst möglich machten, einzugreifen? Wer könnte mir das Recht geben, darüber zu entscheiden, wer oder was in einem Lebensraum lebt? Bei allem, sollte ich immer daran denken, dass verwendete Wörter nichts anderes als das Ergebnis eines komplexen Vorgangs im Gehirn sind. Wir verwenden das Wort „kultivieren“ und beschreiben damit einen für uns vorteilhaften Gestaltungsprozess eines Lebensraums, was sich unter Umständen auch gut auf andere Spezies auswirken kann, aber es ist auch genau das Gegenteil möglich. Wie auch immer, es findet alles im Kopf statt und hat nicht zwingend etwas mit dem zu tun, was wir mit Realität bezeichnen.

Zurück zur jungen Frau oder Mann

Wer gibt mir das Recht, sie oder ihn, als nützlich zu katalogisieren und woher will ich etwas darüber wissen? Woher nehme ich das Recht, darüber zu bestimmen, ob sie oder er mit mir zusammen in einem Lebensraum leben darf? Wir nehmen uns dieses Recht heraus, aber wer hat es uns gegeben? Wir gehen, vermutlich korrekt, davon aus, dass jede Spezies eine Art Überlebenswillen in sich trägt. Das Überleben der Spezies Mensch erscheint mir nicht durch einen Ortswechsel bedroht zu sein. Möglicherweise das Konstrukt, in dem ich lebe. Manche sagen, es wäre in der Menschheitsgeschichte schon immer der Fall gewesen, dass sich Völker gegen andere Völker gewehrt hätten. Dabei gelte es zu Berücksichtigen, dass der moderne Mensch seit ca. 300.000 Jahren auf dem Planeten wandelt und wir davon gerade mal 3000 Jahre einigermaßen überblicken können. Doch immerhin sind 3000 Jahre eine lange Zeit des Nachdenkens, zum Sammeln von Erfahrungen und vollziehen von Lernprozessen. Das Großhirn würde sich selbst ein Armutszeugnis ausstellen, wenn es immer noch auf dem Stand von vor 2000 Jahren wäre.

Was wir mit Sicherheit wissen, ist die Tatsache, dass sich der Homo sapiens aktiv auf der Erde ausbreitete. Wurde es ihm zu ungastlich, zog er weiter, bis er alle möglichen Lebensräume eroberte. Dort hinzugehen, wo es uns gefällt und wir leben können, ist fest verankert. Ein wenig hat das auch etwas mit Intelligenz zu tun. Wer bleibt schon dort, wo es lebensfeindlich ist, nicht gelitten wird oder einem jemand die Freiheit raubt? Darüber haben die Menschen viele Geschichten zu erzählen. In der Bibel wird zum Beispiel beschrieben, wie die Israeliten keine Lust mehr auf die Ägypter hatten und sich deshalb unter Führung eines Rebellen mit dem Namen Mose auf den Weg machten. Römer, Goten, Wandalen, Arier, Hunnen, wie sie alle heißen mögen, waren aus unterschiedlichen Gründen unterwegs. Es erscheint mir absolut nachvollziehbar, wenn Frau oder Mann ganz egoistisch entscheiden, etwas mit der gegebenen Lebenszeit anzustellen.

Es gehört zu den Eigenarten des Menschen, einen anderen Menschen als solchen erkennen zu können und sich mehr oder weniger gut in dessen Lage zu versetzen. Ebenfalls eine dieser Fähigkeiten, die uns zu dem haben werden lassen, was wir sind. Wir wissen von indigenen Völkern, dass sie selbst einem getöteten „Feind“ Respekt zollen. Ihnen ist bewusst, dass der andere grundsätzlich auch nur leben wollte. Das Großhirn ist noch zu einem weiteren Gedankenschritt in der Lage. Es kann erkennen, dass eine Handlung etwas erzeugt, was es als Rechtfertigung bezeichnet. Obwohl es im eigentlichen Sinne, mehr eine Folgewirkung ist, die auch in den Naturwissenschaften bekannt ist.

Kräfte wirken immer wechselseitig. Übt A eine Kraft auf B aus, so übt B eine gleich große, entgegengesetzt gerichtete Kraft auf A aus. Die beiden Kräfte nennt man in diesem Zusammenhang Wechselwirkungskräfte.

Drittes Newtonsches Gesetz

Jede Handlung will gut überlegt sein. Verbiete ich den Leuten, sich aus ihrem Land wegzubewegen oder nach freier Wahl in ein anderes Land zu gehen, erzeuge ich damit eine universelle Regel, der nach ein Mensch einem anderen Menschen dies untersagen darf. Wollen wir nicht hoffen, dass die Lage in Deutschland irgendwann mal wieder eskaliert und unsere Mitbürger in andere Länder ausweichen müssen. Zeitweilig war es in Ordnung Menschen zur Abschreckung anderer zu töten und im Zweifel ihre Leichen am Ortsrand zur Schau zu stellen. In vielen Teilen der Welt hatte die Menschheit dies überwunden. Die Tendenz ist rückläufig. Auch bei uns, ist es wieder legitim Menschen im Meer zur Abschreckung ertrinken zu lassen, in unserem Auftrag zu foltern, damit sie anderen davon berichten, oder sie in Lagern in abschreckenden Lebensverhältnissen einzusperren. Damit hat weltweit jeder andere auch das Recht dazu. Im gleichen Zuge erzeuge ich Gegenkräfte. Verständlicherweise sind die Betroffenen oder wie auch immer mit ihnen Verbundene etwas ungehalten. Kräfte die ich eindämmen muss, was wieder neue erzeugt.

Dabei haben diejenigen, welche sich aus ihrem Land wegbewegen alles recht dazu, eben weil wir es uns auch zugestehen. Besser noch, es ist gar nicht lange her, als Europäer nach Belieben überall siedelten und die Angetroffenen ausbeuteten. Wir machen demnach den zweiten Schritt: Die Erzeugung der Regel, Menschen dürfen anderen Menschen, Rechte, die sie selbst begründeten, mit Gewalt vorenthalten. Menschen sind nicht gleich, sie unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen, usw., individuell voneinander, aber alle sind gleichberechtigt!

Zumindest ist dies in der Natur so vorgesehen, alles andere sind Konstrukte des Großhirns. Zum Beispiel dürfen sich Menschen, die sich im Besitz eines erdachten Ersatzes für den Tauschhandel befinden, obwohl sie gegenständlich gar nichts zum Tauschen haben, über andere erheben und sie dazu zwingen Handlungen zu vollziehen. Eine ziemlich verrückte Angelegenheit! Der erste Schritt dazu war verständlich. Niemand mag es, ein halbes Schwein durchs Dorf zu tragen, um dann mit 20 Broten wieder nach Hause zu gehen. Aber wie könnte ich dem genialen Erfinder des Geldes erläutern, was heute passiert? Aber darum soll es nicht gehen. Entscheidend ist der Umstand, dass dieser Blödsinn als Rechtfertigung herangezogen wird, wiederum anderen ihre Rechte wegzunehmen. In diesen Kontext gehört auch die Maschine, mit ihrer Produktion und den dazugehörenden funktionierenden menschlichen Teilen. Sie sind Teil der Mehrung des Geldes, welches sie nicht einmal in voller Summe selbst bekommen, um dann davon abzuleiten, sie dürften Menschen in Kategorien unterteilen, ihre Bewegungsfreiheit einschränken und sie auch noch zur Abschreckung absaufen lassen. Aber es wird noch kruder. Die junge Frau oder Mann wird nicht einmal angeschaut. Vielleicht kann sie oder er tolle Sachen? Nein! Sie kommen schlicht aus dem falschen Land, mit ihnen als Mensch hat das überhaupt nichts mehr zu tun. Folgerichtig wäre ein Tauschhandel! Ihr bekommt unsere Doofen und wir lassen nach Prüfung rein. Den Aufschrei würde ich gerne hören: Aber ich bin doch Deutscher! Tja, Du hattest Deine Chance, die Du leider nicht genutzt hast – ab in die Wüste!

Det biste mir schuldig! Wo is et? Wat haste mit jemacht?

Bekanntlich geriet Voigt ebenfalls zwischen die Mühlsteine eines völlig irren Systems, eins, welches ihm keine Chance gab. Bis er beschloss den Spieß umzudrehen und dem System den eigenen Wahnsinn vorhielt. In seiner zitierten Rede steckt die Aussage, dass er als Mensch das Recht, mehr noch die Pflicht hat, aus diesem Leben über das Funktionieren und Vegetieren hinaus, ein Leben werden zu lassen. Haben wir aus der Geschichte gelernt? Ist jedem klar geworden, worin die Unterscheidungen zwischen lebenswert und überflüssig, nützliche und entbehrliche Menschen, Verlust der Individualität, Technisierung der Sprache und Leben, die Degradierung zum Mittel für den Zweck, führen? Haben wir verstanden, wo die Ursprünge dieses Denkens liegen? Wie ist der Entwicklungsstand des Großhirns? Kindesalter, Pubertät oder Erwachsen? Ist die Menschheit auf dem Weg zum Erwachsenen zu werden, die Tücken des Großhirns endlich zu erkennen? Ich erinnere mich an den Titel eines Buchs aus den 70ern, welches ich leider nicht mehr finde: Das Großhirn vernichtet sich selbst. Läuft es darauf hinaus?

Wie auch immer: Weder Ich, noch ein anderer, verfügt über das Recht des Richtens über einen anderen Menschen, weil er das Geburtsland, aus welchen Motiven auch immer, verlassen will. Wer richtet, wird gerichtet werden! Auf Dauer wird bei anwachsender Weltbevölkerung und schwindender Lebensräume die Aufgabe der bisherigen Konstruktionen nicht vermeidbar sein. Lasse ich Menschen in einer Notlage sterben, legitimiere ich diese Handlungsweise für jeden anderen und dies zieht weiteres nach sich. Katalogisiere ich Menschen, hat es Folgen für alle. Das ist wie mit dem Sinn des Lebens. Jeder sollte sich gut überlegen, ob man die Antwort wirklich bekommen will. Wenn es einen beschreibbaren Sinn hat, wäre es fatal, wenn sich beim Abgleich mit dem eigenen Leben herausstellen sollte, dass es nicht dem entspricht. Da ist es besser, wenn nichts einen Sinn haben muss, sondern mit der Existenz alles Notwendige geklärt ist. Benutze ich das Leid zur Abschreckung, darf ich mich nicht wundern, wenn sich andere ebenfalls dazu berufen fühlen. Die Zeiten, in denen sich Mitteleuropäer vor den Folgen ihrer weltweiten Untaten in Sicherheit wähnen können, sind vorbei.

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