Macht, Gesetze und Ethik

white wooden boat adrift at shore under grey cloudy sky
Lesedauer 7 Minuten

Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.

Molière

Heldinnen/Helden oder Gesetzlose

In den 70er Jahren wollte die Grand-Nation Frankreich bei den Atom – Playern mitspielen und wollte deshalb auf den Aleuten, damals noch völlig unberührte Inseln, Atomwaffentests durchführen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Aleuten, dass die Inseln nicht gerade in der Nähe von Marseille liegen und sich die Frage stellt, was ein mitteleuropäisches Land dort zu suchen hat, erschien das Zünden von Atombomben bereits damals nicht sonderlich vernünftig. Also machten sich einige Menschen mutig, und in meinen Augen heldenhaft mit einem Segelboot auf den Weg um die Tests mit ihrer Anwesenheit zu stören. „Wenn ihr zündet, müsst ihr uns mit in die Luft jagen,“ Das hätten die französischen Militärs und Verantwortlichen sicherlich ohne Skrupel getan, aber die Leute hatten für Öffentlichkeit gesorgt. Aus dieser Aktion heraus entstand GREENPEACE. Am Ende konnte sie es doch nicht verhindern. Die Inseln wurden atomar verseucht, die Folgen sind bis heute nicht absehbar, die Verantwortlichen sind längst verstorben, sodass sie von alledem nicht betroffen sind, genau genommen, nie waren. Später sprengte die französische Regierung eins der Schiffe, Aktivisten wurden vor Gericht gestellt, halt all die Dinge, die man mit Macht veranstalten kann.

Ein ehemaliger Offizier der kanadischen Küstenwache, der bei der Aktion beteiligt war, sagte danach den Walschlächtern der Meere den Kampf an. Es ist bekannt, dass die am Aussterben sind und immer wenn mal ein Tier mehr gesichtet wird, als irgendwo mal ein Bürokrat festgelegt hat, werden sie wieder dezimiert. Einfach, weil der Mensch es kann und Lust darauf hat. Paul Watson, der ehemalige Offizier, bot ihnen die Stirn und aktuell wird er mal wieder von allen möglichen Polizeibehörden gesucht. Diese, und andere Geschichten finden weltweit jeden Tag statt. Völlig Irrsinniges, in kranken Gehirnen entstandenes wird mittels Gesetze legalisiert oder möglich gemacht und die sich dagegen auflehnende Vernunft wird zum Verbrechen deklariert. Und dennoch gibt es Menschen, die krampfhaft argumentieren: „Gewalt ist keine Lösung und man muss sich an die Gesetze halten, sonst bricht das Chaos aus.“ Die sich an die Gesetze halten sollen, sind allzu häufig die ohne Macht, während die Mächtigen, handeln wie sie wollen und im Zweifel passende Gesetze erlassen.

Die Weltordnung, wie sie einst nach den Weltkriegen visionär zustande kommen sollte, wurde niemals Realität. Zerstörung der Lebensgrundlagen, Ausbeutung, Verstöße gegen die auf dem Papier bestehenden Menschenrechte, Kriege mit geächteten Waffen, modernisierten Imperialismus und Kolonialismus, Ermordung ganzer Völker, welche sich in entlegenste Winkel der Erde zurückgezogen haben, sind an der Tagesordnung. Die Welt ist, wie sie ist, ist eine vom Homo sapiens konstruierte und künstlich geordnete, die Gesetze der Natur werden nicht akzeptiert und dies halt Folgen. Der Mensch lebt nicht mehr im Einklang mit der Natur, sondern er hat dem Planeten und seinen Vorgaben den Krieg erklärt. Die Gründe sind bekannt. Bei einigen Untergruppen des spärlich behaarten trockennasigen Affen gehört es zur Natur, Perversionen zu entwickeln, in denen er rauschhaft immer mehr haben will. Dafür ist er bereit nahezu alles zu tun. Einmal angefixt, dreht er frei. Hinzu kommt, dass es dieser Spezies nicht bekommt, wenn sie in Massen zusammenlebt. Tief sitzende Verhaltensmuster, über hunderttausende Jahre hinweg zum Regeln eines Lebens in einer Horde entstanden, entwickeln bei massenhaften Auftreten ein zerstörerisches Potenzial.

Doch immer wieder gibt es einzelne Menschen, die in der Lage sind, aus der Masse auszubrechen, ein natürliches gesundes Verhältnis zu dem Herzustellen, was sie umgibt und sich dessen zu erinnern, welche positiven Seiten diese Spezies hat. Gesunde, eingesperrt in einer Anstalt für mental Erkrankte, die von Psychotikern/innen geleitet wird. Krank zu sein ist kein Verbrechen und selbst bei Vernachlässigung aller menschlich erdachten Gesetze, kann kaum ein Lebewesen für degenerative Verhaltensweisen, die eben darauf basieren, verantwortlich gemacht werden. Allerdings führen die sich gegeneinander bedingenden Lebensprozesse zu Folgen für das einzelne Exemplar oder die gesamte Spezies. Tiere, die in sozialen Verbänden leben, haben deshalb programmierte Verhaltensweisen und Regeln, wie mit „falsch“ programmierten Individuen umzugehen ist. Der Mensch kann über all dies nachdenken, jedenfalls wenn er sich Mühe gibt. Diese Fähigkeit der Selbstbetrachtung hat bisherigen Erkenntnissen nach, ausschließlich das Großhirn entwickelt. Andere Spezies empfinden Trauer, Wut, Liebe, Angst, aber sie denken nicht nach, warum dies der Fall ist. Dies ist eine der Besonderheiten des Menschen, der ihn zu mehr macht, als das erfolgreichste Raubtier.

Wer gehört vor Gericht? Retter oder die Mächtigen und ihre Lakaien?

Die Wut darüber treibt Beigui an. Obwohl gegen ihn ermittelt wurde, hat er weitergemacht. Entgegen der Ratschläge seines Anwalts beteiligte er sich an Einsätzen der Mare Liberum, einem zivilen Schiff in der gleichnamigen Organisation, das Menschenrechtsverletzungen in der Ägäis dokumentiert. Sein Anwalt habe ihm nämlich auch gesagt: „Es gibt Zeiten, da hört man auf seinen Anwalt, und es gibt Zeiten, da hört man auf sein Herz.“
Die Zeit – Online , März 2021, 15:01 Uhr

Da stellt sich mir die Frage, wie ich für mich selbst Individuen sehe, die Menschen, welche Angehörige der eigenen Spezies vor dem Ertrinken retten, als Verbrecher betrachten und sie vor Gericht stellen wollen. Es mag Teil des eigenen Entscheidungsprozesses sein, ob man sich einer Schiffsbesatzung anschließt, die dies unternimmt. „Die interessieren mich nicht, nicht mein Problem, jeder für sich alleine, zu weit weg!“ Ich denke, dieses Denken ist noch innerhalb dessen, was man einem Menschen zugestehen mag. Ist halt nicht die eigene Horde, sondern die auf einem fremden Affenfelsen. Jedem zu erläutern, dass Exemplare des eigenen Affenfelsen ursächlich für das Geschehen sind und damit eine kollektive Verantwortung entsteht, weil man diejenigen nicht vom Felsen heruntergeworfen hat, dürfte den Intellekt vieler überfordern. Aber, wenn man sich dazu entschlossen hat, mit einem Schiff dahinzufahren, ist dies ebenso statthaft, ein wenig beschämend für die auf dem Felsen, welche Ursache und Wirkung nicht kapieren, und es ist absolut menschlich, die Artgenossen zu retten. Pervers, krank, primitiv, wäre es, im Angesicht der Notlage, sie ertrinken zu lassen. Wenn es überhaupt Anklagen geben kann, dann für diejenigen, welche beim Ertrinken zusehen oder mittels des Skandierens von „Absaufen!“ zu einer Straftat auffordern. Immer mal wieder sprechen die Leute davon, dass die Anklage von einem Rechtsstaat ausgeht und deshalb die Entscheidung den Gerichten überlassen solle. Von einem Rechtsstaat wird gesprochen, wenn das Handeln der staatlichen Organe nicht auf Willkür beruht, sondern auf der Basis eines erlassenen Gesetzes. Dies heißt erstmal gar nichts. Man könnte noch darauf hoffen, dass sich alle an Völkerrecht bricht Landesrecht halten. Das internationale Seerecht ist eindeutig. Egal, warum jemand in Seenot geraten ist, er oder sie sind zu retten! Ebenso unterscheidet das Seerecht nicht zwischen einer zufälligen oder einer gezielten Anwesenheit eines Rettungsbootes. Der Gewissensspielraum beginnt erst da, wo ich die Geretteten an Land setze.

Aktuell führt Italien Ermittlungsverfahren gegen Ärzte, Kapitäne, Seeleute, wegen des Schleppens und Schleusens. Sie tun dies stellvertretend für Europa. Für mich ergibt sich dabei folgendes Bild. Meine Vorfahren auf dem Affenfelsen waren mit ihrem Handeln ursächlich für die Zustände, die jetzt dazu führen, dass die da im Wasser sind. Ich kann nicht wissen, wie alles gekommen wäre, wenn meine Vorfahren anders gehandelt hätten. Vielleicht wäre ich dann im Wasser. Wer weiß? Aber es ist nun einmal, wie es ist. Für mich ist es gut gelaufen und für die im Wasser schlecht. Jetzt kann ich mich gegen das Handeln meiner Ahnen entschließen oder da anknüpfen, wo die aufgehört haben. Ich für meinen Teil habe dies nicht vor.

Gewissen vs. Gesetze und Macht

Ebenso wenig habe ich vor, mich dem perversen Machtmissbrauch einiger degenerierter Zeitgenossen zu beugen und als rechtens anzuerkennen, was die treiben. Womit ich zu einer zentralen Frage des Lebens komme. Welchen Gesetzen ordne ich mich als Mensch unter? Allen, die auf meinem Affenfelsen weiter oben erlassen wurden? Oder lediglich denen, die ich mit meinem eigenen Gewissen vereinbaren kann? Ich persönlich bin zur Überzeugung gekommen, dass ein Mensch, der erlassene Gesetze über das eigene Gewissen stellt, das Menschliche aus der Hand gibt. An dieser Stelle mögen einige denken, wer sagt denn, dass das eigene Gewissen richtig ist und das anderer falsch? Gewissen entsteht aus dem eigenen Erleben, welches einem nach und nach zusammenfügen lässt, was man als richtig, falsch, zuträglich empfindet und verantwortlich vertreten kann. Mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens arbeitete ich in Teams. Ich denke, es ist absolut zulässig, ein Team als eine Horde zu bezeichnen, damit als die ursprünglichste Form des menschlichen Zusammenlebens. Die Aussage, dass jemand nicht „teamfähig“ sei, habe ich schon immer skeptisch betrachtet. Wenn eine oder einer absolut überhaupt nicht in ein Team zu integrieren ist, gibt es drei Optionen. Im Aufbau des Teams bestehen Fehler, die oder der Betroffene nimmt eine Rolle ein, die im Team bereits besetzt ist oder mit der Persönlichkeit stimmt an sich etwas nicht. Ich will mich in diesem Beitrag gar nicht weiter über Teams auslassen. Ich gehe darauf ein, weil sie viel mit Gewissen zu tun haben. Teams entwickeln so etwas wie eine eigene Ethik, Gruppenmoral, Gruppendenken. Vielfach wird dies negativ gesehen, weil das Individuum das Eigene dem der Gruppe unterordnet. Dabei muss es nichts Schlechtes sein. Fraglich ist, inwieweit sich jeder in dieses Gruppendenken einbringen kann und sich damit selbst darin wiederfindet. Ab einer gewissen Größenordnung, unter anderen ist das abhängig von der Teamleitung, funktioniert dies nicht mehr und die Probleme beginnen. Regeln, Anweisungen, Gesetze, bekommen einen abstrakten Charakter. Oftmals werden sie von Menschen fernab von allem erlassen, beschlossen und aufgeschrieben. In anderen Fällen verfolgen sie Ziele und ob weit unter ihnen jemand gegen sein Gewissen handeln muss, um sie zu erreichen, ist ihnen vollkommen egal.

Wenn ich jemanden rette, interessiert es mich nicht, ob ein durchgeknallter Italiener zusammen mit anderen Soziopathen etwas beschlossen hat. Ebenso wenig, wie es mich juckt, dass ihn andere EU – Politiker vorschieben oder Karl – Heinz zusammen mit Doreen in Dresden „Absaufen“ brüllt. Und jeder, der wegen der Rettung von diesen Leuten vor ein Gericht gezerrt wird, hat ethisch jedes verbürgte recht auf Widerstand dagegen, denn eigentlich gehört es sich umgekehrt: die gehören vor einen internationalen Gerichtshof. Zur Erinnerung: Im Mai 1939 flüchteten über 900 Deutsche jüdischen Glaubens mit dem Schiff St. Louis und landeten in einer schrecklichen Irrfahrt, die zu großen Teilen das Leben kostete. Keiner der Toten hat etwas davon, dass 2012 die US-Regierung bei Nachkommen und Israel entschuldigte. Mich interessieren auch keine Mehrheiten, wie auch immer sie entstanden sein mögen. Und schon gar nicht setze ich mich mit satten Bürgern auseinander, die davon faseln, dass die geringe Chance einer Rettung bei Seenot, eine Flucht auslösen würde. Mir scheint, darunter sind einige, die bei den Mauertoten meinten: „Niemand hat die dazu gezwungen, die Grenze der DDR zu überwinden.“ Ich schätze auch sehr die Mitbürger, welche einen dazu auffordern, die Flüchtlinge doch selbst aufzunehmen, besonders wenn es sich um ehemalige Bürger der DDR handelt. Beim Solidaritätszuschlag wurde ich auch nicht gefragt. Sie tun, als wenn es um ihren kleinen Geldbeutel ginge. Kein Deutscher, vom Rentner bis zum Schüler, hätte auch nur einen Cent mehr in der Tasche, wenn seit den 70er Jahren keine Flüchtlinge aufgenommen worden wären.

Doch darum geht es sekundär. Primär geht es um Gesetze, Politik und diejenigen welche dafür verantwortlich sind. Es bleibt dabei: mein eigenes, nach den Grundlagen der Ethik ausgerichtetes Gewissen, stelle ich über alles. „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Denn wenn er erst einmal in die Welt geworfen ist, dann ist er für alles verantwortlich, was er tut.“ Jean – Paul Sartre.

Die bisherige Geschichtsschreibung hat gezeigt, dass uns die Masse und ihre Anführer nahezu immer ins Verderben führten, während die einzelnen Widerständler oder Kleingruppen zu Heldinnen/Helden wurden, nämlich weil sie nach dem Gewissen entschieden und sich nicht der tumben Massenbewegung und ihren Führerinnen/Führern anschlossen. Wer weiß, vielleicht ist schon der erste problematische Aspekt in einer Persönlichkeit die Ansicht, Massen anführen zu können und zu dürfen.

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