Führung schützt Führung

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Die Überschrift ist Teil eines grundsätzlichen Führungsgrundsatzes. Aktuell wurde seitens der Staatsanwaltschaft Berlin mitgeteilt, dass die Ermittlungen im Zusammenhang mit der sogenannten Schießstandaffäre gegen Frau Margarete Koppers eingestellt wären. Was hätte auch anderes herauskommen sollen?

Ich trenne das Ganze mal von ihrer Person. Außenstehende kennen Schießstände der Polizei in der Regel aus amerikanischen Kriminal – und Action Filmen. Meistens stehen die Schützen in separaten Kammern, schießen auf Scheiben, die nach Schussabgabe automatisch zurückgefahren kommen. Mit der realen Situation auf einem Schießstand der Berliner Polizei hat dies wenig zu tun. Hauptsächlich geht es bei der „Schießstandaffäre“ um eine Halle in der Bernauer Straße. Das Areal wurde 1989 von den Alliierten der Polizei übergeben. Bereits zuvor, nutzte die West – Berliner Polizei das Gelände zusammen mit den Militärs. Ich gab dort meine ersten Schüsse im Jahr 1987 ab. Konkret in einem Flachbau, der in mehrere Hallen unterteilt ist, die jeweils mit schweren Schallschutztüren ausgestattet sind. Der Boden besteht aus verdichteten schwarzen Schotterboden. Am Ende der Hallen befindet sich eine primitive Holzkonstruktion, in der die Schießscheiben aufgestellt werden. Als Kugelfang dient ein aufgeschütteter Sandberg. Geschossen wird auf Anweisung eines Ausbilders in einer Reihe stehend. Da kann es schon mal passieren, das sich eine warme ausgeworfene Hülse in den Kragen verirrt. Sarkastisch könnte man sagen: Das übt!

Die Auszubildenden lernen, trotz eines Brennens am Hals keine unkontrollierten Bewegungen zu machen. Nach der Übung erfolgt die Trefferaufnahme an der Scheibe, wobei nach Sichtung die Löcher mit runden Aufklebern überdeckt werden, sodass die Scheibe noch einige Male wiederverwendet werden kann. Danach folgt das unliebsame Sammeln der Hülsen vom Schotterboden, wobei nie alle aufgesammelt werden, der verbleibende Rest läuft unter dem Motto: „Lass liegen, tritt sich fest!“ Ich schreib es mal sehr deutlich: Mit einer Schießausbildung für die Realität hat dies alles nichts zu tun. Eine Halle war den Spezialeinheiten vorbehalten. Im Unterschied zu den anderen hatte sie eine Lichtanlage, mit der z.B. eine Dämmerung simuliert werden konnte. Außerdem konnte an einer Seilbahn eine Scheibe schräg durch die Halle gezogen werden, womit bewegte Ziele simuliert wurden. Irgendwann entstand im Rahmen einer Eigeninitiative eine „Wohnungssimulation“, in der die Schussabgabe innerhalb einer realistischen Umgebung geübt werden konnte. Soweit ich mich erinnere, war die Beleuchtungsanlage und der Seilzug ab dem Ende der 90er außer Funktion. Den Spezialeinheiten wurde selbst während Sparwut „Ära“ unter Wowereit, Sarrazin, Fugman – Heesing ein bedingtes erhöhtes Bedürfnis nach Training und somit auch Zuteilung von Munition zugebilligt, während in den restlichen Teilen der Polizei immer mal wieder gespart wurde. Halten wir fest: Sie sparten bereits bei der Munition, da ist noch nicht von Ausstattung der Hallen die Rede. Ich bin seither ein wenig herumgekommen.

Alles an dieser Halle hatte den „Charme“ einer Schießhalle der Sowjet – Armee. Doch wer bei der Berliner Polizei beschäftigt ist, darf bei solchen Dingen nicht genau hinsehen. Das gehört schlicht dazu und gibt den Berlinern bundesweit den Status der „Underdogs“. Ich habe die Halle diversen Einheiten von Niedersachsen bis Bayern gezeigt. Alle standen kopfschüttelnd davor. Der letzte Präsident, dem man keinen Vorwurf machen kann, war Klaus Hübner, weil alles schlicht den Möglichkeiten entsprach, Schertz bekam nie eine Chance, danach folgten Apparatschiks wie Saberschinsky, Glietsch, Koppers (kommissarisch), der dankbare Aufsteiger Kandt (der die Halle als einziger praktisch kannte) und wiederum Krömer (kommissarisch), ein Ur – Gestein der Polizei, der auf die neue Besetzung wartete. Wie beschrieben passten die Hallen zum Gesamtbild. Es gibt bundesweit nicht viele Spezialeinheiten, die ihren Trainingsraum auf einem Dachboden mit privaten Mitteln einrichteten, gleichfalls wenige, die ihre Räume mit Mobiliar ausstatteten, welches sie von mitleidigen Banken, Versicherungen, nach dem Ausrangieren, geschenkt bekamen. Mit alledem hat Frau Koppers nichts zu tun. Es war ein Glietsch, der den Standort der Spezialeinheiten besuchte und ein subalterner eilfertiger Beamter forderte, dass alles vom Flur verschwindet und in die viel zu kleinen Räume gestellt wird, damit der Präsident das Elend nicht sieht. Kandt besuchte den A – Platz mit den Worten: „Hat sich ja kaum etwas verändert!“ Das gab Anlass zum Nachdenken.

Anders sieht es da beim Bundeskriminalamt aus. Mit Bezug der Außenstelle in Treptow (1999) wurde dort auch eine Schießhalle eingerichtet. Der Boden verfügt über einen Belag, die Hülsen müssen nicht vom kontaminierten Schotterboden mit der Hand aufgesammelt werden. Munition war von Anfang an in Hülle und Fülle vorhanden, die Belüftung funktionierte und auf einer Leinwand wurden Szenarien eingespielt. In Berlin war das Teilweise im Rahmen eines „Laser – Schießen“ möglich. Doch jeder erfahrene Schütze weiß, dass „Bumm“ und „Rückschlag“ alles nochmals ein wenig verändern. Möglich war auch unter strengen Reglement das Schießen mit sogenannter FX Munition, die etwas von „Gotcha“ hat. Aber leider ziemlich teuer, jedenfalls für den zugebilligten Haushalt, und weitestgehend nur im mittlerweile auch verkommenen Areal „Fighting City“ – Ruhleben, verwendbar. Ich weiß nicht, vielleicht steckt hinter allem ein Masterplan der GRÜNEN, in deren Augen eine Schusswaffe in Händen der Polizei ohnehin ein Übel ist.

Von diesem BLOG aus an meine ehemaligen Mitstreiter: Wir wussten doch, dass sie uns veralbern, wir unser eigenes Ding machen und „Drehstuhlbewacher“ wie Saberschinsky, Glietsch, Koppers, mit unserem Verständnis von Polizei nichts zu tun haben. Apparatschiks gab es immer und es wird sie geben, solange das Modell „Deutsche Behörde“ existiert. Die „Schießstandaffäre“ ist ein Ereignis von sehr vielen. Was war mit der Zitadelle Berlin – Spandau? Hat irgendjemand eine Untersuchung interessiert, ob es Jahre später vermehrt Fälle von merkwürdigen Krankheitsverläufen gab? Was ist mit dem Tränengastraining in der Radelandstraße? Oder den Leuten, die beim ABC – Lehrgang mehr oder weniger vertrauensvoll mit „Strahlern“ hantierten? Was ist mit dem Terror – Paket? Eine Tüte mit einer Staubmaske aus dem Bauhaus, eine Flasche mit Desinfektionsmittel und Gummihandschuhen. Ausgeteilt in einer Zeit, als die Republik Panik vor Anschlägen mit Milzbrand hatte. Was ist mit den Helmen? Könnte Boulette noch leben? Oder dem jahrelangen Kampf um geeignete Schusswesten? Gab es irgendetwas, was jemals freiwillig herausgerückt wurde? Ich bin jetzt drei Jahre raus … hat sich etwas geändert?

Jeder der Betroffenen muss selbst wissen, wie er mit der Geschichte umgeht. Ich sitze bei den „Vielschießern“ mit im Boot. Als ich den ersten Schrieb mit der Aufforderung zum Bluttest bekam, musste ich zusammen mit meinem Arzt herzhaft lachen. Wenn überhaupt, müssen Biopsien durchgeführt werden, weil sich der Mist in den Organen ansammelt. Und die „Behörde“ wird sich immer auf den Punkt zurückziehen: „Wir wissen ja nicht, was sie in ihrer Freizeit veranstaltet haben. Beweisen sie erst einmal die Kausalität!“ Ich habe das ein paar Mal bei an Krebs verstorbenen ehemaligen Kollegen erlebt. Und sollte ich das „böse“ Ergebnis bekommen, stellt sich die Frage: Und nun? Ich für meinen Teil lebe nach dem Motto: Manche Fragen stelle ich nicht, weil ich keine Antworten haben will.

Gesellschaften, die wie unsere aufgestellt sind, leben von „Bumms – Birnen“, die bereit sind trotz aller Widrigkeiten Körper, Leben, Persönlichkeit, in den Dienst des Wahnsinns zu stellen. Manch einer hat Glück und kommt durch, andere bleiben auf der Strecke. Koppers, Kandt, Saberschinsky, Glietsch u.a. sind eben keine „Bumms – Birnen“, sie haben für sich rechtzeitig erkannt, wie sie das System für sich benutzen können. Ich denke mal, Frau Koppers weiß heute noch nicht, worum es eigentlich geht. Einen Vermerk nicht gelesen? Ein Stabs – Mitarbeiter, der die Straße letztmalig im Praktikum auf der Fachhochschule, Sorry, Akademie, gesehen hat, hatte mal wieder etwas „schön“ geschrieben?

Wer Frau Koppers schuldig spricht, wendet sich gegen das gesamte System. Dies sollte klar sein.

Wie oft war die Halle blau? Wie oft konnte man die Scheibe nicht mehr sehen? Wie oft kam der schwarze Schleim hoch? Alles nicht gesund! Genauso wenig wie mit 230 km/h über die Autobahn zu rasen, mit einem zig Kilo schweren Helm die Halswirbelsäule belasten, die Nächte in Autositzen zu verbringen, die bereits tausende ähnlicher Stunden hinter sich haben. Heute sah ich ein Video von Maaßen. Er erzählt wie belastend doch Alarmierungen an Feiertagen, ständige Erreichbarkeit, dauerhafte Konzentration und durchgemachte Nächte sind. Ich hab kurz überlegt, ob ich ihm Geld spende. JA! Jeder, der die Chance auf eine Entschädigung hat, soll sie bekommen. Aber kann man das an Frau Koppers festmachen? Ich denke nicht. An der Suppe haben viele gekocht und manch einer war schon lange nicht mehr im Amt. Am Ende muss sich jeder eine Frage ganz alleine stellen: Warum habe ich wider besseres Wissen den Dreck mitgemacht?

Wie sagte es einer der ehemaligen Führungsoffiziere im LKA 6 Berlin Jörg M.?: „Ich kann Ihnen alles wegnehmen. Auto, Stühle, Waffe. Sie wehren sich nicht und werden trotzdem herausfahren. Warum? Weil sie Polizisten sind! Sie können nicht anders.“ Wie vieles hat er das vermutlich irgendwo aufgeschnappt und fand es total toll. Er wandelte auch Kennedy um: „Fragen sie nicht, was die Behörde für sie tun kann, fragen sie sich, was sie für die Behörde tun können.“ Nein, ich will Frau Koppers nicht vor Gericht sehen. Sie hat einfach gemacht, was alle anderen auch getan haben. Einen Posten übernommen, von dem sie keine Ahnung hat, der sich aber gut auf dem Konto gemacht hat. Schlimmer sind die, welche bei Interesse die Möglichkeit gehabt hätten, die Notbremse zu ziehen, statt auf A13 zu schielen, damit der Pool realisiert werden kann und die Karre unter dem Car – Port finanziert wird. Die würden mich persönlich viel mehr interessieren.

Ein Kommentar zu „Führung schützt Führung

  1. Eine sehr gelungene Analyse! Eine glasklare Sicht und erstklassig zusammengefasst! Und vieles mal wieder in Erinnerung gerufen. DANKE, Trölle!
    Wir kennen uns nicht, als „ins Haus 6“ wechselte, warst du schon „in Behandlung“. Ich kenne dich vom Sehen und über grmeinsame Bekannte (Willi, Tobi etc).Wenn ich dich mal wieder auf der Strasse treffen/sehen sollte, lade ich dich auf ein oder mehrere Getränke deiner Wahl ein.
    Mach‘s gut bis dahin! Axel B.

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