Das Ende der Meinungsfreiheit

Ich hab mir mal erlaubt die Taktik der Zeitung die „Welt“ zu übernehmen. Nein! Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland jederzeit garantiert. Niemand wird abgeholt, gefoltert, willkürlich eingesperrt oder hat seitens des Staats Repressionen zu erwarten. Leider ist nicht immer klar, was denn eigentlich eine Meinung ist und wo die notwendigen Grenzen liegen. Meinungsfreiheit besteht aus zwei Wortteilen: Meinung und Freiheit. Zunächst muss ich mir eine Meinung bilden, dann noch den Willen oder die Motivation besitzen, sie nach außen zu tragen. Freiheit ist eine viel diskutierte und interpretierte Angelegenheit. Nur weil ich sie bekomme, lebe ich sie noch nicht und paradoxerweise steckt in ihr auch der Umstand, dass ich auf sie verzichten kann.

Aktuell kann ich mir in Deutschland eine erschlagende Menge an Informationen verschaffen und darüber hinaus in Erfahrungen bzw. echtes Wissen überleiten. Letzteres bezieht sich nicht auf Gelesenes, Gehörtes, sondern selbst Erlebtes und Gesehenes. Da dies kaum in allen Bereichen möglich ist, bin ich darauf angewiesen Quellen zu suchen, denen ich über den Weg traue. Also prüfe ich sie mit persönlichen Kriterien. Lebensnaher Sachverhalt? Passt die Information zu weiteren Quellen, die auch bei tieferer Prüfung nichts miteinander zu tun haben? Kann das Geschehen von der Logik her überhaupt so stattgefunden haben? Da kommt einiges zusammen. Meine Meinung basiert damit auch ein Stück weit auf meinen analytischen Fähigkeiten, dem Umfang meiner Lebenserfahrung, meiner Bereitschaft kritisch zu Hinterfragen. Tue ich all dieses nicht, laufe ich Gefahr, das Phantom einer eigenen Meinung im Kopf zu haben, die realistisch gesehen, von anderen geschickt in meine Gedankenstruktur implementiert wurde. Bereits hier endet die Freiheit.

Freiheit ist anstrengend. Viel einfacher ist es mich treiben zu lassen, mich einer Gruppe anzuschließen und alles was in dieser Gruppe kolportiert wird, für wahr zu halten. Sie kann auch schmerzen. Sich zu einer Gruppe zugehörig zu fühlen, in ihr bestätigt zu werden, über sie eine Identität zu bekommen, ist dem Menschen wichtig. In der Theorie hatten Menschen auf dem deutschen Staatsgebiet nie mehr Freiheit, als heute. Die Monarchie wurde überwunden, die Kirchen in ihre Schranken gewiesen, die engen Fesseln der Moral wurden für jeden, der es wollte, gesprengt. Spätestens ab der Mitte der Sechziger loteten in der alten BR Deutschland Intellektuelle, Künstler, Rebellen, die Grenzen aus. Oftmals geschah dieses zum Unwillen des Bürgertums, welches sich mit den gesetzlich verbürgten Freiheiten zähneknirschend abfinden musste, aber informell auf dem Stand des Deutschen Kaiserreichs stehen blieb.

Die Zeitgenossen, welche sich über ein Ende der Meinungsfreiheit beschweren, reden über ihr Unvermögen in Freiheit und den damit verbundenen Konsequenzen zu leben. Natürlich kann ich auf ein gendern verzichten. Es steht mir auch frei, mich anderen sprachlichen Entwicklungen gegenüber zu verweigern. Ich kann die sprachlichen Spielereien aus allen politischen Richtungen mitmachen, doch ich kann es genauso gut lassen. Ja, manche werden mir dann nicht mehr zuhören, etwas lesen, oder gar übel beschimpfen. Vielleicht verliere ich sogar meinen Job. Aber das ist nun einmal unser System. Hierarchien und die Einsortierung von Menschen in leichter als Individuen zu erfassende verwaltbare Gruppen sind in Deutschland und diversen anderen Industrieländern das tägliche Brot. Es gehört zu den Eigenarten von Hierarchien, dass sie das „Oben“ als Erstrebenswert verkaufen und die „Unten“ der tägliche Traum eines Aufstiegs in die nächst höhere Etage motiviert. „Oben“ zu sein, bedeutet mehr zu besitzen, Macht über andere zu haben, ein wenig mehr Freiraum für Gestaltung und Meinungsäußerung im Innern der Hierarchie zu bekommen. Gerade die Gestaltungsmöglichkeiten, die zumeist mit Meinungsäußerungen einhergehen, sind in den höheren Ebenen deutlich größer.

Wirklich frei kann ich erst sein, wenn ich mich davon löse. Im Existenzialismus entscheidet jeder Mensch selbst über sein Schicksal. Letztlich gilt dies selbst für Maskenverweigerer. Sie treffen eine Entscheidung über die Ausgestaltung der Welt, in der sie leben wollen.

Ihr Wunsch ist es, in einem Umfeld zu leben, innerhalb dessen keine Solidarität existiert und jeder für sich alleine kämpft bzw. stirbt. Ihr Protest wird dankend von denen aufgenommen, denen Freiheit ein Gräuel ist, weil sie sie nicht leben können. Aufgrund ihres gering ausgeprägten Selbstbewusstseins, der mangelnden Konfliktfähigkeit, die sie vom „Kameradschaftlichen“ „Völkischen“ abhängig macht, und ihrer Unfähigkeit eine eigene Identität zu entwickeln, sind ihnen alle anderen, die eben genau jenes leben, suspekt, wenn nicht sogar ein Feindbild.

Die reinen Maskenverweigerer, gehen allerdings nicht den nächsten notwendigen Schritt. Es stände ihnen frei, sich in schwach besiedelte Gebiete zurückzuziehen und dort für sich alleine zu leben, ohne die Institutionen, Einrichtungen, der Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen. Beides zusammen, die Inanspruchnahme gemeinschaftlicher Errungenschaften und absolut individuelles Leben funktioniert nicht. Meiner Beobachtung nach würden gerade die meisten Maskenverweigerer nicht fähig sein, alleine klar zu kommen. Diejenigen, welche es können, sind meistens „Eigenbrötler“, die man kaum sieht. Ich selbst kenne ein paar, die durch den Wald rennen, für ein ganzes Wochenende verschwinden und irgendwo in der Wildnis kampieren.

Vor längerer Zeit, als ich begann über Freiheit nachzudenken, entstand im Kopf das Bild eines Menschen der eine Schlucht über eine schmale Brücke überquert. Die Mehrheit benötigt links und rechts etwas zum Festhalten, manch einer braucht zusätzlich ein Seil als Absicherung. Nur wenige sind in der Lage auf alles zu verzichten und ohne alledem herüberzugehen. Dabei gibt es einen weiteren Effekt. Auf dem Truppenübungsplatz Lehnin gibt es einen Fallschirmspringerparcours. Dort kann man über in mehreren Metern Höhe über einen schmalen T – Träger laufen. Am Boden liegt ein identisches Modell. Die Teilnehmer laufen erst über dieses am Boden liegende. In der Regel gibt es dabei keine Probleme. In der Höhe sieht es ganz anders aus. Da meldet das Gehirn die Gefahr des Absturzes. Ich denke, das Bild ist deutlich.

Die sich über eine mangelnde Meinungsfreiheit beschweren, sind letztlich ängstlich und können den „Gegenwind“, die Infragestellung der eigenen Person, nicht aushalten. In der „Frankfurter Schule“ wurde bereits in den Sechzigern bereits vorausgesehen, dass es in Zukunft weniger um die seitens staatlicher Institutionen verbürgter Freiheiten gehen wird, sondern der Einzelne immer mehr Kraft und Aufwand betreiben muss, sie zu leben. Hinzugekommen ist der Konflikt zwischen der Freiheit des Menschen an sich und dem auf der Erde bestehenden Lebenssystem. Eine natürliche Beschränkung der Freiheit, der alle Lebewesen unterliegen. Die überwiegende Mehrheit ist nicht bereit, diese Grenzen hinzunehmen und versucht sie noch weiter, als ohnehin schon geschehen, zu verschieben. Freiheit ist eben nicht, alles zu tun zu können, was einem gerade in den Sinn kommt. Wer in die Wildnis geht, lernt recht schnell die Grenzen kennen, die dem Menschen gesetzt sind. Ich kann alle möglich Entscheidungen treffen und auch meine Meinung äußern, aber es wird Folgen nach sich ziehen. Ich glaube, es war Arvid Fuchs der die Lebensgefährlichkeit einer Banalität unter extremen Grenzbedingungen darstellte. Wenn einem am Südpol der Schnürsenkel aufgeht, hat man ein eklatantes Problem. Sie mit den Handschuhen neu zu Schnüren ist schwierig und das Ausziehen der Handschuhe führt zum Verlust der Finger, was wiederum den Tod bedeuten kann.

An der Stelle sehe ich eine Folge dessen, wie viele im Allgemeinen leben. Es fehlt schlicht die Unmittelbarkeit der Konsequenzen des Handelns. Alles ist banal, abstrakt und bleibt vielfach ohne nennenswerte Folgen. Eben jene Menschen, sind die Ersten, welche sich beschweren, weil sie über Folgen nicht nachdenken bzw. sie nicht wahrhaben wollen, während andere versuchen, sie vor ihnen zu bewahren. Doch eins steht fest, wer sich in eine derart infantile alimentierte Lebenslage manövriert, lebt mit Sicherheit kein freies Leben. Gleichfalls nicht diejenigen, welche sich in das System, bestehend aus Status, Anerkennung, Aufstieg, Besitz, Gruppen – „Wärme“, Macht, einbinden.

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