Nationalismus

Heute kam mir ein merkwürdiger Gedanke. Den deutschen Mitbürgern eine gewisse Immunschwäche gegen die Krankheit Nationalismus vorzuwerfen, ist im Prinzip auch eine Art Nationalismus. Ich unterstelle damit undifferenziert einer unbestimmten Menge in Deutschland geborener Menschen ein Denken, nur weil sie innerhalb des Landes sozialisiert wurden. So verquer es erstmal klingt, dies ist nichts anderes als Nationalismus. Historisch ist es relativ unbestritten, dass der Nationalismus in Deutschland tiefe Wurzeln hat.

Deutsch? Was ist eigentlich aus meiner Sicht dieses Deutsch? Zunächst einmal Regelkonformität. Häufig heißt es: „Es gibt Regeln, die sind notwendig, sonst geht alles drunter und rüber.“ Wobei dabei nicht unwichtig ist, ob von aufgeschriebenen Regeln oder ungeschriebenen die Rede ist. Im Milieu gelten andere, wie im Bürgertum oder unter Jüngeren. Bei den aufgeschriebenen Regeln kommt es zu spannenden Folgen. Über Jahre machte ich mir den Spaß und fragte: „Warum klaust Du nicht?“ Überwiegend bekam ich die spontane Antwort: „Weil es verboten ist!“ Und wie wäre es ohne Verbot? Müsste die Antwort nicht lauten: „Wenn ich einem anderen etwas wegnehme, schädige ich, und das will ich nicht!“ Eine Täterin, die mich selbst für einen Täter hielt, sagte zu mir: „Wir stehlen nur bei den alten deutschen Frauen Geld, die brauchen es ohnehin nicht mehr.“ Ich weiß, dass es in Rumänien auf dem Land nicht unüblich ist, sich bei besser gestellten Landsleuten zu bedienen und dies als gerechter Ausgleich gesehen wird. Bei Deutschen bricht dabei sofort per Reflex Empörung aus. Zu berücksichtigen ist wiederum, dass die niemals etwas auf Augenhöhe wegnehmen würden, egal, ob es irgendwo niedergeschrieben steht oder nicht. 

Bei Regeln fällt mir der Witz ein, den ich von einem spanischen Backpacker erzählt bekam: „Stehen in Bangkok nachts zwei Männer an einer roten Fußgängerampel. Sagt der eine zum anderen: „Na, auch Deutscher?“ Da ist was dran. Rote Ampeln sind in Bangkok nachts eine Empfehlung etwas langsamer zu fahren und mal einen Blick in die Seitenstraßen zu riskieren.

Anderes Thema. Keine deutsche Gruppe käme auf die Idee, ihr Frühstück beim Warten auf eine Fähre auszubreiten  und einen Ausländer, der gerade in der Nähe steht, zum Essen einzuladen. Ganz  besonders nicht, wenn sich alle mit bloßen Fingern am „Sticky Rice“ bedienen. In Laos ist das eine vollkommen normale Sache. Ich kam mehrfach in den Genuss und jedes Mal brannte mir der Hals weg. Nirgendwo steht geschrieben, dass man das Angebot annehmen muss und ebenso steht nicht geschrieben, dass man es dem schmutzigen, riechenden, Backpacker anbieten muss. Aber alle Beteiligten wissen, dass es eine grobe Beleidigung wäre, beides zu unterlassen.

Denke ich an Deutschland, habe ich Zäune und Hecken vor Augen. Käme ich nochmals zur Welt, wäre Zaunhersteller in der engeren Wahl meiner Geschäftsideen. Woher kommt das? Hinzu kommen Schilder! Dazu fällt mir ein weiteres Mysterium ein. Menschen gehen nicht auf Wegen die in rechten Winkeln angelegt sind, sie laufen schräg über die Wiese. Was sollen all diese auf dem Reißbrett angelegten Wege und passenden Schilder? Klare Sache, es gibt eine Vorschrift, ausgedrückt mit der realen Existenz eines Weges und die Leute haben sich gefälligst daranzuhalten.

Bei Wegen assoziiere ich Straßenverkehr. Wer in Deutschland für einen Spurwechsel einen Blinker setzt, legt im Kopf der anderen Autofahrer einen Schalter um. „Der will in meine Spur, also muss ich schneller fahren, sonst habe ich den vor mir! Hereinlassen ist keine Option.“ Als ich um die 20 war, fuhr ich sechs Wochen lang durch Südfrankreich. Für die jungen Franzosen war es vollkommen normal zum Überholen einfach auszuscheren. Kam ihnen ein Fahrzeug entgegen, ließen die anderen eine Lücke. Dies geht so lange gut, bis Karl – Heinz und Elfriede ins Spiel kommen. „Nein! Kommt nicht infrage, dem werde ich eine Lektion erteilen, der kommt hier nicht rein!“ Bumm! Recht haben, Recht behalten, Recht durchsetzen! Wenn kein Schweizer in der Nähe ist, bekommen den Pokal die Deutschen. Wenn ich mich schon mal in Vorurteilen ergehe, kann ich auch sagen, dass für mich der deutsche „Bürger“ im Verhältnis zu Polen und Schweizern, eher ein Hippie ist.    

Ich garantiere, dass man auf einer thailändischen Insel sturzbetrunken eine Hauptstraße queren kann, ohne dass eine/r hupt, Bremsen quietschen oder ähnliches passiert. Da wird halt gebremst, ausgewichen und abgehakt. Gefährlich sind die abgelegenen Straßen, wie die vielen Unfälle mit Wasserbüffeln, oftmals tödlich, zeigen. In Deutschland hätte der Wasserbüffel bzw. der Bauer Schuld, in Thailand, Malaysia, Laos, der Fahrer. Der „Chief“, ein Roller – Verleiher meinte auf Langkawi zu mir: „Die beiden Araber werden hier nicht alt und ich bereue jetzt schon, ihnen den Roller gegeben zu haben.“ Eine Woche später war einer der beiden tot. Er hatte sich mit einem Wasserbüffel angelegt. In Brandenburg werden Bäume gefällt, weil erlebnisorientierte Heranwachsende nicht Autofahren können. „Kann die Ente nicht schwimmen, ist das Wasser schuld!“ – auch das ist Deutschland.  

Aus den USA wurde hierzu passend die Beschriftung auf Pappbechern importiert: „Vorsicht Heißgetränk!“ Was soll einem dazu noch einfallen? Als Berliner vertrete ich die Meinung, dass Kinder aus den „schwierigen“ Bezirken überleben werden. Wer mit 6 Jahren die Sonnenallee überqueren kann, ist lebensfähig. Für die müsste man keine harmlosen Wölfe abknallen, die in Niedersachsen neugierig durch ein Dorf laufen.

Bevor ich mich warm schreibe: Nein, nicht alle sind in Deutschland hilflos und mit dem Leben überfordert. Aber es ist ein gutes Land, wenn Du nur warme Luft von Dir geben kannst, von nichts wirklich eine Ahnung hast, Dich mit dem echten Menschen nicht auseinandersetzen willst und nur überlebst, weil Du das Privileg der Staatsbürgerschaft in der Tasche hast. Quasi ein Pflegeheim! Betreutes Leben auf dem Planeten Erde! Aber Pflegeheime kommen nicht aus dem Nichts. Die Bewohner sind auf Betreiber, Pfleger, Gelder, Zuwendungen, angewiesen. Eine sehr interessante Form des Nationalismus. Heiminsassen, die ihr Essen hingestellt bekommen, bespaßt werden, ihre Heimregeln als Leitkultur verkaufen und meckern, wenn es mal nicht so reibungslos läuft, wie sie es sich vorstellen.

Ich bin kein Soziologe und kann keinen meiner Eindrücke untermauern. Es bleibt subjektives Erleben. Eins, in dem dem das Gefühl entstanden ist, das dieser ganze Konsum, dieses Bombardement mit vollkommen verblödender Werbung, die wider besseres Wissen abgesonderten Versprechungen eines politischen Establishments, bei einigen die Birne weich gemacht hat.  

Jeden Tag sage ich mir: „Du siehst nur den Ausschnitt, den Du sehen willst!“ All die Menschen mit ihren schicken Häusern, Vorgärten, Zäunen, Regeln, armen Kreaturen, die angeblich Hunde sind …

Vielleicht, ich hoffe, es ist so, habe ich nur einen Koller. Aber, möglicherweise bahnt sich da etwas einen Weg, vor dem ich Angst habe: Ich! Schreiben ohne Ehrlichkeit entspricht dem Malen eines Bildes für einen Hotelflur. Deko! Mich interessieren zurzeit aufgeschriebene Regeln einen feuchten Kehricht. Die ungeschriebenen, mit denen ich über mehrere Monate tausende Kilometer weit gekommen bin, erscheinen mir wichtiger. Wahrscheinlich geht es gar nicht um Nationalitäten. Ehrlich gesagt, bin ich mir sicher. Vielmehr geht es um bestimmte Typen Mensch. 21. Jahrhundert! Manche sind noch Mensch und können zu jeder Zeit an jedem Ort leben, andere sind darauf angewiesen, dort weiterzuleben, wo sie gerade leben. Und beide Sorten gibt es überall. Bei einigen Sachen bin ich mir auch noch nicht im Klaren, worum es geht. Da ist etwas, aber ich weiß nicht was. Letztens kam mal wieder Rezo auf. Das vermeintliche Gegenmodell zur CDU. Wenn man „Deutsch“ sagt, kommt man seit den 50ern nicht an der CDU vorbei. Aber der Typ sitzt in Deutschland, gut ausgestattet, haut seine Botschaft heraus und bewegt letztlich nichts. Unter dem Strich packt der sich auch nur die Taschen voll. Der Hippie oder ein Gefahrensucher, wie ein Danger Dan, ist er jetzt auch nicht gerade. Eigentlich ist er deutscher Spießbürger mit bunten Haaren. Da gibt es noch einiges zu bedenken. Das Problem ist dabei auch, dass die AfD, zusammen mit der CDU/CSU, FDP, die Grenzen so weit verschoben hat, dass man mit sehr wenig zufrieden ist. Da ist man schon bei Glühwürmchen dankbar. Ein großer Teil verstand ja nicht einmal „Deutschland“ von Rammstein. Nebenbei ein großartiger Song, an dem ich hier beim Schreiben denken muss und das ihn die selbsternannten Reflex – Linken nicht verstanden, macht ihn noch besser. Bevor man Gift und Galle spuckt, weil einem die Vorurteile und Trigger den Geist vernebelt haben, sollte man erst einmal zu hören und dann noch das Video als Gesamtes sehen.

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