Aluhüte – Neu sind die nicht.

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„Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Diejenigen, die diesen unsichtbaren Mechanismus der Gesellschaft manipulieren, bilden eine unsichtbare Regierung, die die wahre Regierungsmacht unseres Landes ist.“

Quelle: https://beruhmte-zitate.de/zitate/1981106-edward-bernays-die-bewusste-und-intelligente-manipulation-der-org/

Früher gab es in den Gebäuden der Berliner Kriminalpolizei die Möglichkeit einer Anzeigenaufgabe. Ich weiß nicht, ob das immer noch so ist. Damals, d.h. in den 80ern des alten West – Berlins, musste jedes Kommissariat einige Tage Leute empfangen, die den Weg nicht zum Abschnitt geschafft hatten und ins nächst beste Polizeigebäude stiefelten. Zu dieser Zeit waren Sachbearbeiter, die sich mit Organisierter Kriminalität und Delikte am Menschen auseinandersetzten in einem gemeinsamen Gebäude untergebracht. Ein ehrwürdiger Alt-Bau, der den Krieg überstanden hatte und das alte Verständnis einer Polizei am Anfang des 20. Jahrhunderts spiegelte.

Hinter der schweren Eingangstür stand der Besucher in einer Halle vor einem Pförtner. Sagte man dem, dass man eine Anzeige erstatten will, wurde man von einem Kriminalbeamten abgeholt, in einen der Vernehmungsräume gebracht und man konnte seine Geschichte erzählen. Gut, einerseits ist es nachvollziehbar, sich hierfür ein Polizeigebäude zu suchen, andererseits gehen die meisten hierfür zu einem Polizeiabschnitt. Insofern landeten dort häufig Menschen, die sehr bemerkenswerte Geschichten zur Anzeige brachten.

Viele von ihnen fühlten sich von ausländischen Nachrichtendiensten bedroht oder sie waren mit Außerirdischen in Konflikt geraten. Bisweilen stand auch noch nicht fest, wer für die merkwürdigen Begebenheiten in ihrem Leben verantwortlich war. Nächtliche Klopfzeichen, unerklärliche Veränderungen in der Wohnung, von Bestrahlungen verursachte Kopfschmerzen, Verfolger beim Verlassen der Wohnung usw. Jeder Polizist, ob nun Kriminalpolizei oder Schutzpolizei, kennt solche Zeitgenossen. Auf den Abschnitten sind die deutlich häufiger anzutreffen, denn bei der Kripo, aber da hat man mehr Zeit für diese Leute und manchmal macht sich die Schutzpolizei den Spaß alles treu und brav aufzuschreiben, um danach den Vorgang an die Kriminalpolizei abzuschieben.

In dieser Zeit lernte ich, dass es meistens am Anfang gar nicht einfach ist festzustellen, ob jemanden die Sicherungen durchgebrannt sind. Wobei es bereits damals diejenigen gab, welche sich zum Schutz des Kopfes Alufolie um den Kopf gewickelt hatten. Manchmal konnte den armen Seelen schnell geholfen werden. Ältere Kollegen rieten ihnen, die Wände mit Alufolie zu tapezieren, weil dieses besser wäre, denn immer eine Folie um den Kopf zu wickeln, außerdem würde das Essen nicht mehr so schnell schlecht werden. Andere, die Klopfzeichen hörten, erstaunlicherweise waren das sehr viele, gab man einen Klopf Code des zu dieser Zeit schon berühmt-berüchtigten Mossad. Einmal kehrte eine Frau zurück und bedankte sich, weil seitdem sie mit diesem Code gegen die Wand geklopft hatte, Ruhe eintrat. 

Nach der Wende hatte ich tatsächlich mal einen vor mir zu sitzen, der für eine Überraschung sorgte. Er berichtete von Frauen und Männern, die vor seinem Haus herumlungerten und ihn beobachteten. Nach und nach stellte sich heraus, dass es sich bei ihm um einen hoch qualifizierten russischen Physiker handelte, der vor seinen Wechsel nach Deutschland in der UdSSR mit irgendwelchen Kristallen experimentiert hatte. Damit konnte ein Interesse des FSB (vormals KGB) an seiner Person nicht ausgeschlossen werden.

Dann legte sich ein dunkler Schatten über all diese Menschen. Das Internet und das Mobilfunknetz entstanden. Anfangs war es noch recht harmlos. Die „Durchgeknallten“ begannen sich in Internet Foren, in großen Teilen noch in Newsgroups, miteinander auszutauschen und sich gegenseitig hochzuschaukeln. In Relationen zu Telegram, Sozialen Medien, alles ein Kindergeburtstag.

Fazit, die sich selbst als Querdenker bezeichnenden Zeitgenossen, Anhänger/innen von Mythen und Urbane Legenden, Paranoide, sind keine neuen Erscheinungen.

Sie waren immer da. Möglicherweise sind es durch die Digitalisierung mehr geworden und das eine Pandemie zum Katalysator wird, versteht sich von selbst. Mir stellt sich dabei eben jene Frage. Ist der Prozentsatz gleichbleibend oder steht zu befürchten, dass im Zuge der stetigen Veränderungen durch die Digitalisierung immer mehr die Kontrolle verlieren?

Ich persönlich sehe bei der Entwicklung einen nicht unerheblichen Anteil der Boulevardpresse. Um Geld zu verdienen, verbreiten sie jede Menge reißerischen Unsinn. Headlines wie: „Diese Frau starb nach der Impfung“ sind pures Gift bzw. der berühmte Benzinkanister, der von den Aufwieglern grinsend an den wütenden Mob übergeben wird. Mir drängt sich bei Akteuren wie, Julian Reichelt, oder z.B. Ralf Schuler,  der sich auch nicht zu Schade ist, neben seiner Tätigkeit bei der BILD, auf der meiner Meinung nach ebenfalls bedenklich agierenden Plattform „Achgut.com“, das Bild eines Saloons im Wilden – Westen à la Hollywood auf. Ein scheinbarer harmloser Typ wiegelt die Cowboys und Bürger auf, die dann mit Fackeln und Strick in Richtung Sheriff Office ziehen, um das im Saloon gefällte Urteil zu vollstrecken. John Wayne schaut besorgt aus dem Fenster und richtet sich mit dem Deputy auf eine heiße Nacht ein. Der Verursacher, welcher lediglich mal laut seine Meinung sagte, sitzt während dessen seelenruhig am Tresen und trinkt ein Whisky. Wenn er nicht im Auftrag eines Viehbarons handelte, so ist er vielleicht der Herausgeber der örtlichen Zeitung, der sich sein eigenes neues Titelblatt geschaffen hat.

Wie gesagt: meine ganz persönliche Meinung, so wie die dort auf ihren Plattformen ebenfalls ihre Meinung verbreiten.

Die Meinungsfreiheit ist unantastbar und die Presse frei. Das ist gut und wichtig. Dennoch komme ich nicht an einer Betrachtung des menschlichen Individuums vorbei. Welche Rollen will ich in meinem Leben spielen und welche Wirkung soll es haben? Auch dies ist eine Frage, die jeder nur für sich alleine beantworten kann. Mir geht es dabei nicht um moralische Aspekte. Ich habe es nicht so mit der Moral. Doch ich bin vom Gesetz der Wechselwirkung überzeugt, demnach jede Handlung eine Wirkung hat. Was wiederum zur Folge hat, dass ich ein Stück weit das Geschehen um mich herum selbst gestalte, das Zeitgeschehen mit beeinflusse und mich selbst nicht aus der Verantwortung entlassen kann. Das kann gesetzlich nicht geregelt werden und gilt für jedes Wesen, welches in der Lage ist, über das Instinktverhalten hinaus sein Verhalten zu steuern.

Gestern kam ich mit einer pensionierten Justizbeamtin ins Gespräch. Es ergab sich ein Austausch darüber, was wir beide als das Gute im Menschen ersehen und was Machtmissbrauch ist. Vielfach wird übersehen, dass nicht nur der Justizbeamte Macht über die Häftlinge hat, sondern sich dies auch in die andere Richtung entwickeln kann. Betrüger, Hochstapler, Sexualstraftäter, sind oftmals extrem manipulativ und nutzen ihre Fähigkeiten auch in der Vollzugsanstalt. Wir wurden uns einig, dass eine wesentliche Facette des Machtmissbrauchs die Ausnutzung der vorhandenen eigenen Intelligenz und Fähigkeiten zur bewussten Steuerung anderer, weniger gut aufgestellten Mitmenschen, zumeist mit der Absicht der wie auch immer gearteten Vorteilerlangung, ist.

Die Nutzung seiner Fähigkeiten sagt viel über einen Menschen aus.

Wie auch immer es dazu gekommen ist, darüber lässt sich lange nachdenken, haben einige Zeitgenossen Probleme mit der Verarbeitung der teilweise überwältigenden Informationsmenge, oder zumindest bei der Bewertung der Relevanz. Meiner Beobachtung nach wird von einigen Gleichgesinnten seit etwa drei Jahren in den Sozialen Medien die These aufgestellt, dass junge Frauen und Männer mit einem Hang zum Machtmissbrauch und Wunsch nach hierarchischen Strukturen zur Polizei gehen. Ich nehme hier mal ganz speziell die Ermittler/innen der Kriminalpolizei, vornehmlich in den Fachressorts. Ermitteln ist oftmals ein Schachspiel. Das taktische Verständnis, die psychologischen und analytischen Fähigkeiten der/des Ermittlers im Wettkampf mit demjenigen, der jenseits des gesellschaftlich erlaubten Spielraums seinen Lebensunterhalt bestreitet. Ich habe diese Formulierung bewusst gewählt. Ob etwas strafbar ist oder nicht, liegt letztlich nur am Verbot durch ein Gesetz, welches sich schnell ändern kann.

Die Weiche, welche über Straftäter oder gewieften Geschäftemacher, Menschenfänger, Aufwiegler, Spekulanten entscheidet, ist der Zugang zu legalen Mitteln. Die charakterlichen Voraussetzungen, die Weltanschauungen, die Einstellung bezüglich sozialer Verantwortung, sind identisch. Wobei der Zugewinn nicht immer monetär sein muss, gar nicht wenige ergötzen sich an dem, was sie bewirken können. Ein Hochstapler beschafft sich nicht nur Geld, sondern gleichsam spielt er lustvoll mit den Menschen. Bei diversen Politikern, Journalisten, Autoren auf einschlägigen Plattformen kommt mir der Verdacht, dass es denen teilweise ebenfalls darum geht. In die gleiche Kategorie fallen die Führungsfiguren auf den Bühnen der „Querdenker“ und Anheizer für Mythen über die Geschehnisse auf diesem Planeten. Es ist der hormonelle Schub, die Befriedigung, teils mit wenigen Mitteln und Talent, ein Publikum begeistern zu können.

Am Ende bleibt eine unbestimmt große Gruppe Menschen, die sich manipulieren und verführen lassen, um die verschiedene Zeitgenossen/innen in Konkurrenz zueiander kämpfen.

Vielleicht ist da mit der Macht und der einhergehenden Befriedigung beim Ermitteln etwas dran. Es kann süchtig machen, sich jeden Tag zu beweisen, dass man besser ist. Es hat etwas von einer Jagd, bei der Erfolg weniger wichtig ist, als der letztendliche Beweis der Überlegenheit. Wie heißt es so schön: Der Bauer erkennt seine Schweine am Gang. Ja, die Leute, welche sich da teilweise auf der Straße herumtreiben sind problematisch. Doch man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass es sich um eine Teilmenge aus der Masse handelt, die der Befriedigung sichtbarer Personen dienen. Und es gibt weitere Teilmengen, die mit identischen Techniken geführt werden. Um diesen „Menschenfängern“ das Tun ein wenig schwerer zu machen, müsste von geeigneter Stelle, z.B. den Bildungsinstituten, aufgeklärt und entgegengewirkt werden. Augenscheinlich gab es da in der Vergangenheit Defizite. Zu deren Ehrenrettung muss allerdings anerkannt werden, dass der grundlegende Bildungsprozess diverser „Querdenker & Co“, Neuer Rechter, verwirrter Esoteriker, aufgepeitschter Pöbel aller Ausrichtungen und Plattformen, abgeschlossen wurde, bevor die Digitalisierung mit den mannigfaltigen Möglichkeiten der Manipulation richtig Fahrt aufnahm.

Am liebsten sind mir die „Köpfe“, die sich einen kleinen privaten Spaß daraus machen auf den „Sozialen“ Plattformen (Anführungszeichen, weil sie den Namen haben, aber meiner Meinung nach nicht sind), Stöckchen zu werfen und sich daran erfreuen, wenn eine Meute hechelnd hinterherrennt. Heute schrieb z.B. einer einen Tweet, in dem er scheinbar harmlos fragte: „Was würde passieren, wenn man nichts von größerem Wert mehr vererben könnte?“ Ich kann mir gut vorstellen, dass er an den Kommentaren der wutschnaubenden Bürger seine Freude hatte. Warum nicht? Solange es in diesem Rahmen bleibt, ist das Spiel mit den einfach strukturierten Persönlichkeiten nicht ernsthaft schädlich.

Neutral; Mediator oder Konfliktteilnehmer?

Die anderen, welche im Großen agieren, werden sich selbst die Frage stellen müssen, ob es das ist, dem sie ihr Schaffen und Leben widmen wollen. Dies berührt nicht das Grundgesetz, demokratische Regeln oder die Moral, sondern geht eher ins Spirituelle und ich vermute, die Angesprochenen haben es damit nicht so. Womit wieder das Gute im Menschen fraglich wird und was man unter diesem „Gut“ versteht. Der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, schrieb einmal: „Buddhisten ersehen keinen Sinn darin, mit dem eigenen Leben, wissentlich andere Leben zu schädigen.“ Für mich ist diese Aussage eine brauchbare Richtschnur, mit der ich selbst zwischen guten und schlechten Handeln unterscheiden kann. Was dies für mich bezüglich der genannten Strukturen, handelnden Personen, und ihre Ausnutzung der Manipulationsfähigkeiten zum Lenken von Menschen, die sich um derartige Dinge keinen Kopf machen wollen und damit leider zum Opfer werden, kann sich jeder selbst ausrechnen.

Der von mir mittels Zitat eingebrachte Bernays lag mit Sicherheit nicht falsch. Doch wer die Fähigkeit und die Mittel der Manipulation besitzt und nutzt, muss sich an der Wirkung des Vorgehens richten lassen. Richten deshalb, weil Freiheiten, wie auch die Presse – und Meinungsfreiheit Verantwortungen mit sich bringen. Die Presse – und Medienlandschaft der aktuellen Zeit, ist längst nicht mehr die neutrale Berichterstattung, sondern Mitgestalter. Selbst, wenn es gewollt wäre, besteht dafür gar keine Möglichkeit mehr. Denn allein die gezielte Auswahl aus der Unmenge an Geschehnissen, die tagtäglich in Sekundenbruchteilen weltweit erfasst und verbreitet werden, ist eine Manipulation. Infolgedessen ist bereits die Auswahl bezüglich der Intention verräterisch. 

Was soll erreicht werden? Den Mächtigen auf die Finger schauen? Das die Menschen Verbindende herauslocken oder die gesellschaftlichen negativen Konflikte begleiten und im schlechtesten Fall anheizen? Mir scheint, ein Großteil will dabei Helfen in den Konflikten Sieger in den Steigbügel zu helfen, womit alle zu Kombattanten werden. Wie anfangs beschrieben, die Durchgeknallten unterschiedlicher Ausprägung gabs früher auch, geändert haben sich die Mittel. Zeitschriften wie der Landser – So war die Wehrmacht, für Marktverkäufer/innen nützliche Blätter, wie die BILD oder die BUNTE, als den Geist abschaltendes Medium in der Gynäkologischen oder zahnärztlichen Praxis sind altbacken. Der alte Werkzeugkasten ist zu einem riesigen Labor geworden.

Dabei sei daran erinnert, dass das Ende eines negativ verlaufenden Konflikts der gemeinsame Sturz in den Abgrund ist.

Buddhistisch gesehen, hat dies alles auch einen positiven Effekt. Alles hat ein Gegenstück. Durch deren Verhalten kann ich erkennen, was trennt und wie die dahinter stehenden Menschen unterwegs sind. Dies ermöglicht mir wiederum die Erkenntnis, wie ich mich selbst aufstellen kann. Hierzu hab ich gerade die passende Musik gefunden: Rediscover Neil Young. Solche Künstler fehlen. Bis demnächst.

 

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