Die Schauspieler melden sich

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Unter dem Hashtag #allesdichtmachen melden sich mit kurzen Videos derzeit mehr oder weniger prominente Schauspieler zu Wort. Ironisch, Zynisch und Sarkastisch, mit Verwendung schauspielerischer Mittel, verbreiten sie die Botschaft: „Wir sind angefressen von den Maßnahmen der Regierung.“ Zwischen den Zeilen sagen manche noch ein wenig mehr. Es geht um unnötige Ängste, die Notwendigkeit der Kunst, eine vermeintliche Unfähigkeit der Regierung, die Auswahl falscher Experten (ergo das Robert – Koch – Institut), Kritik an einem autoritären Auftreten des Staats, Verlust der Meinungsfreiheit und einen Zeitgeist, der jede oder jeden, der sich sich kritisch zu den Maßnahmen äußert, in die rechte Ecke stellt. 

 

Gut, dies dürfen sie selbstverständlich. Und den Weg in die Politik haben US – Hollywoodschauspieler wie Reagan, Schwarzenegger oder Eastwood geebnet. Fachwissen, berufliche Erfahrungen in einem Betrieb, Handwerk, Biografie, Führungserfahrung, sind in den Top – Positionen des deutschen politischen Establishments ohnehin nicht mehr gefordert. Spannend fand ich beim Schauen der Videos, was die Künstler alles nicht thematisierten. Zum Beispiel ihre Rolle in einer Unterhaltungsindustrie, in der Kunst häufig auf das Niveau eines Design – Burgers der großen Ketten herunter gewürdigt wird. Vor geraumer Zeit durfte ich einen alten Mimen erleben, der auf einer provisorischen Bühne, ausschließlich unter Verwendung einer weißen Leinen – Kombination und einem dreibeinigen Stuhl, „Der alte Mann mit dem Geierauge“ von Edgar Allen Poe, präsentierte. Ich konnte nicht glauben, dass dieser Mann nicht auf den großen Bühnen spielt. Er gab mir eine Erklärung. Es gab eine Zeit, in der er es tat. Doch dann beschloss er, sich nicht mehr dem Diktat des Geldes und der am Profit orientierten Kunst zu unterwerfen. Sehr ernst und eindringlich gab er mir zu verstehen, dass nur aufgeführt wird, was letztlich auch Geld bringt. Mindestens gilt dies für die, welche als Prominent zu bezeichnen sind. Demnach war von ihnen bisher wenig Kritisches zu vernehmen. Klima? Soziale Ungleichheit? Zustand der Welt? Kunst, die provoziert, die ins Gehirn springt und Neues einleitet. Dada? Impressionismus? Expressionismus? Kubismus? Aktionskunst/Happenings?

Bisher schwiegen sie und machten, was man ihnen sagte. Auch dies hat in Deutschland eine Tradition. So manch eine deutsche Ikone stolperte über den Opportunismus. Dies lässt den Verdacht aufkommen, dass die Kampagne sehr von Eigennutz geprägt ist. Es fehlt derzeit am Erfolg, dem Kick, ausgelöst vom Beifall, die Streicheleinheiten für das Ego und mit Sicherheit auch am Geld. Wie gesagt, zu allem anderen schwiegen sie bisher und tun es weiterhin. Es geht auch nicht in die Tiefe. Weder kommt zur Sprache, dass ein Heer Ausgebrannter auf den Intensivstationen am Rande ihrer Möglichkeiten arbeiten, noch ist von deren Bezahlung die Rede. Auch der Umstand, dass Gesundheit ein Produkt ist, mit dem Profite erzielt werden, weshalb Krankenhausleitungen an Corona gar nicht interessiert sind. Die Patienten blockieren die lukrativen Operationen und Behandlungen, mit denen die Profite von Investoren generiert werden. Die in Aktion tretenden Schauspieler übergehen auch geflissentlich, welche Strömungen sich des Themas Corona bemächtigt haben.

Rechte Ecke? In die wird gestellt, wer an Demonstrationen teilnimmt, an denen sich bekennende Rechte beteiligen. Es ist nicht die Kritik an den Maßnahmen, die einen „rechts“ werden lässt, sondern die Inhalte und die Form. Im Zuge der Pandemie ist ein zentrales Thema aufgekommen. Freiheit! Was ist Freiheit? Wo sind die Grenzen der Freiheit? Wie sieht das Zusammenspiel zwischen Freiheit, Verantwortung, Pflichten, aus? In welchem Verhältnis steht das Individuum zu anderen Menschen, der Gruppe, der Gesellschaft, dem Staat, im Sinne aller Menschen, die auf einem Staatsgebiet leben? 

In Zeiten des Internets, Kamera – und Tontechnik, die jedermann bedienen kann, dem nahezu unendlichen Zugang zu allen erdenklichen Gestaltungsmaterialien, steht und fällt die Freiheit des Künstlers mit der Möglichkeit der unbehelligten Veröffentlichung des Kunstwerks. Ob ich mit Kunst meine Brötchen verdienen kann, steht auf einem anderen Blatt Papier. Unbenommen ist Kunst ein Dienst an der Gesellschaft. Deshalb erhalten Galerien, Theater, Vereinigungen, staatliche Zuwendungen. Und was Kunst ist, ist kaum zu klären. Früher war das anders. Wer sich entschloss Künstler zu werden, entschloss sich meistens dafür in sehr bescheidenen Verhältnissen zu leben. Bis zu der Zeit, an dem die Bilder laufen lernten. Doch die breite Masse der Künstler profitiert daran nicht. Autoren bekommen Verträge, wenn ihre Texte den Zeitgeist bedienen, alle anderen zahlen bei der Selbstvermarktung zu. Musiker, teils hervorragend, tingeln neben dem eigentlichen Beruf durch die Kneipen und spielen für ein paar Bier und eine Schachtel Zigaretten. Ambitionierte Schauspieler, treten für einen Betrag, der für die Kulisse, Miete des Hauses und die Kostüme reicht, nach Feierabend auf Kleinkunstbühnen auf. Denen geht derzeit ein Hobby verloren, aber das Geld kam bisher ohnehin aus anderen Quellen.

Die in den Videos sind Berufskünstler, welche gegen Geld andere Menschen unterhalten, mit wenigen Ausnahmen (z.B. Ulrich Tukur) quasi eine Form der Lebensdekoration, wie diese Bilder auf Hotelfluren, in Kaufhäusern oder irgendwelchen öffentlichen Gebäuden, die lange trostlose Wände ein wenig bunter machen sollen. Bemerkenswert ist auch die auffällige hohe Zahl Mitwirkender am speziellen deutschen Kulturgut TATORT. Eher die leichtere Kost, aber vermutlich lukrativ.

Die Kampagne an sich ist Kunst

Zumindest sieht dies Bernd K. Wunder, der Mann hinter der Kampagne so. Er ist im Unterhaltungsgeschäft, oder wie es auch anders und etwas wichtiger genannt wird, im Business, welches Kreativ Schaffende, unterstützt, vermarktet und selbst gutes Geld mit ihnen verdient. Somit einer, dessen Geschäftsmodell in der Pandemie nicht richtig funktioniert. Der Mann bezeichnet sich auf einem Karriereportal als „Blockchain Evangelist“. Für mich persönlich kann ich behaupten, dass ich vor allem, was damit zusammenhängt, nicht unbedingt Angst habe, aber von einem Übel für die Entwicklung ausgehe. Blockchain – dies ist der neue „heiße Scheiß“ der Digitalisierung. Die globale dezentrale Vernetzung von allem und gleichzeitig Liebling aller Zeitgenossen, die die Welt durch eine Brille mit aufgedruckten Dollarzeichen sehen. Kunst und Geld! Eine alte Allianz. Vom Fürsten, der den niederländischen Meister der Malerei finanziert, der Mäzen, der Musiker/innen unterstützt bis hin zur heutigen Vielzahl an Produktionsfirmen, die mit der Unterhaltung der Menschen große Summen Geld verdienen. Die Kampagne als Kunst? Nun, auch Geldscheine werden mit Kunstwerken bedruckt. Nein, ich denke nicht, dass es um Kunst und Freiheit geht. Tatsächlich geht es um Geld. 

Bei all dem habe ich vor Augen, wie an anderen Orten der Welt mit der Pandemie gekämpft wird. Wir erleben mal wieder Konzerne, Investoren, Aktionäre, die an der Krise verdienen. Ein Umstand, der mich immer wieder nachdenklich macht. Es gibt Leute, die ohne mit der Wimper zu zucken mit dem Elend und Leid anderer Profit machen. Der Begriff Freiheit wird untrennbar mit Geld verbunden. Im Buddhismus wird exakt anders herum argumentiert. Der Mensch benötigt ein grundlegendes Auskommen bzw. die Befriedigung der Grundbedürfnisse, alles darüber hinaus bringt Schwierigkeiten, Leid und Unglück mit sich und ist der Killer der Freiheit.  

Die von der Regierung beschlossenen Maßnahmen stehen in Verbindung mit einer luxuriösen Ausgangslage: In den westlichen Industriestaaten existiert eine umfassende Versorgung mit Ärzten, Medikamenten und Intensivbetreuung in Krankenhäusern. Zu viele Patienten auf den Intensivstationen führen zur Angleichung an die Lebensrealität der Mehrheit an Menschen in den Ländern, in der diese Versorgung nicht existiert.

Es geht nicht um die Angst vor der Krankheit

Ja, es wird eine ganze Menge mit der Angst argumentiert. Ich persönlich verspüre sie nicht, dafür ist mir die Wahrscheinlichkeit eines milden Verlaufs zu hoch. Dann dürfte ich auch nicht mehr Rauchen, Alkohol trinken und einige andere Dinge tun. Doch mit der hohen Infektionsrate steigt logischerweise die Anzahl der Patienten, die Pech haben und einen schweren Verlauf zeigen. Ebenso ist es nachvollziehbar, dass diese in meiner Sprache formuliert: „Einsatzkräfte binden, die für andere Aufgaben nicht mehr zur Verfügung stehen!“ Also praktisch sich nicht mehr optimal um an anderen Krankheiten leidende Kleinkinder, Schlaganfallpatienten, Herzanfälle, Unfallopfer pp., kümmern können. Dies ist der relevante Punkt. Dann herrschen die identischen Zustände, wie in ärmeren Ländern.  

Meiner Beobachtung nach gilt: "Nimmst Du dem Deutschen Bürgertum etwas von ihrem Luxus, werden sie zur Bestie."

Um dieses Thema dreht sich in der Politik vieles. In kaum einem anderen Land hängt die Stabilität so sehr am Wohlstand. Ich bin kein Soziologe, aber ich denke, dass das historisch begründet ist. Hätte der Klimawandel bereits jetzt sichtbare Auswirkungen auf den Wohlstand, sähe es bei uns anders aus. Doch aktuell sehen sie konkret nur, welche Verluste sie hinnehmen müssen, um den Klimawandel abzuwenden. Bei den Bauern und den Leuten aus der Holzwirtschaft, wandelt sich dies aktuell ein wenig, weil sie es bereits jetzt sehen, doch bis dies bei denen vom eigentlichen echten Leben entfremdeten Stadtmenschen ankommt, dauert es noch. Aber der Augenblick wird kommen. Da passen sich die Corona – Maßnahmen wunderbar ein. Die Leute, die Schauspieler, sehen das aktuell Konkrete, aber was folgt, wenn die Maßnahmen nicht greifen oder eingehalten werden, sehen sie nicht. Sie verhalten sich wie Menschen, die an der Küste ein Haus bauen und sich gegen einen Damm verwenden, weil er ihnen die schöne Aussicht auf das Meer verbaut. Doch eines Tages, vielleicht Morgen oder Übermorgen, wird die Sturmflut kommen und das schöne Haus mit Meeresblick zerstören.

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