Wenn die Wut nicht sterben will

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Als sich bei der Klimakonferenz in Paris die Vertreter der Staaten dieser Erde trafen, ging es für etwa 50 Staaten, den sogenannten demnächst am meisten Betroffenen um das nackte Überleben derjenigen, die sie entsandten. Sie sprechen nicht über das, was passieren wird, sondern sie sehen es bereits. Hilflos stehen sie den vom Homo sapiens entfesselten Gewalten gegenüber. Die Küsten erodieren, Super Taifune töten tausende Menschen und was noch stehen bleibt wird von Sintflutartigen Regenfällen zerstört. In Paris stand ein zentraler Punkt zur Debatte. 2 Grad Celcius Anstieg retten unter Umständen die geografisch besser liegenden westlichen Industriestaaten, 1.5 Grad Celcius, könnten auch den bereits betroffenen Regionen eine Chance geben.

Die Dokumentationen zu den Verhandlungen in Paris ließen mich hilflos zurück. Konzernvertreter, die Vertreter der Erdölfördernden Staaten, allen voran Saudi – Arabien, aber auch andere Staaten, zierten sich und verhandelten über die 0.5 Grad. Faktisch verhandelten sie nicht die Zahl, sondern über Leben und Tod von Millionen Menschen. An der Stelle bin ich als menschliches Wesen überfordert. Immerhin einigten sie sich am Ende auf die 1.5 Grad. Doch wie befürchtet, war das Einigungspapier nichts wert. Wir wissen jetzt, dass sie sich nicht daran gehalten haben. Die Welt hat auch zur Kenntnis genommen, dass die USA unter Führung des vom Volk gewählten Präsidenten Donald Trump aus dem Programm ausgestiegen ist. Unzeitgemäßes Wahlsystem hin oder her, Millionen haben ihn mit dieser Ansage gewählt und die Republikanische Partei stand dahinter. Doch erst einmal heißt es vor der eigenen Tür zu kehren. Mein Land, meine Regierung, Firmen mit deutscher Beteiligung, haben sich ebenfalls nicht dran gehalten und Teile der Welt zum Narren gehalten, oder schärfer: Zum Tode verurteilt! Nein, die Zeiten, in denen sich jemand darauf zurückziehen kann, dass man ja nichts wusste, sind vorbei.

Bin ich geflogen? Ja! Kein kurzer Urlaub, sondern für einen sehr langen Aufenthalt. Seit geraumer Zeit kauf ich kaum noch neue Sachen. Bei nahezu allen Anschaffungen gehe ich erst einmal mit mir selbst ins Gericht. Ich glaube, ich darf behaupten, dass ich versuche bescheiden zu leben. Auf jeden Fall zurückhaltender, als viele meiner Mitmenschen. Schaut man sich in Berlin den Straßenverkehr an, scheint die Welt in Ordnung zu sein. In jedem Fahrzeug sitzt lediglich eine oder einer, die Youngster patrouillieren durch die Straßen, Vollidioten demonstrieren mit Autokorsos, Lieferwagenfahrer lassen gnadenlos den Motor laufen. Hebe ich den Kopf ein wenig höher, vernehme ich etwas von angesäuerten Energieriesen, die von den Bürgern des Landes entschädigt werden wollen. Ich weiß nicht, ob ich das korrekt verstanden habe. Jeder der Steuern zahlt soll denen Geld geben, damit sie nicht weiterhin die Lebensgrundlagen zerstören? Nicht anders sieht es bei der Autoindustrie aus. Es gibt widerliche Ignoranten, die teure Boliden, am besten noch Verbrenner oder Hybride kaufen, also stellen wir die her. E – Autos! Wir wissen, dass die Batterien nicht unproblematisch sind. Da würde es mir logisch erscheinen, Fahrzeuge zu entwickeln, die einem Mindestmaß genügen und hocheffizient die Energie nutzen.  Welche Botschaft übergeben mir Supersport Fahrzeuge mit Spitzengeschwindigkeit um die 300 km/h?  Was zum Teufel soll das? Egal wo ich hinsehe, kommt es mir vor, als wenn alle mit den Schultern zucken und einfach weiter machen.

Der Klimawandel an sich ist katastrophal, doch wir sitzen auf weiteren Zeitbomben, an deren Entschärfung irgendwie keiner Interessen zeigt. Weltweit wird darüber gestritten, wer sich unter welchen Voraussetzungen um die Hinterlassenschaften des II. Weltkriegs in den Meeren kümmert. Da liegen nämlich noch einige Schiffe auf dem Grund, deren Tanks randvoll mit alles vernichtenden Schweröl sind. Das langsam frei werdende TNT (Trinitrotoluol) ist auch nicht gerade ungiftig. Dann hätten wir noch einige chemische Altlasten und ein wenig atomaren Müll aus den letzten Jahrzehnten im Angebot. Aber egal, wir lassen es darauf ankommen und widmen uns begeistert dem nächsten Wahnsinn. Blockchain, Mining, Bitcoin, Vernetzung, schneller, noch schneller, Geld, noch mehr Geld und noch mehr Energiefresser. Seit ihr alle vollkommen jenseits von Gut und Böse? Was ist denn nur los? Ist der Mensch wirklich so erbärmlich bescheuert?

Brauchen wir eine entschlossene Gruppe, die uns ausbremst? Hatten die Autoren der dystopischen Romane am Ende recht? Brauchen wir am Ende den Protagonisten aus dem Film Fight Club, der die Menschheit mit einigen Explosionen erlöst? Leben wir mit Corona bereits im Plot von 12 Monkeys? Würde es helfen, wenn wir in der Zeit zurückreisen könnten und die ersten Neoliberalen killen?

Wie gesagt, viele leben vor sich hin, als wenn sie dies alles nichts anginge. Dabei werden die Abstände immer kürzer und die finalen Ultimaten werden ständig korrigiert. Wäre ich 30 – Jahre,  würde ich mir selbst nicht begegnen wollen. Ich kümmerte mich damals um andere Dinge. Zu der Zeit wusste ich wirklich einiges noch nicht. Doch diese Entschuldigung kann ich nicht mehr in Anspruch nehmen. Eins weiß ich, es ist keiner/keinem Jüngeren zu verdenken, wenn sie sich in Anbetracht der Geschehnisse radikalisieren.

In der Dokumentation Guardians of the Earth, die den Pariser Klimagipfel dokumentiert, führt ein Mann eine Gruppe über das Konferenzgelände und klärt die Zuhörer über das Greenwashing der mit Ständen (250.000! EUR Standmiete) anwesenden Konzerne auf. Auf der Höhe des Stands von Coca Cola wird er von der unsanft Polizei abgeführt. Muss man noch mehr sagen? Für mich eine Schlüsselszene. Der Homo sapiens hat seine Seele für Geld verkauft.

Das musste raus!

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