1. Mai Nachlese

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In einem Chat mit alten Freunden, deutete ein Freund an, dass er das Hingehen zur Mai – Demo als Krawalltourismus interpretieren würde. Ich widersprach ihm. Tourismus hat etwas von unbeteiligt sein, so als wenn man sich Fremdes ansieht. Die Symbolik des Tages ist nichts, was nichts mit mir zu tun hätte. Letztens schrieb ich bei Twitter, wie ich die Entwicklung beim Klima sehe. Eine letzte Chance wäre ein radikales Verändern der Wirtschaft, Energieeinsparung bzw. Reduzierung des Verbrauchs, statt ständig mehr zu verbrauchen und mit erneuerbaren Energien einen stetig steigenden Hunger zu decken; nur noch Produkte am Markt zuzulassen, bei denen geklärt ist, dass genug Energie vorhanden ist und die Entsorgung geregelt ist. Außerdem bei Produkten vollkommen andere Maßstäbe angelegt werden müssen. Der Profit darf und kann nicht mehr das Kriterium sein. Auf die Menschen an sich muss eingewirkt werden. Immer mehr zu horten, noch mehr haben zu wollen, muss verändert werden. Und ein erster Schritt wäre dabei die Veränderung des Entlohnungsprinzips und die Hierarchien in der Arbeitswelt. Wer so etwas fordert, landet in der Ecke linksradikal. Dies ist ein Abwehrmechanismus des vor ca. 200 Jahren installierten Systems, welches seitens der Neoliberalen bis zur Perfektion ausgebaut wurde.

Also beschloss ich, mich von meinem Vorhaben nicht abbringen zu lassen. Letztlich geht es um Masse zeigen und auf Bildern zu repräsentieren: Da sind nicht nur Autonome unterwegs, sondern auch Mitmenschen der älteren Jahrgänge, die durchaus mal nachgedacht haben. Mein erster Weg führte mich zum Mariannenplatz. Dort hatte die „PARTEI“ ihren Auftritt. Die Verkörperung des zynischen, sarkastischen, Intellektuellen, welches sich gegen den ganzen politischen Irrsinn, welcher sich vollkommen verselbstständigt, hat, mit anderen Mitteln nicht mehr zu wehren weiß. Mit Vernunft, Verstand und Ideen, kommt niemand mehr gegen die Gier, die Wollust am Verwalten, Kategorisieren und narzisstischen Machtgehabe an. Die „PARTEI“ ist für ihre Sprüche bekannt und so blieb am Ende für mich zur Erinnerung ein Aufkleber: „Hetz nicht so, wir sind nicht in Sachsen.“

Danach lief ich mit einem Freund zusammen durch Kreuzberg. Wir beide haben in den letzten Jahrzehnten aus unterschiedlichsten Perspektiven Demonstrationen erlebt. Zum frühen Abend baute sich eine seltsame Stimmung auf. Überall bildeten sich Gruppen von Frauen und Männern, die zu unserem Jahrgang gehörten. Sie wirkten unschlüssig. Noch ein letztes Mal mit einem Aufbäumen, sich gegen den allgemeinen Trend stellen?

Neben der Neuen Rechten hat sich das bequeme Bürgertum geschickt des politischen Mainstreams bemächtigt. Zur Taktik gehört das stetige Wiederholen der Behauptung, dass es in Deutschland oder gar Europa eine Linkstendenz gäbe. Alles Progressive, zur Veränderung Bereite, Innovative, wird dabei als links abgestempelt. Selbst die GRÜNEN, aus der bürgerlichen Mitte in den elterlichen  Partykellern der ausgehenden Siebziger, bei Pink Floyd, Frank Zappa, Genesis, Krautrock und Haschisch, im Rahmen eines Ablösungsprozesses entstanden, werden zu Linken. Mülltrennen, sich auf eine „korrekte“ Sprache konzentrieren, bis zum Verschließen der Haustür für alles und jeden, Verständnis zu zeigen, ist für manche bereits Zeichen genug, dass es sich um einen Revolutionären Geist handelt.

Die Grauhaarigen, die sich da sammelten, waren ein anderes Kaliber. Sie erinnerten mich an einen 1. Mai vor einigen Jahren, als die Punkband „SLIME“ auf der Coretex unweit vom SO36 auftrat. Stundenlang verfolgten wenige junge PUNKS, die bei der Menge der Softies um sie herum nahezu untergingen, die Bands auf der Bühne. Flankiert wurden sie von überwiegend mit schwarzen Ska – Klamotten gekleideten grauhaarigen Männern, denen es nicht am notwendigen Kleingeld fürs Bier mangelte. Als kurz vor dem SLIME – Auftritt eine Durchsage kam, in der mitgeteilt wurde, dass in der Nähe AfD – Vertreter gesichtet wurden, rollten sie mit den Schultern, zogen die Augenbrauen zusammen und begann zu lauern. Gut, dass sich letztlich keiner blicken ließ. Die hätten kein Verständnis gezeigt, von Gewaltfreiheit gesäuselt oder eine verbale Auseinandersetzung gesucht. Als dann SLIME auftrat, kam Bewegung in die „Alten“. Spätestens als das Riff von „Deutschland muss sterben, damit wir leben können.“ anklang, bildeten sie mit ca. 200 Leuten eine Front vor der Bühne und reckten die Fäuste. Ich denke, mit dem Song „Unsere Lieder“ hat SLIME den Nerv dieses Teils meiner Generation gut getroffen.

Am Hermannplatz änderte sich das Bild.  Etwas unübersichtlich verteilten sich Tausende auf dem Platz und den großen Zufahrtsstraßen. Die CLUB – Szene harrte der Dinge, die Fahrraddemo strömte nach und nach hinzu, die „Alten“ warteten weiterhin, die Polizei hatte die strategischen Punkte auf den Mittelinseln besetzt und jede Menge „Partyvolk“, die Generation „Ich bin doof – was soll’s, ich hab Spaß!“ waren zum ersten großen Event des Jahres gekommen. „Erster Mai? Keine Ahnung, was das ist, so ähnlich wie CSD oder Love Parade? Oder?“ Und wie es zu erwarten war, stellten sie nach und nach die Mehrheit. Mitten drin immer wieder neugieriges Clan – Establishment und ihr Fußvolk, die angehenden „Jung – Gangster“. Da lange der Verkehr nicht herausgenommen wurde, kam es für den Beobachter zu einem nachdenklich werdenden Kontrast. Dumpfe primitive Gangster mit den üblichen glänzenden Bärten in Protzkarren, die sich über die zukünftigen Doofen in den Shisha – Bars amüsieren.

Es sollte lange dauern, bis Bewegung aufkam. Ein verschwindend geringer Teil der üblichen „Schwarzjacken“ tauchte in die Seitenstraßen ab, um rechtzeitig an die für sie günstigen Stellen zu gelangen. Hysterisch schreiende Aufklärerinnen auf Fahrrädern, versuchten zügig an den gemütlich laufenden Partyvolk vorbeizukommen. Wenn es viele waren, dann hatten sich knappe 150 autonome Kids vorgenommen, ein wenig Stress zu veranstalten. Sie sollten nicht weit kommen. An der Flughafenstraße war für sie alles vorbei. Und ich? Ich stand im Niemandsland zwischen zwei Kreuzungen mit dem Rücken an der Wand. Links eine Einheit aus Sachsen – Anhalt, die auf dem Funk mühsam den Standortmitteilungen folgten, rechts die Bambule auf der Kreuzung Flughafenstraße und in der Seitenstraße hinter mir die wartenden Gefangenentransporter. Im Abstand von fünf Minuten führten die Berliner Festnahmeeinheiten Festgenommene an mir vorbei. Wie üblich gefolgt von einem Schwarm Anhänger. Da stehst Du da als 55 – jähriger und siehst in einer 18 – jährigen, die nackte Verzweiflung ausbrechen. Aufgeregt schreiben sie sich die Namen der Festgenommenen auf die Unterarme, melden brav, wie man es ihnen gesagt hat, alles weiter. Links von Dir steht ein Typ aus Sachsen – Anhalt, vielleicht Mitte 20, der auch nur macht, was man ihm gesagt hat. In der Seitenstraße kollabiert vor lauter Aufregung eine junge Festgenommene und die Sanis, kreischend und überschlagend herbeigerufen, lassen sie in die Tüte atmen. Ich dachte mir: „Was hat man Euch gesagt? Chile? Russland? Ukraine? In Deutschland verschwindet niemand nach einer Festnahme. In 25 Jahren wird die junge Dame, die Geschichte ganz anders erzählen. Als sie, die Heldin, eiskalt den Bullen die Stirn bot.“

Demo – Folklore oder im Hintergrund ein Krieg, in den wir Kinder schicken, der von den Alten geführt werden sollte? Wie beschrieben: Ich war da nicht alleine unterwegs. Mein Freund, schaute genauso skeptisch auf das Treiben. Und dann war doch noch jemand. Eine meiner Töchter. Kein Kind mehr und durchaus besonnen, interessiert an dem, wie sich die Welt verändert. Für mich die Generation dazwischen. Kurz nach dem Mauerfall gefühlt in West – Berlin geboren, für die Eskapaden der 90ger, dem damals Schwung aufnehmenden Rechtsruck, zu jung, begleitet von einem, dem man mit Fug und Recht als Linken bezeichnen kann und einem Vater, den Ex – Bullen, der niemals aufhörte links zu sein, aber heute erkennt, wie falsch es war, die Augen zu verschließen. Zwei alte Schlachtrösser der Berliner Straßenkämpfe und sie, die mit der Zukunft.

Wenn ich gestern noch voller Überlegungen war, hat sich dies heute mit Lesen der Nachrichten gewandelt. Ab der Mainzer Straße war ich immer mitten dabei. Ohne Uniform, Beobachter, Aufklärer, Zivi, Verdeckter, Szenekundiger und was sonst noch alles dabei war. Lese ich heute die Nachrichten, sind es Beschreibungen eines eskalierten 1. Mai, der das Format der ausgehenden 80er hatte. Die CDU benutzt die paar Hundert für ihre Propaganda gegen Rot/Rot/Grün, die wahrlich gar nichts mit dem Tag gestern zu tun hatten. Die sich da mit Statements melden, sind diejenigen, welche mal irgendwo mit Leuten ihres Alters in Berlin gegenüber stehen sollten. Dann machen wir miteinander aus, was sie mit der Zukunft der Kinder machen und warum sie reden, wie sie reden. Und manche kennen sich noch aus der Schulzeit. Könnte spannend werden nach all den Jahren die ganzen Lebenslügen auseinander zu nehmen.

Ich halte nichts davon, der durch Dekadenz retardierten und hedonistischen Party Jugend einen Vorwurf zu machen. Wir haben die Voraussetzungen geschaffen und sie darin aufwachsen lassen. Der Ball liegt auf unserer Spielseite. Die Unverbesserlichen, die sich weiter in ihrer Bequemlichkeit suhlen wollen, den deutschen Way – of – Life des Bürgertums als Enklave in einer sich immer mehr von Selbstzerstörung geprägten westlichen Industrielandschaft aufrecht halten wollen, kommt diese Generation entgegen. Lachend halten sie sich die Bäuche. Änderung? Wir haben Euch längst mit Iphone, PC – Spielen, Billig – Musik, der Gier nach Status, Belanglosigkeit, Oberflächlichkeit und Partys angefixt. Wir müssen nur warten, dann zieht Ihr den Anzug an und zieht in den Elfenbeinturm ein.

Dennoch war es richtig hinzugehen. Allein schon, um diesen Beitrag mit Wissen und nicht aus zweiter Hand zu schreiben. Rio’s Lied, der Traum ist aus, eine Vision, hat seine Berechtigung. Der Traum derjenigen, welche in den 80ern an die Möglichkeit einer Kursänderung glaubten, ist ausgeträumt. Es wird alles kommen, wie es der eingeleitete Prozess vorgibt. Letztlich ist auch das konservativ. Der Wunsch nach dem Bestand einer alten Lebensqualität, mit Freiheit, geistiger Weiterentwicklung und einem kleinen Schritt in die gemeinsame Entwicklung aller Menschen, der sie vom Kurs der Selbstzerstörung abbringt. Nun … zusehen und eigenes Leben favorisieren, scheint die richtige Devise zu sein.

Ein Kommentar zu „1. Mai Nachlese

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