Boomer?

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In den Social Media und im Internet wird seit geraumer Zeit der Kommentar: „OK, Boomer!“ verwendet. Ich weiß nicht, wer ihn aufbrachte oder wo diese Bewegung entstand, auf jeden Fall halte ich sie bei näherer Betrachtung für völligen Quatsch bzw. hat sie keinerlei Aussagewert. Die Bezeichnung bezieht sich auf die Geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit. In etwa Mitte der Fünfziger ging es los und endete mit dem Pillenknick der ausgehenden Sechziger. Gemeint sind also Frauen und Männer, die heute zwischen Ende Fünfzig und Anfang Siebzig sind.  Teilweise sind sie damit Kinder der Kriegs – und der Nachkriegsgeneration.  In der Zeit der 68er – Bewegung waren sie noch Kinder und den Nachlauf erlebten sie als Jugendliche. Ihre Glanzzeit hatten sie in den ausgehenden Siebzigern und Achtzigern. Politisch war diese Zeit weitestgehend von der Nachkriegsgeneration geprägt. Die echte politische Macht treten die Boomer heute an. Wer sich seitens der Jüngeren aufstellt und sich wütend für die Klima – Krise, Umweltverschmutzung und ähnliches bedankt, sucht sich damit schon einmal den falschen Adressaten.

Schaue ich in die Parteien, sehe ich an wichtigen Stellen Boomer und Vertreter meiner Generation (Pillenknick). Wer sich meiner Altersgenossen nicht gerade in der Jungen Union oder bei den Jungen Liberalen engagierte, war meistens eher unpolitisch oder beteiligte sich außerparlamentarisch, dabei unterscheidet sich diese Zeit gar nicht so sehr vom aktuellen Geschehen. Und wie in jeder Generation gab es jene und solche. Selbstkritisch muss man einräumen, dass uns der „Nullbock Generation“ ein wenig mehr das Streben nach Macht hätte interessieren sollen. Leider überließen wir vieles den eher provinziellen und konservativen Teilen. Die damals mit einem Aktenkoffer und einer programmierbaren Digitaluhr zur Schule kamen, waren in der Minderheit und selten gut gelitten. Auf meinem Gymnasium war zu meiner Zeit ein einziger bei der Jungen Union und einer bei der FDP.  Selbst Kai Wegner, der auf der Konkurrenzschule unterwegs war, kam erst Jahre später und war ein Exot. In deren Folge sie sich in Zirkeln zusammentaten, mit vorwiegend alten Männern in Burschenschaften, Studentenverbindungen o.ä. Veranstaltungen abhingen. Schaut man sich die Biografien der aktuellen CDU/CSU, FDP, Politiker an, sind sie nahezu alle das Ende von Seilschaften und Typen wie ein Philip Amthor zeigen, dass sich die Tradition fortsetzt.

Meine Generation war eine der Ersten, die an der Mauer der politischen Macht abprallte. Das Bild des Politikers wandelte sich in den Achtzigern. Bis zur Übernahme der CDU angeführt von Helmut Kohl, stritten Frauen und Männer, die in großen Teilen auch eine berufliche Biografie aufweisen konnten oder die „heissen“ Zeiten der Nachkriegszeit erlebten über Themen. Ab Kohl und seine Helfershelfer bei der FDP ging es um die politische Macht als Selbstzweck und Geld verdienen. Geld, Profit, wirtschaftliche Macht spielte ohnehin eine herausragende Rolle. Der Westen wollte endlich dem „Kalten Krieg“ ein Ende setzen. US-Präsident Reagan erklärte sich zum General und Maggy Thatcher wurde zum Feldmarschall. Dabei wurde jede vermeintliche Bremse ohne Rücksicht auf Verluste gelöst. Alle Erkenntnisse, dass da etwas mit dem Klima aus dem Ruder läuft, diverse ökologische Katastrophen ins Haus stehen, wurden für den Sieg über den Ostblock  unterdrückt.

Die erwähnte Mauer der Macht ist ein heikles Thema. Gefühlt, sind meine Altersgenossen diejenigen, welche die Politikverdrossenheit als Erste voll erwischte. Bis zum Ende der 80er herrschte im Westen noch etwas wie eine Aufbruchstimmung. Wir waren gegen den Konsumterror, rebellierten gegen den Leistungsdruck, traten gegen Atomkraft ein, interessierten uns für die Denker und Intellektuellen der Vorgeneration, setzten uns für weniger Müll und Verbrechen gegen die Natur, verübt von BASF, SCHERING, ESSO, BP, RWE und wie sie alle hießen, ein. Wir sahen keinen Sinn im Kalten Krieg und fragten, warum es wichtig sei, die Welt mit Atomwaffen 100, 50 oder 10 – fach zu vernichten. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zur DDR änderte sich über Nacht alles. Eine beinahe erledigte CDU erholte sich. Im Osten startete alles von vorn. Konsum wurde wieder großgeschrieben. Plötzlich wurde alles, was irgendwie mit sozialer Gerechtigkeit, progressiven Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur, alternativen Lebensmodellen, Widerstand gegen die Machtvollkommenheit einer herangewachsenen abgesetzten arroganten politischen Klasse zu tun hatte, zu links, und verhassten Sozialismus. Eine mit Franz – Josef Strauss fast ausgestorbene Hetze gegen alles, was bei den Worten Rüstung, Kapitalismus, Leistung, deutsche Kultur, nicht in stehende Ovationen ausbricht, nahm wieder Fahrt auf und erfährt derzeit mit der Werteunion eine neue Dimension. Nicht zuletzt, weil sie die mit ’89 erstarkende Neue Rechte wieder einfangen wollen. Was ich bei Strauss nie verstand, war der Umstand, dass ihm die anderen Politiker niemals eine Rechtsradikalität vorwarfen. Für mich, der mit ihm in der Politik aufwuchs, war er nichts anderes.

Und wenn alle endgültig die Hasskappe aufsetzten, dann beim Thema ’68er, völlig den zeitlichen Hintergrund außer Acht lassend, als noch echte Nationalsozialisten, Opportunisten, in den Behörden, an den Universitäten und in der Justiz herumgeisterten. Was bei mir zeitlebens den Verdacht nährte, dass vieles, was den Nationalsozialismus möglich machte, also aus der Zeit vor der Gründung der NSDAP, immer noch in der sogenannten deutschen Seele schlummerte. Mich hierbei bestätigende befreundete Historiker machten und machen es nicht besser. Der mindestens bis 1989 andauernde Kalte Krieg hatte für die gesellschaftliche Weiterentwicklung eine katastrophale Folge. Die Suche nach Alternativen zum Bestehenden landet immer in einem Vergleich mit der Sowjetunion und der DDR. Für mich den West – Berliner war bereits als Kind klar, dass bei der Bezeichnung „Real existierender Sozialismus“,  etwas nicht stimmen kann, wenn eine Armee den gleichen Schritt hat, wie die Wehrmacht. Ebenso verstörend war die Diskrepanz zwischen den Analysen der Denker am Beginn des Jahrhunderts und dem realen Gebaren auf der andern Seite der Mauer. Bei mir hallten immer die Worte meines Großvaters, einem alten KPD Mann wieder, der ’61 im Angesicht der „Gruppe Ulbricht“ gesagt haben soll: „Wenn Thälmann wüsste, was ihr veranstaltet, würde er im Grab rotieren.“

Meine Generation hat eine böse und vergiftete Lektion bekommen. Wenn es auf der Straße nicht knallt, kein Widerstand organisiert wird, geht in Deutschland alles seinen gewohnten Gang: nämlich den des Geldes und des maximalen Profits. Die hätten deutlich mehr CASTOR Transporte über die Schienen geschickt, BASF hätte gnadenlos weiter Dünnsäure verkappt und die Gewässer kaputt gemacht, SCHERING hätte sich einen Dreck geschert, RWE hätte gerodet, bis auch noch die letzte Hecke weg gewesen wäre, usw., usw., usw. Keine Sauerei irgendeines Konzerns wäre gestoppt worden. Heute, streben wir auf etwas Neues zu und reagiert wird mit den bewährten Strategien. Aber das ist kein Ding der Boomer. Bestimmte Leute greifen nicht mehr wohl dosiert zum Gift, sondern holen gleich ganze Kanister aus dem Schrank.

Heute ist Vatertag, eigentlich ein christliches Fest, aber längst gekidnappt worden. Als Vater schaue ich, wie mit meinen Töchtern und deren Altersgenossen/innen umgegangen wird. Teilweise zu jung und auch nicht finanziell gut aufgestellt, sehen sie ihre Felle in der Zukunft wegschwimmen. Ein kluger Mann stellte letztens fest: „Wer in Deutschland politisch etwas erreichen will, muss sich mit anderen zusammentun, Geld sammeln und einen Lobbyisten kaufen. Je nach Betrag, steigen die Chancen, dass die Forderungen umgesetzt werden.“ Können vor Lachen, wenn man zwischen 18 und Ende 20 ist. Tja, und dann kommen die üblichen, vom Leben verkorksten Typen um die Ecke gebogen. Die müssen erst einmal etwas leisten, sollen Respekt zeigen, sich durchkämpfen und sie dürfen sich nicht wundern, wenn das Establishment reagiert. Ernsthaft?

Weltweit nimmt nach und nach alles Fahrt auf. Die Jungen sind aktuell nicht in der Position etwas zu regeln, aber niemand kann es ihnen verübeln, wenn sie sagen: „So nicht! Ihr macht alles kaputt.“ Früher gab es dieses Spiel, bei dem man ein kleines Kind am langen Arm an der Stirn auf Abstand hielt und es verzweifelt versuchte mit rudernden Armen einen Treffer zu landen. Die Lösung ist einfach. Abtauchen und gegen das Schienbein treten. Ich habe in letzter Zeit Laschet, Merz, Kramp – Karrenbauer, Scholz, Lindner und Konsorten erlebt. Gelebte Arroganz und Selbstgefälligkeit mit PR Agenturen im Rücken. Welche Botschaft wollen die vermitteln, wenn sie auf das Urteil des Verfassungsschutzes reagieren wie eine Teflon – Pfanne? Eins weiß ich für mich selbst auch: Baerbock ist alles, aber keine Lichtgestalt. Die werden sich noch wundern, wie zügig die GRÜNEN einen Schwenk in Richtung Wirtschaft machen werden. Und auch die LINKE hat nicht wirklich etwas aufzubieten. Die Folge ist eine Außerparlamentarische Bewegung, bei der noch offen ist, wer dort die Führungsgestalten werden. Es ist ihnen zu wünschen, dass sie nicht die Fehler meiner Generation machen und die aus dem Blickwinkel verlieren, welche bereits Geld gesehen haben.

Armin Laschet ist Jahrgang ’61, Merz, Jahrgang ’55, ist gerade mal so Boomer, Scholz Jahrgang ’58, ist schon im Intervall, sich rückblickend bei den Boomern zu beschweren ist verfehlt, wir bekommen es jetzt mit ihnen zu tun. Und selbst wenn die GRÜNEN die Wahl gewinnen, sind 3/4 des Bundestags voll mit Boomern und wir, die anderen, haben im Lauf der Jahre ein wenig geschlafen. Ich denke, es war keine gute Idee, alles einer Meute Opportunisten  zu überlassen, die mehr oder weniger nie was anderes getan haben, als sich um ihre politische Karriere zu kümmern. Da werden einige auf ihre alten Tage noch einmal gefragt sein.

Anzufügen ist, dass das Geplänkel um Neubauer wirklich an Albernheit kaum noch zu übertreffen ist. Sie hat über Maaßen gesagt, was zu sagen ist. Er selbst hat sich nicht Antisemitisch positioniert. Was er getan hat, ist sich auf Plattformen zu sonnen, die eben dies tun. Und das hat er nicht als irgendjemand getan, sondern als ehemaliger Vorsitzender einer Behörde, die sich genau um diese Plattformen kümmern soll. Alles und jeden jenseits der Werteunion als extreme Linke zu verorten, spricht nicht wirklich für seinen eigenen Standort. Der Mann ist nicht einmal rechts, sondern vermutlich nur in Sachen Macht ein wenig unterzuckert, immerhin stand er mal an der Spitze einer Behörde, da tut es weh, wenn man plötzlich nur noch über den eigenen Haushalt und vielleicht örtlichen Kegelverein gebieten kann.

Ein Kommentar zu „Boomer?

  1. Ich bin eindeutig einer jener Boomer, die viel zu lang geschlafen haben. Leider. Und jetzt, da ich wach bin, stelle ich fest, dass rund um mich herum immer noch fast alle in einem narkoseähnlichen Tiefschlaf sind … Wenn das nur gutgeht!

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