Die Sache mit den Sternchen

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Liebe Leser*innen,
so könnte ich in nächster Zeit meine Beiträge schreiben. Ich täte es, wenn ich es für eine gute Idee oder besser einen innovativen Prozess hielte, an dessen Ende etwas Gutes bei herauskommt. Die Leser, also plural, wird von den Befürwortern als unzulässige Verwendung des Maskulinum interpretiert. Warum nicht Leserinnen? Gut, darüber könnte langfristig diskutiert werden, doch bisher nimmt der Durchschnitt in diesem Fall an, ich würde die Frauen ansprechen. Dann gäbe es noch diejenigen, welche sich aufgrund des Umstands, weder das eine, noch das andere zu sein, ausgeschlossen fühlen. Schreiben ist nochmals anders als Sprechen. Alles, was ich in letzter Zeit in der neuen Sprechweise hörte, klang in meinen Ohren nach albernen gekünstelten aufgesetzten Wortschwall, dem man nach wenigen Minuten nicht mehr folgen konnte.

Kommunikation, miteinander sprechen, reden, sich unterhalten, ist eine, da wiederhole ich mich immer wieder, komplizierte Angelegenheit. Mit einer einzigen Geste, einem falschen Wort oder eine missverständliche Betonung, kann ein Gespräch in Millisekunden kippen oder gar beendet sein. Es ist nun einmal eine Tatsache, dass die Gesellschaft weder homogen ist, noch alle an einem Strang ziehen. Vielfach wird über das sogenannte Amtsdeutsch gelästert. Manch eine oder einer treibt es auf die Spitze und wird deshalb von anderen im günstigsten Fall belächelt. Dies ist für Verwender dieser verqueren Ausdrucksweise insofern misslich, als die u.U. durchaus interessante Botschaft in der Lächerlichkeit untergeht. Jede Fachsprache hat ihre Tücken. Das Begriffe, im beruflichen oder wissenschaftlichen Umfeld, eine andere Bedeutung innehaben, macht es nicht einfacher.

Neben diesen beruflich geprägten Sprachen existieren noch die Ausdrücke, welche von gesellschaftlichen Untergruppen zur Abgrenzung von der Allgemeinheit verwendet werden. Jugendlichen, Influencern, YouTubern zu folgen, ist für Außenstehende, entweder altersbedingt oder Desinteresse am gerade herrschenden Zeitgeist, nicht einfach. Muss es aber auch nicht. Die Verwender sagen mit der Sprache zwischen den Zeilen deutlich: Für Dich ist das alles nicht bestimmt. 

Nun gibt es allerdings Bereiche, die uns alle angehen sollten oder wenigstens jedem, jeder, zugänglich sein sollten. Ich kann nicht von jedem, jeder, erwarten, dass die neue Sprache erlernt oder akzeptiert wird. Wenn es zu Veränderungen kommt, die bei allen ankommen, braucht es dafür Jahrzehnte. Zum Beispiel wird gern völlig außer Acht gelassen, dass eine große Anzahl Deutscher kein Englisch sprechen. Gleichsam werden neuerdings zahlreiche Fremdwörter, Entlehnungen, verwendet, die in der Breite kaum verstanden werden. Den Zuhörern bleibt nur übrig nachzufragen, zu tun, als ob alles verstanden wurde oder sich schlicht klein und dumm zu fühlen. Das kann es nicht sein. Einerseits gibt es Publikationen, die sich auf eine einfache Sprache konzentrieren, um alle zu erreichen und andererseits kommt es zur Erschwernis.

Überall wird von einer immer deutlich werdenden Spaltung der Gesellschaft gesprochen. Will ich dem entgegenwirken, gilt es verbindende Elemente zu finden und nicht den nächsten Keil aus der Kiste zu holen. Ohnehin ist mit der Digitalisierung der Einfluss auf die Sprache als Werkzeug der Manipulation erheblich angestiegen. Von den heutigen Möglichkeiten, konnten Werbefachleute, Spezialisten für Kampagnen und Politiker in den Achtzigern nur träumen. Euphemismen, Umdeutungen, erzeugen von Assoziationen, Stigmatisierung von Gruppen, blockieren des eigenen Denken, sind alltägliche Begleiter. Meine Lieblingsbeispiele sind stets Klima – und Umweltschutz. Tatsächlich geht es darum, aktive schädigende Eingriffe zu unterlassen, suggeriert wird die Möglichkeit mittels Handlungen einen Schutz zu bieten. Am besten sollen die dann von Konzernen, Erfindern, Wissenschaftlern, ausgehen. Es ist klar, worum es wirklich geht: Geld. Der Mensch im 20. u. 21. Jahrhundert ist erfinderisch, wenn es Profite zu erzielen gibt. In diesem Zusammenhang denke ich auch an Worte wie Recycling. Anstatt der Industrie eine Produktion von immer mehr Plastik, giftigen Produkten, zu untersagen, wurde ein Recycling – System erdacht, welches letztlich dazu diente, die Industrie aus der Schusslinie zu nehmen.

Egal, darum soll es mir hier nicht gehen. Ich kann den Gedankengang, der hinter der Idee des Gendern steht, nachvollziehen. Ja, es muss sich etwas tun. Doch ich bestreite die Theorie, dass ich über eine „aufgedrückte“ Sprache, das Denken der Menschen verändern kann. Erst muss ich in den Köpfen einiges bewegen, dann folgt die Bereitschaft andere Wörter in meine Sprache zu übernehmen. Ohne diese Bewegung, wird Widerstand, Unmut und Unwillen erzeugt. Dies mündet dann in Aggressionen, die sich entgegengesetzt zum Gewollten auswirken.

Aktuell kämpfe ich mich durch einen „Wälzer“, im Sprachstil der 20er geschrieben, in dem der Autor die buddhistische Philosophie erläutert. Besonders spannend ist dabei, dass er als Schriftgelehrter für Sanskrit und Pali stets versucht eine halbwegs passende Entsprechung für die Gegenwart zu finden. Oftmals ist dies nicht möglich oder es bedarf einer ganzen Abhandlung, was vor 3000 Jahren mit einem einzigen Wort gemeint war. Ein Mann der Frauen hasst oder sich per Geburt über sie gesetzt fühlt, ein homophober Schläger, ändern sich nicht, weil sie Gendern. Die innere Haltung, das Zusammenspiel aus allen Faktoren, gibt den Ausschlag. Anders, eine Speise kann fantastisch und lecker aussehen, aber mein Hineinbeißen wird zum Desaster, wenn ich die Deko aus Plastik erwischt habe.

Überhaupt entwickelt sich dies aktuell in den Social Media zum Problem. Eine einzige Information bringt mir gar nichts. Wenn ich in weiter Ferne auf einem Feld eine aufrechte Silhouette sehe, könnte es sich um einen Menschen handeln. Wenn ich näher komme und rufe, plötzlich einer aus dem Gras aufspringt, werde ich annehmen, dass die Silhouette eine Täuschung war, aber durchaus ein Mensch anwesend war. Rennt nun plötzlich auch die Silhouette weg, waren es zwei Menschen. Oder es passiert überhaupt nichts, dann ist es unter Umständen eine Vogelscheuche. Meine Sinnesorgane liefern dem Verstand korrekte Informationen, allein was ich daraus mache, meine Rückschlüsse, passieren im Verstand. Was habe ich bei Twitter, Facebook, Instagram? Exakt was ich sehen kann und interpretiere. Die Sternchen bringen mich dabei nicht weiter. Hinter jedem Account kann sich alles Erdenkliche verbergen und dennoch werden die Dispute geführt, als wenn  alles klar wäre. Im Zeitalter der PR Kampagnen, der verfälschten Informationen oder wenigstens manipulativ gesetzten, ein sehr dünnes Brett.

Nein, ich werde auch in Zukunft innerhalb dieses BLOG nicht gendern. Der gesamte BLOG, die Zusammenhänge, innerhalb derer ich Beiträge schreibe, schlicht die gesamte Suppe macht aus, was ich serviere. Wer sich inhaltlich an Sternchen festhält oder stört, ist am Inhalt nicht interessiert. Damit kann ich gut leben. Beleidigungen funktionieren bei mir ohnehin nicht, da kein Einfluss auf das gegenüberliegende Bild von mir möglich ist und ich im Gegenzuge keine innere Leinwand anbiete, auf der böswillig etwas hinterlassen werden könnte.

Ein Kommentar zu „Die Sache mit den Sternchen

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