Wut

Lesedauer 5 Minuten

Man hat sich glattgemacht, man hat sich arrangiert
All die hohen Ideale sind havariert
Und der grosse Rebell, der nicht müd wurde zu Streiten
Mutiert zu einem servilen, giftigen Gnom
Und singt lammfromm vor dem schlimmen alten Mann in Rom
Seine Lieder, fürwahr! Es ändern sich die Zeiten

Reinhard Mey, Narrenschiff

Jeden Tag werde ich belogen. Sie versuchen mich hinters Licht zu führen. Was Gestern passierte, ist angeblich niemals gewesen und ich habe es lediglich falsch verstanden. Es gibt keine Fehler, sondern nur Erfolge in Teilbereichen, die kleinere Kurskorrekturen erfordern. Ich soll nicht nach hinten sehen, das bringe nichts, nun müsse man sich der Zukunft hinwenden. Nichts passt zueinander, aber dies wird mit wohlfeilen Worten überspielt. Ihre Worte ohne Inhalt sollen mich benebeln. Manchmal, sehr selten, fällt ein unbedachtes wahres Wort. Sie benehmen sich wie schmierige Schneider, die mit geschicktem Griff das Jackett im Spiegel gut aussehen lassen. In ihrer Hybris halten sie mich für dumm. Sie haben den Überblick über das große und Ganze und ich sehe nur meinen kleinen Ausschnitt. Die Politik sollte den Profis überlassen werden. Sagt mir ausgerechnet einer, der am Neuen Markt, der Spielwiese für windige Zeitgenossen, pleite gegangen ist.

Früher fuhren die Monarchen mit Kutschen grüßend am Volk vorbei, heute sitzen sie in schwarzen Limousinen, treffen sich hinter verschlossenen Türen, laben sich am Buffet und lauschen einer Oper, während in Hamburg die Straßen brennen. Wütet draußen im Land Mutter Erde und zeigt den Menschen die Grenzen, tauschen sie die Anzüge gegen Gummistiefel und lassen sich mit aufgesetztem tragischen Gesichtsausdruck die Auswirkungen ihrer Politik zeigen. Aber das sind die Fehler der Vergangenheit, nun muss man nach vorne schauen. Vergessen, dass die Ermittler für miese Bereicherungen auf Kosten der Natur eben mal aus dem Rennen genommen wurden, weil sie den falschen Leuten auf die Füße traten. Vergessen, dass den Energieversorgern dafür Geld gegeben wurde, damit sie aufhören Mondlandschaften zu produzieren und ehemals zusammenhängende Ökosysteme fragmentierten. Das Belassen der Kohle im Erdreich wird mir als zu großzügiger Gnadenakt verkauft, für den ich mal Dankbarkeit zeigen könnte.

Mein Land, von dem aus ein Krieg ausging, in dem Teile der Welt in Schutt und Asche gelegt wurde, der Osten Europas zu von minderwertigen Menschen bewohnten Gebieten erklärt wurde, spielt ein Menschenleben später in Osteuropa wieder den scheinheiligen Moralapostel und verfolgt doch nur eigene Interessen. Mein Land, aus dem Menschen wegen ihres Glaubens fliehen mussten, in der Welt herumirrten, zeigt mit dem Finger auf Menschen, die ihr Land verließen. Mein Land, in dem eine Religion zum „Feind“ erklärt wurde, um finstere Ziele umzusetzen, zeigt wieder auf eine Religion. Erst der Mythos einer „Jüdischen Weltverschwörung“, zusammengebastelt mit Geld US – Amerikanischer Industrieller, dann der Panslawismus, gefolgt vom „Kommunisten – Hass“ und nun die angebliche weltweite Islamisierung.

Sie reden von Klimaschutz! Was für eine Hybris! Als ob sie ein über Millionen von Jahren entstandenes System schützen könnten. Vor wem denn? Vor ihnen selbst? Das ist das Prinzip der Schutzgelderpressung. Wenn Du zahlst, kommen nicht meine Schläger zu Besuch. Konzerne machen unmoralische Angebote. Zerstören wir nicht alles, sind wir nicht mehr konkurrenzfähig, also zahlt uns die Ausfälle, dann machen wir auch nichts mehr kaputt. Im Kleinen würde man das Erpressung nennen.

Sie vergiften, verpesten, zerstören, bis sie erwischt werden. Dann ziehen sie sich zurück und verkaufen diesen erzwungenen Rückzug als Einsicht und heroische Leistung für die Umwelt. Die Welt, die vermeintlich um sie herum existiert, während sie doch wie alle, ein Teil dieser Welt sind. Was Du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf Morgen. Nein, besser auf 2030, 2035 oder 2045. Im alltäglichen Leben würde man sagen: „Ich versuche es so schnell wie möglich zu erledigen, wann ich es schaffe, kann ich noch nicht genau sagen, aber bei der Dringlichkeit – in Kürze!“

Die Wissenschaftler sagen, wenn wir heute anfingen, dauerte es noch 80 Jahre, bis zu den ersten merklichen Erfolgen, bis dahin folgt eine Katastrophe nach der anderen. Manch einer macht keinen Hehl daraus, dass sie die Karre in den Dreck gefahren haben. Nun soll ich vertrauen, dass sie mich vor den Folgen ihrer Fehler beschützen. Fehler? Ist Gier nach Macht und Geld ein Fehler? Warum sollte ich nach all den Jahren noch irgendetwas glauben? Seit Jahrzehnten bauen sie an einer Kirche für den Mammon. Nicht einmal vor den Kindern haben sie Halt gemacht. Aber wie sagte einst der Führer der Deutschen: „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft!“ Schnell raus aus der Schule, in eine Universität, die zur Berufsschule degradiert wurde, die ersten Schulden machen und von da an zum Abzahlen verdammt. Sie nennen es Anreize schaffen, ich sehe Maulesel, die ans Mühlrad gespannt der Mohrrübe folgen.

Geld denkt nicht, Geld fühlt nicht, Computer führen Programme aus, sie kennen weder Gnade, Mitgefühl, noch das Bedürfnis zu leben, sie existieren. Und doch sollen wir ihnen alles an anvertrauen. Sie sollen entscheiden, wer unterstützt wird, wer und woran forschen soll. Mit elektronischer Eiseskälte sollen sie allein dem Prinzip des größten möglichen Profits folgend Geld investieren. Nicht mehr die Lebewesen stehen auf Platz 1, sondern das Geld und der Profit.

Einst träumten die Erfinder von einer Welt, in der Maschinen die Menschen von der Arbeit befreien. Zuvor hatten sie selbst eine Welt erschaffen, in der sich die Arbeiter zum Wohle weniger an den Maschinen zu Tode schindeten. Ohne es zu Wissen setzten sie den Anfang vom Ende. Ich lebe in einem Land, in der nunmehr die erste vollständig von Technologie abhängige Generation lebt. Schaltet jemand denen den Strom ab oder reduziert ihnen die Brennstoffe, fallen sie auf das Level eines hilflosen Kleinkinds zurück. Ich habe sie in diesem Zustand erlebt und wie sie dem Spott der Bewohner vermeintlicher Schwellenländer ausgesetzt waren. Als purer Mensch, mit unseren angeborenen Fähigkeiten, ist der Hauptteil der jungen Generationen nicht mehr lebensfähig.

Ich lebe in einer Zeit der Illusionen. Sie gieren nach immer mehr Energie und reden den lieben langen Tag davon, wie sie noch mehr davon produzieren können. Sie setzen auf Technologien die immer weitere Anstrengungen abfordern. Der Kollaps ist absehbar. Ja, es gibt die Forschung an der Kernfusion, die mit derzeit noch offenen Ergebnis, eventuell in Jahrzehnten, die notwendige Energie liefern könnte. Doch zwischendurch kann ihnen das Ding auch noch um die Ohren fliegen. Denn immerhin kann noch niemand von einem Reaktor sprechen, sondern es handelt sich um Grundlagenforschung. Und selbst die Atomenergie ist nicht in der Lage den immer mehr steigenden Hunger zu stillen, und da sind die anderen zur Neige gehenden Ressourcen noch nicht impliziert.

Meine Zeit steht vor einer Frage, deren Antwort in weiten Teilen der Welt vermieden wird. Mensch, kannst Du und darfst Du so weitermachen, wie bisher? Ich bin der festen Überzeugung, dass die Antwort lautet: Nein! Wir müssen die Erde, den Heimatplaneten als etwas verstehen, dessen Lebenssystem nur funktioniert, wenn alle Lebewesen berücksichtigt werden. Der Mensch ist nicht die Zentrale, sondern ein Teil des gesamten Systems, so wie auch alles andere ein Teil davon ist.

Menschen, die ohne Ratio und Kontrolle unterwegs sind, machen immer genau die Sachen, die sie können und was zugelassen wird. Theoretisch könnte die Ratio siegen und eine Selbstkontrolle übernehmen. Zumindest existiert die Fähigkeit dazu. Auch meine Ratio versagt immer mal wieder und dann steigt die Wut in mir auf. Bei mir im Garten steht ein Schrein mit einem goldenen Buddha. Seine Lehre geht weit über die Erde hinaus und sieht auch das Lebenssystem auf der Erde nur als einen Teil des Universums. Was passiert ist Teil eines komplexen auf Wechselwirkungen basierenden Prozesses und muss vermutlich aus irgendeinem Grund geschehen. Diese Erkenntnis holt mich wieder zurück und lässt mich den Anblick des Leidens ertragen. Aber eins lass ich mir trotzdem nicht nehmen: Das Gebaren diverser Zeitgenossen erfüllt mich mit tiefer Verachtung. Dennoch bin ich dankbar. Denn ihr Verhalten zeigt mir, wie ich nicht sein will. Auch das ist Teil der Lehre, die da bei mir im Garten ihren Platz gefunden hat. Erst wenn ich die andere Seite gesehen habe, erkenne ich meine, so wie ich Licht erst verstehen kann, wenn ich die Dunkelheit kenne. All diese Typen stecken auch in mir, aber ich muss ihnen nicht nachgeben.

Kommentar verfassen