Das ewige Thema Impfen

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Lesedauer 12 Minuten

Vorweg oute ich mich. Zum Beginn der 90er Jahre drohte ich zum Impfskeptiker zu werden. Damals als junger Vater stand ich unter dem Einfluss von Homöopathen und wollte für meine Kinder, wie alle anderen jungen unerfahrenen Eltern nichts Falsches machen. Erst wollte ich es nur jemanden recht machen, später keimte kurz, aber immerhin, in mir die Saat. Seither weiß ich, wie schnell das gehen kann. Und es war noch alles ohne Digitalisierung und Internet. Obwohl ich feststelle, dass mir der Stuss, welcher auf den Telegram – Kanälen verbreitet wird, wahrscheinlich frühzeitig die Augen geöffnet hätte. Ich betone, dass ich zu dieser Zeit bereits ein Abitur besaß, mit Esoterik überhaupt nichts am Hut hatte und selbst komplett durchgeimpft war.
Von Impfschäden wusste ich bereits vor der Geburt der Kinder. In der Grundschule erwischte es einen Mitschüler, der nach der Polio – Impfung auf den Stand eines Dreijährigen zurückfiel und dort sein Leben lang bleiben wird. Aber genauso hatte ich in den 70ern die Auswirkungen der Kinderlähmung gesehen. Ich denke niemanden aus meiner Generation der in den 60ern Geborenen sind die Kinder mit den Gestellen und Lähmungen entgangen.

Die Homöopathie und alles, was damit zusammenhängt, Impfkritik, Bachblüten, Steiner, die Anthroposophie, das Milieu der Esoteriker/innen begegneten mir dann mit Ende Zwanzig. Die meisten Menschen, die ich in diesem Zusammenhang kennenlernte, wirkten auf mich im Grunde genommen tief verunsichert und ängstlich. Eine Angst, die sich nicht auf etwas Konkretes bezieht, sondern sehr diffus ist. Oftmals stecken hinter allem Mängel bei der Bewertung von Lebensrisiken. Rückblickend stelle ich nebenbei fest, dass die ganze Szenerie von vielen Frauen geprägt wurde, die merkwürdigerweise männlichen Führungspersonen folgten. Die Gurus der Szene, waren durch die Bank Männer, welche mit allem ziemlich gutes Geld verdienten.
Aber das am Rand bemerkt. Ich war von Anfang an nicht sonderlich ängstlich und hörte mir das ganze Gerede der Ärzte und einigen selbsternannten Fachleuten für Kinder, über gefährliche Bakterien und diesen ganzen Zeugs skeptisch aber unbesorgt an. Mein Tipp an junge Eltern: lest keine Bücher oder Artikel über den korrekten Umgang mit Kleinkindern. Solltet ihr eine Einweisung benötigen, schnappt Euch in einer Hochhaussiedlung am Rande der Stadt eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern. Sie wird Euch alles Notwendige sagen. Diese kleinen halslosen Monster sind von Natur aus gegen Schmutz und Bakterien widerstandsfähiger, als man denken mag. Spätestens, wenn sie auf dem Kinderspielplatz mit einer Hundewurst vor einem stehen und das berühmte: „“meckt nich … bah!“ sagen, ist es Zeit das Hygienekonzept aus den Büchern zu überdenken.
Dies gilt nicht bei ernstzunehmenden von Viren verursachten Krankheiten wie z.B. die Masern, Polio, Röteln. Ja, sie können unauffällig verlaufen, aber das Restrisiko ist mir ursprünglich zu hoch gewesen. Ich wusste noch nicht viel über Psychologie. Heute weiß ich, dass Menschen ein aktives Handeln riskanter erscheint, denn ein passives Unterlassen. Ist aber eine klare Fehleinschätzung, die der Verteidigungsstrategie eines Igels bei einem herannahenden Auto entspricht.

Ich könnte mir heute noch selbst eine verpassen, weil ich entgegengesetzt zu meinen Instinkten handelte. Meine Kinder hatten Glück, dennoch hätte die Nummer anders ausgehen können. Mit einer Erkrankung trotz Impfung hätte ich leben können. Wenn man nach besten Gewissen handelt und sich am Wissen der Zeit orientiert, hat man wenig andere Optionen. Nach dem eigenen Ermessen, also dem eines Laien oder einiger Küchengelehrter zu entscheiden, führt in die persönliche Hölle.

Ein Leben ohne Gefahren und der damit einhergehenden Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten, die Hinnahme von Restrisiken und auch ein Vertrauen ins Leben, ist nicht möglich. Die menschliche Psyche, das Großhirn, hat unterschiedliche Taktiken beim Umgang damit entwickelt. Manche haben eine göttliche Instanz, die die Geschicke lenkt und vor allem Schutz bietet ins Leben eingebaut. Andere vertrauen in die medizinische Entwicklung und unterteilen zwischen unbedeutenden Krankheiten, ernsthaften, aber mit der modernen Medizin behandelbaren und wirklich ernsthaften Problemen, bei denen es um alles oder nichts geht. Wieder andere senken den Kopf, preschen durchs Leben und finden sich mit der Endlichkeit ab. Ich denke, man darf Männern, auch ohne sofort zum Chauvinisten abgestempelt zu werden, eine höhere Risikobereitschaft unterstellen. Vielleicht liegt da der Grund für die hohe Zahl der Vertreterinnen in der Homöopathie. Wie auch immer, unter dem Strich geht es immer darum, wie die/der Einzelne mit diesen zentralen Themen Leben, den Zerfall, die Endlichkeit und begleitende Krankheiten umgeht.

Krankheiten gehören zum Leben und dem natürlichen Lebenssystem Erde.

Solange der Mensch existiert, hat er versucht Möglichkeiten der Linderung, Behandlung und Heilung zu finden. Je mehr die Menschen in Siedlungen zusammenrückten, desto mehr stiegen die Wahrscheinlichkeit für die Ausbreitungen von Seuchen. Die Medizin erlebte ihre Höhen, gefolgt von Tiefen, bis sich Wissenschaftler bei der Forschung auf Standards einigten und es steil nach oben ging. Homöopathie und Esoterik wird häufig mit Heilpraktik zusammengeworfen. Historisch gesehen waren die ersten Heilpraktikerinnen die Hebammen. Über die Geburtsvorgänge hinaus kannten sie sich mit dem Körper aus und verfügten über ein untereinander verbreitetes Wissen bezüglich der Wirksamkeit von Heilkräutern. Die Ärzte waren eher eine Gefahr, denn hilfreich. Zu Zeiten des Begründers der Homöopathie, Samuel Hahnemann, stiegen die Überlebenschancen, wenn man keinen Arzt konsultierte. Darin bestand das ganze Geheimnis. Der Mann verzichtete auf die üblichen tödlichen Experimente seiner Zunftgenossen und verabreichte harmlose wirkungslose Wässerchen. Deshalb starben bei ihm weniger Leute und deren Körper bekamen die Chance sich ohne Aderlass, Arsen und Schnippeleien an den falschen Stellen zu erholen. Mit seinen Wässerchen hatte dies nichts zu tun.

Nach den finsteren Zeiten befreite die Medizin den Menschen von vielen Krankheiten und verlängert die Lebenserwartung, zumindest in den Regionen mit Wohlstand stetig. Das hat viele neue Fragen aufgeworfen. Organspenden, Intensivmedizin, Genetische Eingriffe, Lebenserhalt mit Maschinen und Sterbehilfe. Mittlerweile geht es so weit, dass ich mich aktiv gegen eine Transplantation entscheiden muss, anstatt eine Zustimmung auszufüllen. Ein ähnliches Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass u.U. nicht mehr die Natur über meinen Tod entscheidet, sondern diejenigen, welche den Stecker an den Geräten ziehen.

Bei alledem geht es begleitend um Freiheit, Verantwortung, Spiritualität und bekanntlich leider auch immer wieder um Geld. In vielen Regionen der Erde entscheidet immer noch die Natur und die Notwendigkeit das Leben des Körpers mittels Abschalten von Lebenserhaltungsmaschinen zu beenden entfällt. Schlicht, weil es keine Krankenhäuser mit passender Ausstattung gibt. Segen oder Fluch? Aber es geht für mich bei den deutlich niederen Schwellen los. Warum übergeben Gesellschaften manchen Zeitgenossen das Recht über die Einnahme von Drogen entscheiden zu dürfen oder gar manche für die Einnahme bestrafen zu können? Freiheit? Weil sich eine oder einer damit schädigt? Da gäbe es diverse andere Dinge, die nicht verboten sind, ganz im Gegenteil, eher erwünscht sind. Niemand verbietet gesundheitsschädigende Berufe oder Mixturen, die zwar die Bezeichnung Nahrungsmittel bekommen, davon aber weit entfernt sind. Niemand verbietet übermäßigen Sport oder die Völlerei. Wen interessieren ernsthaft die Unmengen an Antibiotika, welche resistente Keime zur Folge haben?

Das Prinzip Impfen überschreitet die Sphäre des Individuums

Impfen ist erst einmal eine Maßnahme, die unter bestimmten Voraussetzungen übertragbare Infektionskrankheiten bekämpfen kann. Eine Aussage, bei der bereits einige mir bekannte Skeptiker und Gegner nicht mehr mitgehen. Doch das stelle ich einen Augenblick zurück. Infektionskrankheit impliziert zunächst, dass sie sich nicht mehr nur in meinem Privaten abspielt. Meine Entscheidungen wirken über meine Person weit hinaus. Mich würde mal interessieren, wie viele damit leben müssen, dass ihre Kinder nach einer dieser Masernparties schwere Folgen davon trugen. Nicht impfen zu lassen, weil man hofft, am Thema vorbeizukommen ist eins, aber das Kind bewusst einer Infektion auszusetzen ist schlicht Körperverletzung.

Gut, grundsätzlich haben Entscheidungen immer weitergehende Folgen, aber meistens nicht so deutlich sichtbar. Damit befinde ich mich in einer Verantwortung gegenüber einer unbestimmten Anzahl von Personen. Die Industrialisierung hat mit sich gebracht, dass sich die Leute trotz Infektionskrankheiten zur Arbeit schleppten. Was sollten sie machen? Ohne Arbeit wäre die Alternative Verhungern gewesen. In Deutschland folgten nach dem Zweiten Weltkrieg die Durchhalteparolen, die dummerweise mindestens eine Generation weiter vererbt wurden. Deutsche sind stolz darauf, wenn sie sich heroisch zur Arbeit schleppen und damit die halbe Belegschaft anstecken. In den Schwellenländern herrschen noch die alten Verhältnisse. Als die indische Regierung in der Pandemie Gebiete abriegelte, kam es zu tausenden Tragödien, weil die Wanderarbeiter nicht mehr zu ihren Familien zurückkehren konnten. Deren Abwägungen kann ich nachvollziehen. Am Virus zu sterben ist nicht sicher. Ihr Leben, ist im Angesicht von immer mal wieder ausbrechenden Pest – Epidemien, Lepra, AIDS, Cholera ohnehin gefährlich. Hingegen ist der Hungertod eine reale unmittelbare Gefahr. Aber was haben Deutsche mit dieser Lebensrealität zu tun?

Im Zusammenhang mit einer weltweiten Anstrengung gelang es eine große Geißel der Menschheit, die Pocken, auszurotten. Pest, Cholera, Blattern, Lepra, Typhus, gibt es immer noch, aber nicht mehr im alten Ausmaß. Impfen ist teilweise eine taktische Entscheidung. Ich weiß, dass die Wirksamkeit von der Anzahl der Geimpften Personen abhängt. Je mehr Leute sich dafür entscheiden und tatsächlich geimpft sind, desto höher wird die Sicherheit gar nicht oder leicht zu erkranken. Alle werden nie geimpft werden können, da dies bei einer gewissen Anzahl an Personen medizinisch nicht möglich ist und weltweit betrachtet, nicht alle erreicht werden können. De facto verhält sich eine Person, bei der eine sehr minimale Wahrscheinlichkeit eines Impfschadens besteht und einen Zugang zu Impfstoff hat, dem Rest der Weltbevölkerung, bei dem dies anders aussieht asozial. Ich weiß, dies ist ein böses Wort. Doch genau genommen ist es lediglich das dialektische Gegenteil von sozial, also auf die Gemeinschaft abgestimmtes Verhalten.

Wer mit Homöopathen und Esoterikern zu tun hat, wird schnell merken, dass viele von ihnen mit solchen Betrachtungen ein Problem haben. Sie wollen sich keinesfalls bewusst asozial verhalten. Grundsätzlich gilt, dass es Teil der menschlichen Freiheit ist, meine eigenen Belange und des nahen Umfelds für wichtiger zu erachten, als die der Gemeinschaft, des Staats oder des Volks. Ein körperlicher Eingriff berührt selbstverständlich die persönlichen Belange. Besonders, wenn sie Eltern sind, stellen sie sich zu recht die Frage, welche Auswirkungen ihr Verhalten auf Kinder hat, die noch keine Entscheidungen treffen können. Was richtet ein Medikament im Körper eines Kindes an? Im Idealfall wird es gesund, aber man hat auch schon Fällen gehört, in denen es schiefging. Wie soll man dann damit leben? Eine äußerst wichtige Frage! Von Gott hat es so entschieden, Schicksal, Fatalismus bis hin zur lebenslangen Selbstkasteiung oder Hass auf alles, was mit Medizin zu tun hat, ist da eine Menge möglich. Das ist nur lösbar, wenn ich eine Risikobewertung vornehme. Wie gut und beruhigend, wenn mir dies scheinbar abgenommen wird. Im Glauben der Homöopathen und anderer Esoteriker sind die jeweils favorisierten Methoden geeignet, vor der Krankheit zu schützen oder wenigstens einen schwachen Ablauf zu ermöglichen. Alles ohne Nebenwirkungen und dem Risiko eines Impfschadens. Das dicke Ende kommt später. Nämlich, wenn die Krankheit dennoch ausbricht und einen schweren Verlauf nimmt. Doch soweit denken die wenigsten. Im Übrigen kann man sich dann immer noch darauf zurückziehen, dass das mit Impfung auch passiert wäre. Wer soll den Gegenbeweis antreten? Manche praktizierende Homöopathen/innen finden noch einen ganz anderen Weg. Sie behandeln die Impfung begleitend. Damit suggerieren sie, dass die möglichen Schäden dank der Homöopathie verhindert werden. Immerhin hatten die Jünger der Homöopathie 200 Jahre Zeit eine nahezu alles abwehrende Rhetorik aufzubauen.

Im Gegensatz zu anderen Regionen auf der Erde gibt es bei uns die Möglichkeit darüber nachzudenken, Veröffentlichungen zu lesen, den Luxus sich anderen Behandlungsmethoden zuzuwenden, sich zwischen diversen Ärzten zu entscheiden, mit Geld alternative Wege zu gehen. In den Schwellenländern gibt es all dieser Überlegungen, Abwägungen nicht, jedenfalls nicht, solange nicht die Organisation „Homöopathen ohne Grenzen“ auftaucht. Ein Truppe, die den Beweis antritt, dass das Ganze nicht so ungefährlich ist, wie immer behauptet wird. Sie tauchen auch in Gebieten auf, in denen entweder Seuchen bereits grassieren oder möglicherweise auszubrechen drohen, um dann dort mit ihren Globulis um sich zu werfen.

Fluch oder Segen?

Es ist ein Dilemma! Die Befürworter und die Mehrheit der Wissenschaftler behaupten, dass die Impfung das Beste ist, was getan werden kann, gleichzeitig existiert ein riesiger Markt mit Literatur, Medien, Internetseiten, die anderes behaupten. Mich beschleicht der Verdacht, heutzutage muss sich überall eine Gegenbewegung bilden. Leute die behaupten, dass die Erde eine Scheibe wäre, einen Klimawandel gibt es nicht und wenn doch, dann hat der nichts mit dem Menschen zu tun. Dabei scheint denen nicht aufzufallen, dass sie jeden Tag für die Verbreitung ihrer kruden Theorien auf die Wissenschaft zurückgreifen. Elektrizität, Halbleitertechnik, komplizierte technische Komponenten, Atom – Strom, Funkwellenausbreitung usw. sind immerhin die Grundlagen, ohne die es ein Internet, Smartphones, nicht gäbe. Doch ich habe im Leben leidvoll gelernt, dass diese Menschen mit logischen Überlegungen nicht belastet werden wollen. Im Zweifel erfolgt der Gesprächsabbruch mit: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich der Mensch nicht erklären kann.“
Vollständig heißt es bei Shakespeare: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen lässt.” *Hamlet. Ich gehe davon aus, dass 400 Jahre später durchaus eine ganze Menge erklärt werden kann.

Der Umstand, dass es sich bei den Verfassern und publizierenden Personen teilweise um Mediziner, Hochschulabsolventen, Akademiker oder vom Glauben abgefallene renommierte ehemalige Befürworter handelt, macht es nicht einfacher. Ergänzt wird alles von propagandistischer Desinformation und den üblichen Skrupellosen, die an allem Geld verdienen. Im Milieu kursieren Geschichten, in denen von Jenner, einem der ersten Forscher auf dem Gebiet, behauptet wird, dass er zum Ende seines Lebens alles anzweifelte. Andere beziehen sich auf Lungenärzte, die Angehörige verloren und deshalb zu Kritikern wurden. (Ich will mit Namensnennungen keinen Vorschub leisten.) Wie gesagt: Wer viel Zeit hat, kann sich jahrelang mit Literatur auseinandersetzen, selbst die Statistiken analysieren und sich damit ein Medizinstudium angedeihen lassen. Zu allem kommen praktizierende Ärzte/Ärztinnen hinzu, in Deutschland traditionell mit einem „göttlichen Status“ ausgestattet, die durch ihren Beruf ganz eigenen psychologischen Belastungen ausgesetzt sind und ebenfalls an der Diskussion teilnehmen. Damals hatte ich davon einige im Bekanntenkreis. Für mich kann ich feststellen, dass sie mir unfreiwillig in meiner eigenen Entwicklung halfen. Menschen bleiben Menschen mit einem Großhirn, welches die eingehenden Informationen der Sinne verarbeitet und dabei Erfahrungen, unbewusste Einflüsse, Lebensumstände, erworbene Denkstrukturen/Denkmuster, in jedem menschlichen Gehirn vorhandene Denkfehler, einbezieht. Sich mit der Physiologie eines Menschen auszukennen ist nicht alles. Einen großen Teil macht die Psychologie, weniger die der anderen Menschen, sondern die eigene aus. Noch, also ohne eine Impfpflicht, wie sie einst bei den Pocken bestand, besteht die freie Wahl. Aber auf Basis welcher tragfähigen Informationen.

Woran soll oder ich mich orientieren? Wem oder was kann ich vertrauen?

Man gebe mir fünf Bücher über Quantenphysik mit unterschiedlichen Ansätzen in Grenzfragen! Ich werde sie lesen und nach jedem Buch sagen: Jedes ist in sich schlüssig. Quantenphysik ist ziemlich hoch gegriffen. Drei eher populäre Abhandlungen über Philosophie genügen völlig. Innerhalb des komplexen modernen Lebens komme ich nicht daran vorbei, Vertrauen zu entwickeln.

Grundsätzlich lebe ich nach dem Motto: Ich kann bei Menschen darauf vertrauen, dass sie alles tun, wozu sie fähig sind, was ihnen einen Vorteil verschafft und zugelassen wird. Vorteil klingt negativ, ist von mir aber nicht so gemeint. Der Vorteil kann darin bestehen, dass sich mein Gegenüber besser fühlt.

Meiner Erfahrung nach der Hauptgrund für menschliches Verhalten. Leider ist es häufig schwierig herauszufinden, womit sich eine/r besser fühlt. Geht es um Anerkennung? Befriedigung der Bedürfnisse, die allen sozial lebenden Wesen eigen sind? Geld? Status? Macht? Identität? Befriedigung des Narzissmus? Kompensation? Warum wird eine/r Mediziner? Forscher? Was hat er/sie davon ein Buch zu schreiben? Warum der Gang in die Öffentlichkeit? Welche Intention steckt dahinter, wenn eine/r sich vehement gegen den herrschenden wissenschaftlichen Grundkonsens stellt? Auf höherer Ebene über Grenzfragen und neue Forschungsgebiete zu diskutieren ist davon ausgenommen, weil dies zur Vorgehensweise in der Wissenschaft gehört.

Ich bin Wissenschaftlern wie Harald Lesch oder Mark Benecke dankbar. Nur wenn jemand etwas wirklich verstanden hat, ist es ihr/ihm möglich dies für weniger sich im Thema befindliche Personen zu erläutern. Er und ein paar andere machen deutlich, was mittlerweile bestehendes Grundwissen ist und wo in der Wissenschaft noch Uneinigkeit besteht, innerhalb derer sich die Forscher nach guter alter Tradition empor irren. Spätestens wenn von jemanden gesichertes Wissen infrage gestellt wird, sollten Zuhörer skeptisch werden. Ein weiterer Grund nachdenklich zu werden sind schlüssige Ausführungen, die mir aufzeigen, was für ein merkwürdiges Zeug einige von sich geben.

Das Auch ich hatte damals die Wahl. Das Erste, was mich hellhörig werden ließ, war die Inkonsequenz. Mir wurde aus dem Kreis der Impfgegner und Homöopathen gesagt, dass es Krankheiten gäbe, bei denen ein Impfung eventuell angesagt wäre und bei anderen wiederum nicht. Die setzten also auf die Seltenheit bzw. schweren Verlauf der Krankheit, welche damit das Verhältnis nachteilig zum Risiko eines Impfschadens veränderte. Impfgegner sind große Zahlenjongleure. Bei Polio zeigen nur so und so viel Prozent Symptome, noch geringer fällt die Zahl der temporären und der dauerhaften Schäden aus, usw., usw. Immer ausgespart wird die Weitergabe der Krankheit und die Verhinderung lokaler Epidemien. Bei Tetanus verlieren sie fast alle die Nerven. Spätestens im Krankenhaus auf der I. Hilfe – Station stimmen sie klammheimlich der Spritze zu. Womit aber klar ist, dass es nicht um das Prinzip des Impfens geht.

Impfplicht als Weg?

Das Vertrauen in Institutionen aller Art ist bei großen Teilen der Bevölkerung nicht mehr vorhanden. Vieles wurde von denen selbst zerstört und was noch übrig blieb, übernahmen die Aasgeier, welche aus unterschiedlichen Motiven heraus ihrerseits ein Angebot unterbreiten wollen. Menschenfänger! Religionen, Sekten, Gurus, Zweifelhafte Gruppen. Kann eine Pflicht das Problem lösen? Auf jeden Fall ist sie eine Kapitulationserklärung. Es war augenscheinlich nicht möglich, alle mit Argumenten und Vertrauen zu überzeugen. Einmal hat sie funktioniert: bei den Pocken! Doch das war eine Zeit, in der nicht lange gefragt wurde. Es gab auch kaum Widerspruch. In den Wohlstandsgesellschaften haben sich die Zustände deutlich verändert. Allein das Verhältnis zur Gemeinschaft, die Bereitschaft für diese zu Handeln versus einer Teilnahmslosigkeit, ist anders geartet. Und was soll eine Pflicht bringen, wenn in diversen Nachbarländern und interkontinental andere Konzepte gefahren werden?

Die Pandemie ist wieder einmal eins dieser Ereignisse, die zeigen, wie es bei uns wirklich aussieht. Autoritäre Staaten fackeln nicht lange und ziehen ihre Bekämpfungsmaßnahmen durch. Wir, gesegnet mit Freiheit und Demokratie, müssen durch einen Überzeugungsprozess. Doch wovon müssen die Leute eigentlich überzeugt werden? Wie viele Leute sich dem Milieu zuordnen, die die Existenz eines Virus anzweifeln, die Pandemie in einen Zyklus aus verschiedenen Mythen einordnen, dürfte schwer einschätzbar sein. Aber sie stellen keine ernsthaft relevante gesellschaftliche Gruppe. Die Gegner von einer Impflicht und Verweigerer dürften deutlich mehr sein. Die gab es bereits lange vor der Pandemie und die Lobby der Homöopathie ist nicht zu verachten. Große Verlage können regelmäßig nicht der Versuchung widerstehen mit Werbung für Scharlatanerie aller Art Geld zu verdienen. Das beginnt mit der Nahrungsmittelergänzungsindustrie und setzt sich in die Homöopathie fort. Problematisch ist dabei, wem die Menschen in die Arme getrieben werden. Aber so ist es nun einmal in einer freien Gesellschaft. Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Mich persönlich müsste man vom Zynismus wegbringen. Es ist schrecklich für all die Unschuldigen, Gebrechlichen und bereits mit Vorerkrankungen belasteten Menschen. Ebenso übel für diejenigen, die besonders heftig auf den Virus reagieren. Man kann nur hoffen, dass bei den meisten Geimpften ein glimpflicher Verlauf stattfindet. Dennoch kann ich nicht darüber hinwegsehen, dass ich in einer von Dekadenz, Wohlstand, Kapitalismus, Egozentrik, geleiteten Gesellschaft lebe. Engagierte schlaue Leute haben sich lange die Mühe gegeben, die Mehrheit aufzuklären. Pflegekräfte haben alles gegeben, was ihnen möglich war. Krankenhausleitungen haben die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und betrügerisch Geld eingefahren. Politiker der CDU konnten es wie üblich nicht lassen und füllten sich die Taschen. Womit sie dem Ansehen des Parlaments einen unüberschaubaren Schaden zufügten. In Talkshows tauchten Politiker und Selbstdarsteller auf, die beinahe bockig wie kleine Kinder gegen die Engagierten wetterten, einfach nur um Dagegen zu sein. Das sogenannte Establishment hat auf der gesamten Breite versagt. Das Gesundheitssystem hat alle Masken fallen lassen und gezeigt, worum es wirklich geht. Der Patient als Zahl in der Buchhaltung. Erst kürzlich stürzte nach einer Bein – OP der an Alzheimer erkrankte Vater eines Bekannten und brach sich, weil er ohne Beobachtung erwachte, die Schulter. Dem arbeitenden Personal ist kein Vorwurf zu machen, den Verantwortlichen für den Personalschlüssel durchaus. Ich habe mich daran gewöhnt, dass man in diesem Land alles sein darf, nur nicht alt, krank, gebrechlich und unvermögend, dann kannst Du Dir die Karten legen und solltest, solange Du noch kannst, über ein selbstbestimmtes würdiges Ende nachdenken. Die Pandemie ist noch längst nicht vorbei.

Impfen gibt keine Garantie, aber es wäre einen Versuch wert. Doch den mit Leuten angehen, die den Luxus einer Impfung ablehnen, während sie in ärmeren Ländern gerne würden, aber nicht können? Ein Versuch, der weltweit angegangen werden muss? Wie passt da die Blockade der Deutschen bei den Impfpatenten?

Was sagt Herr Spahn dazu? Es liegt nicht an den Patenten, sondern am Technologietransfer und man müsse die Rechte der Wissenschaftler schützen. Alles klar! Es geht um Geld und den Schutz der technischen Entwicklungen, mit denen die sich unabhängig machen könnten. Aber wie will man eine Pandemie unter Kontrolle bekommen, wenn man nicht alle Staaten einbezieht? Und was sagt mir das zu einem ganz anderem Thema, dem Klimawandel? Die Paladine der Deutschen Wirtschaft verrichten wieder treue nationale Dienste. Wie soll man unter diesen Voraussetzungen einen Sinn in einer Impfpflicht erkennen? Damit plädiere ich nicht gegen ein Impfen, beim besten Willen nicht. Aber vor dem Hintergrund all dieser Umstände und den Sauereien staatlicher Institutionen, haben diese die Legitimation eingebüßt, diese aufzuerlegen. Und wer eine Pandemie national angehen will, hat bei mir wahrlich jede Reputation verspielt.

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