Die bösen Anarchisten

Lesedauer 10 Minuten


Anarchie ist der Wunsch nach Herrschaftslosigkeit und auch der Wunsch, selber nicht zu herrschen.

Heinrich Böll

Anarchist steht in der populären Auseinandersetzung für Gewalt, Chaos, Kontrollverlust. Anarchisten sind quasi das personalisierte Böse. Dies war nicht immer so. Auf die anarchistischen Bewegungen (Individualisten, Anarcho – Syndikalisten, Plattformisten, christliche Anarchisten, Anarcho – Primitivisten, Libertäre, Linkslibertäre) gehen die Erfindung des Generalstreiks, die Errichtung von Volkshäusern, Volkstheatern, Selbsthilfeeinrichtungen von Arbeitern, Revolutionen und der Kampf gegen die unmenschliche Ausbeutung der Arbeiter während der Industrialisierung hervor. Der weltweite Blutzoll, ob nun in den USA, Südamerika (z.B. Revolution in Mexiko, Kampf gegen die Fruit Company), im Spanischen Bürgerkrieg, im Widerstand gegen die Faschisten, Stalinisten, Bolschewiki, u.v.m., war hoch. Große Persönlichkeiten gehören zur Bewegung. Camus, Chomsky, Bakunin, Mühsam, Dario Fo, Ginsberg, Emma Goldman, Proudhon, Stirner, B. Traven, Tolstoi, Oscar Wilde, um nur eine kleine Auswahl zu nehmen. Dichter, Denker, Revolutionäre, Philosophen, Autoren, Feministinnen, Aktivisten/innen.
Ich selbst hab es nur zu einem angeblichen Behörden – Anarchisten gebracht, weil mir ein Kriminaldirektor mangelndes Vertrauen in Vorgesetzte vorwarf, die von oben her mehr Überblick haben. Ich antwortete, dass dies die berühmte Geschichte mit dem Tellerrand wäre, manch einer aber soweit über den Tisch schwebt, dass ohne Fernglas der Teller nicht zu sehen ist und dann immer noch mit Mühe. Prompt bezeichnete er mich als gefährlich und subversiv. Ich halte dies für ein Lob.

Allerdings sehen sich auch immer wieder Leute als Anarchisten, die sich nicht an die weisen Worte des Friedensnobelpreisträgers Heinrich Böll halten. Sie wollen mittels Revolution die Herrschaftsverhältnisse austauschen. Ein Umstand der direkt in einen alten Streit mündet. Zum Beispiel werfen Marxisten, was auch immer man darunter verstehen mag, den Anarchisten vor, keinen Weg oder Plan für die Überwindung der bestehenden Verhältnisse zu haben. Für mich hat hierzu Saul D. Alinsky * immer noch die beste Antwort. Ihm nach ist es nur machbar, wenn man die breite Masse hinter sich bekommt und wenn schon nicht überall, dann doch wenigstens in regionalen Kommunen. Gewaltsame Revolutionen, insbesondere wenn sie nicht von großen Mehrheiten getragen werden, legitimieren letztlich Konterrevolutionäre zu gleichen Mitteln zu greifen. Und Steine werfende Straßenkämpfer verschrecken das Bürgertum wie eine Schafherde, sodass es in Richtung derer rennt, die Dienen und Herrschen für die einzig probate Lösung halten.


/*Bei irgendjemanden habe ich mal gelesen, dass er keinen gesellschaftskritischen Text für lesenswert hält, wenn nicht mindestens einmal Alinsky erwähnt wird. Hiermit habe ich den Soll erfüllt.


Alle Anarchisten sind vereint im Misstrauen gegenüber Herrschaft, Macht, Autorität, Hierarchie, Kapitalismus. Dies brachte und bringt ihnen keine Freunde, sondern oftmals Todfeinde ein. Endlos lang ist die Liste der Hingerichteten, in Gefängnissen gestorbenen, Gefolterten, bei Straßenkämpfen und Krieg von der Polizei, Faschisten, Stalinisten, Bolschewiken, Schlägertrupps von Konzernen, Milizen, erschossenen oder zu Tode geprügelten.

Das Schubladenmodell der Konservativen

Es ist mehr als absurd, wenn Anarchisten/innen egal welcher Ausrichtung mit Personen wie Lenin, Trotzky, Stalin, Ulbricht, Honecker in Verbindung gebracht werden, weil sie immer in unmittelbarer Feindschaft zueinander standen. Nicht einmal Marxisten und Anarchisten finden zueinander. Wobei bei Marx immer noch anzumerken ist, dass er sich noch zu Lebzeiten die Frage stellte, was denn ein Marxist sein soll. Während die einen lediglich die eine Herrschaft gegen die andere Herrschaft austauschen wollen, warnten Anarchisten immer davor, dass die erhaltene Macht der Herrschaft selbst aus dem engagiertesten Revolutionär einen Despoten werden lässt. Als die Sowjets zur Schau den russischen Anarchisten Kropotkin beerdigten, ließen sie ausschließlich für die Teilnahme tausende Anarchisten frei, die danach wieder ins Gefängnis mussten. Wieder einmal zeigt sich die wahre Funktion des Labels links für alles, was sich jenseits von rechts befindet. Aus der Sicht eines Anarchisten ist es eine zur Verteidigung der Herrschaft benutzte Vereinfachung. Wie formulierte es Hitler?

Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen auf die Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll.

Adolf Hitler

Seit einigen Jahren sind die Konservativen, angeführt von der CDU/CSU, FDP, wieder dazu übergegangen wieder die Erzählung vom linken Schreckgespenst zu bemühen. Dabei ist links einfach alles, was ihre ureigenste Überzeugung, nämlich die Notwendigkeit einer festen gesellschaftlichen Hierarchie, die Herrschafts – und Machtverhältnisse sichert, gefährdet. Menschen werden bei ihnen niemals von der Idee her gleichberechtigt sein. Das Individuum muss sich bei ihnen die Rechte, die Anerkennung, das Gewicht der Stimme erarbeiten. Paradoxerweise sind sie dabei gar nicht so weit von denen entfernt, die sich einst selbst zu „realen Sozialisten“ oder „Mehrheitler/russ. Bolschewiki, einer straff hierarchisch organisierten Kaderpartei, erklärten. Nun ja, in Moskau kann man bereits seit 30 Jahren in mehreren McDonalds – Filialen einen Burger bestellen. Gleichsam ist es auch die Erzählung aus den Anfängen der alten Demokratien, in der Reiche mehr Einfluss haben sollen, denn die Armen. (z.B. in der Verfassung der USA über die Ausgestaltung des Kongresses). Um all dieses herum ist eine feine und sehr wirksame Rhetorik gesponnen. Weist jemand in Deutschland auf wirtschaftliche Missverhältnisse bei der Verteilung hin, wird das Wort „Neid“ eingebracht. Neid ist negativ behaftet und soll zum Stillschweigen verdammen. Dabei geht es nicht um einen destruktiven Neid, sondern um einen tief im Menschen verankerten Gerechtigkeitssinn, den er mit allen Primaten gemeinsam hat.

Immer mal wieder kommt das Menschenbild zum Vorschein, in dem lediglich Anreize, die sich aus Unterschieden und Konkurrenz ergeben, den Menschen zum Handeln antreiben. Ein sehr armseliges und die eigene Spezies diskriminierendes Bild. Siedler, Sippen und viele andere Lebensmodelle haben das Streben nach einem gemeinsamen Handeln und Gestalten bewiesen. Erst wenn eine erhebliche Distanz zwischen Produktivität, dem Erzeugnis und vor allem den gewonnenen Nutzen, der heutzutage oftmals gänzlich ausbleibt, wird es schwierig. Allerdings muss manchen zugestanden werden, dass sie es niemals anders kennenlernten. Sie kennen Anerkennung, Identität, gegenseitige Hilfe, Zuneigung, Zufriedenheit ausschließlich als käufliche oder verkäufliche Produkte. Aber nur, weil sie es nicht kennen, ist damit nicht bewiesen, dass es nicht auch anders geht bzw. das von ihnen erlernte, eine Perversion des Lebens ist. Dennoch sind ihre Panikattacken verständlich, da sie aus ihrer Sicht glauben, alles zu verlieren.

Egal, welche der gängigen Gesellschaftssysteme betrachtet werden, immer geht es um Hierarchien mit Über – und Unterordnungsverhältnissen. Und diejenigen welche die Macht innehaben, werden alles dran setzen, diese zu behalten. Im Artikel 20, Absatz 2 des Grundgesetzes steht geschrieben: „Alle Macht geht vom Volke aus!“. Wenn per Definition Volk die Gemeinschaft aller Personen auf dem Staatsgebiet der Bundesrepublik sind, klingt dies beinahe ein wenig nach Anarchie. Allerdings ist alles in ein System eingebettet innerhalb dessen wie auch immer erlangtes Geld zu Macht und Einfluss führt, was wiederum auf die Politik einwirkt und somit Herrschaftsverhältnisse herstellt.

Für mich ist das Reizvolle an anarchistischen Modellen die weit verbreitete Unfähigkeit jenseits von Hierarchien zu denken, so als ob feste Über – und Unterordnungsverhältnisse mit ungleicher Verteilung der aus einer Gemeinschaft hervorgegangenen Produkte ein feststehendes Naturgesetz wäre. Dabei gab und gibt es immer mal wieder funktionierende anarchistische Gemeinschaften. Allerdings auch welche, die scheiterten oder niemals über einen längeren Zeitraum eine Chance bekamen, weil sie von wütenden reaktionären Kräften zusammengeschossen wurden (siehe u.a. Pariser Commune, Münchner Räterepublik, Spanien in der Zeit vor und während des Bürgerkriegs)

Über andere Herrschen zu wollen, zu bestimmen, mehr zu besitzen, mehr zu verdienen, sind bewusste Entscheidungen, ebenso wie das Gegenteil. Gleiches gilt für die Unterordnung und dem Streben, ein System aufrechtzuerhalten, welches die Personen welche sich für Macht – und Herrschaftswillen favorisiert.

Ich unterscheide zwischen Führung, Leitung und Herrschen bzw. Macht. Führen bedeutet für mich andere Menschen zum Erfolg zu führen oder Wissen, Fähigkeiten, mehrerer Personen zu koordinieren. Dafür bedarf es keiner Machtmittel, einer höheren Stellung oder eines Mehrverdienstes, sondern eine natürliche menschliche Autorität und Kompetenz für das jeweilige Aufgabengebiet. Dafür bedarf es natürlich ein passendes Umfelds, einer geeigneten Kultur im Umgang miteinander. Hierbei ist es fraglich, ob Menschen hierzu sozialisiert werden müssen oder vielmehr ein Unterlassen der Austreibung eines angeborenen Sozial – und Konfliktlösungsverhaltens gefordert ist. Basierend auf der Behauptung, dass Menschen nicht anders können und ohne alles zum Stillstand käme, konzentrieren wir uns bisher auf Konkurrenz zueinander, Leistung, Kampf, Aufstieg und Status. Wirtschaft ist längst nicht mehr das Streben nach einem Auskommen und Sicherung des zum Leben Notwendigen, sondern alles ist auf einen Wettbewerb ausgerichtet. Noch einmal: Dies sind die Ergebnisse von Denkmodellen, in denen viel aus alten Zeiten eine Rolle spielt. Sei es die christliche – protestantische Forderung nach einem arbeitsamen gottgefälligen Menschen, ein längst überholter Sozial – Darwinismus oder wilde Theorien über die Leistungsfähigkeiten von Völkern und Rassen. Selbst die alten römischen und griechischen Philosophen, jedenfalls die, welche sich die Herrschenden der Neuzeit herausgriffen, sind dabei. Es ist auffällig, dass die meisten Satiriker, die Missstände der antiken Gesellschaften anprangerten, lediglich verkürzt und entstellt ins 19. Jahrhundert und folgend übernommen wurden. Mein Paradebeispiel ist hierfür immer Horaz mit „Carpe diem“, korrekt übersetzt „Pflücke den Tag“ und damit stark hedonistisch geprägt, während es eben nicht „Nutze den Tag“, im Sinne der Volksweise „Was Du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf Morgen“ bedeutet. Leuten, die seine Texte nicht kennen, empfehle ich in diesem Zusammenhang die Ausführungen des Römers Seneca über die Lebenszeit und wie sie bereits im alten Rom verschwendet wurde. Was er vor zweitausend Jahren beschrieb, ist erschreckend aktuell.

Selbstverständlich ist die Anarchie, mit all ihren unterschiedlichen Konstruktionen eine Utopie im klassischen Sinne. Also eine positive Annahme, wo es hingehen könnte. Nicht in einem modernen Verständnis von etwas Guten, aber nicht erreichbaren. Ich sehe die Geschichte als einen Entwicklungsprozess bei dem die Menschen dank eines Großhirns und der Möglichkeit zu überliefern bzw. zurückzuschauen von vorhergehenden Fehlentwicklungen lernen können. Dabei ist zu berücksichtigen, was als eine Fehlentwicklung betrachtet wird.
Manch einer schaut auf das Geschehen und kommt zum Ergebnis, dass es heute mehr Menschen gut geht, als noch vor 100 Jahren. Gut, und wie vielen geht es trotz eines größeren Wissens immer noch schlecht, leben quasi als Sklaven, verhungern, verdursten und sterben in Kriegen? Inwieweit ist das Aktuelle eine Momentaufnahme und welche Folgen sind realistisch bei der eingeschlagenen Richtung zu erwarten? (‚Aktuell leben auf der Erde 854 Millionen Unterernährte, denen 789 Millionen Fettleibige gegenüber stehen; interessanterweise hat die gleiche Zahl keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser. Quelle: https://www.worldometers.info/de/, laut Schätzungen leben ca. 40 Mio. Menschen in Sklavenartigen Lebensverhältnissen, Quelle: https://www.globalcitizen.org/de/content/these-5-countries-58-worlds-slaves/; im reichen Deutschland lebt laut Bertelsmann – Stiftung, jedes 5. Kind unter 18 Jahren in Armutsverhältnissen, insgesamt waren 2018 18,7 % der deutschen Bevölkerung von relativer Armut im Vergleich zu anderen Einkommen betroffen, gem. des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) besitzen 10 % der reichsten Deutschen 56 % des Gesamtvermögens, welches etwa bei 15 Billionen US – Dollar liegt (4. Platz in der Weltwirtschaft/ Zahlen 2019)

Ist es nicht unlogisch etwas für die Zukunft zu favorisieren, was mehrere Kriege, Elend, Verderben und einen Zustand des Planeten hervorgebracht hat, der eher beklagenswert ist, denn einen glücklich stimmen kann? Entbehrt es nicht einer gewissen Logik, etwas anzustreben, was Gerechtigkeit, friedliches und bewusstes Zusammenleben beinhaltet? Wer die herrschenden und auch die vorhergehenden Verhältnisse in der Sowjetunion, später Russland, China oder wegen meiner auch in der DDR für Kommunismus oder Sozialismus im Sinne des alten theoretischen Unterbaus und dahinterliegenden Ideen hält, ist ein Narr. Diktatur und Staatskapitalismus trifft es schon eher. Auf jeden Fall durch und durch organisierte Hierarchien mit allen negativen Begleiterscheinungen.

Wie man seinen Friseur nicht fragen sollte, ob man einen neuen Haarschnitt benötigt, ist es wenig ratsam, jemanden der aus einer Hierarchie Nutzen zieht, nach der Notwendigkeit ihrer Existenz zu fragen. Im aktuellen Wahlkampf erleben wir, wie Analysten stets davon sprechen, was die jeweiligen Kandidaten/innen tun müssen, um die Wahl zu gewinnen. Mir kommt es vor, als wenn Verkäufer gegenseitig beim Verkauf eines Produkts miteinander konkurrieren und der Gewinner hat am Ende glücklich gegen einen Verdienst sein Erzeugnis unter die Leute gebracht. Rein theoretisch könnte man erwarten, dass sich erwachsene Stellvertreter eine Aufgabenstellung ansehen, sich auf ein Ziel einigen und über die Wege zur Erfüllung diskutieren. Wohlgemerkt bedeutet diskutieren Argumente auszutauschen, sie gemeinsam zu bewerten und daraus zusammen eine Strategie zu entwickeln. Eben jene Vorgehensweise ist eine der Grundlagen jedes anarchistischen Modells. Hingegen meint eine Debatte, sich und seine Überzeugungen mit der Hoffnung auf den Zustrom möglichst vieler Anhänger darzustellen. Wenn in Deutschland das Wort Minderheitenregierung fällt, stehen regelmäßig alle Alarmlichter auf dem Status „Panik“.

Was wäre die Folge? Nun, die Minderheit müsste Überzeugungsarbeit leisten und die restlichen Parlamentarier dürften nicht wie bockige Kinder auf Standpunkten verharren. Ein alter Grundsatz besagt, dass man schon aus der Bedeutung des Wortes heraus nicht über Standpunkte diskutieren kann, sondern wie bereits erwähnt nur über die Vorgehensweise beim geplanten Erreichen eines Ziels. Im bestehenden System kommt kein Politiker daran vorbei, sich mit den Interessen derjenigen auseinanderzusetzen, die Profite einfahren und damit Vermögen begründen. Damit einher geht die Ansicht, dass nur diese Leute Arbeitsplätze und damit verbundenen Wohlstand schaffen können. Die Rechnung geht regelmäßig nicht auf. Konkurrenz und Wettbewerb erfordern die Reduzierung der Produktionskosten. Um dies zu verstehen, muss man nicht Volkswirtschaftslehre studiert haben. Die Fortschreitende Technisierung und Digitalisierung lässt physisch anwesende Arbeiter und Angestellte immer unrentabler.

Selbst das Argument, dass die Digitalisierung neue Arbeitsplätze erzeugt, zieht auf Dauer nicht, weil auch dieser Bedarf irgendwann gesättigt ist und vor allem ein internationales Ausweichen einfacher macht. Irgendwann ergibt sich daraus ein Dilemma, weil der Konsum im Binnenmarkt zurückgeht und auf Dauer, die anderen sich auch nicht den grenzenlosen Export gefallen lassen, der wiederum sie schädigt. Bei alledem ist noch nicht berücksichtigt, welche Folgen dies alles sonst noch nach sich zieht. So wie die Industrialisierung ihre Ressourcen und Rohstoffe forderte, tut dieses die Digitalisierung und die Umstellung der Energieerzeugung ebenfalls. Edelmetalle, Lithium, seltene Erden, übersteigen demnächst den Hunger nach Öl. Hinsichtlich des Zustands der Erde ein Fall vom Regen in die Traufe. Auch wenn sich alle den Prozess gegenseitig schön rechnen, in dem sie z.B. den Wasserverbrauch für ein Kilogramm Rindfleisch bei 15.500 Liter Wasser ansetzen, während eine langlebige Autobatterie bei ca. 80.000 Liter liegt. Ich würde mal als Laie behaupten, dass alles zusammen ein Gesamtproblem ergibt. Wieder einmal ein Prozess, der von den Profiteuren und nicht von den in der Hierarchie unten stehenden Betroffenen gesteuert werden wird. Egal, es soll mir nicht darum gehen, welche Folgen was haben wird, sondern darum, wer am ehesten von Vernunft und Verstand gesteuert an die Themen herangeht.

In Anbetracht des Umstands, dass in den vergangenen hundert Jahren zuverlässig militärische, boykottierende oder polizeiliche Interventionen stattfanden, wenn die Betroffenen ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen, scheinen deren Interessen nachrangig zu sein.

Man muss dabei gar nicht so weit in ferne Länder schauen. Die jüngere deutsche Geschichte bietet auch Beispiele. 1985 wurde seitens der CSU und der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) nach vorhergehenden 10 Fehlversuchen beschlossen, in der Oberpfalz/Wackersdorf eine Wiederaufbereitungsanlage zu errichten. Nach anfänglicher positiver Resonanz stolperten die Anwohner und Vertreter über ein Detail im Bauplan: Einen 200 Meter hohen Schornstein. Ihnen wurde erläutert, dass der für die breitflächige Verteilung der entstehenden giftigen und strahlenden Abbauprodukte da wäre. Damit hatte sich die Nummer für die Anwohner erledigt und die Geschichte nahm ihren Lauf. Der Bau sollte gegen den Protest der Bürger vorgenommen werden. Menschen, die sich niemals hätten vorstellen können, einmal mit der „Obrigkeit“ in Konflikt zu geraten, standen mit einem Mal im Tränengasnebel den Hundertschaften der Polizei gegenüber. Der damalige bayrische Innenminister Karl Hillermeier meinte dazu recht unbekümmert, dass rechtzeitig gewarnt wurde und man sich dort eben nicht aufzuhalten habe. 1989 endete für die Oberpfälzer der Kampf und das Problem wurde nach Frankreich/La Hague verlegt, wo man jahrelang radioaktive Rückstände ins Meer leitete und irgendwann einen signifikanten Anstieg der Leukämie – Fälle feststellte. Der Landrat Hans Schuierer sagte später: „Wackersdorf ist ein Muster- und Lehrbeispiel, was in einem Demokratie- und Rechtsstaat nicht passieren darf, aber es ist auch ein Musterbeispiel dafür, was in einer Demokratie möglich ist.“ Ich kann da wenig Demokratie erkennen. Demokratisch wäre die Akzeptanz der Entscheidung von gewählten Volksvertretern in der bayrischen Landesregierung gewesen, so wie es Hillermeier forderte. Immerhin wurde über mehrere Jahre versucht mittels massiver Staatsgewalt die Entscheidung durchzudrücken. Vor diesem Hintergrund ersehe ich die Bekundungen einiger Politiker F – J. Strauss als leuchtendes Vorbild zu sehen sehr skeptisch. Jedenfalls bewerte ich den Widerstand in Wackersdorf durchaus als einen anarchistischen Prozess.

Ganz nebenbei gründete sich in dieser Zeit auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizisten, die bis vor zehn Jahren immer wieder Missstände aufzeigten. Ich denke, manch ein Polizist, der sich „wütend“ über Ende Gelände, die Proteste um den Hambacher Forst, aufregt, sollte mal an einige Ereignisse in den 80ern denken und vor allem den nachfolgenden Verlauf berücksichtigen.

Wer als Politiker/in oder öffentlich wirksame Person, alles jenseits von rechts in eine große Kiste wirft und dämonisiert hat dafür in der Regel ihre/seine Gründe. Es ist die nackte Angst vor Machtverlust und die hat nach diversen psychologischen Studien hochgradige Folgen. Anarchie ist der größte anzunehmende Feind, was vieles rund ums Thema erklärt. Da nehmen sich alle, quer durch die gängigen politischen Weltbilder, nichts. Aber wie erwähnt, die Leute haben sich daran gewöhnt. Es wird für künftige Generationen schwierig werden eigenverantwortliche Mitstreiter zu finden, die gewillt sind mit viel Aufwand, Reden, Diskutieren, Überzeugungsarbeit, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Die an dem wenig Interesse haben, leisteten, so viel Respekt muss sein, jahrzehntelange erfolgreiche Arbeit.

Es bewahrheitet sich, was einige Philosophen, Autoren, Gesellschaftskritiker bereits in den ausgehenden 60ern kommen sahen. In der deutschen Politik wird den Wählern regelmäßig etwas versprochen, um mit einer Wählerstimme bezahlt zu werden. Wohlstand, Wachstum, Sicherheit, grenzenlose Freiheit, kurz um ein komplettes Sorglos – Paket. Parallel wurde seitens der Gesellschaft nahezu alles der staatlichen Verwaltung und Regulierung übergeben. Alles, was nicht irgendwo verboten ist, ist zulässig. Gewissen, Pflichten im Zusammenleben mit anderen, Eigenverantwortlichkeit, kommt dabei nicht vor. Zusätzlich ist alles zur Ware geworden. Seien es angeblich wichtige christliche Kulturgüter, Konfirmation, Ehe, Weihnachten, Ostern oder einfach Aufmerksamkeiten, Anerkennung menschlicher Größe, Ausdrücke von Sympathie.

Was dabei auf der Strecke blieb, ist der Mensch, welcher wirklich innere Freiheit fühlt und damit auch ein Gespür für die Freiheit anderer Lebewesen entwickelt, und sie genau aus diesem Grunde nicht beherrschen, benutzen, instrumentalisieren, will.

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