Autos und Fahrräder

city road street building
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Das Automobil hat sich in Deutschland zu einem Fetisch entwickelt, mit dem Politik gemacht wird. Was ist da passiert? Als Autos auf der Bildfläche erschienen, wurden sie von den Bürgern mit äußerster Skepsis betrachtet. Diese schlug sogar zeitweilig nach dem ersten tödlichen Unfall in Feindseligkeit um. Vorher gehörte die Stadt und die Bürgersteige dem Fußgänger. Von Anfang an war beim Automobil zu unterscheiden zwischen einer Maschine, mit der u.a. Gegenstände, Waren oder Stückgut transportiert werden können und einem Statussymbol, mit dem der Herr Fabrikbesitzer grüßend wie ein Sonnenkönig durch die Straßen fuhr. Recht schnell stellte sich heraus, dass man mit den Dingern Geld verdienen kann. Sehr viel Geld! Womit die üblichen Folgen eintraten. Millionäre, der Geldadel, schloss sich zusammen und initiierte eine gigantische Kampagne, der u.a. eine komplette Flotte elektrischer Straßenbahnen zum Opfer fiel.

Bisweilen überkommt einem der Eindruck, dass in den westlichen Industriestaaten eine Welt um das Automobil herum gebaut wurde. Ein Leben ohne ein Auto erscheint beinahe nicht mehr lebenswert bzw. nicht leistbar. Wie sollte man sonst zur Arbeit kommen? Wie die Einkäufe erledigen? Wie kommen die Kinder zur Schule? Allzu gern wird dabei übersehen, dass dies Folgewirkungen sind. Auf dem Land sind die zu Fuß erreichbaren Läden verschwunden. Betriebe sorgen nicht mehr dafür, dass ihre Arbeitnehmer in der Nähe wohnen können, sondern setzen auf Pendler. Kindern kann aus eher fadenscheinigen Gründen der Schulweg nicht zugemutet werden, paradoxerweise, u.a. weil sie überfahren werden könnten. Hinzu kommt, dass Autos grundsätzlich lediglich eine rein funktionale Ausstattung benötigen. Alles, was zum Fahren benötigt wird, einige Sicherheitsfunktionen, 100 km/h reichen zur Erfüllung der Aufgabe eines Fahrzeugs völlig aus und eine funktionale Ladeoption – fertig! Alles andere hat mit der Funktion eines Fahrzeugs nichts zu tun und kann somit als Luxus bezeichnet werden.

Wenn überhaupt können Automobile als ein notwendiges Übel bezeichnet werden, weil seit der Entwicklung entsprechende Fakten geschaffen wurden. Auch wenn man es nicht glauben mag, es soll auf der Erde bereits vor 1886 menschliches Leben gegeben haben. Dem Nutzen stehen Verpestung der Luft, die Tatsache, dass ausgediente Fahrzeuge Sondermüll sind, die Herstellung ökologische Schäden verursacht, sie unsachgemäß benutzt eine erhebliche Gefahr für andere Menschen und Lebewesen darstellen und für den Verkehr massiv ins Gelände, Flora und Fauna eingegriffen werden muss. Anders: Ein vernünftiger Mensch müsste theoretisch mit einem flauen Gefühl den Motor starten, aber sich in sein Schicksal fügen, weil er schlicht nicht anders kann. Doch diese Vernunft wird zuverlässig aus verschiedenen Richtungen ausgeschaltet.

In den Städten kommt ein neuer Trend auf. Es wird mit dem Finger auf Radfahrer gezeigt. Zunächst einmal wird moniert, dass diese die Frechheit besitzen, die Fahrbahn, den natürlichen Lebensraum des Automobils ebenfalls zu benutzen und so manchmal die Autofahrer auf 20 km/h herunter bremsen. Radfahrer haben gefälligst den Radweg zu benutzen. Dabei geht es aber nicht um Radwege, wie sie zum Beispiel in Holland existieren, sondern schmale Streifen, die oftmals in einem bedauerlichen Zustand sind. Nur allzu oft werden sie als freie Abstellfläche für Unrat, Baumaterial, kurzfristig abgestellte Autos zweckentfremdet. Mit einer gewissen Gelassenheit kann man darüber hinwegsehen. Städte werden von Verkehrslinien durchzogen und Fahrräder haben den Vorteil, dass im Zweifel die komplette Breite, von Häuserkante zu Häuserkante genutzt werden kann. Womit aber bei weniger gelassenen Zeitgenossen der Kragen platzt. Auch die verdammten Radfahrer haben sich an die StVO zu halten. Dabei schwingt eine subjektiv empfundene Ungerechtigkeit mit, weil die Autofahrer oftmals in Konflikt mit der Rennleitung in Gestalt des Ordnungsamts oder Polizei kommt. Ich halte an dieser Stelle mal fest: Nutzer von Automobilen, die mit ihrem Verbrennungsmotor oder neuerdings mit E – Antrieb (Wie schädlich die aufgrund ihrer Akkus sind, lasse ich mal offen.), der Allgemeinheit geduldeten Schaden zufügen, mit knapp einer Tonne und mehr Gewicht eine potenzielle Gefahr darstellen, Platz wegnehmen, durch das Gewicht an ungeeigneten Stellen Beschädigungen an von der Allgemeinheit bezahlten Flächen verursachen und immer mal wieder Mineralöle in den Boden abgegeben, setzen sich mit Fahrradfahrern auf ein Level.

Rein nach den Buchstaben des Gesetzes können sie dies, denn alle, vom Autofahrer bis zum Kleinkind auf einem Roller, sind Verkehrsteilnehmer. Wer meinen BLOG kennt, weiß um meine Haltung zu Gesetzen. Sie sind notwendig, aber sie sind von Menschen erdacht, besitzen keinen Ewigkeitsanspruch, spiegeln eine Gesellschaft, werden von der dominanten Gruppe eines Systems geprägt und sie regeln nicht alles Zwischenmenschliche. Über ihnen stehen das Gewissen, die Vernunft, der Verstand und oftmals praktische Erwägungen. Am ehesten kann ich meine Haltung mit dem deutschen Begriff „Dienst nach Vorschrift“ verdeutlichen. Dienstvorschriften haben bei deutschen Beamten nahezu Gesetzescharakter, auch wenn dies juristisch ein wenig anders aussieht. Wenn sich ein Beamter konsequent an alle Dienstvorschriften hält, kommt der Dienstbetrieb zum Erliegen. Im Übrigen ist diese Maßnahme, die einem Streik gleich kommt, nicht zulässig. Ich für meinen Teil möchte nicht in einem Umfeld leben, in dem die Leute stets und ständig auf die Buchstaben des Gesetzes pochen. Zugegeben ist dies eine Haltung, die einem bei der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung nicht einfach macht. Gut ist dabei, dass die meisten zwar gern davon sprechen, aber wenn man genau hinsieht, anders leben.

Automobile und Fahrräder haben eine unübersehbare Gemeinsamkeit. Sie werden von Menschen benutzt. Rowdys, Gewissenlose, Rücksichtslose, bleiben, was sie sind, egal auf oder in welchem Vehikel sie sitzen. Aber ehrlich gesagt, ist mir ein Rowdy (tatsächlich sind es meist Männer, mit wenigen Ausnahmen) auf einem Fahrrad lieber, als in einem PS – starken BMW. Ich kenne beide Seiten. Jahrelang habe ich mein Leben mehr oder weniger in Autos zugebracht, habe aber auch einige tausend Kilometer auf dem Fahrradsattel gesessen. Fahrradfahrer/innen unterteilen sich wie Autofahrer in verschiedene Gruppen. Da wären die, welche mit einem Drahtesel einfach von A nach B kommen wollen. Einige sind auf dem Rad beruflich unterwegs und wiederum andere benutzen das Rad als Sportgerät. Die meisten „problematischen“ Radfahrer sind männlich, zwischen 30 und 50 Jahre, rechthaberisch, haben mindestens 900 EUR aufwärts ins Rad investiert und sehen aus wie Männer, die sich auf die Tour de France vorbereiten. Sie sind der Schrecken aller Wartenden an Bushaltestellen. Mit voller Geschwindigkeit rasen sie heran und bremsen laut vernehmlich mit Flüchen, weil sie von den Leuten missachtet wurden. Meiner persönlichen Beobachtung nach sind sie meistens auch Besitzer eines passenden Autos, welches warm und trocken unter einem Carport steht.

Doch andererseits gibt es auch die, welche zwar unerlaubt auf den Bürgersteig ausweichen, nicht jedes Rotlicht beachten und kreative Abkürzungen finden, aber trotzdem Umsicht zeigen, niemanden gefährden und äußerst zurückhaltend fahren. Wenn sich Fußgänger und Radfahrer nicht selbst furchtbar wichtig nehmen, auf die Buchstaben des Gesetzes pochen, gibt es in der Regel wenig Probleme. Gut, ich lebe in Deutschland. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit immens, dass sich jemand für wichtig hält, wenig auf sein Umfeld achtet und auf seine niedergeschriebenen Rechte wert legt. Ich selbst breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn ich einem Fahrradfahrer ausweiche oder bremse und langsam fahre, weil ein Fußgänger in Gedanken versunken den Radweg blockiert. Gleichsam habe ich kein Problem damit abzuwarten, bis ein untalentierter Autofahrer sein Wendemanöver abgeschlossen hat.

Vieles ist auch reiner Eigennutz: Auf dem Grabstein toter Radfahrer stehen die Worte: Sie/Er war im Recht. Dieses ganze Geschrei bezüglich einer Umkehr der Täter – Opfer Situation, ist in meinen Augen weltfremder Schwachsinn. In erster Linie will ich leben und im Zweifel überleben. Wunschvorstellungen und Träume sind zulässig und sie stehen für die Ziele, die erreicht werden sollen. Doch bis das ideale Ziel erreicht ist, muss ich mit dem klarkommen, was mir das reale Leben bietet. Es ist mir erlaubt in eine Kneipe zu gehen, in der sich Rechtsradikale treffen und einen lockeren Spruch abzulassen. Besonders klug ist dies allerdings nicht und ich darf mich nicht wundern, wenn ich Prügel beziehe. Ähnlich sieht es aus, wenn ich mich an einer Kreuzung neben einen LKW zwänge.

Aber geht es überhaupt um all dies?

Nein! Glaube ich jedenfalls nicht. Autos haben Fetisch – Status. In Deutschland kann es schon Probleme geben, wenn sich jemand auf die Motorhaube eines Autos setzt oder sich nur anlehnt. Mit einem Auto überall zu jeder Zeit irgendwo hinfahren zu können, gilt unter Deutschen als Menschenrecht. Jede Regulierung oder Behinderung legt einen Schalter um. Was sich da auf den Straßen abspielt, sind Jagdszenen in Hollywood. Tja, und dann radelt fröhlich die/der erlebnisorientierte, die Freiheit genießende Radfahrer/in vorbei, ignoriert die rote Ampel, kürzt bei Abbiegen über den Bürgersteig ab oder rollt entspannt auf der falschen Seite entlang. Und? Wenn das alles entspannt, ohne Verbissenheit, Umsichtig und damit ohne Gefährdung anderer passiert, interessiert mich dies persönlich überhaupt nicht. Ich bin in vielen Bereichen Pragmatiker und halte nicht viel von Prinzipien. Letztere verkomplizieren unnötig das Leben und schädigen das Nervenkostüm.

Jeder auf dem Fahrrad leistet einen Beitrag in die richtige Richtung, besonders wenn auch noch auf Akkus verzichtet wird. Allerdings geben die einen guten Anreiz und sind bei einem Fahrrad besser untergebracht, wie in einem Fahrzeug mit einer Spitzengeschwindigkeit von 200 km/h. Aber wer in Deutschland etwas gegen Automobile sagt, stellt sich gegen Jahrzehnte der Gehirnwäsche, Werbung, einen als absolut notwendig verkauften Way of Life. Mutige Politiker/innen haben sich des Themas angenommen und wollen, wie in Nachbarstaaten längst geschehen, dem Automobil die Privilegien beschneiden. Infolgedessen erfährt das Fahrrad bei ihnen eine Aufwertung. Der Aufschrei war vorprogrammiert. Wie kleine Kinder im Buddelkasten plärren die Autofahrer und zeigen auf die anderen Kinder: „Mama, die haben aber auch gehauen!“ „Stimmt, aber nicht mit einem abgebrochenen Ast auf den Kopf, sondern sie haben Dich geschubst!“ Unter dem Strich geht es darum, die eigene unterbewusst durchaus vorhandene Erkenntnis der Unvernunft, verzweifelt zu verteidigen. Na ja …. dieses Verhaltensmuster ist weit verbreitet und fällt uns immer mehr auf die Füße.

Ein Kommentar zu „Autos und Fahrräder

  1. Deine Überlegungen sind so richtig, vernünftig und gescheit, dass ich ausser dem Ausdruck meiner absoluten Zustimmung keinen weiteren Kommentar dazu geben möchte, um sie nicht dem Risiko einer unbeabsichtigten Entwertung auszusetzen.

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