Die Qual der Wahl

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Bei Twitter trendet derzeit #Ichwählelinks. Vermutlich der Versuch, ein Gegengewicht zur Panik – Kampagne der Union, in der vor einem Linksrutsch mit apokalyptischen Ausmaßen gewarnt wird. Alles was zurzeit diesbezüglich gesagt wird, fokussiert sich auf einen Punkt: Geld!

Ich war nicht immer ein Freund von der Partei „die Linke“, eher im Gegenteil. Als Polizist missfielen mir die Schmähreden, die Beleidigungen und undifferenzierten Anfeindungen. Doch die Polizei, persönliche Befindlichkeiten und die „innere Sicherheit“ sind nicht alles. Außerdem lohnt es sich, mal zu schauen, wie die anderen Parteien mit einem umgehen. Soweit ich das sehe, teilen die alle nicht meine Vorstellungen. Die Union hat traditionell die Schutzpolizei auf dem Schirm, während sie Teile der Kriminalpolizei stets skeptisch betrachten. Je gesättigter eine/r ist, um so mehr steigt die Neigung Kriminalität als etwas zu betrachten, was die sozialen unteren Schichten betrifft und am Zaun des Vorgarten endet. Nun die Bandbreite ist groß und hinter dem Vorgartenzaun verstecken sich oftmals Abgründe. Kriminelle sind im Bürgertum die Drogenabhängigen, die Clans, Räuber oder ähnliches. Steuerbetrug, Zusammenarbeit mit der Organisierten Kriminalität, Geldwäsche, Spekulationen mit dem sauer verdienten Geld anderer Leute ist irgendetwas, aber halt nicht die Kriminalität, um die sich die Polizei kümmern sollte. Der Begriff „Subjektive Sicherheit“ bedeutet allzu oft, dass ethisch nicht sauber erlangtes Vermögen geschützt werden soll.

Aufreger wie „die Linken wollen den Verfassungsschutz auflösen“ perlen an mir ab. Lasst uns reden! Zum Beispiel könnte man den Verfassungsschutz in die Kriminalpolizei überführen. Warum nicht? Extern und unabhängig ist Blödsinn. Solche Forderungen signalisieren einen geringen Einblick in die Materie. Ganz nebenbei gibt es auf der Welt eine Großmacht, die überall mit privaten, unabhängigen Stellen arbeitet. Ich meine die USA und wie dies funktioniert, kann bei Snowden nachgelesen werden. NATO? Gut, es soll auf einen Ersatz mit Europäischen Bezug hinauslaufen. Da müssten dann noch einige andere mitziehen, was eher unwahrscheinlich ist. Russland? Da stellt sich mir immer die Frage, wo das Problem liegt. Russland ist 2021 ein Staat mit ausgeprägten Raubtierkapitalismus und Oligarchen, die teilweise herrschen wie vor der Russischen Revolution. Deutschland könnte dabei immer mehr die Rolle eines Clint Eastwood in einer „Handvoll Dollar“ zukommen. Links die Baxtors und rechts die mexikanischen Rojos. USA auf der einen Seite und auf der anderen die Russen, dazwischen die Mitteleuropäer.

Aber spielt dies alles noch eine Rolle? Die alte westliche Welt hat längst den Zenit überschritten und träumt von alten Tagen, in der sie das Maß alle Dinge war. Wir ergehen uns in simple Einordnungen. Die sind gut und die sind schlecht. Das ist die freie Welt und dort herrscht die Unfreiheit. Ja, es war eine schöne einfache Zeit. Man stieg auf einen Ausguck an der Berliner Mauer, schaute auf das graue Ost – Berlin, die hässlichen Uniformen der Grenzposten, ihre unfreundlichen verbiesterten Gesichter und war dankbar auf der „richtigen“ Seite zu leben. Vorbei! Vergangenheit! Das letzte Überbleibsel aus dieser Zeit heißt Nord – Korea. Doch die sind langfristig das Problem von China. Weltweit geht es nur noch um Arm und Reich, Anpassungsfähigkeit an die Folgen eines natürlichen kollabierenden Systems und Ergattern der hierfür notwendigen Ressourcen.

Und was passiert bei uns? Die Leute reden über Gendern, Zulässigkeit von Abtreibungen, Legalisierung von Drogen, Impfen oder nicht, „Heilung“ von Homosexuellen oder ob Begriffe wie „Negerküsse“, „Zigeunerschnitzel“, noch zeitgemäß sind. Als Corona Fahrt aufnahm, schlossen sie nach und nach all die Stände unter Überdachungen. Kurz danach entdeckten Obdachlos gewordene Leute diese geschützten Stellen und richteten sich dort sehr dürftige Schlafstellen ein. OK, aus der Sicht eines Berliner Obdachlosen immer noch recht komfortabel. 32 Grad in der Nacht, Meer zum Waschen gleich in der Nähe und recht hilfsbereite Landsleute um sie herum. Ich kam jeden Tag an der Schlafstelle eines mir unbekannt gebliebenen Typen vorbei. Sechs Wochen lang stellte ich ihm täglich eine Konservendose neben sein Zelt. Ob der sich hätte vorstellen können, worüber in meinem Land diskutiert wird? Gut, das Beispiel ist extrem. Ich formuliere es anders: Außerhalb von mitteleuropäischen Ballungsräumen sind unsere Themen Kokolores. Ebenso könnten sich ein paar Immobilienmaklerinnen bei einem Aperol Spritz in einer angesagten Schickeria – Bar über ihre schicken Töppen vom Edelschuhhändler in der City unterhalten.

Persönlich mache ich mir über eine politische Ausrichtung keine Gedanken mehr. Mir geht es nur noch um Haltungen, Wertvorstellungen und Lebensanschauungen. Dazu gehört auch, wie man sein Verhältnis zu all den Menschen um sich herum sieht. Wer als Traveller unterwegs ist, kennt die Situation des Fremden, der in einem fernen Land ein Guesthouse oder eine Bar betritt und die Lage sondiert. Die Anwesenden mustern und schätzen den Fremden ein, während der selbst analysiert, wo er gelandet ist. Es gibt diese Locations, bei denen man sofort spürt „Nicht meins!“ und dann die anderen, an denen man gern bleibt. Beim Streifen durch Bangkok, Kuala Lumpur, Luang Prabang, Moskau, Ulan Bator, Saigon, stellte ich mir oft die Frage, warum ich manchmal schnell wieder herausging und an anderen Plätzen blieb.

Betritt man eine religiöse Kultstätte, kann jeder mit ein wenig kulturellen Wissen schnell erkennen, worum es geht. Südostasiatischer oder tibetischer Buddhismus, Hinduismus, Shintoismus, schiitische oder sunnitische Moschee, katholische oder evangelische Kirche, die Symbole, Bauart, Design und anwesende Gläubige, geben ausreichend Auskunft. Betritt man eine „Kultstätte des Geldes“ verhält es sich genauso. Hier mache ich auf dem Absatz kehrt. Im Gegenzuge gibt es die Plätze, an denen sich authentische Menschen mit lebensnahen Problemen begegnen. Wer darauf achtet, wird schnell erkennen was im Vordergrund steht.

Was soll ich von einer „Grünen“ halten, die ich in einer Galerie im teuren Understatement – Kostüm antreffe und sie die Aushilfskräfte anblafft, weil der Sekt nicht kalt genug ist? Oder welchen Eindruck bekomme ich von einem öffentlich moralsauer auftretenden CDU – Politiker, der mit zwei blutjungen russischen Gespielinnen in einem Pool plantscht, während sich zwei Erz – Ganoven am Tresen Geschäfte besprechen? Von alten Genossen aus der SPD, die am Kuchen der Macht genascht haben und sich vor der Kneipe wenigstens die Seidenkrawatte abmachen, will ich gar nicht anfangen. SPD war einstmals die Partei, in der Vertreter/innen auch mal sehr unkonventionell auf den Tisch hauten und Klartext sprachen. Heute werden knallharte auf Macht gepolte Frauen mit der Maskerade einer Stimme und Outfit einer säuselnden Grundschullehrerin ins Rennen geschickt. Nein, das bringt alles nichts. Parteimitgliedschaft, Herunterbeten von Parteiprogrammen bringt alles nichts, wenn die passende Haltung nicht erkennbar ist.

Und die „Linke“ ist anders?

Klares Nein! Und nun kommt das „Aber“! Für mich haben sie ein paar Leute präsentiert, denen ich persönlich wenigstens ansatzweise ihre Rolle und Haltung abkaufe. Ich habe die Angriffslust in den Augen einer Janine Wissler gesehen, die rhetorischen Fähigkeiten eines Gregor Gysi haben nichts an Attraktivität verloren und ich schätze die Ausstrahlung eines Dietmar Bartsch, die besagt „Was willst Du mir erzählen, ich habe Biografie, als Kaninchen mit den Wölfen geheult, Leben geht weiter und ich habe meine Rückschlüsse gezogen.“ In Berlin schalte ich bei einer Rede des Kandidaten Klaus Lederer wenigstens nicht sofort weg. Alle Genannten hätten in den 80ern gute Vertreter des linken SPD – Flügels der SPD abgegeben bzw. hätte ich mir gern eine Fortentwicklung der SPD in diese Richtung gewünscht.

Doch das ist nicht ausschlaggebend. Ich mache es mir einfach. Wenn ich eine Idee habe und mich mit dieser an Ingenieure, Techniker, Wissenschaftler wende, erwarte ich die Konstruktion einer Maschine, die nichts anderes ist, als ein System aus Komponenten, die zusammenwirken und am Ende ein meiner Idee entsprechendes Produkt liefern. Die bisherigen Konstruktionen haben ein Produkt geliefert, welches, nachdem was ich gesehen habe, nicht meinen Vorstellungen entspricht. Dann ist die Konstruktion augenscheinlich ungeeignet. Weltweite Verpestung der Erde durch Chemikalien, Müll, Emissionen, ist nicht in meinem Sinn. Das Geld, Luxus, Überversorgung, Dekadenz, dem Unterlassen von Eingriffen ins Klima entgegensteht, halte ich für inakzeptabel. Es ist nicht mein Wille, dass meine Existenz auf Kosten anderer Mitmenschen auf diesem Planeten basiert. Ich halte das ganze Gerede über technologische Entwicklungen für sehr bedenklich. Manche sind förderlich, andere führen ins Verderben. Wir haben uns nunmehr über 100 Jahre innerhalb der technischen Entwicklung ohne Kontrolle, Vernunft und Verstand treiben lassen. Da ist es an der Zeit innezuhalten und sich einige grundlegende Fragen zu stellen. Theoretisch sind wir dazu in der Lage, rudimentär das System, in welches die Existenz des Menschen eingebettet ist, zu erkennen und die Überlegung anzustellen, wo die Grenzen liegen. Wir wissen, dass der Mensch, das Großhirn, fehlbar ist und trotzdem maßen wir uns an, ein über Millionen Jahre bestehendes erfolgreich funktionierendes Konzept zu zerstören, um ein vom Großhirn erdachtes zu installieren? Klingt für mich nach einer extrem verblödeten Idee.

Vielleicht bin ich naiv. Doch bisher kann ich nicht erkennen, dass die „Linke“ und Mitstreiter den Fehler begehen, den alten, ebenfalls gescheiterten Kommunismus wiederzubeleben. In erster Linie geht es um das Erkennen von Fehlentwicklungen in allen bekannten Konstruktionen und den Versuch endlich mal den Schutt des 20. Jahrhunderts beiseite zu schippen, um neue Wege zu gehen. Die Reaktionen darauf sind bezeichnend. Ein Teil der Gesellschaft benimmt sich wie Süchtige. Die Aussicht auf weniger Fleisch, weniger Konsum, weniger Auto, weniger Luxus, führen zu Panik, Schweißausbrüchen und das Bedürfnis auf den nächsten Schuss. Manche kommen mir vor wie mein Großvater, der völlig irrational alles mit Soja ablehnte, weil er sich davon mal zwei Jahre in der Kriegsgefangenschaft ernähren musste. Teile der Gesellschaft! Letztens stand einer in Arbeitsklamotten neben mir und meinte auf das Angebot mit Karte zahlen zu können: „Nee, lieber Bar, Karte ist vermutlich nicht gedeckt.“ Nicht wenige arbeiten zurzeit für bares Geld direkt auf die Hand, weil zu viele Leute Zugriff auf das Konto haben. Die haben nichts zu verlieren.

Bei denen, die etwas zu verlieren haben, wird es spannend, wenn sie auf richtigen Entzug kommen. Ob nun links, rechts, liberal, der kommt auf jeden Fall. Wenn diese Zeit angebrochen ist, gilt es aufzupassen wie ein Schießhund. Diesen Entzug erlebe ich lieber mit den Linken, als den anderen. Die Auswirkungen des Klimawandels nicht zu sehen, an einen Fortbestand des aktuellen IST – Zustands zu glauben, die internationalen Zeichen an der Wand nicht zu sehen, ist schlicht dumm. An der Stelle bin ich ganz pragmatisch oder vielleicht revanchistisch. Ich finde, diejenigen welche in den letzten Jahren in Saus und Braus gelebt haben, dürfen nach all den Jahren auch mal ein wenig blechen. Sie sind maßgeblich am Dilemma beteiligt, also dürfen sie die Suppe mit auslöffeln. Ich weiß, dies erscheint manch einer/m als zu einfache „proletarische“ Sichtweise. Ehrlich? Ist mir egal. Auf mich bezogen bestand der taktische Fehler darin, mich als Zaungast mit einem Champagner Glas, Anzug und S – Klasse in den Club zu lassen. Seither spendiere ich lieber dem Typen ohne Deckung auf der Karte ein Bier. Hauptsache er bleibt Mensch und lässt sich nicht von irgendwelchen Faschisten an der Nase herumführen.

Na ja, wie gesagt: Bullen oder Ex – Bullen können die wenigsten leiden, weil sie sie immer als Projektionsfläche nutzen und daran abarbeiten. Ist wie beim Fahrer eines Abschleppunternehmers. Sie hassen Dich, dabei machst Du nur Deinen Job. Zugegeben, Kripo ist in verschiedenen Bereichen nochmals ein wenig mehr. Ein wenig „Matrix“ ist dabei. Du bist nicht das, aber auch nicht das andere. Wenn man es richtig macht, wird man zum Wanderer zwischen den Welten und als dieser habe ich mich entschieden, wer meine Stimme bekommt.

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