Der Weg

Lesedauer 7 Minuten

Kürzlich sah ich den Film „Dein Weg“ mit Charly Sheen. Ein Vater beendet den Weg seines auf dem Pilgerweg durch die Pyrenäen verstorbenen Sohnes und kann damit Abschied von ihm nehmen. Soweit die Rezension innerhalb eines Satzes. Dabei meldeten sich viele Erinnerungen an meine eigene Wanderung durch die Pyrenäen. Vieles davon versuchte ich vor einigen Jahren in meinem Buch „Die Wanderung Vol II.“ zu verarbeiten. Als ich es schrieb, war ich beseelt davon eine Botschaft in die Welt zu senden. Heute weiß ich nicht einmal mehr, welchen Inhalt die Botschaft haben sollte. Schließe ich die Augen, kommt mir die Wanderung vor, als wenn sie gestern geschehen wäre. Dies klingt nach einem platten Klischee, doch es ist für mich die volle Realität. Im Film heißt es: „Wenn ich etwas über diesen Weg gelernt habe, dann ist es der Umstand, dass ihn niemand zufällig geht. Jeder hat einen Grund.“

Für mich war es ein Abschluss und der erste Schritt in einen nächsten Lebensabschnitt. Damals war mir dies allerdings nicht bewusst. Ich denke, ich bin all die Kilometer ohne die notwendige Reife gelaufen. Erfahrungen zu sammeln und sie ins Verhalten einzubauen sind zwei verschiedene Prozesse. Jetzt weiß ich, dass ich ohne die Pyrenäen niemals mit der Transsib gefahren, noch Südostasien kennengelernt hätte. Zu meinem Begleiter habe ich den Kontakt verloren. Er ging nach unserer Wanderung einen anderen Weg. Doch das ist in Ordnung. Es war uns für uns beide ein Impuls und keiner von uns beiden konnte wissen, wohin uns der Anstoß bringen würde.

Ganze 13 Jahre liegt die Wanderung zurück. Zwischen damals und heute liegt ein Zusammenbruch, eine Therapie, das Ausscheiden aus der Polizei, der Tod von Freunden, längere Reisen und diverse erfolglose Versuche, das alte Leben wieder aufzunehmen. Gut, dass mir dies nicht gelungen ist. Warum schreib ich dies alles? Ein erneuter Versuch eine Botschaft zu senden? Nein! Wie bereits gesagt, sind Erfahrungen für sich nichts von Bedeutung. Man macht sie und ein biochemischer Prozess sorgt dafür, dass sie im Gehirn abrufbar sind. Dies kann ein Roboter, der mit den passenden Sensoren und einem ausreichendem Speichermedium ausgerüstet ist, mindestens genauso gut. Der entscheidende Unterschied sind die Verarbeitung und die weiteren Schritte, welche auf ihnen basieren. Ein alter Spruch besagt: Erfahrungen kann man nicht weiter geben. Erfahrungen sind nicht nur die reine Information, wie sie zum Beispiel eine Fotografie, eine Wetteraufzeichnung oder eine halbwegs nüchterne Wegbeschreibung wiedergeben kann. Alles läuft durch die persönlichen Filter, die aus Emotionen, körperlichen Voraussetzungen und dem kompletten Vorleben zusammengesetzt sind. Meine Wanderung war meine Wanderung und damit einmalig. Nicht einmal ich selbst könnte sie in dieser Form wiederholen.

Dort in den Bergen begann auch mein intensiveres Interesse an der Philosophie des Buddhismus. Der Weg der Heimatlosigkeit, das Lösen von Bindungen oder wie es dort heißt „Anhaftungen“ ist dort ein zentrales Thema. Derer gibt es viele. In unserer Kultur ist das Lebensmodell „Partnerschaft“ dominant und obgleich es immer mehr Single gibt, wird der Single oftmals als jemand auf der Suche nach dem Idealzustand, nämlich das Leben zu Zweit, gesehen. Gautama Siddhartha, der spätere Buddha, folgte einer anderen Logik. Wir werden alleine geboren und wir verlassen den uns gegebenen Körper alleine. Zwischen diesen beiden Fixpunkten heften sich an uns viele materielle Dinge, emotionale Bindungen und Ereignisse aus der Vergangenheit an. Jeder lebt in der Vergangenheit und in der Zukunft, aber nicht im Augenblick. Das tatsächliche Leben im absoluten Hier und Jetzt ist dem Erleuchteten vorbehalten. Um so besser die Praxis des Buddhisten ist, je kleiner wird das Intervall zwischen den Gedanken an das bereits Vergangene und dem was in Zukunft passieren wird. Eine derartige Sichtweise passt nicht recht in die westliche Welt, die von Vorsorge, Vermögensbildung, gegenwärtigen Annehmlichkeiten und dem Kampf um Anerkennung geprägt ist. Auf einer langen Wanderung kann viel darüber gelernt werden. Jeglicher Besitz befindet sich im Rucksack und muss den Berg hinauf getragen werden. Da überlegt sich der Wanderer sehr gut, was er behält und wovon er sich lieber trennt. Nach Stunden des Laufens wird jeder Schritt zu einem Willensakt und damit zu einem Augenblick. Wer nicht seinen eigenen Rhythmus findet, wird nicht weit kommen. Da hilft es nicht, wenn man versucht sich am möglicherweise schneller laufenden Partner zu orientieren. Dies mag eine Etappe lang helfen oder es leichter machen, den inneren Schweinehund auf einem Teilstück zu überwinden, aber spätestens nach einer Woche ist dieser Effekt vorbei und der Körper rebelliert gegen den fremden Einfluss. Doch meiner Erfahrung nach verschwinden solche Gedanken nach einer Woche ohnehin und man läuft seinen „Stiefel“.

Wandern, Laufen, war früher die Normalität. Wollten die Menschen vorankommen, blieben nur Pferde oder die eigenen Füße. Gingen sie nicht aus pragmatischen Gründen von A nach B, wollten sie unterwegs lernen oder es handelte sich um einen Pilgerweg. Immerhin galt dies für mehrere tausend Jahre. Mich fasziniert diese Überlegung. Erst seit wenigen Jahrzehnten hat sich dies verändert. Die Langsamkeit des Laufens müssen sich heutzutage Leute leisten können. Das Normale von einst ist zum Luxus geworden. Das Ganze hat auch eine absurde Seite. Der Stress im Straßenverkehr schädigt, ständig über die Autobahn zu rasen führt zu negativen Veränderungen, von einem Termin zum nächsten zu hetzen macht krank, der ständige Versuch die Zeit zu komprimieren, führt genau zum Gegenteil, weil am Ende nicht mehr da ist, sondern weniger. Wir wissen dies alles oder könnten es zumindest erkennen. Zur Gesundung greifen wir dann auf die alte Normalität des Menschen zurück, um uns dann erneut dem Wahnsinn hinzugeben. Also nach meiner Vorstellung. Andere sehen dies vollkommen anders. Es entspricht dem Zeitgeist mit maximaler Geschwindigkeit das nächste Ziel zu erreichen. Bei uns gilt die Rechnung: Zeit ist gleich Geld. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts träumten Erfinder von Maschinen, die dem Menschen unliebsame Arbeiten abnehmen und unterlagen dabei einem grausamen Irrtum. Sie erzeugten lediglich eine teuflische Spirale. In der Kalkulation fehlte der Faktor Mensch. Die geringere Herstellungszeit eines Produkts führte zur Begierde noch mehr zu produzieren, mehr verkaufen zu können und Profite zu maximieren. Das Bruttoinlandsprodukt gilt als Bewertungsfaktor für eine Gesellschaft. Gefragt ist nicht, wie viel freie Zeit durch den Einsatz einer Maschine für den Menschen herausspringt. Lebenszeit, in der er sich um das kümmern könnte, was den Unterschied zwischen Existenz und Leben ausmacht. Schlimmer noch! Wir müssen erkennen, dass uns der Einsatz der Maschinen zerstört. Nunmehr setzen wir mit den Argumenten, mit denen einst die Maschinen favorisiert wurden, auf die Digitalisierung. Maschinen produzieren Geräte, mit denen wir ein digitales Leben führen können. Beides, die Maschine und die Digitalisierung benötigt Energie, die wir nicht haben oder nur mittels Zustimmung zur Zerstörung der Lebensgrundlagen generieren können, um dann der entstehenden Lebensfeindlichkeit mit neuen Technologien begegnen zu wollen. Diejenigen, welche innerhalb dieses täglichen Wahns auf einem Wanderweg die Regeneration suchen, sinnieren während des Laufens über all dieses irre Zeug der Menschen, steigen dann wieder von einem Berg herunter, stellen den Rucksack in die Ecke und machen weiter. Das ist schlicht krank!

Der Film endet anders. In der letzten Szene läuft Charly Sheen durch einen orientalischen Basar. Dabei trägt er immer noch das Symbol der Pilgerer, die Muschel, am Hals. Eine Message? Der Film basiert auf dem Buch von Jack Hitt, Off the Road: A Modern-Day Walk Down the Pilgrim’s Route into Spain. Ich weiß nicht, wie es mit ihm weiter ging. Mir gefällt die Vorstellung, dass er seinen Weg fortsetzte. Nein, ich glaube, eine der wichtigen Lektionen ist die Erkenntnis, dass man niemanden anders etwas von dem geben kann, was man unterwegs erlernt. Sie stellt sich nicht sofort ein. Erst einmal ist da dieses Gefühl die Dinge anders zu sehen. Später setzt etwas ein, was ich als den Oscar Wilde – Effekt bezeichne. „Warum teilen wir anderen unsere Meinung mit? Weil wir Angst haben, damit alleine zu sein.“ Es dauert lange, bis man lernt, diese Einsamkeit auszuhalten und sie eines Tages als etwas ganz Eigenes und Einmaliges zu akzeptieren.

Was wir mit der Bezeichnung Welt beschreiben ist ein in unserem Kopf existierendes einmaliges subjektives Abbild. Das eines anderen kann ähnlich sein, aber es wird niemals identisch sein. Im Buddhismus ist dieses Bild ziemlich unbedeutend. Die „Sinnesmaschine“, erfasst das Geschehen. Der Geist wertet alles aus, zieht Schlussfolgerungen und fügt alles zu einer Geschichte zusammen. Doch was hat all dieses möglich gemacht? Dies ist im Buddhismus das eigentliche Wesen. Vielleicht kennt manch einer diesen Effekt, dass eine oder einer gefühlten Blödsinn redet, sich vollkommen daneben benimmt und doch ist da etwas, was einen weit über biochemische Prozesse hinaus anzieht oder wenigstens von einem subtil wahrgenommen wird. Doch auch dies muss man selbst erleben, um es wirklich zu verstehen. Bis vor gar nicht langer Zeit haderte ich mit dem, was ich sehe und erfasse. Aber ich habe begriffen, dass ich letztlich daran scheiterte, ein Teil von etwas zu sein, was nicht zu mir gehört. Und weil mich das frustrierte, versuchte ich es ein wenig nach meinen Vorstellungen zu verändern. Ein unmögliches Unterfangen. Dabei ist es ganz einfach. Meiner festen Überzeugung nach ist die Lebensart diverser Zeitgenossen derart zerstörerisch, dass sie sich damit selbst und ihren Way of Life ausrotten werden. Aber sie werden nicht das Prinzip Leben vernichten. Ich selbst werde dies nicht mehr erleben, soviel ist sicher. Da bleibt einem nur, nach eigenen Vorstellungen zu leben und auf die Vorzüge einer Gesellschaft zu verzichten. Gesellschaft ist ohnehin ein vager Begriff, den sich eine Gruppe gibt, die sich auf einem begrenzten Gebiet zusammengefunden hat. Auf einem erstiegenen Pass zu stehen und aus großer Höhe auf das Geschehen herunterzuschauen, kann in diesem Zusammenhang sehr hilfreich sein.

Ist es dann nicht heuchlerisch, weiterhin alles in Anspruch zu nehmen? Medizinische Versorgung, Konsumgüter, Smartphone, PC, Tabak, Alkohol, usw.? Ja! Doch was soll’s? Würde ein Verzicht irgendetwas verändern? Fühlte sich irgendeiner von der Richtigkeit des ungehemmten Konsums und Dauerwachstum Überzeugten animiert etwas anders zu machen? Ich denke nicht. Wie hieß es in der Kindheit immer? „Wie würde es hier aussehen, wenn jeder seinen Dreck irgendwo hinwirft?“ Ich warf meinen Müll immer brav weg, trotzdem sah es überall dreckig aus. Anders wird ein Schuh draus. Wenn sich eine Mehrheit zusammenfände, die die alles bedingenden Grundprinzipien verändern will, wäre ich, trotz möglicher Nachteile bereit einiges auf mich zu nehmen. Für meinen Teil bin ich da sehr anpassungsfähig. Komme ich irgendwo hin, wo alles ein wenig einfacher zu sich geht, habe ich kein Problem damit und lebe, wie alle anderen. Ich brauche keine Reservate für verwöhnte Touristen. Dies ist eine weitere wichtige Lektion, die einem unterwegs erteilt wird. Finde Dich nicht nur mit dem ab, was Du vorfindest, sondern lerne es zu „wertschätzen“. Begreife auch, dass alles über das Notwendige hinaus Ressourcen verbraucht, die u.U. an anderer Stelle fehlen.

Im Film steckt noch eine Erkenntnis, mit der ich hier enden möchte. Zerstörerisches Verhalten, Menschen die Dir Böses wollen, negatives, gibt es da Draußen im Übermaß, da muss man nicht lange suchen, sondern einfach nur warten. Die Kunst besteht darin, die ganz wenigen guten Sachen zu finden. Dafür braucht man Zeit und ein offenes Auge. Wenn man sich zu sehr mit dem Irrsinn beschäftigt und ständig versucht zu schwere Brocken aus dem Weg zu räumen, bleibt beides nicht. Die deutsche Nachkriegsgeneration reichte an die nächste Generation Durchhalteparolen weiter. Eine Folge des II. Weltkriegs. Als ob ein Krieg etwas Positives hervorbringen könne. „Man muss sich durchbeißen!“ „Lernen Hindernisse zu überwinden.“ „Wachstum, Aufstieg, Leistung, sind wichtig.“ Ein Wanderer, der stundenlang versucht einen auf dem Weg liegenden Felsbrocken beiseite zu schaffen, anstatt einfach drum herumzugehen, ist dämlich und wird nicht in einer sicheren Unterkunft oder an einem Lagerplatz ankommen. Wer den Wanderweg als sportliche Herausforderung sieht, verpasst die Chance etwas zu lernen. Die Weltkriege waren Irrwege und die Lektionen, welche aus Not, Elend und Zerstörung rührten, eignen sich lediglich in Notsituationen und haben keinerlei Wert für das alltägliche Leben. Zu erkennen, was man jetzt im Augenblick wirklich benötigt, ohne sich zum willenlosen Abhängigen des temporären biochemischen Erfolgssystem aus der evolutionären Vorzeit des menschlichen Gehirns zu machen, ist entscheidend.

Kommentar verfassen