Permanent Record – Dystopien werden real

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Edward Snowden hat es im Buch „Permanent Record“ präzise erkannt und beschrieben. Es ist eine Generation herangewachsen, deren Leben von Geburt an digital erfasst ist. Zur Erfassung kommt der unbedarfte Umgang mit der Digitalisierung und etwas hinzu, was ich als Verrohung der Menschen bezeichnen möchte. Höre ich Jugendlichen im Bus oder an der Bushaltestelle zu, hauen die sich ungeniert Worte um die Ohren, die ich mit 16 Jahren nicht einmal kannte. Hier möchte ich betonen, dass ich diesbezüglich nicht sonderlich zartfühlend bin, aber da gab es unüberwindliche Schranken im Kopf, die bei denen offensichtlich niemals installiert wurden. Mein eigenen Kindern gegenüber sprach ich stets von „Bushaltestellen Deutsch“. Vermutlich spielte dabei auch meine Rolle als Aufsteiger mit. Eine unflätige Ausdrucksweise war „unten“, ich wollte, ich sollte, weiter nach „oben“. Wer mich kennt, weiß, dass der Berliner Slang bzw. die „rotzige“ Sprachmelodie geblieben ist. Na ja, man macht aus einem Australier keinen distinguierten Briten.

Die GRÜNE JUGEND hat sich eine 20 – jährige dunkelhäutige junge Frau zur Pressesprecherin gewählt. Mir persönlich ist die Hautfarbe ziemlich egal. Für sie selbst ist das ein Thema und dies kann ich auch nachvollziehen. Doch dies am Rande erwähnt. Wie ist man so mit 20 unterwegs? Mit 21 ging ich persönlich zur Polizei. Mein Vater warnte mich vor und ich tat, was Söhne halt tun, ich ignorierte sie. Die Ausbildung und die ersten Jahre danach ließen mich zu einem furchtbaren Wichtigtuer werden, der versuchte das Leben in Gesetze, Regeln, Verfassung zu pressen und angeblich alles über richtig und falsch wusste. Mit dem notwendigen Abstand erlebe ich dies bei vielen in diesem Alter und lasse Nachsicht walten, weil ich mein eigenes Leben vor Augen habe. Immerhin gab es damals keine Social Media, in denen ich mir selbst ein Bein für die kommenden Jahrzehnte stellen konnte. Bemerkenswert finde ich es, wenn Leute meines Alters in dieser Lebensphase stecken geblieben sind. Festzustellen ist auch, dass das ehemalige 20 wenig mit dem zu tun hat, was es in den 80ern war, und die hatten wenig mit dem jungen Leben der Nachkriegsgeneration gemein. Die Reife tritt immer später ein, schlicht, weil junge Deutsche später ins Leben außerhalb des Nestes geworfen werden.

Frau Sarah – Lee Heinrich hat sich mit dem Posten in die erste Reihe manövriert. Ich hab mal nachgelesen. Die meisten Protagonisten der 68er – Bewegung waren bei ihren ersten Auftritten bereits Ende 20. In diesem Alter sind 8 – 10 Jahre nicht zu verachten. Sie studiert Soziologie und spricht, wie man es von Studenten/innen in diesem Alter kennt. Im Internet ist sie schon eine geraume Zeit unterwegs. Unter anderen wurde sie bereits als Schülersprecherin zum Thema Hartz IV interviewt. Sie empfand es ungerecht, dass sie als Mitglied einer Bedarfsgemeinschaft (ein furchtbares Wort für eine Familie, in der die Eltern zeitweise oder dauerhaft keinen Erwerb haben) von selbst verdienten Geld Abzüge hinnehmen muss. Subjektiv durchaus nachvollziehbar, auf das Ganze betrachtet nicht mit einer einfachen Antwort zu analysieren. Im Interview spricht sie über die Selbstverständlichkeit der Bedürfnisse einer deutschen Jugendlichen. Tanzunterricht, Klamotten, die einem Anerkennung in der Gruppe vermacht und heutzutage vor Mobbing schützt und einem Smartphone. Da regt sich bei Älteren ein subtiler Widerstand. Salopp möchte man sagen: „Kleine, Du kannst nichts dafür, Du bist ein Kind Deiner Zeit, aber diese Anspruchshaltung, eloquent, gut ausgebildet, privilegiert, in Deutschland aufgewachsen, mit einem Pass in der Tasche, der quasi die Generalbevollmächtigung zur Einreise in jedes Land ist, wird Dir und Deiner Generation noch böse auf die Füße fallen.“ Ich betone: Sie kann nichts dafür! Ebenso wenig kann sie etwas für Betrachtungen über Rassismus, in dem sie mal eben im Vorbeigehen allen ins Gesicht schlägt.

Im Milieu der privilegierten Soziologen gibt es derzeit das prominente Thema Rassismus und sie brechen alles auf die Hautfarbe herunter. Privilegien beginnen auf die gesamte Welt betrachtet mit der Geburt in einem deutschen Krankenhaus. Ohne es zu wissen, hat der Säugling bereits große Teile der restlichen Weltbevölkerung hinter sich gelassen. Mit Ablegung des Abiturs bekommt man die goldene Eintrittskarte überreicht. Wofür man sie verwendet, ist jeder/jedem selbst überlassen. Underdogs in Hochhaussiedlungen oder schlecht strukturierten Gebieten, besonders in den neuen Bundesländern, egal wo sie herkommen, welche Hautfarbe sie haben oder welcher Religion sie angehören, erleben eine etwas andere Lebensrealität. Was das Thema Rassismus nicht obsolet macht, aber auch nicht zum einzigen werden lässt.

Ich will mich gar nicht zu sehr mit ihren Positionen auseinandersetzen. Festzustellen ist, dass sie zu dieser Generation gehört, bei der alles bis zum Ende des Internets (wenn es eins geben wird, ich denke es wird der Tag kommen) abgespeichert wird. Mit wenigen Klicks konnte ich mir ihr Leben zusammenstellen und betrachten. Jeder kann lesen, was sie mit 13 Jahren, vielleicht frustriert, unglücklich verliebt, pubertär, einfach ins Netz geblasen hat. Volltrunken nächtlich verfasste WhatsApp Nachrichten an Verflossene, sind dagegen harmlos. Sollte sie eine politische Karriere haben, wird man ihr in zwei Jahrzehnten vorhalten, was sie 2021 mit „zarten“ 20 Jahren von sich gab. Sie ist damit nicht alleine. Benedikt Brechtken von der FDP wäre ein anderes Beispiel. Weiß, jung, männlich, unreif und provokativ im Netz unterwegs. Autoren von Wikipedia beschlossen vollkommen richtig, dass man ihn erst einmal wieder herausnimmt, weil sie befürchten sein späteres Leben zu sabotieren, weil er mit Sicherheit später anders auf sein junges Ich sehen wird. Früher war das Risiko deutlich geringer. Wer liest schon Schülerzeitungen oder Uni – Texte. Und dann musste man die auch noch tippen, jemand finden, der den Text irgendwo unterbringt usw. Wie viele Briefe wurden niemals abgesandt oder über wie dankbar kann man sein, dass unzählige Leserkommentare von der Redaktion in den nächsten Mülleimer geworden wurden? Wohlgemerkt bezieht sich das Problem auf alle politischen Ausrichtungen. Linke prügeln gleichsam auf junge Rechte ein. Prominent ist hier der Fall der BLOGGERIN Lisa Licentia, die sich eigenen Aussagen nach von der rechten Szene ablöste. Sollte sie es getan haben, werden ihr ihre zahlreichen Spuren im Internet mächtige Probleme bereiten.

Wenn in der Gesellschaft nicht schleunigst ein Verständnis für die Entwicklung eines Menschen und die Bewertung des Gesagten im Hier – und Jetzt erfolgt, gleichzeitig eine Berücksichtigung des jeweiligen Hintergrunds vorgenommen wird, nimmt das ein böses Ende. Wir treiben durch die Digitalisierung ohne Kompass, Kapitän und Steuerruder. Selbst wenn wir Eisberge rechtzeitig sehen, haben wir keinerlei Optionen auszuweichen. Auf jeden Fall rechne ich damit, dass Dienstleister künftig die Bereinigung der Biografie anbieten werden, nachträglich Nützliches implementieren und andere auf der Gegenseite recherchieren. Noch gar nicht berücksichtigt sind dabei die Algorithmen. Warum sollten Konzerne nicht auf die Idee kommen, mithilfe derer schon früh mit einer politischen Talentsuche zu beginnen und passende Kandidaten rechtzeitig digital aufzubauen? Da ist einiges Potenzial, was ich nicht mehr erleben möchte.

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