Die Botschaft von Rabbit

woman punching the hand of man wearing training gloves
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Wenn zwei sich streiten, sollten sie zunächst einmal klären, ob sie mit den von ihnen verwendeten Begriffen ähnliches verbinden bzw. mit identischen Definitionen belegen. Besteht diese minimale Grundlage nicht, redet jeder ein wenig vor sich hin, doch am Ende wird nichts dabei herauskommen. Gut, viele haben daran ohnehin kein Interesse und wollen nur mal der restlichen Welt mitteilen, was in ihrem Kopf vorgeht. Die etwas bewirken wollen, sei es eine Einigung oder der Wunsch einen Gedankenanstoß zu geben, sollten die Regel beherzigen. Mediatoren lernen, dass sie Streitende zu solchen Begriffsklärungen führen sollen. Viele Streitigkeiten erledigen sich plötzlich von selbst. Innerhalb der zehn Jahre meiner Tätigkeit als „Schlichter“ in Konflikten machte ich die Erfahrung, dass gerade die Begriffe, welche mit scheinbarer Selbstverständlichkeit verwendet werden, die komplizierten sind. Anerkennung, Respekt, Fairness, Aufmerksamkeit, sind solche Worte, hinter denen sich oftmals sehr individuelle komplexe Vorstellungen verstecken.

Kommen zwei oder mehrere aus einem ähnlichen Umfeld und verfügen sie über eine gleichwertige Ausbildung, steigt die Wahrscheinlichkeit übereinstimmender Definitionen. Völlig anders sieht es aus, wenn jemand Begriffe aus einem wissenschaftlichen Kontext heraus verwendet und die Gegenstelle die umgangssprachlichen Bedeutungen nimmt. Aktuell ist dies in den gesellschaftlichen Diskussionen und Debatten zum Thema Rassismus zu beobachten. Bereits bei Debatte und Diskussion wird es oftmals kritisch. Die Diskussion verfolgt das Ziel einer Einigung. Mehrere Personen haben ein gemeinsames Ziel und haben unterschiedliche Vorstellungen, wie es erreicht werden kann. Bei einer Debatte teile ich einen Standpunkt mit und rufe quasi in den Raum hinein: Kommt in meine Ecke, wenn ihr meine Auffassung teilt.

Das Verhalten diverser Leute, die Soziologie, Sozialpädagogik oder ähnliches studieren geht mir oftmals gegen den Strich. Sie rezitieren Definitionen und Abhandlungen zum Thema, die in dieser Form lediglich auf dem Campus funktionieren. Dabei haben sie als Studierende nach meinem Verständnis eine gesellschaftliche Aufgabe, wenn nicht sogar eine Verantwortung. Eine Universität besuchen zu dürfen ist ein Privileg, welches mit einem Vertrag mit der Gesellschaft einhergeht. Du bist schlau und klug, also lassen wir Dich studieren und am Ende lässt Du uns am Wissen teilhaben bzw. bringst uns weiter. Mir ist bewusst, dass diese Haltung stark in Richtung Sozialismus geht, doch meinem Verständnis nach, kann es anders nicht funktionieren.

Aktuell wird wieder einmal über Rassismus und wie man ihn überwinden kann debattiert. Auslöser war eine junge dunkelhäutige Deutsche, Frau Sarah-Lee Heinrich, die zur Pressesprecherin der GRÜNEN Jugend gewählt wurde. Die junge Frau studiert Soziologie und ihre Ausdrucksweise entspricht den Klischees. Weniger ihre eigene Hautpigmentierung brachte einige Leute auf die Barrikaden, denn was sie über die mit weniger Pigmenten sagte. Ich habe mir ihre Worte mehrfach angehört. Entgegen dessen, was einige „Trotzige“ hörten, sagte sie nicht, dass „Weiße“ eklig wären, sondern sie bezog es auf den Umgang und die mangelnde Präsenz von Menschen mit anderer Hautfarbe. Doch ich denke, die meisten stiegen bereits aus, als sie die FFF – Bewegung „weiße Bürgis“ scholt. Ein Klassiker bei Streitgesprächen. Ein falsches Wort, unpassende Mimik oder Körpersprache, das war es dann. Bevor diese Störung nicht geklärt wurde, kann man sich alles Weitere ersparen. Im weiteren Verlauf der Geschehnisse spülte die Debatte die wahren Rassisten an die Oberfläche. Auf den Social Media Plattformen ist in Kommentaren wieder einmal von Wurzeln, Heimatland, usw. zu lesen. Die Frau ist eine 20 – jährige deutsche Studentin der Soziologie und genau so spricht und benimmt sie sich. Ende! Sie selbst macht, meiner Meinung nach taktisch unklug, ihre Hautfarbe zum Thema. Die kann jeder sehen, da braucht es keinerlei weitere Hinweise. Klüger wäre es auf eine Egalität hinzuarbeiten.

Rassismus widerspricht dem, was eine moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts unter einem freien und gleichberechtigten Leben versteht. Merkmale, zu denen ich nichts beitragen kann, schlicht von Natur aus da sind, dürfen nicht zum Kriterium eines Urteils oder Bewertung werden. Soziologisch ist dies keine Definition, schon gar keine, die auf der Uni gelehrt wird. Unter dem Strich geht es um Machtverhältnisse. Wer meinen BLOG mitliest, weiß das ich persönlich bei der Macht ansetze. Um überhaupt erst einmal in die Lage zu kommen, eine Bewertung vorzunehmen, einen Posten zu besetzen, ein Privileg zuzusprechen, benötige ich eine übergeordnete Position. An der Stelle fangen alle Probleme an. Jedenfalls gibt es ein Ziel und damit die Möglichkeit darüber zu diskutieren, wie man es erreicht.

Ich denke nicht, dass dies mit Provokationen, einer Sprache, die außerhalb der Uni für eine Kommunikation ungeeignet ist und simplen Beschimpfungen funktioniert. Im Gegenteil, es kommt im günstigsten Fall zu Verhärtungen und Abbruch der Kommunikation, im schlechtesten erfolgen Trotzreaktionen oder es wird Rassisten Munition übergeben. Wer etwas erreichen will, muss sich auf andere einstellen. Ich akzeptiere, wenn sich jemand einen Dreck darum schert und sich in sein Labor zurückzieht. Doch dann zu meckern, dass sich nichts verändert, ist dämlich.

Ein weiteres Kunststück, welches ein Mediator vollbringen muss, ist die Ermittlung des eigentlichen Grundes für einen Streit. Der liegt meist tief versteckt und hat wenig mit dem zu tun, was offensichtlich ist. Geht es dabei wirklich um Rassismus? Oftmals wird seitens derjenigen, die dem widersprechen eine weitere Aussage hinzugefügt. Die helle Hautfarbe geht mit Privilegien einher. Genau an der Stelle explodieren viele innerlich.

Ich denke dabei an den Film 8 Mile, in dem der weiße Rapper Rabbit, dem sogenannten White Trash zugehörig, in einem Battle gegen einen Afroamerikaner antritt. Er gewinnt das Battle, denn im Gegensatz zu seinem Gegner, hat er keinerlei Privilegien. Tatsächlich geht es nicht um die Hautfarbe, sondern um den Kampf der Habenichtse gegen die weiter oben stehenden. Angesichts der stetig größer werdenden sozialen Unterschiede braucht man auch in Deutschland nicht lange suchen, um hellhäutige Mitmenschen zu finden, die um alles kämpfen. Richtig heftig wird es bei dem Streit, wenn dunkelhäutige Personen von einer privilegierten Ebene aus, den Rassismus zum Nachteil „Weißer“ verneinen.

Nur von Rassismus zu sprechen greift zu kurz. Wenn ich im Ausland mit überwiegender dunkelhäutiger Bevölkerung in einem Lokal sitze und beobachte, dass sich die deutschen Gäste überwiegend an die „weiße“ Gastarbeiterin wenden und die einheimische Bedienung ignorieren, steckt vermutlich Rassismus dahinter. Die Gastgeber wissen dies und haben genau aus diesem Grund die Backpackerin hinter den Tresen gestellt. Europäer haben einen Hang zur Verallgemeinerung. Die Afrikaner, die Asiaten, die Inder, die Nordafrikaner usw. tauchen in der Debatte immer wieder auf ein Neues auf. Soziologisch und kulturell haben Laoten wenig mit Taiwanesen zu tun und Südafrikaner wachsen in einer völlig anderen Gesellschaft auf, als die Bürger eines Staats in Zentralafrika. Deutsche gehen auch in ein thailändisches Restaurant und bestellen Sushi, weil sie sich beim Asiaten befinden. Ist das Rassismus oder schlicht dummdreiste Ignoranz? Nun, letztere muss man sich leisten können, womit wieder die Machtposition ins Spiel kommt. Andererseits sind die Gastronomen auch nicht auf den Kopf gefallen und wissen dies zu ihrem Vorteil zu nutzen. Wenn ich in Südost – Asien knallharte Geschäftsleute kennenlernte, die mit allen Tricks arbeiten, waren es meistens Chinesen oder malaiische Frauen. Was allerdings wenig mit ihrem Aussehen zu tun hat, sondern eher auf traditionelles Wissen innerhalb der Familien.

Global betrachtet ist der Rassismus anders zu betrachten. Lange Zeit überfielen Europäer wie Heuschrecken fremde Kontinente, wüteten, zerstörten und hinterließen Chaos. Die Folgen bestehen bis heute. Getragen wurde dieses von der sich selbst gegebenen postulierten Überlegenheit. Streicht man alles heraus, ging es meiner Ansicht nach der Mehrheit ums Geld, die religiösen Fanatiker und Soziopathen mit Rassenwahn waren nützliche Deppen, die Freibriefe ausstellten. Im 21. Jahrhundert beruht der Wohlstand der Europäer immer noch auf den Verbrechen der Vorfahren. Prinzipiell entspricht dies der Taktik eines heutigen Vertreters der Organisierten Kriminalität. Mittels Verbrechen wird ein Vermögen aufgebaut, welches nach und nach in legale Aktivitäten überführt wird, damit die Söhne und Töchter später ein Leben in der Legalität und Wohlstand führen können. Und die Mitglieder der italienischen, russischen Strukturen, holen sich ebenfalls gern die Legitimation der Kirche.

Nun, mit all diesen Betrachtungen hat die junge Frau der GRÜNEN wenig am Hut. Gleichsam nicht ein Teil ihrer Kritiker. Allerdings sollte man diejenigen nicht aus den Augen verlieren, welche von den tollen Errungenschaften fabulieren, die andere Gesellschaften den EUROPÄERN zu verdanken haben. Aber die stehen auf einem anderen Zettel. Was sie tut, geht in die Richtung, was als Oppression Olympics (Unterdrückungsolympiade) bezeichnet wird. Vulgär kann man dies als sozialen Schwanzvergleich sehen. Und genau den hat sie auch ausgelöst.

Ich bin „Schwarz“, Du bist „nur“lesbisch und Du bist gerade mal eine weiße Frau. Am Ende schaut der 50 – jährige weiße arbeitslose Familienvater in der 10. Etage eines Hochhauses auf die Vollstreckungstitel in seiner Post und versteht nicht, wovon die alle sprechen. Aus seiner Perspektive sitzen da überkandidelte Studenten und Studentinnen an einer Uni und labern abgehobenes Zeug.

Fakt ist, dass in Mitteleuropa niemand wegen einer hellen Hautfarbe angegangen wird. Wenn, dann geht es um Religion, Herkunft aus einem speziellen Milieu oder Volkszugehörigkeit. In den modernen westlichen Gesellschaften sind Themen wie Integration oder Rassismus eine Frage des Geldes. Hat man davon genug, muss man sich weder um eine Integration scheren noch über das Aussehen Gedanken machen. Im Grunde ging es Hitler und den Nationalsozialisten auch darum. Ich denke, die wenigsten Nazis waren ernsthaft vom Stuss der Rassenlehre überzeugt. Die wollten ans Geld und der damit verbundenen Macht.

Diejenigen, welche von einem Rassismus zum Nachteil von „Weißen“ sprechen, haben die Auswirkungen des Kapitalismus vor Augen, die vor keiner Pigmentierung haltmachen. In der Jetztzeit wird in den westlichen Industriestaaten die Verteilung der Privilegien immer mehr unabhängig von der Pigmentierung. Am Boden finden sich alle möglichen Leute wieder. Ein idealer Nährboden für Faschisten. Sie versprechen den hellhäutigen und angeblichen echten Deutschen, dass dies nicht so bleiben muss. Meiner Überzeugung nach, hat jede/ jeder Dunkelhäutige aus dem Stand heraus eine Menge Fürsprecher, wenn „unten“ alle angesprochen werden und eine gemeinsame Option aufgemacht wird: Osteuropäische u. aus Asien stammende Niedriglöhner, russische Aussiedler, Hartz IV Empfänger/innen, Prekariat, durch die Gesellschaft hindurch gereichte Gescheiterte, usw. Diese Erzählung, alle Dunkelhäutigen haben per se keine Privilegien, während alle Hellhäutigen jede Menge Chancen haben, ist schlicht nicht die Lebensrealität vieler in Deutschland in schwierigen sozialen u. wirtschaftlichen Verhältnissen lebenden Leute. Auf die gesamte Erde bezogen sieht dies anders aus, doch dabei können „schwarze“ Deutsche auch nicht mitreden.

Meinem Dafürhalten war die Stärke der Bundesrepublik Deutschland der gemeinsame Wohlstand bzw. Aufstieg aus dem Nichts. Egal wie viel man hatte, es war mehr als in der Stunde 0 im Jahr 1945. Dies hat sich verändert. Für viele geht es bergab, während wenige immer mehr dazu bekommen. Im unteren Mittelfeld findet die erwähnte Olympiade statt. Was das untere Mittelfeld und darunter bräuchte, sind charismatische Figuren, die vereinigen und mit den Worten: „Wir hier unten sitzen alle in einem Boot!“, auf den Tisch hauen. Denn eins ist auch sicher, die Folgen des Klimawandels treffen nicht als Erstes die Vermögenden. Für mich ist dies der Klimaanlagen – Effekt. Wer es sich leisten kann, verbringt in Südostasien seine Zeit in klimatisierten Räumen und fährt mit einem heruntergekühlten Fahrzeug von einem Ort zum anderen. Leiden tun nur die Armen oder Deppen wie ich, die sich am Irrsinn nicht beteiligen wollen. Und in Südostasien ist die Trennlinie nicht die Hautfarbe oder Herkunft, und dem Klima ist es ziemlich schnuppe, wer da tonnenweise CO₂ für die Kühlung verbraucht.

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