Schutzgelderpresser und Dealer

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Lesedauer 4 Minuten

Du verstehst nichts vom Business, sagt der Hintermann
Die Presse steht auf etwas, was noch niemals kam
Heut‘ musst du was machen, wie die Lümmel in New York
Die ganz wilden Jungs, die machen jede Menge Moos
Und er kommt Dir entgegen, haut Dir mit vergnügtem Sinn
in die Schnauze rin.

Interzone, Hintermänner

Weltweit kommt es immer wieder auf ein Neues zu einem desaströsen Spiel. Spiele haben ein Ablauf, Spielregeln und Mitspieler. Irgendwo betreibt eine Firma, ein Konzern oder Betrieb eine Produktion. Bei der Herstellung kommt es zu meist vorhersehbaren schädlichen Emissionen für Boden, Gewässer, Luft, Anwohner und oftmals auch für das globale Klima. Irgendwann wird es sichtbar. Die Leukämierate steigt, Missbildungen häufen sich, Fischsterben setzt in anliegenden Gewässern ein usw. Häufig ist es nicht der Herstellungsprozess an sich, sondern es sind die Probleme, die das Produkt mit sich bringt. Seien es erhebliche Aufwendungen bei der Entsorgung, Recycling, Folgekosten, der Energieverbrauch beim Betreiben hergestellter Gerätschaften oder was man mit dem Produkt anstellen kann. Hinzu kommen noch die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten. Jeder kennt die Bilder und Reportagen aus Schwellenländern, in denen Profit weit über dem Leben und Gesundheit der Arbeiter/innen steht.

Nach geraumer Zeit kommt es zu einem Aufschrei. Aktivisten, Journalisten, Protestbewegungen erscheinen auf dem Spielfeld. Im nächsten Zuge zeigen sich die Produzenten reumütig und sagen Veränderungen zu. Festzustellen ist, dass innerhalb des Zeitintervalls Beginn der Produktion, Protest und Veränderung jede Menge Profit gemacht wurde. Es folgt die positive Selbstdarstellung der Produzenten. Immerhin haben sie doch nun einen erheblichen Aufwand betrieben, um künftig klimaneutral, mit geringen Emissionen und Verantwortungsübernahme für die Bevölkerung zu produzieren.

Beispiele hierfür gibt es jede Menge. In Südostasien werden anfangs korrupte Strukturen unterstützt, Chemikalien und kaum wiederverwertbare Kunststoffe landen auf wilden Deponien, Monokulturen werden favorisiert, Regenwälder werden zerstört, bis sich eines Tages der Protest regt. Im Nachgang wird dann mit viel Aufwand propagiert, dass man innerhalb von 10 Jahren nur noch ökologisch vertretbare Kunststoffe verwenden wird und heroisch von den Kriminellen Abstand genommen hat. Deutsche Chemiekonzerne leiten über Jahre unbekümmert Chemikalien in Gewässer ein, bekommen eines Tages Gegenwind und stellen sich später als die Guten dar, weil sie Verfahren erfunden haben, die Gewässer wieder zu reinigen.

Einfach dargestellt, passiert häufig noch eine Variante dieses Spiels. Produzenten präsentieren sich Politikern, den Repräsentanten der Bevölkerung, mit einem Plan. Bei genaueren Hinsehen stellt sich heraus, dass die Folgen der in Aussicht gestellten Produktion, desaströs sind. Um diese abzuwenden, werden den Produzenten Subventionen, Steuererleichterungen oder gar Entschädigungszahlungen zugesprochen. Im kriminellen Milieu wird ein derartiges Verhalten Schutzgelderpressung genannt. Besonders perfide sind Energieriesen, die Notwendiges produzieren, ohnehin veraltete Kraftwerke abschalten müssten, aber auf der Außenbahn eine Entschädigung erhalten, weil sie angeblich politisch dazu gezwungen wurden. Gleichsam investieren sie viel Geld für eine Nebelmaschine, die den Blick auf die für die Allgemeinheit entstehenden Folgekosten der Energieproduktion bei der Renaturierung, Entsorgung von Brennelementen pp. entstehen.

Aktuell verhandeln in Deutschland die Parteien SPD, GRÜNE und FDP über eine Koalition. Parteien, die angeblich aufgrund ihrer Unterschiede nicht zusammen passen. Ich sehe durchaus eine Gemeinsamkeit. Alle drei genannten sind beim skizzierten Spiel bekannte Mitspieler. Im Milieu funktioniert die Schutzgelderpressung, bis jemand den Mut hat, sich dagegen zu wehren. Entweder die Polizei wird eingeschaltet, was meistens nur temporär funktioniert, oder den Erpressern wird mit den geeigneten Leuten die Stirn geboten. Die gewählten Parteien gedenken mit den Erpressern über die Prozente bei der Berechnung des Schutzgelds zu verhandeln.

Ja, dieses Gedankenmodell ist recht simpel, aber deshalb falsch? Ich glaube, die grundlegenden Annahmen und Modelle sind falsch. Seit mehreren hundert Jahren wird über das Spannungsfeld von Eigentum und Allgemeingüter diskutiert. Dürfen, auch ethisch betrachtet, Wasser, Boden, Luft zum Eigentum von Einzelnen werden? Bei länger andauernden Diskussionen kommt es dazu, dass Argumente positiv oder negativ verifiziert werden. Irgendwann überholt die Realität Annahmen für die Zukunft. Gleichsam sehen wir seit langer Zeit die Folgen von Konsum. Produzenten wecken Bedürfnisse, die ohne sie niemand hätte, aber jede Menge Probleme mit sich bringen. Wir haben es im Grunde genommen mit Drogendealern zu tun. Bei Drogen ist stets die Rede von Verboten, Regulierungen und Prävention. Beim hemmungslosen Konsum reden wir von Wirtschaftswachstum. Die Profite der Dealer werden zum Kennzeichen der Stärke der Wirtschaft. In der Analogie wäre dies die Aussage, dass die hohe Anzahl der Fixer, Kiffer, Alkoholiker, Tablettenabhängigen, Raucher, ein positives Zeichnen für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes ist.

Demnächst wird das Weihnachtsgeschäft anlaufen. Im Nachgang wird der Einzelhandel Zahlen über die Umsätze veröffentlichen. Rein theoretisch ist Weihnachten ein christliches religiöses Fest, bei dem es mit der Geburt des Erlösers um den Kern des Christentums geht. In diesem Zusammenhang könnte man sich anschauen, wie viele Kriege mit Beteiligung von Christen pausierten. Oder man könnte Erhebungen über das Spendenaufkommen oder einem dem Christentum entsprechenden Verzicht auf Konsum betrachten. Doch tatsächlich werden ganz andere Dinge herangezogen. Die Dealer haben Hochkonjunktur und die Abhängigen feiern die Menge des favorisierten Betäubungsmitteln unter einer Konifere, die eigens dafür von anderen Dealern aufgezogen wurden.

Auch diesen Beitrag möchte ich mit einer buddhistischen Betrachtung enden lassen. Einer Legende nach wies der Buddha die Mönche an, während Hochzeit der Reisernte in den Klöstern zu bleiben, weil beim rituellen Spendengang die umherwandernden Mönche die Felder beschädigten. Angeblich soll daraus ein Fest resultieren, an dem die Mönche wieder die Klöster verlassen und von den Buddhisten reichlich mit Naturalien beschenkt werden. Heutzutage hat sich auch in Südostasien dieses Fest am westlichen Konsumverhalten angepasst. Mit eher gelangweilten Gesichtern nehmen die Mönche der Prozession die modernen Gaben, vornehmlich Fastfood Produkte und Süßigkeiten westlicher Konzerne entgegen. Hierzu passend las ich letztens in einem Artikel, dass thailändische Mönche ein ernsthaftes Problem mit Übergewicht bekommen. Der auf Konkurrenz, Macht und Konsum ausgerichtete Kapitalismus und die Anbetung des Mammon ist stärker als jede der alten großen Religionen. Ich finde dies bemerkenswert und bedenklich. Es werden Schalter umgelegt, die mächtiger sind, als alles, zumindest im Falle des Buddhismus, was jahrtausendelang auf Menschen einwirkte. Der Katholizismus ist bekanntlich äußerst kompatibel, wenn nicht sogar für den heutigen Kapitalismus begründend.

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