Die Freischärler der Konservativen Revolution – The Republic

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Vorab eine Anmerkung zum Titel. Im Gegensatz zum CSU – Mitglied Alexander Dobrindt bin ich mir der Bedeutung des Begriffs u. des historischen Hintergrunds der Konservativen Revolution durchaus bewusst. (siehe auch hierzu ein umfassendes Essay von Thomas Meyer beim Deutschland Funk,2018) Meyer beendet sein verlinktes Essay mit:

„… Es wird schwierig werden, sehr schwierig sogar, soviel sollte klargeworden sein. Man sollte sich keinen Illusionen hingeben: Die Bewährungsprobe des demokratischen Deutschlands kommt noch!“

Hierbei stimme ich ihm in Gänze zu.

Armin Petschner-Multari gründete kürzlich die Plattform „The Republic“ mit dem Ziel eine „konservative Gegenbewegung“ zu initiieren. In der Stuttgarter Zeitung ist hierzu am 21.10.21 zu lesen:

Mit seiner Agentur will er nun offenbar etwas mehr Beinfreiheit nutzen um eine Art Gegenöffentlichkeit aufzubauen. „Wir bedienen die Logik der Plattformen, das machen andere auch.“ Also eine Art Guerillatruppe für die C-Parteien? „Wir wollen für konservative Positionen werben, die ein oder andere Schlagzeile produzieren und Debatten für uns entscheiden.“ Viele Unterstützer seien mittelständische Unternehmer, die ihre Sicht zur Sprache kommen lassen wollten. Auch Politiker hätten Unterstützung zugesagt.

Soweit alles in Ordnung. Aber was ist die Logik der Plattformen? Dies lässt sich nur mit einem Blick auf die Seite https://www.therepublic.de/ beantworten. Wäre ich Ausländer, überkäme mich nach einem groben Überblick der Eindruck, dass der sich der deutsche Durchschnittsbürger in einer Defensive befindet, wenn nicht sogar kämpfend auf dem Rückszugsgefecht von der letzten Verteidigungslinie, verzweifelt wartend auf die entsetzenden Truppen, in Gestalt der Plattform, die das Blatt beim Kampf zwischen Gut und Böse im letzten Augenblick wenden. Die Armeen von Mordor, mit Rekrutierten aus allem, was das Böse zu bieten hat, nämlich Umweltaktivisten, Autonomen, GRÜNEN, Sozialdemokraten, Greenpeace, dem „Öffentlich rechtlichen Rundfunk“, Feministen, Gewerkschaften, Minderheitenvertretungen, Gesellschaftskritikern, Künstlern, Literaten, sind auf dem Vormarsch und das letzte Aufgebot der Union schaut besorgt auf das Schlachtfeld. In dieser bedrängten Situation kann man schon mal die Geister der Toten bemühen.

Vor wenigen Tagen schrieb ich einen BLOG – Post zum Thema Zapfenstreich und erwähnte das Zitat aus längst vergangener deutscher Geschichte: „Das Vaterland darf jedes Opfer fordern.“  Auf der Plattform ist es etwas ausformuliert und ausgeschmückt:

Im Gegenteil, die Bundeswehr und so auch jeder einzelne Soldat hat diesem Staat geschworen, treu zu dienen und dessen Recht und Freiheit tapfer zu verteidigen. Dieser Staat, der seine Soldaten ausgeschickt hat, genau das immer wieder zu tun – für das Wohl der Bundesrepublik Deutschland wie selbstverständlich persönliche Belange hinten an zu stellen, die eigene persönliche Unversehrtheit bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens in die Waagschale zu werfen, für die Sicherheit des eigenen Vaterlandes und die seiner Bürger einzutreten, so auch in Afghanistan – muss nun aber auch klar dieser perfiden und anmaßenden Argumentation entgegentreten: Zum Schutz und zur Wiederherstellung der Ehre der Soldaten der Bundeswehr!

Quelle: https://www.therepublic.de/blog/verkommenheit-hat-ein-tolerantes-diverses-und-wokes-gesicht/ 22.10.21/10:26 Uhr

Ich behaupte, dass der Militarismus, die Bundeswehr und ihre Bestimmung,  in Deutschland aus nachvollziehbaren historischen Gründen ein sensibles Thema ist. Normalerweise gehört es zum guten Ton der älteren Generation ein wenig Nachsicht walten zu lassen. Die bisher auf der Plattform aktiven Autoren haben schon ein wenig Abstand zur deutschen Nachkriegsgeneration und erst Recht zur Kriegsgeneration. Andersherum ist es in Deutschland Teil der Verantwortung, die die deutsche Staatsbürgerschaft mit sich bringt, die Erinnerung und die Schlussfolgerungen zweier Weltkriege weiterzugeben. Einfach mal so, völlig undifferenziert und „unverschämt“ mit der Kritik umzugehen, geziemt nicht für jemanden mit deutscher Staatsbürgerschaft.

 

Diese Art von fehlender Empathie, der Nichtanerkennung von militärischen Leistungen und Opfern und der mangelnden Bereitschaft sich mit individuellen Schicksalen von Soldaten auseinanderzusetzen, galt bislang nur für die Soldaten der Großvätergeneration und Soldaten der Wehrmacht – einer verratenen Generation, die sich nicht mehr wehren kann. Diese wurde und wird fortgesetzt als Verbrechergeneration verunglimpft und damit jedes institutionelle aber auch individuelle Gedenken vermieden. Neu ist, dass auch pauschal der Bogen der Kritiker bis zu den Soldaten und Opfern der Bundeswehr gezogen wird. Es war schon anmaßend und anrüchig einem 19-jährigen Soldaten, der vor Moskau im Winter 1941 fern der Heimat erfroren ist, dieses Gedenken und die Achtung vor seinem Opfer zu verweigern, dies aber nunmehr auch auf die Soldaten, die im Chara Darah oder in Baghlan für Deutschland gefallen sind, zu übertragen, ist kaum noch aushaltbar!

Am folgenden Tag war er nicht mehr auf der Seite zu finden. Irgendjemand hatte wohl erkannt, dass da dann doch zu viel „Sprengstoff“ enthalten war. Allerdings zeigt sich hier deutlich, welches Geisteskind hier am Werk ist. All die differenzierten Debatten über die Rolle der Wehrmacht beim Holocaust und mindestens Zuarbeit an die SS scheint an dem/der Verfasser/in vorbeigegangen zu sein.

Ich will für diese Plattform gar nicht zu viel Zeit verschwenden. Zunächst ist sie eine unter zahlreichen. Angeblich soll mal wieder Friedrich Merz seine Finger mit im Spiel haben. Ein alter Bekannter, wenn es um PR Kampagnen mit fragwürdigen Methoden geht. Besorgniserregend ist etwas ganz anderes.

Zu meiner Grundschulzeit hatten diverse Themen der aktuellen Zeit schlicht keine Relevanz. Ich hatte eine Mitschülerin aus Griechenland, einen Mitschüler aus der Türkei und einen aus Sri Lanka. Unser Umgang miteinander war von gegenseitiger Neugierde geprägt und soweit ich das verfolgen konnte, machte alle ihren Weg, der bei dem einen aus anderen Gründen bereits früh tragisch endete. Die Gnade der Geburt als West – Berliner verschonte einen weitestgehend vor religiösen Auseinandersetzungen. Später gab es unter den meisten eine stille Übereinkunft, der nach alle innerhalb der Einmauerung Lebenden einigermaßen miteinander klarkommen und alles von jenseits der Mauer skeptisch betrachtet wird. Das rechte Spektrum existierte, hatte es aber niemals leicht.

Heute, in einer Gesellschaft, die von vielerlei Nationalitäten, Herkunftsländern, unterschiedlichen Aussehen, diversen Kulturen und Religionen geprägt ist, sieht es anders aus. Neue Aufgabenstellungen erfordern neue Antworten und Lösungen. Es ist eben nicht die seitens der Gestrigen geforderte Gemeinschaft, sondern eine Gesellschaft. Selbst beim Begriff Konservativ bedarf es einer genaueren Betrachtung. Mit der eigentlichen Bedeutung, der Besinnung auf alte Werte ist es nicht getan. Z.B. war das Berlin der 20er – Jahre aufgeschlossen, fortschrittlich und Magnet für Progressive aller Nationen. Es bedarf eines Fixpunktes, auf den man sich bezieht.

Deutschtümliches Einigeln, Nationalismus, das Festhalten an längst überholten Werten, die eher Verirrungen des 20. Jahrhunderts sind, ein Leugnen der Eigenarten, die den Faschismus in Deutschland einen fruchtbaren Boden anboten, gelten allgemein als konservativ, doch wird man den Leuten, die sich an denen orientieren, welchen das vergangene Deutschland stets die kalte Schulter zeigte, nicht gerecht. Dies würde bedeuten, den Philosophen, Intellektuellen, sozialdemokratischen, kommunistischen, anarchistischen Vordenker einer freien Welt, damals avantgardistischen Künstler, des Dadaismus, Kubismus, Ex – u. Impressionismus, posthum nochmals Unrecht anzutun. Außerdem legte man sie auf diese Art ins Grab mit ihren Widersachern und Peinigern. Schlimm genug, wenn moderne faschistoid Denkende, wie Anhänger der AfD, dies mit Heinrich Heine tun, oder Querdenker mit Anne Frank und den Geschwistern Scholl.

Die Welt steht, gerüstet mit alten Werkzeugen, Denkmodellen, vor völlig neuen Aufgaben. So als ständen verzweifelte Techniker vor einem havarierten Reaktor und einige Schlaumeier rufen einen 90 – jährigen Mechaniker für Druckkessel herbei. Das kostet wertvolle Zeit, die niemand hat. Wobei ein Kessel vielleicht gar nicht einmal das falsche Bild ist. Es brodelt gewaltig und der Druck wird höher.

 

Allzu selten nehmen wir, ich schließe mich dabei ein, die Rolle des neutralen Beobachters oder gern auch Beobachterin, ein. Noam Chomsky nennt dies die Alien – Perspektive. In nahezu allen europäischen Staaten nehmen die Proteste aus allen Richtungen zu. Augenscheinlich sind die politischen Systeme nicht dazu in der Lage befriedigende Antworten zu geben. Es ist der innige Wunsch, dass es möglich ist, mittels parlamentarischer Demokratie eingebettet in eine kapitalistische Weltwirtschaft friedliche Lösungen zu finden, die größt mögliche Freiheiten garantieren. Aber irgendwo scheint der Wurm drin zu sein. Es gilt den Fehler zu lokalisieren.
Besonders in Deutschland ist zu beobachten, dass die Anhänger des „Konservativismus“ ab dem Moment Aufwind bekamen, wo den Deutschen langsam ins Bewusstsein rückte, dass die liebgewordenen Annehmlichkeiten des „German Way of Life“ in Gefahr geraten.

Aus der anderen Richtung melden sich die zu Wort, die gerade diesen auf den Prüfstein legen.

Du bist jemand, wenn Du einen Arbeitgeber findest, dem Deine Arbeitskraft und Deine erlangten Kompetenzen eine Entlohnung wert sind. Hierfür gehst Du zum Friseur, ziehst Dich „akzeptabel“ an und machst ein Foto, welches Dich von Deiner besten Seite zeigt. Hast Du diesen Arbeitgeber gefunden, kannst Du ein eigenständiges Leben führen und Dir Konsumgüter zulegen, die Dir eine gesellschaftliche Anerkennung verschaffen. Im eigentlichen Sinne eigenständig ist das nicht, da es von der Gunst des Arbeitgebers abhängig ist. Wirklich frei auch nicht, weil Du an den Konsum, die Banken und dem Streben nach mehr gebunden bist.

Als Beobachter sehe ich, dass gerade Jüngeren eine vermeintlich selbstverständliche Welt vorgegaukelt wird. Dies und jenes hat man halt als schnödes Mitglied der Gesellschaft. Hast Du es nicht, wird es schleunigst Zeit, dass Du das änderst. Jeder Ältere weiß, wie sich einige Youngster umschauen werden, wenn ihnen ihre Kredite, windigen Aktiengeschäfte oder Geschäftsideen um die Ohren fliegen. Einige sehen auch, wo sie der „anständige“ Weg hinbringen wird. Es ist keine attraktive Vorstellung nach Jahrzehnten ordentlicher Arbeit Pfandflaschen zu sammeln oder sich von ebenfalls schlecht bezahlten Leuten den Hintern abwischen zu lassen. Wen wundert es, wenn einige versuchen, mangels anderer Möglichkeiten eine risikoreiche Abkürzung zu nehmen, die allzu häufig vor dem Richter landet. Ein anderer Weg besteht darin, sich diesem Modell von Anfang zu verweigern und es im Zweifel zu bekämpfen.

Begleitet wird dies alles von einer Erstarrung des Modells. Die globalen Folgen werden schlicht ignoriert. In der Psychotherapie gibt es ein Motto: Du kannst nicht innerhalb eines Umfelds gesunden, welches für Deine Krankheit verantwortlich ist. Das Geschehen um uns herum ist schlicht krank. Dabei ist es egal, ob es um den Klimawandel, die Vermüllung und Verpestung des Planeten oder der Umgang mit anderen Lebewesen ist. Was diverse Leute nicht daran hindert, es alles mit Methoden zu behandeln, die die Krankheit verursachten.

Zurück zur Plattform „The Republic“.  Die Macher/innen sind blutjung und dies ist das an sich wirklich gruselige. Das Vergangene erfüllt sich mit ihnen den Wunsch der Ehrung eines Lebenswerks, ohne sich die schrecklichen Irrtümer eingestehen zu müssen. Ja, der lang andauernde heimische Frieden und die Befreiung von der Angst eines neuen kommenden Krieges auf eigenem Grund und Boden, ist ein Verdienst. Allerdings haben hierfür andere auf dem Planeten einen hohen Blutzoll erbracht. Der herrschende Wohlstand hat zwei deutschen Generationen ein gutes Leben beschert. Doch spätestens ab Ende der 70er Jahre war bekannt, zu welchem Preis dies stattfindet und es wurde der breiten Bevölkerung verschwiegen. Nun gerät alles in Bewegung und die Alten sehen sich naturgegeben überfordert.

Die Modelle der Vergangenheit inklusive ihrer Fehlentwicklungen haben ausgedient. Heute 30 – jährige Frauen und Männer müssen sich Gedanken über neue, innovative und progressive Lösungen machen und bitte nicht bewundernd die abgetragenen Kleider und Anzüge der Alten anziehen. Deutschland ist schon angestaubt genug. Eine alte Weisheit besagt, dass wer in die Fusstapfen eines anderen tritt, ihn nicht überholen wird.

The Republic ist die Aufforderung auf der Stelle zu treten, den Kapitän zu bestechen, sich bis zum Untergang des Kreuzfahrtschiffes alles vom Oberdeck der I. Klasse beim Champagner – Cocktail anzusehen und festzustellen: Man bin ich froh den Untergang der Titanic nachempfinden zu können.

 

 

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