Gut und böse, falsch oder richtig?

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Stellen Sie sich einen Mann um die 30 – Jahre vor, der an einer Bushaltestelle in Berlin steht. Es ist Spätsommer. Eigentlich hat dies keine Bedeutung, aber bei ihm fällt auf, dass seine Jacke für die Jahreszeit viel zu warm ist. Er ist nicht sonderlich groß, beinahe etwas klein. Dunkle Hautfarbe, krauses schulterlanges schwarzes Haar, welches auf den Schultern aufliegt und ein Bart, wie ihn heutzutage jeder zweite Berliner Hipster trägt. Vielleicht ist er ein Flüchtling? Oder er wartet noch auf einen Aufenthaltsstatus? Möglicherweise hat er nur diese eine Jacke auf der Flucht retten können? Im Dorf hatten sie vielleicht gesagt, dass es besser ist, eine Jacke zu haben, die man ausziehen kann, als Kälte leiden zu müssen.

Er steht da einfach und wartet. Ab und wann murmelt er etwas vor sich hin. Es klingt nach einer Mischung zwischen griechisch, arabisch, manche Worte fast ein wenig vertraut, auf jeden Fall ist es kein Deutsch. Was macht er da? Sie haben Zeit. Vielleicht warten sie selbst auf einen Bus. Der Mann schaut sich die vorbeiziehenden Menschen an. In seinem Blick ist Neugierde, manchmal eine Spur des Unwillens, aber niemals auffällig. Einem osteuropäischen Bettler fasst er sanft an die Schulter, sagt etwas Unverständliches zu ihm, woraufhin dieser weiter geht. Ihr Bus kommt, sie steigen ein und vergessen den Mann für einige Zeit.

Am nächsten Tag erfahren sie aus den Nachrichten, dass ein Mann wütend in die Berliner Zentrale der CDU stürmte und rief: „Ihr seid keine Christen. Ihr habt den Namen missbraucht. Ihr betet Götzen an.“ Nachdem er kurze Zeit randaliert hatte, konnte er von Sicherheitskräften überwältigt werden, die ihn dann an die Polizei übergaben. Augenscheinlich ein verwirrter religiöser Fanatiker. Sie schauen sich das Bild des Täters an und müssen feststellen, dass es der Mann von der Bushaltestelle ist. Woher konnte der mit einem Mal deutsch? Nach ersten Ermittlungen ist er vermutlich illegal in Deutschland. Jedenfalls war es bisher unmöglich zweifelsfrei seine Identität zu ermitteln.

Ich denke, die Geschichte würde in ihrem Gedächtnis schnell wieder zu den anderen Anekdoten des Lebens gehören. Was wäre, wenn da ein anderer randaliert hätte? Ein deutscher Mann gleichen Alters. Seit längerer Zeit unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Schon seit Jahren wuchs am Stadtrand eine Sekte christlicher Ausrichtung heran. Frauen und Männer, seltsame Figuren, die wöchentlich als Gruppe durch die Innenstadt ziehen und die Passanten mit religiösem Gefasel belästigen. Würden sie die Geschichte dann an irgendjemanden erinnern? An einen ihn wohlbekannten religiösen Extremisten, der von der Staatsmacht argwöhnisch beobachtet und am Ende von einer Vertrauensperson an jene verraten wurde? Ein verpeilter Spinner, der weder das Finanzamt, Banken, noch Geschäftemacher leiden konnte? Der alle anzählte, die das Wort Gott aussprachen, aber nicht nach den Vorgaben der Bibel lebten und handelten?

Ja, richtig, Jesus, nach christlicher Erzählung, tatsächlich oder eingebildeter Sohn Gottes, aber mit aller Wahrscheinlichkeit eine echte einstmals lebende historische Persönlichkeit. Ein kleiner Nordafrikaner mit dunkler Hautfarbe und krausen Haaren. Glaubt man an Gott, könnte er ihn jederzeit als jungen Brandenburger neu inszenieren. Ein Extremist, der nach relativ kurzer Zeit in der Psychiatrie oder in einer Justizvollzugsanstalt landen würde.


Was wäre mit einem Typen, der auf öffentlichen Plätzen etwas über die Schädlichkeit des wirtschaftlichen Wachstums erzählte? Ja, sogar die Leute dazu auffordern würde, nichts mehr zu kaufen. Journalisten der BILD würden herausbekommen, dass dieser Heuchler reiche Eltern hat, selbst in allem nur erdenklichen Luxus aufwuchs. Und nun will er den Leuten etwas über den bösen Kapitalismus und Verzicht erzählen? Ein Salon – Kommunist, der leicht reden hat, weil er jederzeit das Erbe seiner Eltern antreten kann. Sollte er es schaffen trotz widriger Umstände alt zu werden, wäre die Häme groß, dass ausgerechnet er, der stets dazu aufforderte keine Tiere zu töten, nach dem Verzehr von Fleisch an einer Lebensmittelvergiftung verstarb. Nein, auch Buddha bekäme 2021 keine Chance.


Welche Reaktionen würde ein alter Mann erzeugen, der von ein Zeit spräche, in der die alte Ordnung des Lebens zerstört ist? Der die Mächtigen für ihr eitles Gebaren tadelt, sie davon überzeugen will, alles von sich zu geben, um dem eigentlichen Ziel des Lebens zu folgen? Der behauptet, dass Krieg, egal aus welchem Grund er geführt wird, immer falsch ist und es besser ist selbst zu sterben, als andere zu töten? Ein Dichter, der seine Botschaften in seltsamen Reimen verfasst, die zum Beispiel so lauten:

Dreißig Speichen umgeben eine Nabe,
In ihrem Nichts besteht das Werk.
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen.
In ihrem Nichts besteht der Töpfe Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde.
In ihrem Nichts besteht der Kammer wert.
Darum: Was ist, dient zu Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.

Ein Freak, der sich zu viele Gedanken macht? Die Worte schrieb vor etwas mehr als 3000 Jahren der Chinese Lao Tze, dessen Weisheiten für eine große Zahl Menschen einen religiösen Charakter haben. Oder was wäre mit einem Konfuzius, der ähnliches von sich gab? Ein Mann, der damals schon sagte: „Von Natur aus sind die Menschen einander ähnlich. Durch die Erziehung (die Unterweisung) entfernen sie sich voneinander.“ Für diese Erkenntnis haben in der Neuzeit Sozialwissenschaftler lange Jahre gebraucht.


Was wahr und falsch ist, richtig oder falsch, wer ein Weiser ist oder ein verirrter Spinner, ein Extremist oder der Zeit voraus, bestimmen nicht wir im Hier und Jetzt, sondern die Menschen in der Zukunft. Wenn es überhaupt etwas gibt, was uns zu Lebzeiten dabei helfen kann, diesbezüglich eine individuelle Entscheidung zu treffen, müssen wir sehr tief in uns hineingehen und erfassen, was wir mit Worten nicht ausdrücken können. Das Ergebnis lautet dann: Es fühlt sich irgendwie falsch oder unbehaglich an. Hingegen fühlt sich anderes richtig an, obwohl es vielleicht sogar in irgendeinem Gesetz verboten ist. Ich glaube, die Tiere, welche sich selbst als Menschen bezeichnen, hatten zu allen Zeiten und besitzen immer noch diese Fähigkeit, aber es gab immer Epochen oder Regionen, in denen dieses, in sich Hineinhorchen, unterdrückt wurde oder nicht dem Zeitgeist entsprach. Meinem Gefühl nach sind gute Zeiten davon geprägt, dass die Leute diesem Innern folgen. In schlechten Zeiten wird es in ein Verlies gesperrt.

Der Psychologe, Professor, Kommunikationswissenschaftler (alles kann man bei ihm nicht aufzählen) Friedemann Schulz von Thun entwickelte das Konzept des Inneren Teams. Es geht davon aus, dass in jedem Menschen mehrere „Seelen“, im Sinne von Zuständen, leben. Je nach Situation können sie sehr unterschiedlich sein. Bei einer Entscheidung wollen sie alle berücksichtigt werden. Der Mann, der Vater, der Egoist, das Kind in einem, der Jurist, der Erwachsene, Mitfühlende, usw. Wird einer dieser Zustände aus irgendwelchen Gründen stets unterdrückt, wird sich dies eines Tages rächen. Bei einer Vorlesung ging mir durch den Kopf, dass die Unterdrückung allzu oft aufgrund des Zeitgeistes, zahlreicher Manipulationen und etwas, was wir Sozialisation nennen, erfolgt. Ich bin mir darüber klar, dass das in der Tiefenpsychologie ein alter Hut ist, aber in dieser Vorlesung sprang es mich förmlich an.

Schaue ich mich um, lese die Nachrichten, höre, was Politiker, einflussreiche Leute, von sich geben, drängt sich mir häufig das Bild eines Häschers auf, der in mir im Auftrag eines Herrschers Leute meines inneren Teams in Ketten legen will. Ich soll nicht in die Verlegenheit kommen mit denen zu sprechen, weil sie mir etwas über dieses tiefe Innere zu sagen hätten. Ja, da gibt es Leute in mir, die mit dem Urteil Extremist, Radikaler, Spinner, schnell bei der Hand sind. Doch ich höre auch den Widerspruch der Eingesperrten. Undeutlich, schwer zu verstehen, aber sie sind da und in ruhigen Minuten frage ich mich, warum und von wem sie dort eingesperrt wurden oder ich es wenigstens ohne nennenswerten Widerspruch zuließ. Ich glaube, mir geht es dabei wie vielen anderen, nur ist sich nicht jede oder jeder dessen bewusst.


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