Mama und Papa, oder böse Stiefeltern?

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Wenn ich im Schuppen mit einer Farbdose herum sprühe, setze ich eine Maske auf. Ganz klein steht auf der Dose ein Warnhinweis, in dem mir dies empfohlen wird. Ich entdeckte ihn auf der Suche nach der Trockenzeit. Den hätte es nicht gebraucht. Farbnebel, kleiner Raum, Nähe zum Objekt, diese Informationen reichten mir völlig aus. Ab und zu helfe ich Freunden bei Arbeiten aus, bei dem schwere Metallobjekte eine Rolle spielen. Deshalb trage ich Sicherheitsschuhe und Handschuhe. Beide haben schon gute Dienste geleistet. Bin ich abends unterwegs und komme an einer mit fremden besoffenen Typen überfüllten Kneipe davon, werde ich nicht hineingehen. Persönlich bin ich zur Auffassung gekommen, dass ich von irgendwelchen Pillen, die angeblich ganz tolle Wirkungen haben, Abstand nehme. Meine Vernunft sagt mir, dass es keine gute Idee ist, etwas einzuwerfen, was irgendwelche Chemiestudenten zusammen gemischt haben. Davon gibt es unzählige Beispiele aus dem alltäglichen Leben. „Sehen, Beurteilen, Handeln!“ Dies war in den 50ern der alten Republik ein gängiges Konzept.

Warum bestehle ich nicht andere Menschen? Weil es verboten ist? Hab ich bereits gestohlen? Ja! Allerdings glaube ich nicht, dass die Bestohlenen jemals merkten, dass ihnen etwas fehlt. Spätestens, wenn ich ein kleines Ersatzteil auf dem Recycling – Hof mitnehme, ist es juristisch ein Diebstahl. Also kommt wieder meine eigene Beurteilung ins Spiel. Mit dem reinen Gesetzestext komme ich nicht durch das Leben. Im Idealfall sind Verordnungen, Gesetze, Regeln, derart gestaltet, dass sie einigermaßen mit dem gesunden Menschenverstand konform laufen. Oder anderes gesagt: Würden alle auf einem besiedelten Gebiet halbwegs vernünftig, verstandgemäß und empathisch handeln, reduzierten sich die Probleme auf ein Minimum.

Viren und Bakterien verbreiten sich über Wasser, Essen, Körperkontakt und Auswurf. Dieses ehemalige Spezialwissen hat mittlerweile Einzug ins kollektive Wissen erfahren. Also wird mich selbst und andere eine Maske schützen. Nicht zu 100 %, sondern nur teilweise. Ähnlich, wie mich ein Helm partiell schützt, während ich mir ohne Handschuhe immer noch in die Finger schneiden kann und ein T – Träger die Zehen abquetscht. Das muss mir theoretisch niemand erklären. Mir ist bewusst, dass es Krankheiten gibt, mit denen mein Körper ganz gut alleine klarkommt und ich bei anderen Hilfen benötige, bzw. es eine kluge Maßnahme ist, präventive Angebote anzunehmen. Hierzu benötige ich als Erwachsener ebenfalls keine weitere Informationen. Ich bin schlicht dankbar für die Arbeit von schlauen Forschern, die sich mit solchen Dingen auskennen und deshalb ein Angebot existiert. Sauer werde ich, wenn ich erfahre, dass etwas existiert, mir aber aus Gründen des Profits vorenthalten wird. Wenn also beispielsweise ein Investitionsriese wie Blackrock den Investoren empfiehlt, eine Entwicklung nicht zu unterstützen, weil das daraus hervorgehende Medikament die Krankheitszeit verkürzt, während das längere Siechtum mehr Geld abwirft. Leider muss man heutzutage bei Überlegungen auf solche Dinge achten. Folge dem Geld! Sollte ich z.B. das biblische Alter von Ü90 erreichen und ein Arzt will mir einen Herzschrittmacher aufschwatzen, soll er zusehen, dass er Land gewinnt. Profit können sie gern bei jemanden anderes machen.


Bei uns läuft dies allgemein ein wenig anders ab. Es heißt: „Der Staat hat mir aufgezwungen eine Maske zu tragen!“ Ich betone immer wieder, dass Idioten im alten Rom diejenigen genannt wurden, welche sich dem öffentlichen Leben entzogen. Deshalb muss die Antwort lauten: „Nein, Du Idiot, der Staat hat Dich als solchen erkannt und musste leider feststellen, dass Du vollkommen hilflos bist und deshalb dazu gezwungen werden musst.“ Dies kommt der Situation in einem Kindergarten gleich, wenn manche Kinder bei Temperaturen unter Null das Anziehen ihrer Jacke verweigern.

Kindergarten trifft es gut. Ein nicht zu übersehender Teil der Zeitgenossen verfügt biologisch über die Fähigkeit einer Vernunft, also die Auswertung von Informationen und Ableitung einer Handlung, die logisch, schlüssig und zu einer Lösung führt, sowie die Fähigkeit einer verständigen Handlung, dem konkreten Sehen von etwas und erkennen der Bedeutung, bringt sie aber nicht zur Anwendung. Die Fähigkeit ist eins, sie anzuwenden ist eine andere Geschichte. Hierfür wird eine „Praxis“ des Denkens benötigt. Hierzu werden in der Schulausbildung Lehrerinnen und Lehrer bemüht, die mal mit viel oder auch weniger Talent versuchen, z.B. so etwas wie Logik zu unterrichten. Teilweise ist das uraltes Wissen, welches bereits vor 3000 Jahren unterrichtet wurde.

Die alte deutsche Redewendung „Vater Staat“ lässt tief blicken. Augenscheinlich viele Zeitgenossen, legen ein Verhalten an den Tag, welches am ehesten als „bockig“ bezeichnet werden kann. Jeden Tag tragen sie in ihrem Kopf eine imaginäre „autoritäre Vaterfigur“ mit sich herum. Ob etwas vernünftig oder verständig ist, erfährt keine Bewertung, entscheidend ist, was die „Autorität“ gesagt hat. Je nach persönlicher Charakterausbildung wird entweder mit dem Fuß aufgestampft oder willfährig gefolgt. Gleichsam erfolgt nicht, was einen erwachsenen Menschen ausmacht: der Blick in den Spiegel, das Hinterfragen der eigenen Verhaltensweisen, das Einholen von Rückmeldungen aus dem Umfeld und die Überlegung, welche Folgen, nicht nur die unmittelbaren, sondern auch die weiterreichenden, das Handeln haben kann bzw. zwingend logisch nach sich zieht.

Psychologen sprechen davon, dass von der Gesellschaft, dem Job, dem Alltagsleben, gestresste Menschen, die Entspannung im Rausch der Geschwindigkeit suchen. Sie tauchen in einen Tunnel ein, konzentrieren sich auf sich selbst und schalten alles aus. Ergo ist das erste Problem, die stressige Lebenssituation, das Zweite besteht im Mangel geeigneter gesunder Möglichkeiten, dieses zu bewältigen und das Dritte im Umstand, dass es Leute gibt, die mit ihrem „Herunterkommen“ sich selbst, andere Lebewesen und das Ökosystem gefährden. In der gesellschaftlichen Debatte kommt dabei heraus: „Die autoritäre Macht will mir vorschreiben, wie schnell ich fahren darf!“

Egal, wo man hinschaut, ergibt sich das Bild von Menschen, deren Fähigkeiten zu den genannten Leistungen des Großhirns vorhanden sind, aber mittels diverser kontrollierter, aber sich auch systematisch aus dem vorliegenden Gesellschaftskonzept ergebenden Faktoren ausgeschaltet werden. Nach und nach wurde bereits vor längerer Zeit alles in eine staatliche Verwaltung übergeben. Bis in die Tiefen des Privaten hinein wurde alles reguliert. Das Ergebnis sind Zeitgenossen, die im berühmten goldenen Käfig leben. Die Tür steht offen, doch was erwartet einen außerhalb des Käfigs? Niemand legt einem liebgewordenes Spielzeug hin, keiner wechselt den Vogelsand, für Wasser und Essen müsste man alleine sorgen, suchen, sich gegen die Unbilden des Wetters wehren, Fressfeinde abwehren. Da ist es schlauer, sich mittels wütenden „Tschiepen“ über zu wenig Aufmerksamkeit zu beschweren.


Bei Themen, die ich nur mit anderen zusammen angehen kann, ist es notwendig, dass ich einen Weg der Koordination finde. Dies kann eine Regierung, eine Teamleitung oder Einzelperson übernehmen. Aber es macht einen Unterschied, ob es sich um eine Koordination handelt oder ich alles abgebe und eine Führung einfordere, bei der mir alles vorgegeben wird, ich dabei zum erfüllenden Werkzeug werde, welches im Zweifelsfall die Mitarbeit verweigert. Ein großer Teil der Demonstranten auf unseren Straßen fordern nicht ernsthaft Freiheit und Demokratie. Ganz im Gegenteil! Sie fordern eine elterliche rettende Instanz. Ein verletztes Kind sucht Trost bei den Eltern, die entweder wieder alles heil machen oder wenigstens zuverlässig wissen, was zu tun ist. Man stelle sich Eltern vor, die mit den Schultern zucken und sagen: „Ich weiß jetzt auch nicht genau, ob Du davon stirbst oder nicht. Manche sagen, ein Verband könnte helfen, andere sagen, eine Tetanus Impfung ist hilfreich, geh mal auf Dein Zimmer, Mama und Papa reden heute Abend mal mit einer Homöopathin, einer Ärztin und einem Rohrleger darüber.“ Mit Freiheit oder gar Demokratie, hat dies wenig zu tun.

Oder was wäre mit einem Vater, der dem erlebnisorientierten 18 – jährigen Nachwuchs den Schlüssel eines Ferrari in die Hand drückt und dazu sagt: „Entspann Dich mal bei 250 km/h!“ Ich hörte auch noch nie von einem Unfallopfer, welches die Mutter verantwortlich machte, weil sie es unterließ anzurufen: „Junge, fahr vorsichtig!“ So wie es bei uns in der Realität läuft, würde die gute Frau vor dem Richter landen. „Sie haben fahrlässig ihr Kind nicht angerufen und vor den Alleebäumen gewarnt!“

Mama und Papa, vorhanden oder nicht, werden durch den Begriff „Staat“ ersetzt. Nur allzu häufig ist dieses imaginäre Elternpaar mit den bösen Stiefeltern aus einem Märchen gleichzusetzen. Es lebt nämlich ganz gut von der Unvernunft der Kinder. Verschuldung, hemmungsloser Konsum von lauter Sachen, das Beschreiten eines vorbestimmten Weges, das Funktionieren, im Zweifel die Aufgabe des eigenen Lebens für eher fragwürdige Dinge, wie Nation, Patriotismus, hinter denen sich handfeste finanzielle Interessen verbergen, sind Aspekte, bei denen wohl sorgende Eltern eher intervenieren sollten. Doch unmündige Kinder, die nie etwas anderes gelernt haben, sich nicht von den Eltern ablösten, haben keine Chance, sich anders zu entwickeln. Manche sehnen sich nach einem wohlmeinenden Elternpaar und wünschen sich mehr Einfluss herbei, andere wollen sich lieber der Kinder bedienen und anstelle des „Vater Staat“ treten.


Meiner Erfahrung nach funktionieren die vorteilhaften Eigenarten der Menschen am ehesten im Mikrokosmos und dabei im Besonderen, wenn es gemeinsame Ziele gibt und Bedrohungen bestehen. Jede Baustelle mit erfahrenen Arbeitern und Arbeiterinnen zeigt dies. Moderne Massengesellschaften, funktionieren eher nach dem Prinzip, dass der IQ des Einzelnen in der Masse sinkt, Verantwortung und damit auch die Freiheit abgegeben wird, sowie vom Individuum Ethik/Moral zur Gruppenangelegenheit gemacht wird. Ich denke, dagegen gäbe es Maßnahmen. Doch die Macht derjenigen, die ein Interesse daran haben, dass alles bleibt, wie es ist, ist übermächtig. Gebildet wird sie von den in Relation zur breiten Masse wenigen, die gelernt haben, sich zu emanzipieren, ein Dreck um die anderen scheren und wissen, alles für sich zu nutzen.

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