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Lesedauer 13 Minuten

Dem folgenden BLOG – Beitrag möchte ich voranstellen, dass er in einem persönlichen freiwilligen Lockdown entstanden ist und viel Aufgestautes enthält. Er ist deshalb lang und umfassend. Im Grunde genommen ist es mir ein Stück weit vollkommen egal, ob ihn jemand bis zum Ende liest. Im Zweifel betrachte ich ihn als ein Privatvergnügen. Dies nur als Warnung, bevor jemand liest.

Wie soll man die Ansammlung von Menschen nennen, die auf dem europäischen Kontinent, innerhalb dessen, was wir im Deutschen Grenzen, leben? Wohlstandsgesellschaft? Überflussgesellschaft? Industrialisierte Gesellschaft, Moderne Massengesellschaften? Vor gar nicht langer Zeit beherrschten diese Europäer 85 % der Erde. Sie behaupteten erkannt zu haben, was für die Menschheit gut ist. Wachstum, Fortschritt, Industrialisierung, technische Innovationen, sind heute noch Teil dieser Annahme. Hieraus leiteten sie die Legitimation ab, alles außerhalb Europas, auszubeuten, zu knechten, zu versklaven. Erst holzten sie in Europa die Wälder ab. Dann verfielen sie der Idee, dass Kohle aus der Erde viel besser sei und vor allem unbegrenzt vorhanden ist. Es folgte das Erdöl. Und für das, was man mit der hierdurch gewonnenen Energie herstellen konnte, benötigten sie Rohstoffe. Baumwolle, Kautschuk, Erze, und mit jeder neuen Erfindung wurde die Bedarfspalette erweitert. Geopfert wurden nahezu alle Völker außerhalb Europas, weil die nach damaliger Auffassung nicht in der Lage waren, die Ressourcen zu nutzen und damit die Menschheit nach vorn zu bringen. Parallel ist dies auch die Idee des Humanismus. Der Mensch, die nach alter religiöser Vorstellung Krönung der Schöpfung, im Zentrum aller Betrachtungen steht. Selbst in der Jetztzeit ist dies noch die Rechtfertigung für Massentierhaltung, Zerstörung gewachsener Landschaften, Eingriffe in Ökosysteme u.v.m.

Aus der Idee der alten Europäer resultieren Massengesellschaften, Metropolen, das weltweite Wirtschaftsgeschehen, die dahinter liegenden Denkmodelle, Kapitalismus, Liberalismus und auch der Kommunismus. Einzelne Individuen ließen sich lange Zeit schwer einschätzen, weil man sie in der Regel näher kennenlernen musste und auch dann konnte man sich nicht sicher sein. Ganz anders sieht es mit Menschenmassen aus. Wer die notwendigen Techniken, Werkzeuge, kennt, kann sie ziemlich zuverlässig steuern. Beibehalten wurde die Erzählung, dass es in der Natur des Menschen läge, immer nach weiter, höher, innovativer, zu streben und die oberste Maxime das Wachstum sei. Ist das tatsächlich der Fall? Schaue ich mir die Indigenen auf dem Südamerikanischen und Nordamerikanischen Kontinent, in Südostasien, Australien, Afrika an, komme ich zu einem anderen Ergebnis. Bevor die Europäer das Amazonas Gebiet eroberten, holzten die dort lebenden Menschen in 14.000 Jahren 1 % des Regenwalds ab. Mit dem europäischen Einfluss verschwanden in 100 Jahren über 20 %, und die Tendenz steigt. Bis Europäer in Indien oder Afrika auftauchten, gab es dort auch keine Probleme mit Überbevölkerung. Fortschritt ist in unserem Sprachgebrauch positiv belegt. Doch steckt in dem Wort nicht auch „fortschreitend“? Was ist mit fortschreitendem Zerfall, fortschreitender Selbstzerstörung, fortschreitenden Verlust der Identität als Bestandteil des planetaren Systems? Dann klingt Fortschritt nach Schritten in die falsche Richtung.

In der Erzählung wird behauptet, dass es den Menschen auf diesem Planeten besser geht, als je zuvor. Es müssen weniger Menschen hungern, eine große Anzahl könnten das Alter von 90 – 100 Jahre erreichen, während die Leute früher i.d.R. gerade mal 50 – 60 Jahre alt wurden, viele Regionen erleben lang andauernde Friedenszeiten, Technologien, die sich in atemberaubender Geschwindigkeit entwickeln, versprechen mutmaßliche Lösungen für bestehende Probleme und sollen das Leben einfacher machen. Doch während das Mitglied einer Massengesellschaft in vielen Bereichen ohne all die Dinge, von denen es nicht weiß, wie sie funktionieren, aufgebaut sind, wirken, hilflos wie ein Kleinkind ist, hat ein/e Indigener das Leben zu 100 % unter Kontrolle. Anders, der Mensch in einer Massengesellschaft, führt ein beinahe analoges Leben zu einer Ameise. Setze ich einen Menschen aus einer Massengesellschaft in Amazonien aus, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er nach spätestens 5 Tagen stirbt. Ihm fehlen die primitivsten Kenntnisse, die Menschen bereits vor 10.000 Jahren hatten. Jagen, Fallen stellen, Angeln, Kräuter -, Blätter -, Pilz – Kunde, Fehlanzeige. Feuer anzünden, Orientierung, Schutz suchen, selbst Werkzeuge bauen – nichts davon ist vorhanden. Ist dies Fortschritt oder mehr eine Retardierung? Wer würde überleben, wenn es zu einem Zerstörungsszenario käme? Die Antwort kann sich jeder alleine geben. Wobei ich vielen Berliner Obdachlosen echte Chancen einräume.

Menschen, die in psychologisch bedingte Schwierigkeiten geraten sind, haben die Möglichkeit einen Therapeuten aufzusuchen. Meistens kommt es dann zu einer Bestandsaufnahme und Analyse der Verhaltensmuster. Vieles entwickelt im Leben eine Eigendynamik und die Ergebnisse sind eher hinderlich, als förderlich. Leider gibt es für Gesellschaften keinen Therapeuten, der mit strukturierten Interviews nach und nach die eigene Erkenntnis fördert. Hier könnten Philosophen, Soziologen und kritische Intellektuelle einen wertvollen Beitrag leisten. Aber jene, die populär Gehör finden, betrachten die europäischen Gesellschaften aus der Sicht von Europäern und kommen meistens zu Ergebnissen, die wenig überraschen und vor allem gefällig sind, statt radikal infrage zu stellen.
Böswillig könnte man die aktuelle pandemische Lage beinahe als Geschenk betrachten. Die Dekadenz der Masse, mit den Auswüchsen der Spaßgesellschaft, die Konsumsucht, welche eine ihrer Spitzen im Weihnachtsgeschäft erreicht, die Verrohung im gegenseitigen Umgang miteinander, wird innerhalb der Pandemie mit aller Deutlichkeit gezeigt. Interessant ist auch, welchen Personen und mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Funktionen, teilweise Gehör geschenkt wird. Fußballer/innen, Stars und Sternchen, frustrierte mittelmäßige Akademiker/innen aus der dritten Reihe, Vertreter der populären Unterhaltungsindustrie, werden nicht nur gefragt, sondern allzu viele folgen lieber ihnen, als sie kompetenten Wissenschaftlern glauben. Dies ist durchaus nachvollziehbar ist, weil die zuerst Genannten selbstverständlich verteidigen, was sie ernährt, nämlich das Erzeugen von belangloser, trivialer Unterhaltung, die jedes Denken erstickt. Fußballvereine, längst weniger am Sport, sondern an Derivaten interessiert, bangen um ihre Einnahmen. Kaum jemand stellt die Frage, was es über die Gesellschaften aussagt, dass Fußball diese wirtschaftliche Bedeutung bekommen konnte, dies womöglich ein Krankheitssymptom ist. Für mich ist es eine Perversität, wenn ein junger Kerl um die 20 Jahre, mit einer artistischen Ballperformance ein Zigfaches von dem verdient, was ein gleichaltriger Beschäftigter in der Pflege oder medizinischen Versorgung bekommt. Meiner Ansicht nach, ist es einem jungen Sportler nicht vorzuwerfen, wenn er seine Meinung zum Thema Impfen sagt, verstörend finde ich, dass ihm vor laufender Kamera solche Fragen gestellt werden.

All diese Geschehnisse, Rituale, Annahmen, werden ohne sie zu hinterfragen als Selbstverständlichkeiten hingenommen. Sportler werden zu Vorbildern erklärt. Warum? Profifußballer opfern in jungen Jahren gegen Geld ihre Gesundheit. Viele sind ab Mitte 30 Sportinvaliden und müssen den Rest des Lebens Schmerzmittel schlucken. Was ist daran vorbildlich? Eine oft ausgesprochene Floskel beinhaltet, dass die Protagonisten stolz sind für ihr Land anzutreten und ihnen wird dies auch abgefordert. In mehrfacher Hinsicht ein alberner Akt. Was wäre, wenn ich einen Amateurboxer bei Olympischen Spielen fragen würde? Der kämpft für sich und nicht für Deutschland. Beim profitablen Fußball ist jede internationale Begegnung eine Messe, auf der Firmen ihre menschlichen Produkte zur Show stellen und sie im Anschluss auf einem Spielermarkt wie Vieh verkaufen. Es könnte einem egal sein, wenn nicht so viel hinten dran hinge. Nationalstolz, Patriotismus, Überlegenheit und Aufpolierung von Staaten, die von Autokraten gelenkt werden, denen nebst Unterstützern, alles an Menschenrechten vollkommen egal ist.

Ein anderes gängiges Ritual in den reichen Staaten ist das ständige Gerede über Verzicht. Ich kann nur auf Dinge oder Privilegien verzichten, für die ich einen berechtigten Anspruch anmelden kann. Es ist eine historische und gegenwärtige Tatsache, dass der europäische Wohlstand auf der illegitimen Ausbeutung ganzer Kontinente und der immer noch bestehenden Ungerechtigkeit basiert. Gleichwohl steht fest, dass die sich heute klar abzeichnenden Folgen in Gestalt von Zerstörung der Lebensgrundlagen, Klimawandel und Artensterben auf das Gebaren der Europäer innerhalb der letzten 200 Jahre kausal zurückführen lässt. Dabei geht es mir nicht um eine Selbstkasteiung, sondern nüchterne Feststellung eines Status quo. In vielerlei Hinsicht haben unsere Ahnen auf Kosten anderer eine rauschende Party gefeiert und via Tod die Zeche geprellt. Dies geschah im Großen und im kleineren nationalen Bereich. Ein erheblicher Teil reicher deutscher Familien verdanken ihren Aufstieg den Verbrechen ihrer Großväter. Dies entspricht der Situation eines Mafia Clans, der sein Geld in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit Verbrechen generierte und es durch geschickte Einflussnahme in die Legalität überführte. Allerdings funktionierte dies nicht nur in Deutschland. Man kann sich darüber trefflich streiten, wie man Firmen bewertet, die ihren Aufstieg dem Ersten und Zweiten Weltkrieg verdanken oder wie die Zusammenarbeit mit kriminellen Organisationen in den USA zu sehen ist. Im Großen würde kaum ein Konzern, Erdölgigant oder Minengesellschaft ohne die Kolonialisation existieren. Wo soll da an irgendeiner Stelle ein legitimer Anspruch entstanden sein? Ich kann innerhalb des Wohlstands leben, stillschweigend ausnutzen und den Kopf herunternehmen, aber mit Sicherheit nicht von Verzicht sprechen, wenn ich Einbußen hinnehmen muss.

Einerseits ist es in diesem Zusammenhang nachvollziehbar, dass ärmere Staaten, zu großen Teilen die Opfer der Geschichte, Ansprüche bezüglich einer industriellen und Wohlstandsentwicklung anmelden, andererseits ist es in diversen Bereichen die Forderung, sich nun auch mal völlig daneben benehmen zu dürfen. Wie auch immer, wo stehen die relevanten Staaten?


Immer wieder gern wird von Demokratien gesprochen. Angeführt werden gewählte Regierungen, die Existenz einer verlässlichen Gesetzgebung, die Willkür untersagt und Eingriffe in die Belange des Bürgers nur auf Basis eines verfassungsgemäßen Gesetzes zulassen. Vertreter, des spätestens seit den 50ern existierenden Geschäftsmodells der sogenannten „Politischen Berater“, welche mit den Methoden der Werbung und Konsumsteuerung, Wahlkämpfe, die öffentliche Meinung zu Gesetzgebungsverfahren, maßgeblich beeinflussen, sprechen längst von kontrollierten Demokratien. Wie auch die zurückliegende Bundestagswahl zeigte, dürfen sich Parteien innerhalb eines akzeptierten Spektrum bewegen. Wird beispielsweise eine NATO – Ausstieg gefordert, bricht die mediale Hölle aus. Dabei stellt sich die Frage, wie die NATO in einer sich abzeichnenden Weltlage, in der hauptsächlich China, USA, Indien und Russland einen Ressourcenkampf eröffnen, in Bezug auf Europa zu sehen ist. Mir kommt das vor, wie wenn ich als kleiner Junge in einer Hochhaussiedlung überlege, welcher Gang ich mich anschließe. Zumindest könnte man mal darüber nachdenken, stattdessen eine eigene aufzumachen. Nicht anders sieht es aus, wenn eine Partei von den Spekulanten und Profiteuren die Rückgabe des Tafelsilbers einfordert. Wenn der Boden, das Wasser und zum Atmen geeignete Luft, also das absolut existenzielle allen Lebens, zum käuflichen oder verkäuflichen Gut wird, ist höchste Alarmstufe angesagt. Welche konkreten Auswirkungen dies hat, kann man u.a.in Südafrika, wo Schwarze heute immer noch nicht gleichberechtigt Grund erwerben können oder in Brasilien, bei der Landnahme auf Kosten des Regenwalds, sehen.

In unserer Welt macht Geld den Unterschied und bestimmt den Wert einer Stimme. Auch hier hat die Pandemie den Charakter eines Scheinwerfers, der die dunklen Ecken ausleuchtet. Die, mit wenig, verlieren, die bereits viel haben, bekommen noch mehr. Als Privatpatient hatte ich schneller einen Impftermin, als mir hätte vorstellen können. Wer in der Krise schwer erkrankt, bekommt ein Problem, es sei denn, man kann sich eine Privatklinik leisten. Minder Bemittelte zwängen sich im ICE auf den billigen Plätzen, wer es sich leisten kann, genießt den Abstand in der I. Klasse. Ich durfte erleben, wie ein Schaffner sich strikt weigerte, bei einem aufgrund von Unregelmäßigkeiten völlig überfüllten Zug, die völlig verwaiste I. Klasse freizugeben. In Deutschland finden wohlgenährte Privilegierte, dem anfassbaren Leben entfremdete, wohlstandsdegenerierte Esoteriker und Salon – Linke mit akademischem Abschluss, im unfreiwilligen Einklang mit Menschen, die sich einer widerstandsfähigen Rasse angehörig fühlen, die bizarrsten Gründe für eine Impf – und Maskenverweigerung. Während dessen in den armen Ländern um Hilfe geschrien wird. Dazu gesellen sich Politiker, deren Horizont an den Grenzen von Bundesländern enden, als ob Viren neuerdings an Grenzen VISA – Anträge stellen. Wobei vermutlich weniger der geistige Horizont schuld ist, sondern das Portemonnaie und die Abzahlraten drücken. Wer bei uns etwas erreichen will, benötigt Mitstreiter, die bereit sind in eine Kasse einzuzahlen, um den passenden Lobby – Vertreter in die Spur zu bringen. Beispiele für den entscheidenden Faktor Geld gibt es noch und nöcher.

Mit alledem könnte man leben und sich arrangieren, wenn noch ein letzter Funken Hoffnung auf Änderung bestände. Mir persönlich ist er abhandengekommen. Letztens sah ich eine Dokumentation zum Thema Cumex, Panama Paper und weiteren einschlägigen Prozessen. Dort wurde einer der Drahtzieher interviewt. Der man sagte, dass man ihn nicht verantwortlich machen könne. Wenn jemand ein Schild mit der Aufschrift Selbstbedienung aufstellt, dürfe er sich nicht wundern, wenn es jemand tut. Verantwortlich seien die Regierungen, welche die Schilder aufstellen. Er wurde auch gefragt, ob ihm bewusst gewesen sei, dass er Millionen Steuerzahler um ihr Geld gebracht habe. Es war ihm bewusst, aber gleichzeitig egal, weil es nicht verboten war. So und ähnlich läuft es überall. Himmel, Hölle, Wiedergeburt, Auslöschung oder Verdammnis ewig als Geist herumzuirren, zieht nicht mehr. Heutzutage machen moderne Menschen aus „zivilisierten“ Ländern exakt, was sie können und zugelassen wird bzw. in einem Gesetz steht, welches auch tatsächlich mittels Strafe durchgesetzt wird. Ihnen gegenüber gestellt sind die Angehörigen indigener Völker, die sich als ein Teil des Ganzen verstehen und deshalb ihre Handlungen auf den Erhalt ausrichten. Vielleicht sind sie unerwartet die Zukunft der Menschen, nachdem sich die anderen erfolgreich ausgelöscht haben.

Überall auf der Welt gibt es kleinere Gruppen, engagierte Menschen mit Ideen und Projekten, Leute, die sich zusammenschließen. Landwirte, Farmer, Ökoaktivisten, indigene Protestierer, investigative Journalisten, den Rest vom Schützenfest der Anarchisten, aber was bringt es effektiv unterhalb des Strichs? Auch hier bemächtigt mich eine Assoziation. Es ist ganz toll, wenn Regierungen als Alibi Schutzgebiete einrichten. Ökologisch besteht allerdings das Problem, dass es keine Art weiter bringt, wenn die zum Überleben notwendige benachbarte Population entweder überhaupt nicht existiert oder viel zu weit entfernt ist. Den Hambacher Forst als Symbol zu schützen ist nett, aber ökologisch betrachtet vergebene Liebesmüh. Das Todesurteil für die Region wurde Jahrzehnte zuvor ausgesprochen.

Im eigenen Land erleben wir eine neue Tendenz. Meiner Auffassung nach befinden wir und andere sich in der Situation des Handelns. Die Zeiten der Sicherheit sind vorbei. Ich persönlich bin dem Schicksal dankbar, eine andere Zeit erlebt zu haben. Es war quasi ein Intermezzo. Es gibt kaum einen Platz, wo sich nicht abzeichnet, dass unvermeidbare Konfrontationen bevorstehen. Der Ausgang ist äußerst ungewiss. In meinem eigenen Land Deutschland hat sich eine Trennung vollzogen. Eine intellektuelle, teilweise auch pseudo – intellektuelle Gruppe, hat sich von der Allgemeinheit vollständig getrennt. Ich führe dies u.a. auf die Digitalisierung und die Sozialen Medien zurück. Dies ist zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt geschehen. Gerade aktuell, wäre die Gesellschaft auf Vordenker angewiesen, die in der Lage sind, sich mit der breiten Masse sprachlich, rhetorisch, schlüssig, auseinanderzusetzen. Tatsächlich ist es nahezu ausschließlich den Konservativen, also den Bewahrern des sich desaströs entwickelnden Prozesses, gelungen, einen Nachwuchs aufzustellen, der sich mit dem breiten Spektrum der Gesellschaft auseinandersetzen kann. Ein wenig liegt dies in der Natur der Sache. Die progressiven Ausrichtungen haben sich in Laborgespräche verzettelt, und hierbei den Bodenkontakt verloren. Selbst populistisch aktive Philosophen, wie zum Beispiel Precht, bewegen sich meinem Empfinden nach, in Sphären, mit denen kein Durchschnittsbürger etwas anfangen kann.
Hingegen hat das Bestehende, längst die Bedrohungen erkannt und schließt die Verteidigungslinien. Ob sich nun einige über Woke, Diskriminierung, Emotionen, Anti – Rassismus, weiße alte Männer oder ein Polizei – bzw. Sicherheitsbehördenproblem austauschen, oder der berühmte Sack Reis im fernen China umfällt, ist egal.

Die Sicherheitsbehörden in Deutschland sind bezüglich einer Abwehr von Veränderungen gut aufgestellt. Allgemein gibt es einen Rückhalt beim vermehrten Einsatz der technischen Überwachung. Selbst die GRÜNEN und Teile der LINKEN sind in die Falle „Terrorismus“ getappt. Kameras und dazu gehörende Forschungsprojekte bezüglich künstlicher Intelligenz, Gesichtserkennung, scannen von Kennzeichen und Vernetzung sind abgeschlossen und Einsatzbereit. Hinzu kommen zuverlässige Ortungstechniken, verbesserte Audio – Überwachung, Drohnen, sowie Ausforschungen der digitalen Aktivitäten einer Person. Im Fortschritt begriffen ist auch das Outsourcing an private Firmen. Ein paar kleinere religiös motivierte Anschläge reichten völlig aus, um Prozesse in Bewegung zu setzen, die feuchte Träume eines jeden Überwachungsspezialisten übertrafen. „Was kann die Kamera sonst noch so?“ – „Viel mehr, die Technik ist bereits vorinstalliert, aber NOCH dürfen wir nicht nutzen.“

Diese alte Rhetorik der Sicherheitsbehörden: Wir hier und die da draußen verfestigt sich immer mehr. Im Selbstverständnis befinden sie sich im Lager der „Normalen“ und sehen als Gegenüber die „Durchgeknallten“. Inwieweit dies seine Berechtigung hat, lasse ich offen. Fakt ist, dass ich im Sicherheitsbereich mal begann, als Spezialeinheiten der Polizei noch halbwegs normal aussahen und nicht wie eine Gruppe der KSK. Die Richtung ist klar: Man bereitet sich zu Recht oder Unrecht auf eskalierende RIOTS und größere Anschläge vor. Dies hat aber auch zur Folge, dass heute Leute mit Maßnahmen belegt werden, die noch vor 20 Jahren ernstzunehmenden Terroristen/innen oder Schwerkriminellen vorbehalten waren. All dies passiert in einer Zeit, in der die Frustration einiger stetig anwächst. Dabei ist es vollkommen irrelevant wo die stehen. Was sie alle eint, ist die Ohnmacht, die sich abzeichnenden Prozesse, in irgendeiner Form zu beeinflussen.
Seien es nun frustrierte Islamisten, die keinen Blumentopf gewinnen können, der Auswuchs der Wohlstandsgesellschaft mit der Eigenbezeichnung Querdenker, die Neuen Rechten, welche sich in eine Erzählung der Zeit vor ’33 zurücksehnen, die es so nie gegeben hat oder ökologische Aktivisten, die erkannt haben, wo die Reise hingeht. Zwischen allen stehen diejenigen, welche das System aufrechterhalten wollen, welches das ganze Chaos produziert hat. Diese neoliberalen Jünger der Religion des Geldes haben alle Machtmittel in der Hand und genau dies wird den Ausschlag geben.


Ich will abschließen mit einer bitteren Versöhnlichkeit. Vor nunmehr zwei Jahren suchte ich in Ulan Bator einen Geldautomaten. Beim ersten bekam ich aufgrund der dort herrschenden Inflation (in einem der an Rohstoffen reichsten Länder, ähnlich wie Venezuela) nur einen geringen Betrag. Deshalb versuchte ich es nochmals inmitten der glänzenden Hochhäuser an einem weiteren. Dort saß ein verwitterter Nomade auf einem Barhocker. Sein Job bestand darin, die Abheber größerer Geldsummen, also mich, vor Räubern zu schützen. Ich denke nicht, dass er dies wirklich getan hätte. Ich muss noch etwas anführen. In meiner Generation waren die Bücher von Karl May noch recht populär. Es gibt da eine Textstelle, in der sich Karl May, der selbst nie da war, einen Steppenbewohner vorstellt. Er beschreibt dort einen Blick, der es gewohnt ist, in die Ferne zu schauen. An diese Stelle musste ich beim Anblick des Nomaden denken. Der hatte sein Leben lang in die Ferne geschaut. Jetzt blickte er, wie ich früher im Dienst, stundenlang auf ein Objekt, besser auf die Hauswand eines Hochhauses, welches zu einer kanadischen Minengesellschaft gehörte, die den Boden ausbeutet, auf dem er früher lebte. Wie gesagt, ich kenn das, wenn man stundenlang unentwegt auf etwas starrt und darauf wartet, dass etwas passiert. Da geht einem viel durch den Kopf. Als ich dies tat, war ich einer der Normalen, die die Errungenschaften gegen die Spinner verteidigen. Notfalls auch unter Einsatz des eigenen Lebens. Aber in diesem Augenblick in Ulan Bator dachte ich: „Scheiße, Alter! Die haben uns verarscht. Deine Welt, Steppe, Jurte, Pferde, die Weite, existiert für Dich nicht mehr. Du bewachst jetzt hier einen verdammten Geldautomaten und passt auf, dass das Ding nicht aus Versehen, wegrennt. Bei mir sieht es ähnlich aus. Wo ich als Kind gebadet habe, schwimmen jetzt Schwerölflecken, wo ich in der Jugend Ski gefahren bin, ist der Gletscher weg.“
Nach dieser Begebenheit zog ich weiter und landete in Laos. Ich sah all die Staudämme, die nicht enden wollenden Holztransporte der Chinesen. Auf einem Camping – Platz, eine in Laos eher ungewöhnliche Location, traf ich auf einen Vietnam Veteran, der damals als Hmong, einem indigenen südostasiatischen Volk, der US – Soldaten den Arsch rettete. Ihm erging es, wie es heute den Hilfskräften der Bundeswehr in Afghanistan ergeht: „Tschüss, wir sind dann mal weg!“ Und weil ich den Hals nicht voll bekam, traf ich in Malaysia auf einen ehemaligen Sniper, der in Mogadischu mit seiner Blauhelm – Einheit, die abgestürzten Amis herausholte. Ein zahnloser Typ, obdachlos, Gelegenheitsarbeiter. Jetzt stehe ich hier an meinem Laptop und mache mir so meine Gedanken.

Gedanken über was werden kann und warum dies so ist. Über seltsame Wohlstands – Neurotiker, die wegen einem Segen des medizinischen Fortschritts auf die Barrikaden gehen, während andere, Männer, Frauen, Kinder, bei Temperaturen um die Null – Grad im Wald ausharren. Ich kenne das. Aber ich habe es aus einer Wohlstandflucht heraus getan und konnte jederzeit eine Kreditkarte aus der Tasche zaubern. Die Option haben sie nicht. Sie sterben im Zweifelsfall, weil sie gern die Option hätten. Ich habe Leute beherbergt, die mir ihre Schusswunden zeigten oder wo sie aufgeschlitzt wurden. Ich sehe im Fernsehen Männer, deren Rolle ich mal spielte. Rahmengenähte Schuhe, Anzug, eloquentes Auftreten an der Hotelbar, teure Uhr, S-Klasse vor der Tür. Sie wollen mir erzählen, dass sie engagiert alles für das Volk geben und ich sehe sie im geistigen Angesicht mit Koks – Brocken an der Nase im Pool mit osteuropäischen Prostituierten schwimmen. Andererseits sehe ich junge Wohlstandskinder, die es sich antun, bei bitterer Kälte an Schienen auszuharren, sich mit Superkleber auf der Straße festkleben, in Bäumen ausharren und Bammel vor dem SEK – Freak haben, der auf den Baum geklettert kommt. Auf wessen Seite schlage ich mich oder ziehe ich mich einfach auf die Alter – Nummer zurück und warte auf die rumänische Pflegekraft? Bin ich dem gegenüber verpflichtet, wo ich mal war?

Wie war das doch nochmal? „Trölle, Du gehst in den Laden und nach einer halben Stunde kannst Du mit allen reden. Ich gehe rein und es gibt nach fünf Minuten Stress.“ Ja, vielleicht ist dies die Versöhnung. Bisweilen sehe ich mich dem Vorwurf, ich vermute völlig zu Recht, der Arroganz ausgesetzt. Aber ich will anmerken, dass ich es mir nicht ausgesucht habe. Oft bin ich in Dinge hineingeraten, wo ich niemals hin wollte. Nach allem, was ich in meinem bisherigen Leben erfuhr, ist es keine gute Idee, denen freien Lauf zu lassen, die am Geld hängen oder zu sehr an den gängigen Erzählungen, ohne Reflexion, folgen. Als jemand, der in sehr unterschiedlichen Milieus verkehrte, bin ich ziemlich verunsichert, was die Richtigkeit betrifft. Am wohlsten fühle ich mich, wenn es nach altem Öl und Schrauben riecht.

Meine Einheit verabschiedete mich nach 24 Jahren mit der Rede einer meiner schärfsten Gegner. Einem Typen, der zeitlebens auf Militarismus und Hierarchien stand und steht. Nach meinem Ausscheiden hat er Karriere gemacht. Genau genommen hat jeder mit dieser Ausrichtung seinen Weg gemacht. Dies sollte einigen Leuten Kopfzerbrechen, vor allem im Hinblick auf die Dinge, welche ich zuvor thematisierte, machen. Was die Indianer denken, ist unwichtig, entscheidend, auf alle betrachtet, ist, wer nach oben durchkommt. Puh, ach ja, die Sache mit der Versöhnung. Im Radio läuft gerade das Lied, was Mick Jagger, als das einzige politische Lied der Stones bezeichnete. „My sweet Neo Con“. Ich schließe vielleicht mit Sarah Lesch:

Und jetzt wartet nicht auf ein versöhnliches Ende
Den Gefallen tu ich euch nicht
Kein Augenzwinkern, keine milde Pointe
Die das Unwohlsein wieder bricht
Irgendwann werden die Götter nicht mehr lachen
Und falls es mich dann nicht mehr gibt
Hinterlass ich ein Kind, das sich selbst gehört
Und dies unhandliche Lied

Sarah Lesch , das Testament

Sorry, ich bleibe dabei, Respekt denen, die in Bäumen ausharren, um gegen diesen Irrsinn zu kämpfen. Und an die, welche sie da herunterholen, es ging und geht in erster Linie um die, welche nach dem Auframmen der Tür, sofort das Feuer eröffnen. Jedenfalls seh ich das so. OK, Schanze, erlebnisorientierte Deppen, inklusive. Aber auch die sind keine ernstzunehmenden Gegner, sondern mehr Ergebnis einer Fehlentscheidung des Einsatzleiters.

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